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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später - Kapitel 6 - Abschiede

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Catherine Chandler Jamie Joe Maxwell Mouse OC (Own Character) Vincent
22.08.2020
22.08.2020
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Abschiede



Der HERR hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
(Psalm 91,11-12)


New York; irgendwo in der näheren Umgebung der Stadt; Joe Maxwell, ein Großaufgebot von Polizei

Sie schlugen im Schutz der Dunkelheit zu. Es war noch früh am Morgen und niemand würde mit ihrem Erscheinen rechnen.
Nervös stand Joe Maxwell, der New Yorker Staatsanwalt, hinter den Reihen von Einsatzwagen der Polizei und des Sondereinsatzkommandos. Obwohl er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, verspürte er keine Müdigkeit. Ganz im Gegenteil. Aufgeputscht und voller Adrenalin konnte er sich nicht erinnern, jemals einen Einsatz dieser Größenordnung zu verantworten gehabt zu haben. Alles hatte sehr schnell gehen müssen. Nachdem der Bürgermeister sein Einverständnis für die Aktion gegeben hatte, wollte Joe nicht riskieren, dass die Verbrechersyndikate durch irgendwelche undichten Stellen Wind davon bekamen und gewarnt wurden. Also ließ er alles an Polizei und Spezialkräften zusammen trommeln, was möglich war. Die Nacht war ausgefüllt gewesen mit Lagebesprechungen und dem Abstimmen der Einsätze, sowohl zeitlich wie auch personell. An acht verschiedenen Orten würden sie zuschlagen und der organisierten Kriminalität einen Schlag versetzen, von dem sie sich auf Jahre hin nicht wieder erholen würden. So hoffte es Joe Maxwell. Er wollte New York von diesen Gangstern befreien, soweit dies irgendwie möglich war. Er selbst hatte sich den Einsatzkräften angeschlossen, die das Anwesen von Cedric Hanlon stürmen sollten. Gut gesichert lag es vor ihnen. Im hinteren Bereich wurde eine Drogenküche vermutet, das wusste Joe. Nichts deutete darauf hin, dass die Bewohner Bescheid wussten. Sie wussten nicht, dass ihr Boss, Cedric Hanlon, bereits tot war. Joe hatte nichts davon nach außen dringen lassen. Trotzdem musste irgendjemandem seine Abwesenheit seit gestern aufgefallen sein. Doch so weit dachte der Staatsanwalt nicht. Er war aus einem anderen Grund hierhergekommen. Cedric Hanlon hatte mit der Entführung von Catherine Chandler zu tun und war dabei durch noch nicht geklärte Umstände ums Leben gekommen. Catherine war seitdem verschwunden und Joe hoffte, auf dem Anwesen oder durch das Befragen von Hanlons Angestellten, Hinweise auf ihren Verbleib zu erhalten.
 „Es geht los!“ rief ihm jemand zu.
Angespannt sah Joe aus einiger Entfernung, wie zwei Polizisten am Tor des Anwesens klingelten, um sich mit einem Durchsuchungsbefehl auszuweisen und Zutritt zu erhalten. Sie probierten es mehrere Male, doch an dem Tor tat sich nichts. Das Anwesen war umstellt. Niemand konnte durch die Hintertür entkommen. Die Polizisten traten von dem Tor zurück und an ihre Stelle kamen die Spezialisten vom Sondereinsatzkommando.
Joe Maxwell verharrte am Einsatzfahrzeug und beobachtete, wie die Leute der Spezialeinheit sich Zutritt verschafften. Einer nach dem anderen verschwand in das Innere des Gebäudes. Dann war lange Zeit nichts zu sehen und zu hören. Angespannt stand Joe zusammen mit den verbliebenen Polizisten und wartete. Die Minuten zogen sich endlos dahin. Dann erklangen Schüsse und Rufe und danach wieder Schüsse. Man konnte förmlich sehen, wie sich alle ringsherum aufrichteten und bereit waren loszustürmen, falls es nötig sein sollte. Joe lehnte sich in das Einsatzfahrzeug hinein zu dem Mann an der Funkanlage und dem Bildschirm, auf dem die Bilder liefen, die von einer mobilen Kamera übertragen wurden, die einer der Leute vom Sondereinsatzkommando an seiner Kleidung befestigt hatte.
Die Kamera erfasste mehrere Männer, die leblos am Boden lagen, dahinter schemenhaft die Einrichtung eines Labors, vermutlich die Drogenküche.
 „Haben die Männer irgendetwas gefunden?“ fragte Joe.
Der Mann vor dem Bildschirm schüttelte den Kopf. „Als sie in den hinteren Bereich kamen, wurde auf sie das Feuer eröffnet, aber unseren Leuten ist nichts passiert.“ Er wurde unterbrochen von Stimmen, die er über Kopfhörer hörte. Er horchte, während Joe Maxwell gespannt wartete.
 „Und?“ fragte er, als der Polizist sich wieder zu ihm wandte.
 „Nichts. Außer den Typen, die geschossen haben und ein paar Hausangestellten.“
Resigniert wandte Joe sich ab. Er musste wissen, wie es bei den anderen Einsatzorten gelaufen war, befürchtete aber, dass es auch dort keine Spur von Catherine gab.


New York; in den Tunneln, Jacob Chandler, Victoria Thompson, Catherine

Jacob Chandler hatte nur wenig geschlafen. Die Ereignisse des vergangenen Tages hatten ihn bis in seine Träume verfolgt. Er lag in einem der Gästebetten in einer Kammer in den Tunneln, doch er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Kleidung abzulegen. Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum und ließen sich nicht abstellen. Die Angst um seine Mutter und dann… Er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Er verbot es sich. Und doch hob er unwillkürlich seine Hände und betrachtete sie. Wie normal sie jetzt wieder aussahen. Nichts war zu erkennen von… Schnell wischte er den Gedanken zur Seite. Es musste noch früh sein. Jake setzte sich auf und schaute auf seine Uhr. Seine Kleidung sah ziemlich ramponiert aus von dem Kampf, und sie war blutbefleckt. Den Streifschuss an seinem Arm hatte Alexander versorgt. Es tat kaum weh. Er musste sich dringend umziehen, aber dazu musste er nach oben. Er sah die Schüssel mit Wasser auf einem kleinen Tisch neben dem Bett. Das kalte Wasser erfrischte ihn und ließ seinen Verstand wieder arbeiten. Er musste nach oben, sich umziehen und Joe Maxwell, den New Yorker Staatsanwalt, informieren, dass seine Mutter in Sicherheit war. Jake konnte sich bildlich vorstellen, dass Maxwell alle zur Verfügung stehenden Einsatzkräfte darauf angesetzt hatte, Catherine Chandler zu finden.

Durch den schwach beleuchteten Tunnel ging Jacob langsam zu der nächsten Kammer und schaute vorsichtig hinein. Vicky lag auf dem breiten Bett. Sie hatte immerhin ihre Schuhe, Blazer und Pistolenhalfter abgelegt. Ansonsten lag sie angezogen auf dem Bett und schlief. Ihr Pferdeschwanz, den sie sonst immer trug, war gelöst, und ihr langes Haar breitete sich offen auf dem Kissen aus. Jake fühlte eine ungewohnte Rührung in sich aufsteigen, angesichts seiner schlafenden Partnerin vom FBI, die sich anscheinend hier sicher fühlte. Er zögerte, das friedliche Bild zu stören, doch sie mussten los. Langsam trat er zu ihr und beugte sich zu ihr hinab.
 
„Vicky“, flüsterte er leise in der Hoffnung, sie könne ihn hören. „Vicky.“ Nachdringlicher.

Sie murmelte etwas Unverständliches im Schlaf und Jake musste unwillkürlich lächeln. Er setzte sich auf die Bettkante und berührte leicht ihren Arm. „Vicky.“

Endlich schlug sie die Augen auf. Braune Augen stellte Jake fest und wunderte sich, dass ihm das bislang noch nicht aufgefallen war. Es dauerte einen Moment, bis sie ihn wahrnahm.

 „Wir sollten nach oben“, sagte er leise.

Sie blickte sich kurz orientierungslos um, dann setzte sie sich auf. Jake rückte ein Stück zur Seite.

 „Wie spät ist es?“ fragte sie leise. Ihre Stimme war noch heiser vom Schlaf.

 „Halb fünf“, antwortete Jake.

 „Oh“, murmelte Vicky. „So lange wollte ich gar nicht schlafen. Merkwürdig.“ Sie blickte sich irritiert in der Kammer um mit dem Gästebett, auf dem sie und Jake nun nebeneinander saßen.

 „Was ist denn merkwürdig?“ fragte Jake.

 „Wie friedlich es hier unten ist.“ Sie schüttelte leicht den Kopf, als könne sie noch immer nicht glauben, was sie sah. Ihre langen Haare streiften Jakes Schulter. „Ich habe tief und fest geschlafen. Es ist wie…“

 „…wie in einer anderen Welt“, vollendete Jake den Satz. „So geht es mir auch immer, wenn ich hier übernachte.“

 „Aber du bist hier aufgewachsen, du bist hier zu Hause“, stellte Vicky fest.

Jake lächelte leicht. „Ja, das bin ich.“ Er wurde wieder ernst. „Vicky, diese Welt hier unten ist ein Geheimnis. Es gibt ein paar Menschen oben, Helfer, die Bescheid wissen, aber sonst…“

 „Ich verstehe“, wandte Vicky ein. „Von mir wird niemand etwas erfahren. Du kannst dich auf mich verlassen.“

Jake nickte. Das wusste er. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er ihr vertrauen konnte.

 „Komm“, meinte er und zog sie hoch. „Du kannst dich frisch machen, während ich draußen warte.“ Er deutete auf die Waschschüssel auf dem Nachtschrank und verließ die Kammer.

Er musste nicht lange warten. Vicky trug wieder ihren Pferdeschwanz und den Blazer und sah wie die FBI-Agentin aus, die er kannte.

 „Und was jetzt?“ fragte sie.

 „Komm mit. Wir müssen nach oben und mit dem Staatsanwalt sprechen. Ich will nur kurz nach meinen Eltern sehen“, erklärte Jake.

Sie nickte und folgte ihm durch die Tunnel.

Catherine hatte nicht geschlafen. Sie saß in Vincents Kammer und wachte über seinen Schlaf. Er schlief unruhig, was nicht verwunderlich war, musste er doch große Schmerzen haben, die sein gebrochenes Bein verursachte. Zärtlich strich sie über seinen Arm.

 „Mom.“ Der Ruf war so leise, dass sie ihn fast nicht gehört hätte. Sie wandte sich um. Am Eingang stand Jacob und hinter ihm Victoria.

Catherine stand auf und ging zu den beiden hinüber. Sie schaute ihrem Sohn ernst ins Gesicht, und er wusste, was sie dachte. Noch jemand, um den sie sich Sorgen machte. Es fiel Jake schwer, dem eindringlichen Blick seiner Mutter standzuhalten. Sie wusste nun Bescheid um ihn. Sie kannte sein Geheimnis. Er senkte den Blick.

 „Vicky und ich gehen nach oben. Wir müssen uns umziehen und…“

 „Ja?“ fragte sie in seinen Satz hinein.

 „Ich werde Joe Maxwell sagen, dass es dir gut geht“, meinte Jacob.

Catherine runzelte die Stirn. „Das wird nicht reichen.“ Ratlos blickte sie über ihre Schulter zurück auf den schlafenden Vincent, dann sah sie an sich hinunter. Sie trug noch immer die schwarze Kleidung, die sie zur Beerdigung von Jennys Mann getragen hatte. Ihr Handgelenk war bandagiert worden. Alexander hatte gemeint, dass es nur verstaucht wäre. Trotzdem konnte sie es kaum bewegen.

 „Ich sollte mit euch kommen, um die ganzen Geschehnisse zu erklären“, meinte sie dann zu ihrem Sohn und sah ihn mit einem eindeutigen zweideutigen Blick an.

Er verstand. Natürlich war sein Geheimnis bei ihr sicher, so wie das Geheimnis um seinen Vater all die Jahre sicher bei ihr gewesen war.

Doch er schüttelte den Kopf. „Nein Mom. Pa braucht dich, und du solltest dich ausruhen.“

 „Ich kann euch das alles nicht allein ausbaden lassen. Ich muss nach oben und die Ereignisse richtig stellen“, meinte Catherine.

Jetzt mischte sich Vicky ein. „Jake hat Recht, Cathy. Das muss nicht jetzt sein. Lass uns nach oben gehen und Bescheid geben, dass du in Sicherheit bist. Dann können wir uns hinterher einen Plan überlegen, wie es weitergehen soll.“

Das genügte. Catherine nickte den beiden langsam zu. Jetzt erst fühlte sie eine bleierne Müdigkeit, die sich auf sie nieder senkte. „Vielleicht habt ihr Recht.“

 „Du solltest wirklich etwas schlafen“, meinte Vicky nachdrücklich.

 „Vicky hat Recht“, sagte Jacob und hoffte, seine Mutter überzeugt zu haben.

Nachdenklich sah Catherine ihren Sohn aus müden Augen an. Sie hob die unverletzte Hand und strich ihm sanft über die Wange. „Du hast mir das Leben gerettet gestern.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz auf die Wange.

Jake verharrte regungslos angesichts der zärtlichen Geste und wusste keine Erwiderung.

 „Ihr habt mich beide gerettet“, wandte sich Catherine nun an Vicky, „und Vincent. Ich danke euch.“

Vicky lächelte die ältere Frau aufmunternd an. „Du musst mir nicht danken. Es…, es war mir eine Ehre, helfen zu können.“

Spontan umarmten sich die beiden Frauen.

 „Leg dich hin, Mom“, mahnte Jacob noch einmal.

Dann verschwanden Vicky und er und ließen eine dankbare, aber auch sorgenvolle Catherine zurück. Vieles war noch nicht geklärt.


New York; ein Haus; Mona Thompson, Victoria Thompson, Jacob Chandler

Mona Thompson schlief nicht. Nur aus Gewohnheit hatte sie sich ins Bett gelegt. Vicky war nicht nach Hause gekommen. Sie hatte sich auch nicht gemeldet. Unruhig drehte sich Mona Thompson auf die andere Seite. Sie wusste nicht, wie spät es war, vermutete aber, dass es bereits in den frühen Morgenstunden war. Eigentlich sollte sie sich daran gewöhnt haben. Sie hatte schon mal wochenlang nichts von ihrer Tochter gehört. Seitdem Vicky beim FBI arbeitete, reihten sich die Zeiten ihrer Abwesenheit aneinander wie unterschiedlich große Perlen auf einer Schnur. Mona konnte nur hoffen, dass auch diesmal alles gut ging. Doch es musste etwas passiert sein. Sonst hätte sie etwas von ihrer Tochter gehört. Sie wälzte sich erneut herum, als sie unten die Tür hörte.

Abrupt richtete sie sich auf und lauschte in die Dunkelheit. Kurz darauf vernahm sie Schritte auf der Treppe. Schon schwang sie ihre Füße aus dem Bett und setzte sich auf. Mona Thompson knipste die Nachttischlampe an und stand auf. Schnell warf sie sich noch einen Morgenmantel über, dann trat sie aus dem Schlafzimmer hinaus in den Flur. Sie sah niemanden, doch aus dem offenen Spalt von Vickys Zimmertür drang Licht hervor und sie hörte Stimmen.

Energisch ging Mona Thompson auf das Zimmer ihrer Tochter zu und schob die Tür auf. „Vicky?“ fragte sie erstaunt.

Ihre Tochter stand nur mit Jeans und BH bekleidet vor ihrem Kleiderschrank und wollte sich gerade ein frisches T-Shirt herausnehmen. Das war an sich nichts Überraschendes für Mona Thompson. Doch neben Vicky stand ein Mann, der sich nicht daran zu stören schien, dass ihre Tochter sich gerade umzog.

 „Mom!“ rief Vicky überrascht. „Es tut mir leid, wenn wir dich geweckt haben. Ich wollte mir nur gerade etwas anderes anziehen.“ Sie zog sich das T-Shirt über den Kopf.

 „Mrs. Thompson“, begrüßte der Mann sie.

Bei näherem Hinsehen erkannte Mona Vickys Partner vom FBI, der Sohn von Catherine Chandler. Er sah reichlich ramponiert aus, als wäre er in einen Kampf verwickelt gewesen. Jetzt sah Mona Thompson zurück zu ihrer Tochter und auf die Hose und den Blazer, die sie normalerweise als FBI-Agentin trug und die nun in einem unordentlichen Haufen auf dem Bett lagen.

 „Mr. Chandler“, begrüßte Mona den Mann mit matter Stimme. Sie sah das Blut auf Vickys abgelegter Kleidung. „Was ist denn passiert?“ Sie blickte ängstlich von einem zum anderen. „Ihre Mutter?“

 „Meiner Mutter geht es gut“, antwortete Jacob Chandler mit rauer Stimme.

 „Es ist alles in Ordnung, Mom“, sagte ihre Tochter. „Es geht uns gut und Catherine auch.“

 „Aber…“ Hilflos sah Mona von einem zum anderen.

 „Bitte Mom, wir haben nicht viel Zeit.“ Vicky steckte entschlossen ihre Waffe ein.

 „Kann ich irgendetwas tun?“ fragte Mona. Ihr Tonfall veränderte sich und klang sicherer. „Braucht ihr Hilfe?“

Vicky ging auf ihre Mutter zu und nahm sie kurz in die Arme. „Nein. Mach dir einfach keine Sorgen.“

Mona Thompson deutete auf die Wäsche. „Aber das Blut?“

 „Mir fehlt nichts und Jake auch nicht.“ Victoria küsste ihre Mutter kurz auf die Wange.

 „Mrs. Thompson.“ Jake reichte der älteren Frau die Hand. Sie nahm sie, obwohl Jake in seiner teilweisen zerrissenen Kleidung nicht unbedingt vertrauenserweckend aussah. „Es ist wirklich alles in Ordnung. Das Schlimmste liegt hinter uns.“ Er mühte sich ein schwaches Lächeln ab.

Dann verschwanden die beiden wieder, so dass Mona Thompson meinte, sie hätte sich ihr Erscheinen nur eingebildet.


New York; Büro von Joe Maxwell; Jacob Chandler, Victoria Thompson, Joe Maxwell, Anna Stanton

Eine Stunde später war auch Jacob Chandler umgezogen und zusammen mit Vicky auf dem Weg zu Joe Maxwell. Als sie in den Büros der New Yorker Staatsanwaltschaft frühmorgens ankamen, trafen sie jedoch nur auf Anna Stanton, die Assistentin von Joe Maxwell.

 „Mr. Maxwell ist nicht im Haus. Ich weiß auch nicht, wann er kommt“, informierte sie die beiden FBI-Agenten.

 „Ich muss ihn dringend sprechen“, sagte Jake. „Es geht um Catherine Chandler.“

Bei diesem Namen weiteten sich die Augen der Assistentin. Sie nickte langsam. „Gut, ich verstehe.“

 „Kann ich ihn irgendwie erreichen?“ fragte Jake.

Sie nickte. „Ja, aber ich weiß nicht…“ Sie zögerte kurz, dann griff sie selbst zum Telefon. Es dauerte nicht lange. „Mr. Maxwell, hier sind die beiden Leute vom FBI. Sie sagen es geht um Mrs. Chandler und möchten mit Ihnen sprechen.“

 „Wie meinen Sie das, Ihrer Mutter geht es gut?“ fragte Joe Maxwell später ungläubig.

 „Wie ich schon sagte. Es geht ihr gut, und sie ist in Sicherheit“, erklärte Jake ruhig.

 „Wo ist sie?“ fragte der New Yorker Staatsanwalt scharf.

Jacob zögerte kurz. „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

Hart schlug Joe Maxwell mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Verdammt nochmal. Das geht so nicht. Sie müssen mir sagten, wo Catherine ist und wie Sie es geschafft haben, sie zu befreien, ohne dass die Polizei etwas davon mitbekommen hat.“

Jake wand sich sichtlich. Soweit hatte er noch nicht gedacht. Er hatte keine Geschichte parat, die er Joe Maxwell auftischen konnte. Es wäre besser gewesen, er hätte sich von seiner Mutter irgendetwas mitgeben lassen, das seine Worte bestätigte.

 „Mr. Maxwell, ich war die ganze Zeit mit Mr. Chandler zusammen und kann Ihnen bestätigen, dass es Mrs. Chandler gut geht“, mischte sich jetzt Victoria Thompson ein. Sie hoffte, dass ihre Worte als Bestätigung ausreichten.

 „Mr. Maxwell“, begann Jake noch einmal. „Bitte glauben Sie mir, meine Mutter wird sich bei Ihnen melden, sobald…“

 „Sobald was?“ fragte Joe Maxwell sofort.

 „Wir wollten sicher gehen, dass die Männer geschnappt worden sind, die…“, versuchte Vicky zu erklären.

 „Die Männer, die sie anscheinend entführt hatten, sind tot“, meinte der New Yorker Staatsanwalt. „Aber wenn Sie Catherine befreit haben, müssten Sie das doch eigentlich wissen, oder.“

Jake und Vicky schwiegen angesichts dieser Feststellung. Sie wussten, dass ihre Geschichte dünn war. Zu dünn. Aber sie wollten nicht unnötig Lügen auftischen, die der ältere Mann vor ihnen sowieso sofort durchschauen würde.

Joe Maxwell musterte die beiden FBI-Agenten. „Sie stecken beide in Schwierigkeiten.“

 „Ich weiß“, antwortete Jake. „Ich vermute, mein Boss hat mich bereits suspendiert.“

 „Ihr Boss weniger“, meinte Joe Maxwell. „Der sitzt inzwischen im Gefängnis.“ Auf Jakes überraschten Gesichtsausdruck hin sprach er weiter. „Sie hatten recht gehabt. Er war der Maulwurf, aber das wird Ihnen beiden nicht weiterhelfen.“

Kurz schilderte Joe Maxwell die Ereignisse des vergangenen Tages und die Festnahme von Gerry Fisher.

 „Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte Vicky besorgt.

 „Wir haben heute Morgen alle uns bekannten Wohnungen und Verstecke der Mafia durchsucht und über fünfzig Personen festgenommen. Darunter auch ein paar von jenen Typen, die sich an Catherine rächen wollten, weil sie sie vor dreißig Jahren hinter Gittern gebracht hatte“, teilte der New Yorker Staatsanwalt mit.

 „Das heißt…“ Jake versuchte auf den Punkt zu kommen.

 „Das heißt“, erklärte Joe Maxwell, „dass Catherine keine Gefahr mehr droht.“

 „Werden diese Leute nicht binnen kurzer Zeit durch ihre Anwälte wieder auf freiem Fuß sein?“ Victoria Thompson blieb skeptisch.

 „Nicht mit dem, was wir gegen sie in der Hand haben“, antwortete Joe. „Wir haben mehrere Drogenlabore gefunden und zerstört, und das Vermögen der führenden Köpfe wurde eingefroren. Wir haben genug Beweise für Drogenhandel, Erpressung, Geldwäsche und Mord, dass wir die Leute für mehrere Jahrzehnte hinter Gittern bringen können.“

 „Sind Sie sicher“, zweifelte Jacob Chandler. „Ich meine, sind Sie sicher, dass Sie alle erwischt haben. Normalerweise tauchen einige von diesen Typen ab und verstecken sich außer Landes.“

 „Mr. Chandler, wir haben alle uns bekannten Köpfe des Verbrechersyndikats festgenommen. Ein Vorteil war, dass wir nach Catherines Entführung so schnell gehandelt haben. Glauben Sie mir, ich werde alles Mögliche tun, um diese Stadt von diesem Mob zu befreien.“ Joe Maxwell sprach mit der gleichen Vehemenz mit der sonst Jake sprach, stellte Vicky insgeheim fest. Für einen Moment füllte Schweigen den Raum.

Joe musste sich räuspern, bevor er weitersprach. „Natürlich wissen Sie genauso gut wie ich, dass es keine hundertprozentige Garantie gibt. Andere werden kommen und versuchen, die Lücken zu füllen, die wir heute gerissen haben.“

 „Ich weiß“, murmelte Jake nachdenklich, „diese Organisationen sind einfach nicht tot zu kriegen, wie eine fünfköpfige Hydra. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.“

Der New Yorker Staatsanwalt nickte bestätigend. „Deswegen denke ich schon an die Zukunft. Zusammen mit dem New Yorker Bürgermeister arbeite ich daran, ein Team aufzubauen, dass sich speziell mit der Bekämpfung der organisierten Kriminalität beschäftigt, um jeden neuen Auswuchs sofort im Keim zu ersticken.“

 „Das ist ein ambitioniertes Vorhaben“, meinte Vicky. „Wenn man bedenkt, dass Sie auch nicht mehr der Jüngste sind.“

Joe Maxwell ignorierte den nicht gerade schmeichelhaften Einwand und sah stattdessen weiterhin Jacob Chandler eindringlich an.

 „Worauf wollen Sie hinaus?“ fragte dieser.

Der Staatsanwalt wechselte seinen Blick zwischen den beiden FBI-Agenten fragend hin und her. „Vielleicht besteht ja Interesse.“

 „Sie meinen, Sie wollen uns einen Job anbieten?“ fragte Vicky zurück.

 „Nun ja, Ihre Zukunft beim FBI erscheint mir fraglich angesichts Ihrer Alleingänge in den letzten Tagen. Sie werden mit Sicherheit eine Menge erklären müssen.“ Joe Maxwell sagte es ganz unverblümt.

 „Sie haben doch gesagt, dass Gerry Fisher festgenommen wurde. Zumindest da hatte ich den richtigen Riecher“, meinte Jake.

 „Denken Sie, das wird Ihnen nützen?“ fragte Joe Maxwell.

Jake zuckte nur lapidar mit den Schultern. „Vielleicht. Sie denken also, dass meine Mutter von nun an sicher ist?“

 „Wie ich schon sagte, es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“, antwortete Joe Maxwell. „Aber ich behaupte sagen zu können, dass sie so sicher ist, wie man in New York sicher sein kann“, sagte er überzeugt.

Jacob nickte nachdenklich. „Ich verstehe.“

 „Dann kann Cathy also…“, begann Victoria Thompson, wurde aber von ihrem Partner unterbrochen.

 „Dann kann meine Mutter also ein ganz normales Leben führen.“


New York; ein Haus; Mona Thompson, Victoria Thompson, Jacob Chandler

Mona Thompson hatte nicht mehr schlafen können, nachdem Victoria und ihr Partner das Haus verlassen hatten. Sie hatte sich dazu gezwungen, für sich etwas Frühstück zu zubereiten, doch sie hatte kaum etwas davon angerührt. Unzählige Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und sie horchte in die Stille des Hauses hinein. Was hatte Jacob Chandler damit gemeint, das Schlimmste läge hinter ihnen. Vor ihrem inneren Auge breiteten sich sämtliche Schreckensszenarien einer Mutter aus, die Angst um ihre Tochter hatte. Sie hätte doch längst daran gewohnt sein müssen, seitdem Vicky sich zur Ausbildung beim FBI gemeldet hatte. Manchmal ließ sie für Wochen kein Wort von sich hören, wenn sie in irgendeiner wichtigen Sache ermittelte oder sich an Orten befand, die geheim bleiben sollte. Mona dachte, sie hätte sich damit abgefunden, dass ihre Tochter oft in Gefahr war. Doch jetzt machte sie sich weiterhin Sorgen, weil Vicky vorzeitig das Krankenhaus verlassen hatte, nachdem sie bei ihrem Einsatz als Personenschützerin verletzt worden war. Eigentlich sollte sie laut den Ärzten noch nicht wieder im Dienst sein. Mona atmete tief durch. Dabei war sie glücklich gewesen, als Vicky für diesen Einsatz in New York zu ihr nach Hause gekommen war und während dieser Zeit bei ihr wohnte. Es tat gut, sich auf jemanden zu freuen, der abends nach Hause kam und mit dem man morgens zusammen frühstücken konnte.

Mona hatte schnell gespürt, dass dies kein gewöhnlicher Einsatz für ihre Tochter war. Erst der Vorfall mit dem kleinen Jungen, der von einer Kinderhändlerbande verschleppt worden war und um den sich Mona eine Zeitlang auf Vickys Bitte hin gekümmert hatte. Und dann war da noch etwas, was Vicky ihr nicht erzählte. Mona konnte nicht sagen, ob es direkt Catherine Chandler betraf, die mutige Frau, die Vicky beschützte. Oder war es deren Sohn, mit dem ihre Tochter zusammenarbeiten musste. Irgendetwas beschäftigte Vicky, über das sie nicht mit ihrer Mutter sprechen wollte. Das Klingeln an der Haustür riss Mona Thompson aus ihren Überlegungen.

Sie schrak zusammen, als sofort danach kräftig an die Tür gehämmert wurde und eine laute Stimme durch die Tür rief.  „Machen Sie sofort die Tür auf. FBI!“

Zitternd stand Mona Thompson auf und erwartete das Schlimmste, als sie mit bebenden Händen die Tür öffnete.

 „Mom!“ Suchend sah sich Vicky in der Wohnung ihrer Mutter um. Sie lief durch den Flur und in die Küche. Die Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch, die Überreste vom Frühstück daneben.

Vicky stutzte. „Mom!“ rief sie erneut. Diesmal klang ihre Stimme unsicher und ängstlich. „Mom?“

Sie sah sich nicht um, sondern lief stattdessen eilig die Treppe nach oben ins Schlafzimmer. Sie sah in sämtliche Räume. Als sie zurück in den Flur im Obergeschoss trat, sah sie ratlos in das fragende Gesicht Jacob Chandlers.

 „Sie ist nicht da.“ Sie hörte ihrer eigenen Stimme an, wie sie sich fühlte. „Irgendetwas stimmt da nicht. Ich habe ein Scheißgefühl.“

Jake nickte grimmig. „Ich auch, wenn du mich fragst.“

Victoria eilte an ihm vorbei und die Treppe wieder hinab nach unten. Jake folgte ihr wortlos. An der Garderobe blieb Vicky stehen.

Als Jake unten ankam, hielt sie ihm eine Handtasche vors Gesicht. „Ihre Tasche ist noch da. Es fehlt auch keine Jacke. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst.“

Jake schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht in Luft aufgelöst. Komm“, sagte er bestimmt. Er griff ihren Ellenbogen und zog sie mit sich zur Haustür.

 „Aber…“, stammelte Vicky verwirrt, „wo willst du hin?“

 „Deine Mutter befreien“, antwortete Jake.

 „Du meinst, sie wurde entführt?“ Entsetzt sah Vicky ihren Partner an.

 „So in der Art“, meinte Jake und blieb kurz stehen.

 „Aber wer? Die Mafia?“ fragte Vicky.

 „Nein. Ich fürchte, es wird Zeit, dass wir uns bei unseren Leuten blicken lassen.“ Damit setzte Jake sich wieder in Bewegung.

Eilig folgte Vicky ihm zum Auto und stieg auf der Beifahrerseite ein. „Du meinst, das FBI hat sie? Aber das ergibt doch keinen Sinn.“

Jake warf ihr einen langen Blick zu. „Für uns vielleicht nicht, aber vielleicht für jemanden, der mit Gerry Fisher unter einer Decke steckte. Außerdem fürchte ich, sind wir unsere Jobs beim FBI tatsächlich los.“

 „Du meinst, es gab außer Gerry Fisher noch jemanden beim FBI, der mit der Mafia zusammengearbeitet hat?“ fragte Vicky.

Jake startete den Wagen. „Oder zumindest davon wusste und ihn gedeckt hat.“

 „Dann müssen wir den ausfindig und dingfest machen“, meinte Vicky.

 „Zunächst müssen wir deine Mutter da rausholen. So oder so. Beim FBI mag man keine Nestbeschmutzer“, sagte Jake und fuhr los.


New York; in den Tunneln; Vincent, Alexander, Catherine

Vincent schlief tief und fest in dieser Nacht. Er wachte erst am späten Morgen in seinem Zimmer auf, umgeben von den gewohnten Geräuschen und dem gelben Licht der Kerzen. Sofort setzte die Erinnerung ein an den vergangenen Tag und an Catherine. Suchend sah er sich um. Er wollte sich wie gewohnt aufrichten, doch Schmerzen in seinem Bein erinnerten ihn daran, dass er nicht so beweglich war wie sonst. Vincent stütze sich mühsam mit beiden Armen auf und schob seinen Oberkörper langsam in eine aufrechte Haltung. Es war nicht leicht, doch er schaffte es in eine sitzende Position. Wieder sah er sich suchend um. Dann tastete er vorsichtig sein geschientes Bein ab. Die Schiene saß stabil. Er konnte sein Bein nicht bewegen und spürte nur bei abrupten Bewegungen den Schmerz. Also warf er die Decke zur Seite und schwang sich herum, so dass er jetzt auf der Kante seiner Liege saß.

In diesem Moment hörte er Schritte, die sich dem Eingang seiner Kammer näherten. Neugierig wartete er und blickte auf den Eingang in der Hoffnung, es wäre Catherine. Doch er wurde enttäuscht.

 „Das hätte ich mir ja denken können“, meinte Alexander, als er Vincent sitzend auf seiner Liege vorfand. „Du solltest dein Bein möglichst ruhig halten.“ In der Hand hielt er seine Arzttasche und ging zu seinem Patienten.

Vincent ging nicht auf den Vorwurf ein. „Wo sind Catherine und Jacob?“ fragte er stattdessen.

Alexander öffnete seine Arzttasche und kramte darin herum. „Dein Sohn ist in aller Frühe mit dieser anderen Frau zurück nach oben gegangen. Catherine ist erst vor kurzem aus deiner Kammer gekommen, um sich etwas frisch zu machen und etwas zu essen, nachdem sie die ganze Nacht an deinem Bett gewacht hat. Sie ließ sich nicht überreden, in einem der Gästebetten zu schlafen. Ich bin jetzt sozusagen die Wachablösung.“ Alexander erzählte es beiläufig. Er umfasste Vincents Kopf und hielt ihm einen Zeigefinger vor die Augen. „Guck mal auf meinen Finger. Ich will prüfen, ob du nicht doch eine Gehirnerschütterung hast.“

Ungeduldig ließ Vincent die Prozedur über sich ergehen. Als Alexander scheinbar zufrieden von ihm abließ, fragte er drängend: „Dann schläft Catherine jetzt? Hat Jacob gesagt, wann er zurückkommt?“

Alexander schüttelte nur nebenbei den Kopf. Er war noch mit seiner ärztlichen Diagnose beschäftigt. „Es ist erstaunlich“, meinte er. „Keine Gehirnerschütterung. Bis auf dein Bein und einige Prellungen scheinst du den Zusammenstoß mit dem Auto ganz gut überstanden zu haben. Du solltest aber auf jeden Fall vorerst ruhig liegen bleiben, auch wenn die Schiene dein Bein stabil hält, damit der Knochen wieder zusammenwachsen kann.“

Vincent blickte ihn nur unwillig an. In diesem Moment betrat Catherine die Kammer.

Sie lächelte, als sie sah, dass Vincent wach war. „Du siehst schon viel besser aus.“ Sie trat zu der Liege und nahm zärtlich seine Hand.

 „Es ist alles in Ordnung mit ihm“, meinte Alexander beruhigend in Richtung Catherine. Er nahm seine Tasche und ließ die beiden allein.

 „Du siehst müde aus“, sagte Vincent leise.

Catherine schüttelte abwehrend den Kopf. „Es geht schon. Hauptsache dir geht es gut.“

 „Ja, sobald ich aus diesem Bett komme und mich wieder bewegen kann.“ Vincents Stimme war die Ungeduld anzuhören.

 „Du brauchst Zeit“, meinte Catherine beruhigend und lächelte ihn an. „In ein paar Tagen kannst du schon mit Krücken gehen.“

 „Wo ist Jacob hingegangen?“ fragte Vincent.

 „Er ist mit Vicky nach oben“, antwortete Catherine.

Besorgt runzelte Vincent die Stirn.

 „Er geht zu Joe“, beruhigte Catherine ihn. „Zusammen werden sie eine Lösung finden.“ Sie stoppte in ihren Worten und biss sich auf die Lippen.

 „Eine Lösung, wie es jetzt mit dir weiter geht?“ fragte Vincent und ahnte nicht, welcher innere Zwiespalt in Catherine tobte.

Automatisch nickte sie und rang innerlich mit sich. Sie hatte Jacob versprochen, nichts von seinem Geheimnis zu verraten. Aber Vincent war sein Vater. Er sollte wissen, was mit seinem Sohn los war. Nur kurz sah Catherine die Bilder vor ihrem inneren Auge. Wie ihr Sohn mit ausgefahrenen Krallen einem Mann die Kehle aufschlitzte. Ja, er war der Sohn seines Vaters, und doch fühlte sie sich an ihr Versprechen ihrem Sohn gegenüber gebunden. Wieder biss sie sich auf die Lippen. Vincent und sie hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt bis sie im Zeugenschutzprogramm untergetaucht war. Alles in ihr sträubte sich dagegen, nun, wo sie einander wiedergefunden hatten, ihm etwas so Wesentliches, was ihren Sohn betraf, zu verschweigen.

 „Ich sollte nach oben gehen und die Angelegenheit aufklären“, sagte sie stattdessen.

Vincent wollte bereits widersprechen, doch sie hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab. „Natürlich erst, wenn Jacob zurück ist und Bescheid gegeben hat. Trotzdem möchte ich noch einmal mit Joe Maxwell sprechen, bevor…“

 „…bevor du ganz nach unten kommst“, vollendete Vincent den Satz.

Sie nickte schweigend.

 „Bist du dir sicher?“ fragte Vincent ernst. „Ich meine, du musst nicht, wenn…“

Catherine unterbrach ihn, indem sie ihm den Finger auf den Mund legte. Sie lächelte leicht. „Ich bin sicher. Trotzdem schulde ich Joe eine Erklärung. Eine, mit der auch Jacob oben weiter ein normales Leben führen kann.“

Nachdenklich nickte Vincent. „Zum Glück hat Jacob dich rechtzeitig gefunden gestern.“ Er seufzte erleichtert. „Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn…“

 „Denk nicht weiter darüber nach“, riet ihm Catherine. „Er hat mich befreit, das ist das Wichtigste.“

Vincent umfasste mit seiner Hand Catherines bandagiertes Handgelenk. „Du bist verletzt.“

 „Das ist nicht schlimm. Nur verstaucht“, murmelte Catherine leise.

Sie sah, wie Vincent ansetzte, weiter nachzufragen. Sie ahnte, welche Fragen er hatte. Wie hatten sie die Männer überwältigt, die sie entführt hatten. Wer war es gewesen. Um Jacobs Willen wollte sie nicht auf solche Fragen eingehen müssen.

Also kam sie Vincent zuvor. „Jacob ist mit Vicky nach oben gegangen heute früh. Er wird mit Joe sprechen und dann Bescheid geben, ob ich nach oben kommen kann.“

Vincent nickte langsam. „Diese Frau, die uns geholfen hat. Victoria…“

 „Victoria Thompson. Vicky“, sagte Catherine erleichtert, dass Vincent ihren Themenwechsel nicht bemerkte.

 „Sie scheint eine gute Frau zu sein“, meinte Vincent in seiner altmodischen Ausdrucksweise.

Catherine nickte bestätigend. „Ja, das ist sie. Wir können ihr vertrauen.“

Beruhigt nickte Vincent. „Dann ist das Geheimnis um die Tunnel…“

 „Vicky hat bestimmt viele Fragen, aber ich kann dir versichern, dass sie das Geheimnis bewahren wird.“ Zuversichtlich drückte Catherine Vincents Hand.

Sie richtete sich erneut auf und bewegte leicht die Schultern. So langsam machte sich der fehlende Schlaf bemerkbar.

 „Du solltest etwas essen“, meinte sie und deutete auf das Tablett neben dem Bett.

 „Nur, wenn du mir versprichst, dich hinzulegen und zu schlafen“, forderte Vincent.

Müde lächelte Catherine ihn an. „Na gut. Du hast Recht. Ich fühle mich wirklich müde jetzt.“ Sie beugte sich vor und drückte ihm sanft einen Kuss auf den Mund.

Vincent sah ihr noch lange nach, als sie schon längst aus der Kammer verschwunden war.


New York; Büro des FBI; Jacob Chandler, Victoria Thompson, Mona Thompson, Ronald Solomon, Dennis McGuire

Die Büros des FBI in New York lagen zentral in Manhattan.

 „Bist du sicher, dass sie hier ist?“ fragte Vicky zum vielleicht hundertsten Mal.

 „Du weißt doch, wie unsere Leute reagieren“, antwortete Jake. „Und wir wissen nicht, was Gerry Fisher sonst noch für Informationen, ob wahr oder falsch, in Umlauf gebracht hat.“

Die beiden FBI-Agenten eilten durch den Eingang und in die oberen Büros. Abrupt blieben beide stehen, als sie Mona Thompson vor einem der Schreibtische sitzen sahen. In der Hand hielt sie eine Tasse Kaffee, während sie freundlich lächelnd mit zwei Männern plauderte, die ihr gegenüber saßen. Alle drei schauten fast gleichzeitig auf.

Hastig stellte Mona Thompson ihre Tasse auf den Schreibtisch und sprang auf. „Ist mit euch alles in Ordnung. Vicky, geht es dir gut?“ Fragend sah sie ihre Tochter an.

 „Mama?“ Fragend sah Vicky ihre Mutter an. „Was machst du hier?“

 „Oh!“ Mona Thompson sah kurz über ihre Schulter zu den beiden Männern, die in schwarze Anzüge gekleidet waren. „Eure beiden Kollegen haben mich heute Morgen abgeholt, weil sie auf der Suche nach euch waren.“

Misstrauisch sahen Vicky und Jake zu den beiden Männern. Einer der beiden kam um den Schreibtisch herum.

 „Darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Ronald Solomon. Ich komme aus Washington. Nach der Festnahme von Gerry Fisher habe ich die Leitung der Ermittlungen übernommen.“ Der dunkelhäutige Mann streckte Jacob die Hand zu Begrüßung entgegen.

 „Jacob Chandler“, antwortete Jake unwillkürlich. „Wir kennen uns nicht.“

 „Nein“, antwortete der Schwarze. „Ich war früher im Außendienst und bin erst seit kurzem in den Innendienst gewechselt.“

 „Und was wollten Sie von meiner Mutter?“ fragte Vicky.

Ronald Solomon wandte sich der brünetten FBI-Agentin zu. „Wir wollten eigentlich nur herausfinden, wo Sie abgeblieben sind, da es seit der Entführung von Catherine Chandler kein Lebenszeichen mehr von Ihnen gab. Wir hatten die Hoffnung, dass Ihre Mutter eventuell etwas wüsste.“

 „Ich bin freiwillig mit den beiden mitgegangen“, wandte jetzt Mona Thompson beschwichtigend ein. „Ich hatte die Hoffnung, so am ehesten zu erfahren, was passiert ist“, sagte sie zu Vicky. „Ihr seid heute Morgen so schnell verschwunden, ohne zu sagen wohin.“

 „Es geht uns gut“, meinte Vicky.

 „Ja“, antwortete Ronald Solomon, „das wissen wir, seitdem wir im Büro des Staatsanwaltes angerufen und erfahren haben, dass Sie sich dort gemeldet haben. Aber verraten Sie mir eines: Wo ist Mrs. Chandler.“

 „Wie wäre es erstmal mit einer Tasse Kaffee“, meinte der zweite. „Dann können wir in Ruhe alles besprechen. Ich heiße übrigens Dennis McGuire.“ Er machte sich auf den Weg, um aus der Küche den Kaffee zu organisieren.

Wenig später saßen sie zu viert zusammen in einem kleinen Besprechungszimmer. Vickys Mutter wartete draußen an dem Schreibtisch, an dem sie vorhin schon gesessen hatte, auf ihre Tochter, mit der sie im Anschluss nach Hause fahren wollte.

 „Sie sagen also, Mrs. Chandler befindet sich in Sicherheit, aber sie wollen uns nicht sagen, wo sie sich aufhält.“

Jake nickte bestätigend zu der Zusammenfassung von Ronald Solomon.

 „Ich weiß, dass Sie misstrauisch sind. Das ist verständlich nach der Festnahme von Gerry Fisher und seinem Geständnis, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich alles schonungslos aufklären werde. Falls außer Fisher noch andere vom FBI beteiligt waren, werden wir das herausbekommen. Ich bitte Sie einfach um Vertrauen und um Ihre Mitarbeit“, sagte Ronald Solomon ernst.

Seine eindringliche Rede zeigte Wirkung bei Jacob. Fragend sah er Vicky an, die als Antwort hilflos mit den Schultern zuckte.

Er überlegte, bevor er antwortete. „Ich glaube Ihnen.“ Ein schwaches Lächeln begleitete seine Worte. „Ich bin mir sicher, dass nicht das komplette FBI unterwandert ist.“

 „Das ist doch schon mal ein Anfang“, meinte Dennis McGuire.

Dann begann Jake seine Sicht der Entführung seiner Mutter zu schildern. Vicky bestätigte hin und wieder seine Aussagen und fügte einige erläuternde Details hinzu. Erst bei den Details am Ende konnte sie nichts mehr ergänzen. Sie wusste nicht, was im Keller des Einkaufszentrums passiert war und wie Catherines Entführer ums Leben gekommen waren. Auch Jake ließ dieses Detail aus. Er schilderte nur, dass er seine Mutter verletzt gefunden und in Sicherheit gebracht hatte.

 „Sie wollen uns immer noch nicht sagen wohin“, stellte Ronald Solomon fest. „Was die Verletzungen der Entführer angeht, durch die sie getötet wurden…“

 „Davon weiß ich nichts“, antwortete Jacob ausweichend. „Ich habe nur so schnell wie möglich, meine Mutter in Sicherheit gebracht.“

 „Sie haben nichts und niemanden gesehen? Weder Mensch noch Tier?“ fragte Dennis McGuire.

 „Tier?“ fragte Victoria Thompson irritiert zurück.

 „Ja, die Männer sind durch den hohen Blutverlust gestorben, ausgehend von schweren äußeren Verletzungen, als wären sie von einem Raubtier angefallen worden“, schilderte der neue Einsatzleiter detailliert.

Vicky verzog schockiert das Gesicht. „Aber wie ist das möglich?“

Ihr ehrliches Erstaunen lenkte die beiden FBI-Männer ab, so dass sie nicht bemerkten, wie Jake kaum hörbar den Atem anhielt.

 „Wir stehen vor einem Rätsel und sind noch am Anfang unserer Ermittlungen dazu“, sagte Ronald Solomon.

 „Ist das dann alles?“ fragte Jake, der nur noch schnellstens weg wollte.

 „Vorerst ja. Es wäre sicherlich hilfreich, wenn Mrs. Chandler eine Aussage machen könnte“, meinte Dennis McGuire.

 „Das sollte sich einrichten lassen“, erwiderte Jake nebenbei. Er war bereits aufgestanden und wandte sich zur Tür.

 „Agentin Thompson, bleiben Sie bitte noch“, hielt Ronald Solomon die beiden auf. „Wir müssen noch etwas mit Ihnen besprechen.“

Fragend sahen sich Vicky und Jacob an.

 „Was soll das?“ fragte Jake gereizt. „Versuchen Sie irgendein krummes Ding mit uns abzuziehen?“

Ronald Solomon ignorierte Jakes Einwand. Er winkte in Richtung der Tür, als wolle er Jake wie eine lästige Fliege hinaus befördern.

 „Warum nur mit mir?“ fragte Victoria Thompson. „Was Sie mir sagen wollen, kann auch mein Partner erfahren.“ Damit machte sie deutlich, dass Jake und sie zusammenhielten.

Ronald Solomon seufzte genervt auf. „Also schön. Ich möchte Sie bitten, mir Ihre Dienstmarke und ihre Waffe zu geben. Sie sind suspendiert.“

Vicky schien zunächst geschockt, und doch war es nicht anders zu erwarten gewesen.

 „Wie bitte?“ entfuhr es Jake laut. „Was fällt Ihnen ein. Mrs. Thompson hat unter Einsatz ihres Lebens Mrs. Chandler beschützt, und Sie wollen jetzt…“

 „Agentin Thompson hat ohne Erlaubnis und trotz ärztlich attestierter Dienstunfähigkeit eigenmächtig gehandelt und damit Mrs. Chandler, Sie und sich selbst leichtfertig in Gefahr gebracht“, erläuterte Dennis McGuire.

 „Sie wussten von vorneherein, was das für Konsequenzen hat“, fügte Ronald Solomon hinzu.

 „Sie sind ja nicht ganz bei Trost“, schrie Jacob jetzt laut. „Sie hat mir einen Gefallen getan. Sie tat es, weil ich sie darum gebeten habe und weil ich nicht sicher sein konnte, wem man in diesem verdammten Saustall noch trauen kann.“

Die beiden anderen FBI-Agenten waren bei Jakes Worten aufgestanden. „Sie gehen zu weit, Chandler. Auch Ihre Aktivitäten diesbezüglich werden noch untersucht, wobei berücksichtigt wird, dass Sie handelten, um das Leben Ihrer Mutter zu schützen. Immerhin haben Sie dazu beigetragen, Gerry Fisher zu entlarven.“ Ruhig und kalt sah Ronald Solomon ihn an. Fast schien es, als wäre er ein Roboter ohne jegliche Gefühlsregung.

Stille breitete sich aus. Jake knirschte mit den Zähnen.

 „Also Mrs. Thompson“, forderte Dennis McGuire die FBI-Agentin auf.

Langsam holte Vicky ihre Waffe und ihre Dienstmarke aus der Innentasche.

 „Nein“, versuchte Jake sie aufzuhalten. „Tu das nicht. Die kommen damit nicht durch.“

Doch sie schüttelte nur stumm den Kopf und warf beides auf den Tisch. „Es wurde sowieso Zeit, dass ich mal wieder Urlaub mache. Komm“, sagte sie dann und zog Jake durch die Tür hinaus. Nur kurz hielt sie inne. „Bitte sag meiner Mutter nichts. Sie macht sich sonst nur Sorgen“, bat sie ihn leise.


New York; in den Tunneln; Vincent, Catherine

„Oft fand ich mein entschwundenes Glück
In einem nächtlichen Gesicht,
Doch ließ mich hoffnungslos zurück
Ein wacher Traum im Tageslicht.

Ach, was ist nicht ein solcher Traum
Für ihn, der mitten in der Flucht
Der Dinge über Zeit und Raum
Der Seele einen Stützpunkt sucht!

O dieser Traum - dieweil in Qual
Und Wirrnis um mich lag die Welt -
Hat wie ein Schutzgeist manches Mal
Sich zu mir Einsamen gesellt.

Was durch der Täuschung Dämmerlicht
So tröstend schimmerte von fern -
War es dem Herzen teurer nicht,
Als selbst der Wahrheit Tagesstern?“ (1*)

Catherine hielt im Lesen inne. Vincent hatte die Augen geschlossen, und sie betrachtete das geliebte Gesicht.

Er öffnete die Augen. „Warum hast du aufgehört. Ich bin nicht eingeschlafen.“

Catherine lächelte. „Die Zeilen haben mich an früher erinnert, als ich jung war und so viele Hoffnungen hatte.“

Vincent lag auf der Liege. Mit fragendem Blick wartete er, dass Catherine weiter sprach, die direkt neben ihm saß.

 „Ich meine das im positiven Sinne“, fuhr sie fort. „Denn jetzt fühle ich die gleiche Hoffnung in mir. Und merkwürdigerweise fühle ich mich jung. So wie damals.“

Vincent fasste nach ihrer Hand. „Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Wir haben einen neuen Anfang. Die Zeit spielt dabei keine Rolle oder wie viele Jahre vergangen sind. Das Hier und Jetzt zählt, in der Vergangenheit und Zukunft zusammenfließen und sich vereinen zu etwas Bleibendem.“

Sie schwiegen eine Weile und genossen die Gegenwart des anderen.

 „Bist du dir jetzt sicher?“ fragte Vincent plötzlich und sah der geliebten Frau ins Gesicht.

Sie lächelte zärtlich und drückte seine Hand. „Ich war mir immer sicher, dass ich eines Tages mit dir leben wollte. Es musste nur der richtige Zeitpunkt kommen.“

 „Und der ist jetzt da?“ fragte Vincent zurück.

Catherine strich beruhigend über seine Hand. „Er ist jetzt so sicher da, wie wir beide einen Sohn haben.“ Sie zögerte kurz. „Ich muss noch einmal nach oben. Ich muss Joe und Jenny eine Erklärung geben. Und ich muss Jacob helfen, gegenüber dem FBI alles richtig zu stellen.“ Sie schwieg, denn ihre Gedanken schweiften ab.

Was sollte sie Joe sagen und was dem FBI. Sie konnte unmöglich die Wahrheit sagen, dass ihr Sohn zu einem brüllenden Wesen wurde, das jeden töten konnte, der ihr etwas antun wollte.

 „Was ist? Worüber denkst du nach?“ fragte Vincent.

Sie lächelte flüchtig. „Ach nichts. Ich dachte nur daran, wie ich es Joe am besten erkläre.“

Die Unruhe in ihr wuchs. Vincent wusste nichts von Jacobs Mutation. Er wusste nichts davon, dass aus den Händen seines Sohnes spitze Klauen fahren konnten, die alles in Fetzen rissen und nichts von der immensen, übermenschlichen Kraft, der ein normaler Mensch nichts entgegen setzen konnte. Catherine hatte es mit eigenen Augen gesehen.

 „Du solltest dich ausruhen“, meinte sie zu Vincent. Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Stirn.

 „Ich tue seit Tagen nichts anderes“, grummelte Vincent.

 „Alexander hat gesagt, dass du bald aufstehen und versuchen kannst, an Krücken zu gehen“, meinte Catherine aufmunternd.

Sie war froh über den Themenwechsel. Sie musste mit Jacob sprechen und über das, was er war und was mit ihm geschah. Und es gefiel ihr ganz und gar nicht, vor seinem Vater Geheimnisse zu haben.


New York; in den Tunneln; mehrere Kinder: Leo, Hanna, Lily und Felix

 „Ich habe dir doch gesagt, hier gibt es nichts zu sehen“, sagte Leo zu dem Mädchen.

Hanna schnaubte enttäuscht. „So ein Mist.“

 „Vielleicht muss man nur auf die andere Seite kommen“, meinte Felix, ein anderer Junge.

Sie waren zu viert, alle ungefähr im gleichen Alter von zehn oder elf Jahren. Hanna, Lily, Felix und Leo. Und sie befanden sich an einem Ort, an dem sie eigentlich nicht sein durften. Die Erwachsenen hatten es schon lange verboten, doch unter den Kindern in den Tunneln galt es als Mutprobe, sich so weit wie möglich in die unbekannte Finsternis der Höhlen und Kammern vorzuwagen. Aber die Erwachsenen waren selbst schuld daran. Warum erzählten sie auch die Geschichten vom Labyrinth und von früheren Ereignissen, als Vincent und Vater, der Mann, der die Gemeinschaft in den Tunneln aufgebaut hatte, verschüttet gewesen waren und befreit werden mussten. Jetzt standen die vier Kinder vor der zugemauerten Wand, die jedes Weiterkommen im Keim erstickte.

 „Ich sagte doch die ganze Zeit, es gibt nichts zu sehen“, wiederholte Leo seine Worte. „Wir sollten zurückgehen.“

Hanna stampfte mit dem Fuß auf. „Du hast gesagt, wir gehen ins Labyrinth“, sagte sie zu Felix.

 „Es gibt bestimmt noch einen anderen Weg“, meinte Felix. „Kommt, wir gehen einfach immer nach links und drum herum.“

 „Ist das nicht zu weit?“ fragte Lily skeptisch.

 „Ach wo“ meinte Felix, nahm seine Lampe und lief los.

Die anderen folgten ihm hinein in eine abzweigende Höhle.

 „Wir verschwenden unsere Zeit“, nörgelte Leo, der als Letzter ging. „Es ist doch alles zugemauert.“

Doch die anderen ignorierten seine Worte und gingen weiter in die Finsternis hinein.  


New York; in den Tunneln; Jacob Chandler, Catherine, Vincent

 “Bist du soweit?” fragte Jacob seine Mutter.

 „Ja.“ Sie nickte ihm zu. Kurz wandte sie sich um zu Vincent, der bereits aufrecht an Krücken stand. Sie küsste ihn kurz auf die Wange. „Ich bin so schnell wie möglich zurück“, versprach sie ihm.

Dann folgte sie ihrem Sohn, der mit ihr durch die Tunnel nach oben ging. Sie hatte sich adrett gekleidet mit einer dunklen Stoffhose, einer Bluse und einem Blazer darüber. Jacob hatte davon erzählt, dass das FBI mit ihr reden wollte. Sicher wollten sie ein paar Antworten von ihr haben. Aber vorher musste sie mit ihrem Sohn ein offenes Wort reden.

Als sie weit genug von Vincents Kammer entfernt waren, berührte sie ihn kurz am Arm. „Was hast du den Leuten über meine Befreiung gesagt?“

Stirnrunzelnd wandte sich Jacob zu ihr um. Er zögerte. „Das was ich konnte.“

 „Und die beiden Toten im Keller des Einkaufszentrums?“ fragte Catherine prompt.

 „Sie stehen angesichts der seltsamen Verletzungen vor einem Rätsel, und ich habe nicht vor, es für sie zu lösen“, meinte er sarkastisch.

Catherine ging nicht weiter darauf ein. „Wie lange hast du schon diese Art der… der Veränderung?“

Jacob verzog widerwillig das Gesicht. Es war ihm anzusehen, dass er dieses Gespräch nicht führen wollte, aber seine Mutter wusste Bescheid. Sie hatte gesehen, was mit ihm geschah. Sie hatte gesehen, wie…

Geduldig wartete sie, und er wusste, sie würde sich nicht mit Ausflüchten zufrieden geben.

 „Es begann, als ich in die Pubertät kam“, sagte er leise. „Es waren nicht nur die üblichen Veränderungen, wie die anderen Kinder sie hatten. Plötzlich fühlte ich mich anders. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.“ Verlegen sah er nach unten und suchte offensichtlich nach den passenden Worten. „Ich hatte manchmal das Gefühl, etwas Fremdes würde von mir Besitz ergreifen, etwas Nichtmenschliches, wenn du verstehst, was ich meine.“ Hilfesuchend sah er seine Mutter an.

Und wie sollte sie es auch nicht verstehen. War sie doch diejenige, die von allen seinem Vater am nahesten stand. Sie hatte Vincent gesehen und zu was er fähig war, und sie hatte ihn trotzdem akzeptiert und geliebt. Catherine nickte nur kurz und wartete weiter.

 „Eines Tages“, fuhr Jacob fort, „war ich wegen einer Nichtigkeit wütend. Pa hatte mir verboten, mit Danny nach oben zu gehen. Wir wollten uns ein Konzert im Central Park ansehen. Ich meine, wirklich ansehen, nicht nur von unterhalb aus den Tunneln zuhören. Ich war wütend und trat einen Stuhl um und plötzlich…“

 „Ja?“ fragte Catherine neugierig.

Jacob zögerte. „Ich spürte, wie etwas aus meinen Fingern herausfuhr und als ich hinsah, erblickte ich… regelrechte spitze Krallen. Pa hat es zum Glück nicht gesehen. Niemand hat es gesehen. Von diesem Tag an wusste ich, dass ich ihm ähnlicher bin, als es den Anschein hatte.“ Jake atmete tief durch.

 „Und du hast es deinem Vater nie gesagt“, folgerte Catherine.

Jacob schüttelte den Kopf. „Ich wollte nicht…, er sollte kein schlechtes Gewissen haben wegen mir. Er schien immer so erleichtert zu sein, dass ich offensichtlich nach dir komme und ein ganz…, ein ganz normaler Mensch bin.“

Catherine schloss kurz die Augen.

 „Pa machet sich sowieso schon die ganze Zeit Vorwürfe, dass er mir nicht die Kindheit bieten konnte, wie sie andere Kinder oben haben und…“ fuhr er fort.

 „…und da wolltest du ihn vor der Wahrheit beschützen“, schloss Catherine leise.

 „Bitte, du darfst es ihm nicht sagen“, bat Jake seine Mutter eindringlich. „Es geschieht nur ganz selten, und ich habe gelernt damit umzugehen. Nur in letzter Zeit ist es merkwürdigerweise anders.“

Catherine nickte. „Seitdem ich aufgetaucht bin, nicht wahr. Aber du bist schon vor Jahren auf Abstand zu deinem Vater gegangen und nach Washington zum FBI, damit er nicht aus Versehen herausfindet, was mit dir los ist.“

Jacob fühlte sich ertappt und blickte auf den Boden. Seine Mutter hatte eine sehr direkte Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

 „Jacob, er muss es erfahren.“

 „Nein.“ Panisch schaute Jacob ihr ins Gesicht.

 „Er ist dein Vater und glaub mir, er wird dich nicht weniger lieben. Und vielleicht kann er dir helfen, wenn du wieder solche…“ Catherine suchte nach Worten.

Jacob schnaube laut. „Ich möchte es nicht. Verstehst du? Ich bitte dich darum als dein Sohn.“

 „Ich habe Vincent nie belogen bis zu dem Moment, wo ich im Zeugenschutzprogramm untergetaucht bin“, widersprach Catherine ihm. „Ich will nicht wieder damit anfangen.“

 „Bitte Mom.“ Jacob sah sie verzweifelt an. „Ich hätte dir nie etwas gesagt, und wenn diese Sache nicht gewesen wäre, dann…“

 „Der Tote in meinem Appartement“, sagte Catherine plötzlich. „Warst du das auch?“

Unglücklich nickte er. „Das war ein Profikiller. Er wollte mich umbringen.“

 „Oh Jacob“, meinte sie voller Mitgefühl.

Spontan nahm sie ihn in die Arme. Jacob zögerte erst, dann legte er seine Arme um sie und seinen Kopf auf ihre Schulter. Er suchte Trost und fand ihn bei ihr, die er so lange nicht gekannt und dennoch irgendwie vermisst hatte. Nach einem endlos scheinenden Moment hob er wieder den Kopf und sah sie an.

 „Bitte sag ihm nichts“, bat er noch einmal. „Ich will nicht, dass er mich so sieht.“

Catherine dachte an die vielen Male, in denen Vincent sie gerettet hatte. Auch Vincent hatte nie gewollt, dass sie sah, wie er die Beherrschung verlor und wie aus seinem sanften Wesen ein unberechenbarer Killer wurde. Sie nickte ihrem Sohn kurz zu.

 „Ist gut.“ Sie atmete tief durch. „Wir sollten weiter gehen.“

Sanft fasste sie ihn am Arm und zusammen gingen sie schweigend weiter durch die Tunnel und nach oben.  


New York; Büro des New Yorker Staatsanwaltes; Joe Maxwell, Catherine und Jacob Chandler

 „Catherine.“ Joe Maxwell strahlte über das ganze Gesicht, als er sie sah. „Ich bin so froh, dich zu sehen.“

Er war von seinem Schreibtisch aufgesprungen und zu ihr gelaufen, als sie sein Büro betreten hatte. Sie hatte darauf verzichtet, sich von seiner Assistentin anmelden zu lassen, die sie erstaunt und verblüfft gewähren ließ. Er nahm sie in die Arme und hielt sie für einen Moment fest umfangen. Vorsichtig löste sich Catherine von ihm.

Der New Yorker Staatsanwalt sah ihr aufmerksam ins Gesicht. Dann bemerkte er ihr Handgelenk. „Du bist verletzt.“

Catherine schüttelte den Kopf. „Das ist nicht weiter schlimm. Nur verstaucht.“ Unsicher sah sie über ihre Schulter zu Jacob, der unbemerkt hinter ihr das Büro betreten und die Tür geschlossen hatte. „Wir sind hier, um ein paar Dinge aufzuklären.“

Sofort wurde die Miene von Joe Maxwell ernst. „Du meinst wegen deiner Entführung. Komm, setz dich doch erstmal.“ Vorsichtig führte er sie zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Dein Sohn…“, Joe räusperte sich verlegen, „…hat uns erzählt, dass mit dir alles in Ordnung wäre. Verständlicherweise wollten wir trotzdem ein Lebenszeichen haben.“

 „Verständlicherweise“, bestätigte Catherine ihm. „Also. Hier bin ich. Was möchtest du von mir wissen?“

Joe fühlte sich verwirrt von Catherines direkter Art. „Ja, also… kannst du mir nicht einfach erzählen, was geschehen ist. Aus deiner Sicht.“

Und so erzählte sie das, was sie konnte. Die Entführung durch Samuel Henderson, dessen Vater sie vor über dreißig Jahren hinter Gittern gebracht hatte. Die Weitergabe an Cedric Hanlon, einem Kopf des organisierten Verbrechens, Jakes und Vickys beinahe gelungene Befreiung in der Tiefgarage und ihre Flucht in ein Einkaufszentrum, in dem Jake sie befreit und an einen sicheren Ort gebracht hatte.

 „Die Männer sind tot“, sagte Joe beharrlich. Er wandte sich Jake zu. „Wenn Sie sie nicht erschossen haben, was laut den Verletzungen nicht der Fall ist, müssen Sie doch irgendjemanden gesehen haben, der…“

 „Joe“, unterbrach Catherine ihn. „Jake hat die Kerle bedroht und mich schnell weggebracht. Mehr können wir dir nicht sagen.“

 „Aber danach muss dort irgendetwas passiert sein. Und zwar durch den gleichen Typ, wie in der Tiefgarage, in der wir Samuel Henderson und seinen Helfer gefunden haben“, meinte Joe.

Catherine und Jacob Chandler schwiegen zu dieser Feststellung.

 „Jacob hat mir erzählt, dass ihr eine Razzia durchgeführt habt.“ Catherine versuchte Joes Gedanken auf andere Dinge zu lenken.

Tatsächlich ging er darauf ein. „Ja, wir waren sehr erfolgreich. Inzwischen hat auch der Vertraute von Cedric Hanlon ausgepackt und gestanden, dass er jemanden angeheuert hatte, um dich zu töten. Auch wenn wir nicht allen eine Beteiligung daran nachweisen können, haben wir genug, um sie wegen anderer Delikte hinter Schloss und Riegel zu bringen.“

 „Danke Joe“, sagte Catherine nur und stand auf.

Erwartungsvoll sah der New Yorker Staatsanwalt sie an. „Was hast du nun vor? Ich meine, du kannst jetzt ein ganz normales Leben führen.“

Catherine schenkte ihm ein Lächeln, das den Abschied bereits in sich trug. Joes aufmunternder Blick wurde augenblicklich ernst.

Er stand vor ihr und schaute ihr sorgenvoll ins Gesicht. „Du… du wirst nicht bleiben.“

Catherines Lächeln wurde zur Bestätigung breiter. „Ich muss gehen, Joe.“

 „Aber wo willst du hin?“ fragte er und ahnte doch gleichzeitig, dass er keine befriedigende Antwort erhalten würde.

 „Ich gehe dorthin, wo ich immer glücklich war“, erwiderte Catherine unbestimmt.

 „Wenn noch irgendetwas ist, was meine Mutter betrifft, wissen Sie ja, wo Sie mich erreichen können“, mischte sich Jake jetzt in das Gespräch ein.

Joe Maxwell atmete mehrmals tief durch, als Catherine ihm zum Abschied die Hand reichte. „Du wirst nicht zurückkommen“, stellte er fest. „Werden wir uns noch einmal wiedersehen?“

Catherine lächelte traurig. „Vielleicht irgendwann.“ Sie küsste ihn kurz auf die Wange. „Danke für alles, Joe.“ Damit wandte sie sich ab.

Jacob nickte dem New Yorker Staatsanwalt kurz zu. Der runzelte die Stirn und hielt den FBI-Agenten auf. „Haben Sie schon über mein Angebot nachgedacht?“

Jacob zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Vielleicht. Ich bin noch nicht sicher.“

 „Überlegen Sie es sich“, ermunterte Joe Maxwell ihn, denn er hatte die winzige Hoffnung, auf diese Weise den Kontakt zu Catherine nicht ganz zu verlieren.

 „Das werde ich“, erwiderte Jake und verließ das Büro.

Auf dem Weg nach unten sah Catherine ihren Sohn neugierig an. „Worüber habt ihr gesprochen?“

 „Nichts Bestimmtes“, versuchte Jacob abzuwiegeln.

 „Ich habe gute Ohren“, sagte Catherine. „Von welchem Angebot hat Joe gesprochen.“


New York; in den Tunneln; mehrere Kinder: Leo, Hanna, Lily und Felix

Sie hatten sich verlaufen. Für Leo gab es keinen Zweifel mehr.

 „Wir sollten umkehren“, sprach er seine Bedenken laut aus. Doch die anderen drei vor ihm gingen einfach weiter.

Demonstrativ blieb Leo stehen. „Hallo, habt ihr mich gehört. Das Öl in den Lampen wird nicht mehr lange reichen.“

 „Hast du etwa Angst?“ fragte Felix provozierend. „Wir müssten gleich die andere Seite vom Labyrinth erreicht haben. Kommt“, sagte er zu den beiden Mädchen.

Hanna nickte bereitwillig, doch Lily zögerte. „Vielleicht hat Leo recht“, meinte sie.

 „Ich denke, wir haben uns verlaufen“, sagte der Zehnjährige jetzt nochmal eindringlich. „Oder wisst ihr noch genau, wie oft wir inzwischen die Richtung gewechselt haben?“

 „Das spielt keine Rolle“, behauptete Felix, „solange man immer die gleiche Richtung eingeschlagen hat. Und wir sind bei allen Kreuzungen links herum gegangen. Also müssen wir auf dem Rückweg einfach nur immer rechts herum gehen.“

Hanna nickte bestätigend, denn diese Logik leuchtete ihr ein.

Doch jetzt meldete Lily ihre Zweifel an. „Wir sind aber nicht an jedem Abzweig abgebogen, manche haben wir auch ausgelassen, weil sie so unheimlich wirkten.“

 „Wir sollten umkehren“, wiederholte Leo noch einmal. „Jetzt finden wir vielleicht noch zurück, ohne dass irgendeiner von den Erwachsenen etwas bemerkt.“

Felix schnaubte entrüstet. „Also ich gehe weiter. Wenigstens noch um die nächste Ecke. Wir sind mit Sicherheit gleich da.“

Uneinsichtig standen sich die Kinder gegenüber.

 „Komm“, meinte Hanna zu Felix und ging mit ihrer Lampe in der Hand einfach weiter. Felix folgte ihr mit einem verächtlichen Blick in Richtung Leo. Lily und Leo blieben zurück und sahen noch, wie Hanna und Felix um die nächste Biegung in der Dunkelheit verschwanden. Ratlos sahen sie sich an.

 „Was sollen wir tun?“ fragte Lily.

Unsicher sah der Junge sie an. „Wir sollten versuchen, zurück zu gehen und hoffen, dass wir den Weg finden.“

 „Wenn wir uns verlaufen, werden die Erwachsenen doch nach uns suchen, nicht wahr?“ fragte Lily ängstlich.

 „Die wissen doch gar nicht, wo wir hingegangen sind“, widersprach Leo sachlich. „Wo sollten sie anfangen, uns zu suchen. Besser wir finden den Weg zurück.“

Eine Zeitlang schwiegen beide und marschierten den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Plötzlich hörten sie einen Schrei hinter sich, der in der Dunkelheit, die nur von einer schwachen Öllampe erhellt wurde, schaurig klang.

Dann trat Stille ein. Die beiden Kinder waren wie erstarrt stehen geblieben. Sie hielten vor Schreck den Atem an und trauten sich nicht, noch einen Schritt weiter zu gehen.

Nach einer endlos scheinenden Zeit erklang es von weit entfernt. „Hilfe! Hilfe!“


New York; in den Tunneln; Olivia, Kinder

Olivia lächelte, als sie auf dem Weg zu den Kindern war. Sie war gerade bei ihrem Mann Kannon gewesen, der zwei Ebenen tiefer dabei half, eine neue Kammer auszubauen. Sie hatte ihm und den anderen Männern, die dort arbeiteten, das Mittagessen gebracht und dabei noch eine Weile mit Kannon gesprochen.

Am Morgen waren Neuigkeiten von oben gekommen. Ihre Tochter Deborah erwartete ihr zweites Kind. Sie wurden zum zweiten Mal Großeltern. Olivia freute sich von Herzen, auch wenn sie ihre Tochter und deren Familie nur selten sah.

Olivia und Kannon gingen nur selten nach oben. Nachdem Kannon vor vielen Jahren seine Haftstrafe abgesessen hatte, gab es nichts, was sie in der Welt oben hinzog. Doch als ihre Kinder Luke und Deborah erwachsen wurden, änderte sich das. Luke ging eine Zeitlang nach oben, kehrte aber irgendwann zurück in die Tunnel. Deborah lernte in der Welt oben ihren zukünftigen Mann kennen und blieb dort. So war ihre kleine Familie auseinander gerissen, aber sie hielten Kontakt und besuchten sich, wann immer es möglich war.

Intuitiv beschleunigte Olivia ihren Schritt. Heute Nachmittag war ihre Zeit mit den Kindern, die hier unten in den Tunneln lebten. Kinder, die hier geboren waren, aber auch andere, Waisen von oben, die die Not zu ihnen gesandt hatte. Schwungvoll trat sie in die von Kerzen hell erleuchtete Kammer.

 „Da bist du ja endlich“, rief eines der Kinder ungestüm.

Olivias Lächeln wurde breiter. „Es tut mir leid, dass ich zu spät bin, aber ich komme von weit unten, wo eine neue Kammer ausgebaut wird.“

 „Das mache ich später auch einmal“, meinte ein Junge mit braunen Locken.

 „Was willst du einmal machen, Ben?“ fragte Olivia ihn.

 „Räume aus dem Stein hauen“, antwortete Ben.

 „Du weißt aber, dass das keine leichte Aufgabe ist. Es erfordert Kraft und Können und Geduld“, meinte Olivia. „Und es braucht Zeit, bis man soweit ist, dass man das kann.“

 „Na und“, meinte Ben sofort, „das lerne ich schon.“

 „Angeber“, sagte ein anderer Junge, der schlecht auf Ben zu sprechen war.

Ben wurde rot im Gesicht und rief zurück. „Von wegen Angeber, du wirst schon sehen.“

 „Werde ich nicht“, erwiderte der andere Junge in aller Seelenruhe, „weil ich oben am College studieren werde, während du versuchst, Löcher in den Stein zu hämmern.“

 „Hört auf“, rief Olivia, „es gibt keinen Grund, sich zu streiten. Jeder von euch hat die Möglichkeit, später einmal das zu tun, was er gerne tun möchte. Jede Arbeit ist wertvoll, egal wo und an welcher Stelle, so wie jeder einzelne Mensch wertvoll ist.“ Während ihrer Worte fuhr sie mit prüfendem Blick über die Schar der Kinder. Irritiert runzelte sie die Stirn.

Irgendetwas stimmte nicht. Suchend ließ sie den Blick noch einmal schweifen. Fast immer setzten sich die Kinder an die gleiche Stelle.

 „Wo sind Leo und Hanna und…“ Sie stockte einen Moment lang.

 „Felix und Lily sind auch nicht da“, meinte der Junge, der Ben vorher widersprochen hatte.

 „Weißt du, wo sie hin sind, Matt?“ fragte Olivia.

Er schüttelte den Kopf.

 „Weiß irgendjemand, was mit den vier los ist?“ fragte Olivia jetzt alle Kinder.

 „Sie waren schon nicht beim Mittagessen“, antwortete eines der Kinder.

 „Sie haben die letzten Tage immer zusammen gestanden und geflüstert“, sagte jemand anderes.

 „Aber ihr wisst nicht worüber?“ fragte Olivia noch einmal.

Mehrere Kinder schüttelten die Köpfe. Die Unruhe in Olivia wuchs. Es war ungewöhnlich, dass niemand wusste, was mit den vier Kindern los war. Normalerweise brachten die Erwachsenen allen Kindern früh bei, Bescheid zu geben, wenn sie durch die Tunnel irgendwohin gingen. Natürlich konnte es sein, dass sie einfach zum Spielteich oder zu den Wasserfällen gegangen waren und den Unterricht schwänzten. Olivia konnte sich noch gut daran erinnern, als sie in diesem Alter gewesen war. Auch sie war damals ein- oder zweimal der Versuchung erlegen, lieber im Spielteich schwimmen zu gehen, als sich pünktlich zum Unterricht einzufinden. Und natürlich hatten sie dafür eine Strafarbeit bekommen. Sollten die vier aus genau diesem Grund nicht zum Unterricht gekommen sein, blühte ihnen Sonderdienst in der Küche.

 „Merkwürdig“, meinte Olivia laut.

Besonders Leo war eigentlich sehr zuverlässig, dachte sie bei sich. Dann beschloss sie, erst einmal den Unterricht mit den Kindern zu machen. Vielleicht tauchten die vier ja bis zum Ende noch auf.


New York; in den Tunneln; Olivia, Jamie, Kannon

 „Jamie, hast du einige der Kinder gesehen?“ Stunden später stand Olivia in der Kammer der Freundin.

Diese schüttelte den Kopf. „Sie waren doch alle bei dir zum Unterricht.“

 „Nein, nicht alle. Leo, Hanna, Lily und Felix fehlen. Ich habe schon Luke gefragt und Marc. Dann war ich unten bei Kannon, und wir sind zusammen zu den Wasserfällen und zum Spielteich gegangen. Dort sind sie auch nicht.“ Olivia war von einer beängstigenden Unruhe ergriffen worden. Sie fühlte, dass etwas nicht stimmte.

 „Das ist in der Tat merkwürdig. Wissen die anderen Kinder denn nicht, wo die vier hingegangen sind?“ fragte Jamie. Olivia schüttelte den Kopf.

 „Mouse ist am Kraftwerk. Lass uns zu ihm gehen“, schlug Jamie vor.

Zusammen gingen die Frauen hinab. Doch Mouse wusste nichts und hatte auch keines der Kinder gesehen. Dort stieß Kannon zu ihnen.

 „Vielleicht weiß Vincent, wo sie hingegangen sein könnten. Gestern waren die Kinder am Nachmittag bei ihm gewesen und haben sich von ihm Geschichten von früher erzählen lassen“, meinte Jamie.

 „Wir sollten Vincent nicht unnötig beunruhigen“, meinte Kannon. „Er muss erstmal wieder gesund werden. Und wenn er hört, dass Kinder vermisst werden, hält ihn keiner davon ab, mit seinen Krücken durch die Tunnel zu laufen und überall nachzusehen.“

 „Trotzdem müssen wir etwas unternehmen“, meinte Olivia verzweifelt. „Es könnte sonst was passiert sein. Sie könnten sich verlaufen haben oder abgestürzt sein und irgendwo verletzt liegen.“

Entschlossen nickte Mouse. „Ich schicke eine Nachricht über die Rohre zu Pascal. Er soll einen Notruf absetzen, und der Rat soll in einer Stunde zusammen kommen. Dann entscheiden wir, was wir weiter unternehmen.“

 „Aber dann erfährt Vincent es“, meinte Kannon.

 „Wenn die Kinder nicht auftauchen und wir eine Suchaktion starten müssen, wird er es sowieso erfahren“, sagte Jamie.

Gemeinsam eilten sie los, um die anderen Tunnelbewohner zu informieren.


New York; in den Tunneln; Leo und Lily

 „Hier ist die Stelle, wo wir uns getrennt haben“, meinte Leo zu Lily.

 „Ich weiß nicht. Woher willst du das so genau wissen?“ fragte das Mädchen.

 „Du kannst es am Boden sehen. Guck.“ Er deutete auf den Tunnelboden. „Hier sind unsere Fußabdrücke zu sehen, als wir vorhin hier gestanden haben.“

Unsicher sah das Mädchen ihn an. „Ich weiß nicht. Vorhin wolltest du nicht weiter gehen, und jetzt willst du unbedingt weiter gehen, um Felix und Hanna zu finden.“

 „Der Schrei und die Hilferufe waren von Hanna“, antwortete Leo. „Irgendetwas muss passiert sein. Vielleicht brauchen sie unsere Hilfe.“

 „Wir hätten zurückgehen und den Erwachsenen alles erzählen sollen“, meinte Lily.

 „Das dauert zu lange, wenn Felix und Hanna Hilfe brauchen. Komm.“ Damit ging Leo einfach weiter, mutiger, als er sich eigentlich fühlte.

Lily folgte ihm wortlos, obwohl sie Angst hatte. Furchtsam schob sie ihre Hand in seine freie. Seine andere Hand hielt die Lampe. Der Weg vor ihnen schien immer schwärzer zu werden. Und es war still. Die Hilferufe waren nur ein paarmal erklungen und dann plötzlich verstummt. So dunkel und so still war es, dass beide Kinder das Gefühl hatten, in ein tiefes, dunkles Nichts zu versinken.

 „Ich habe Angst“, jammerte Lily. „Bitte lass uns zurückgehen.“

Leo hielt kurz an. „Es kann nicht mehr weit sein“, versuchte er sie aufzumuntern. „Sehr viel weiter können sie nicht gekommen sein. Komm.“ Er nahm wieder ihre Hand.

Sie nickte, doch dann flackerte das Licht von Leos Lampe mehrmals unruhig bis es plötzlich ganz erlosch. Beide Kinder verharrten zunächst regungslos Die Stille wurde nur unterbrochen von Lilys ängstlichem Schluchzen.


New York; in den Tunneln; Pascal, Mouse, Olivia, Vincent, Jamie, Alexander, Kannon

 “Wir sollten einen Suchtrupp zusammen stellen”, meinte Pascal in die Runde, die sich versammelt hatte.

 „Aber wo willst du anfangen zu suchen?“ fragte Mouse. „Zu viele Gänge und Kammern. Oben, unten?“ Er machte eine weit ausholende Geste mit den Armen, um allen Anwesenden die ganze Bandbreite der Möglichkeiten in den Tunneln vor Augen zu führen.

 „Trotzdem können wir nicht einfach nur herumstehen und nichts tun“, erwiderte Olivia aufgebracht.

Viele der anwesenden Tunnelbewohner nickten. Vincent stand auf Krücken gestützt inmitten des alten Raumes voller Bücher, den Vater früher benutzt hatte, und der von jeher als Versammlungsort diente.

Er wandte sich den Kindern zu, die oben auf der Galerie und auf der Treppe saßen oder standen. "Habt ihr denn keine Ahnung, wo die anderen hingegangen sein könnten? Haben Sie euch nichts erzählt?“ Eindringlich sah er von einem Kind zum anderen. „Versucht euch zu erinnern.“

Eines der Mädchen biss sich unwillkürlich auf die Lippen, als wolle sie etwas sagen, doch sie schwieg. Alle anderen schüttelten die Köpfe.

 „Pascal hat Recht. Wir sollten nicht länger warten und ein paar Suchtrupps bilden“, meinte Kannon.

 „Wir werden ein paar Lebensmittel zusammenstellen, die ihr mitnehmen könnt“, sagte Olivia und winkte einige der Frauen mit sich.

Vincent deutete auf einen der Schränke, die an einer Wand standen. „Mouse, dort sind die Pläne von den äußeren Bereichen der Tunnel. Wir sollten systematisch vorgehen und uns von einer Sektion zu nächsten ringförmig weiter voran arbeiten.“

Mouse wandte sich sofort dem Schrank zu, öffnete ihn und sah die beschrifteten Rollen mit den Plänen von den unterirdischen Tunneln.

 „Wir?“ fragte Pascal in der Zwischenzeit. „Du mit Sicherheit nicht, Vincent.“

 „Pascal, ich kenne alle bekannten Tunnel und Ebenen. Ich bin in meinem Leben schon weiter über die Grenzen unserer bewohnten Welt hinausgegangen, als ihr alle zusammen.“

 „Nicht mit deinem Bein“, widersprach nun auch Mouse, während er ein paar Pläne auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes ausbreitete.

Vincent wollte etwas erwidern, aber Pascal hinderte ihn daran. „Du würdest die Suchtrupps nur aufhalten. Außerdem sind wir genug Leute. Ich werde in der Rohrkammer bleiben, um Nachrichten weitergeben zu können. Und du bist hier am besten aufgehoben, um da zu sein, falls die Kinder doch noch auftauchen sollten.“

 „Pascal hat Recht“, meinte Kannon nun auch zu Vincent und klopfte ihm beruhigend auf die Schultern.

Vincent rang mit sich, denn es lag ihm nicht, untätig zu sein. Doch ihm war andererseits klar, dass er mit seinen Krücken keine Hilfe war.

 „Außerdem möchte ich Catherine nicht erklären müssen, dass du mit deinem Bein an Krücken durch die Tunnel hüpfst“, meinte Mouse.

 „Da gebe ich dir recht“, sagte Alexander, der gerade erst hinzukam. „Ich habe gehört, ein paar Kinder werden vermisst.“

 „Ja“, antwortete Vincent und wandte sich den Plänen auf dem Tisch zu. „Wir sind gerade dabei die Routen für die Suchtrupps festzulegen.“

Gemeinsam beugten sie sich über die Pläne, während die Kinder zusahen und hofften, dass ihren Freunden nichts passiert war.


New York; in Jacobs Wagen; Rückblende zu Jenny Aronsons Appartement; im Haus von Mona Thompson; Catherine, Jacob, Jenny Aronson; Mona und Victoria Thompson

Catherine schwieg nachdenklich, während Jacob und sie zum Auto gingen. Vieles ging ihr im Kopf herum. Heute war der Tag der Abschiede, so schien es ihr. Zuerst von Joe, der nun wusste, dass sie verschwand. Er hatte Jacob ein Angebot gemacht, bei einer Spezialeinheit in New York anzufangen.

Verstohlen musterte Catherine ihren Sohn von der Seite. Jacob hatte nur gesagt, er wolle es sich überlegen. Der Gedanke war verlockend, dass ihr Sohn weiter in der Nähe wäre, nachdem sie im wahrsten Sinne des Wortes vom Erdboden verschwunden wäre und mit Vincent in den Tunneln leben würde. Aber wollte Jacob das? Sie wusste nicht, wie er darüber dachte. Er war nach Washington zum FBI gegangen, damit sein Vater niemals herausfand, dass er ihm ähnlicher war als er geglaubt hatte. Würde er jetzt wieder davon laufen? Fort von den Menschen, die ihn liebten?

Ihre Gedanken schweiften weiter zu Jenny, von der sie gerade kamen. Auch Jenny wusste Bescheid. Nicht darüber, wohin Catherine verschwand. Doch sie hatten sich Lebewohl gesagt. Wie schon vor so vielen Jahren, als Catherine im Zeugenschutzprogramm untergetaucht war. Jenny war nicht überrascht gewesen. Sie war nur überrascht, dass Catherine nicht unglücklich zu sein schien. Sie hatte natürlich Fragen gestellt nach der Erleichterung, dass Catherine lebte und wohlbehalten war. Und Tränen waren geflossen.

 „Ich bin hier, um mich zu verabschieden“, hatte Catherine gesagt.

 „Du gehst?“ Halb Frage, halb Schluchzer von Jenny.

 „Ja Jenny“, antwortete Catherine.

 „Aber… wohin? Mit wem?“ Die Verwirrung war Jenny anzusehen gewesen.

Catherine schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Frag nicht. Es geht mir gut.“

Jenny fasste sich schnell. „Ich habe es gewusst, weißt du. Ich habe von Anfang an gespürt, dass es nur von kurzer Dauer ist, seitdem du nach New York gekommen warst und alles an die Öffentlichkeit gekommen war.“

Ein wehmütiges Lächeln überflog Catherines Gesicht. Was sollte sie auch sagen. Wie sollte sie erklären, was sie all die Jahre der Freundin nicht erzählt hatte. Sie kannten sich seit dem College. Und doch hatte Catherine nie das Wichtigste mit der Freundin teilen können, das je in ihrem Leben passiert war. Es wäre eine Möglichkeit, ihr von den Menschen zu erzählen, die ihr mehr als alles andere bedeuteten, von all den Dingen, die sie ihr schon so lange hatte erzählen wollen. Schon vor dreißig Jahren musste es für jeden normalen Menschen irrational erscheinen. Sie hatte Vincent versprochen, sein Geheimnis zu bewahren. Dieses Versprechen hatte sie gehalten gegenüber allen Menschen in der oberen Welt, die ihr wichtig waren, selbst wenn es bedeutete, seltsam und verschlossen zu erscheinen. Selbst wenn es bedeutet hatte, sich aus dem öffentlichen Leben zurück zu ziehen. Inzwischen war in ihrem Leben so vieles passiert, und Jenny war in andere Geheimnisse involviert, so dass es jetzt vielleicht sogar möglich wäre, sich zu offenbaren. Dies war ihre letzte Gelegenheit dazu, doch sie schwieg. Auch dieses Mal schwieg sie und sagte nichts. Jenny hatte geahnt, dass es jemanden in ihrem Leben gab. Doch jetzt war es zu spät. Trotzdem fiel es Catherine schwer, der Freundin Lebewohl zu sagen.

 „Wird dein Sohn sich um dich kümmern?“ fragte Jenny.

 „In gewisser Weise“, antwortete Catherine ausweichend.

Jacob hatte sie und Jenny alleine gelassen, damit sie sich verabschieden konnten.

 „Du hast nie etwas erzählt von ihm oder… von seinem Vater.“ Jenny blickte sie neugierig an.

 „Es gab…, es gab keine Möglichkeit dazu“, sagte Catherine.

Erneut blickte Jenny sie prüfend an. Wie viele Geheimnisse vertrug eine Freundschaft.

 „Ich wusste, dass du damals überlebt hast und ins Zeugenschutzprogramm gekommen bist, aber von einem Mann und von einem Kind hast du mir nie etwas erzählt.“ Jenny hielt kurz in ihren Worten inne. Dann lachte sie etwas gekünstelt. „Ich meine, unter Freundinnen sollte es normalerweise anders herum sein, oder.“

 „Jenny, es tut mir leid.“ Catherine spürte, wie ihre Freundin sich innerlich von ihr zurückzog. Ein schmerzhafter Stich durchzog ihre Brust. Dabei war es doch nichts Neues. In all den Jahren, wo sie unter falschen Namen gelebt hatte, war sie allein gewesen. Nie hatte sie sich jemandem wirklich anvertrauen können. Geheimnisse hier und Geheimnisse dort. Es hatte nie jemanden gegeben, der wirklich über alles Bescheid gewusst hatte in ihrem Leben. Nein, das stimmte nicht ganz. Peter hatte gewusst, dass sie lebte und er hatte über die Tunnel Bescheid gewusst. Er hatte ihr Geheimnis bewahrt, auch wenn er es nicht verstand.

Jenny gab sich einen Ruck. „Ich nehme an, du hattest deine Gründe.“ Sie lächelte wieder.

Catherine nickte dankbar und schluckte. „Was machst du jetzt nach dem Tod deines Mannes? Ich meine, deine finanziellen Schwierigkeiten…“

 „Oh, ich glaube, dass ich das in den Griff bekomme. Es war nur schwer zu verstehen, warum Linus mir nicht die Wahrheit gesagt hatte“, erklärte Jenny. „Ich meine, ich glaube schon, dass er mich einfach beschützen wollte. Männer sind so, nicht wahr.“

Catherine lächelte leicht. „Ja, ich weiß. Männer sind so.“

 „Es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bevor ich das wirklich verarbeitet habe. Aber Joe hilft mir und unterstützt mich, wo er nur kann.“

 „Joe?“ fragte Catherine neugierig.

 „Nun ja.“ Jenny zögerte kurz. „Ja, er hilft mir. Er ist wirklich ein Schatz, weißt du. Und mein Anwalt sieht gute Chancen, dass meine Firma nicht für die entstandenen Aktienverluste haften muss.“

 „Das ist gut“, meinte Catherine und sah sich um, ob Jacob schon wieder da wäre.

 „Werden wir uns nie wiedersehen?“ Jenny wirkte selbst etwas verstört angesichts dieser ausgesprochenen Feststellung. „Ich meine, das ist eine blöde Frage, oder. Als du im Zeugenschutzprogramm warst, bin ich auch davon ausgegangen, dich nie wiederzusehen. Und doch haben wir uns gesehen und gesprochen, das eine oder andere Mal, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, warum du zu jenen Zeitpunkten auf einmal da warst.“

Catherine musste lächeln über Jennys Redefluss. „Jenny, ich… ich weiß nicht, ob wir uns wiedersehen. So vieles ist in meinem Leben passiert.“ Sie zögerte einen kurzen Moment, bevor sie weitersprach. „Ich werde mit Jacobs Vater zusammen sein.“ Sie sah wieder über ihre Schulter, ob ihr Sohn wohl in der Nähe wäre. „Ja, ich hoffe natürlich, dass ich auch so oft es geht meinen Sohn sehen kann. Du brauchst dir also um mich wirklich keine Sorgen machen.“

In Jenny Aronsons Gesicht standen tausend unausgesprochene Fragen. Es war ihr anzusehen, dass sie gerne mehr erfahren hätte, doch Catherine schwieg. Und Jenny verstand ihr Schweigen. Die beiden Frauen umarmten sich lange und verabschiedeten sich voneinander.

Catherine kam aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Sie saß neben Jacob im Auto und wunderte sich. „Wohin fahren wir?“

Er blickte kurz zu ihr hinüber und sah dann zurück auf die Straße vor sich. „Ich wollte noch bei Vicky und ihrer Mutter vorbei fahren. Ich dachte, du würdest dich vielleicht von ihnen verabschieden wollen.“

Catherine schwieg überrascht. Natürlich hätte sie selbst darauf kommen können, sich bei der starken FBI-Agentin zu bedanken und ihr Lebewohl zu sagen. Die Wahrheit war jedoch, dass sie nicht das Gefühl hatte, sich von Vicky verabschieden zu müssen. Wenn sie an Victoria Thompson dachte, die ihr Leben für sie eingesetzt hatte, kam es ihr nicht so vor, als würde sie sie nicht wiedersehen. Merkwürdig. Doch von diesem Gefühl erzählte sie Jacob nichts.

Stattdessen sagte sie nur: „Ja, das ist nett. Lieb von dir, dass du daran gedacht hast.“

 „Catherine, geht es dir gut“, begrüßte Mona Thompson sie mit ausgebreiteten Armen.

 „Ja, alles bestens“, antwortete Catherine.

Die beiden Frauen umarmten sich, während Vicky und Jake einen kurzen Blick wechselten. Eine Zeitlang war Catherine damit beschäftigt, Mona zu versichern, dass mit ihr alles in Ordnung war. Mona kochte Kaffee für alle und hörte zu.

 „Hast du schon irgendetwas vom FBI gehört wegen deiner Suspendierung?“ fragte Jake in der Zwischenzeit leise an Vicky gewandt.

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Nein.“

Er fluchte leise.

 „Was hast du denn gedacht?“ fragte Vicky zurück. „Dass sie es sich anders überlegen? Sie haben ja im Grunde auch Recht. Ich habe meine Befugnisse überschritten.“

 „Weil ich dich darum gebeten habe“, erwiderte Jake grimmig. „Ich fühle mich verdammt mies deswegen. Es war meine Entscheidung, dich aus dem Krankenhaus zu holen und um Hilfe zu bitten.“

 „Und es war meine Entscheidung, deiner Mutter und dir zu helfen“, widersprach Vicky leise, damit ihre Mutter nichts mitbekam.

Sie schwiegen beide für einen Moment.

 „Was hast du jetzt vor? Ich meine, bis das FBI sich entschieden hat, wie es mit dir weitergehen soll?“ fragte Jake.

Vicky zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Die Frage ist, ob ich dem FBI noch eine Chance geben will. Da bin ich mir nicht so sicher. Und bis ich diese Entscheidung getroffen habe, werde ich das machen, was schon lange mal fällig war: Urlaub.“

Später ging Catherine mit Vicky und Jacob nach oben. Vicky zeigte ihr das verwinkelte Haus ihrer Eltern, während Mona unten in der Küche das Geschirr in die Spülmaschine räumte.

 „Jacob hat mir erzählt, dass du Probleme mit dem FBI hast“, sagte Catherine leise, als sie in Vickys Zimmer angekommen waren.

 „Nur das Übliche“, tat Vicky es mit einem Achselzucken ab.

Catherine blieb ernst. „Jacob und ich waren heute beim FBI. Ich habe meine Aussage gemacht.“

Als die Jüngere sie fragend anblickte, sprach sie weiter. „So gut ich konnte.“

Vicky nickte verständnisvoll.

Catherine fuhr fort. „Ich habe deutlich gemacht, dass ich dir und deinem Einsatz mein Leben zu verdanken habe. Ich hoffe, dass es hilft.“

Die Jüngere lächelte sie aufmunternd an. „Mach dir um mich keine Gedanken. Es wird schon weitergehen. Vielleicht nehme ich ja das Angebot von Mr. Maxwell an. Hauptsache, dir geht es gut und du kannst endlich so leben, wie du möchtest.“

Auch Catherine lächelte. „Das hört sich nach purem Luxus an. So zu leben, wie ich möchte.“

 „Du wirst dort unten bleiben, nicht wahr“, stellte Vicky fest.

Catherine nickte. „Ja.“

Spontan umarmte Vicky die Ältere. „Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du endlich glücklich sein darfst.“

Einvernehmlich sahen sich die beiden Frauen an. Jacob sah verlegen weg und wandte sich zur Tür. Dabei stieß er mit dem Fuß an einen Karton, der auf dem Boden stand. Er sah Seile, Karabiner, Klemmen und Gurte. Neugierig bückte er sich und schaute genauer in den Karton, in dem er das Zeug für eine komplette Kletterausrüstung fand samt Zubehör. Als er sich wieder aufrichtete, hatten sich die beiden Frauen voneinander gelöst.

 „Du kletterst?“ fragte er seine Partnerin und wies auf die Kiste voller Kletterzubehör.

Victoria nickte. „Ja, früher bin ich jedes freie Wochenende mit einer Gruppe in Neu England losgezogen. Ich war aber auch schon in den Rocky Mountains.“

Jake lächelte sie spontan an, was Vicky für einen Moment den Boden unter den Füßen wegzog. „Irgendwie wundert mich das überhaupt nicht. Du liebst die Gefahr, nicht wahr“, meinte er.

 „Klettern an Seilen ist nicht gefährlich“, widersprach Vicky sofort. „Wenn man aufpasst und die Sicherheitsregeln einhält, ist es ein gutes Training und macht obendrein noch Spaß. Kletterst du?“

 „Bislang nur in Höhlen“, antwortete Jake mit einem zweideutigen Lächeln, da er wusste, dass Vicky die Andeutung verstand. Sie wusste schließlich Bescheid, wo und wie er aufgewachsen war.

Währenddessen beobachtete Catherine fasziniert die beiden bei ihrem verbalen Geplänkel.

 „Jetzt wo ich gezwungenermaßen erstmal Urlaub habe, dachte ich, ich könnte mal rausfahren und mich an einem Berg versuchen“, erklärte Vicky.

Jacob sah hinunter auf den Karton. Er lächelte merkwürdig, schwieg aber.

 „Wie lange willst du weg sein?“ fragte Catherine die Jüngere.

 „Vielleicht eine Woche“, meinte Vicky ohne Catherine dabei anzusehen. Ihr Blick blieb unverwandt an Jacob hängen. „Hast du Lust mitzukommen?“ fragte sie ihn.

Überrascht sah er sie an, und nach kurzem Zögern schüttelte er den Kopf. „Nein, ich… ich werde wohl zu viel zu tun haben.“

Dabei ließ er offen, was das denn sein sollte, dass er zu tun hatte. Catherine hatte das Gefühl, als hätte er am liebsten Ja gesagt. Sie verabschiedeten sich voneinander.

 „Dann ist das jetzt ein Lebewohl?“ fragte Vicky.

Catherine schüttelte den Kopf und sah zu ihrem Sohn, der bereits in der Tür stand. „Nein. Ich glaube nicht.“

Vicky nickte irgendwie erleichtert. Noch einmal umarmten sich die Frauen, bevor sie auseinander gingen.


New York; in den Tunneln; Catherine und Jacob

Später gingen Catherine und Jacob schweigend durch die Tunnel.

 „Ich möchte, dass Vicky zu meiner Willkommensfeier kommt“, sagte Catherine plötzlich in die Stille hinein.

Irritiert sah Jake seine Mutter an. „Welche Willkommensfeier?“

 „Jamie und Olivia planen eine Feier. Sie haben damit angefangen, als ich zurückgekommen bin. Sie meinen, damit ich weiß, dass ich hier unten willkommen bin. Auch die Helfer sollen eingeladen werden.“

 „Vicky ist kein Helfer“, wandte Jacob ein.

Catherine lächelte leicht und schaute ihren Sohn kurz von der Seite an, während sie weiter durch die Tunnel gingen.


New York; in den Tunneln; Hanna und Felix

 „Felix. Felix, wach auf.“ Hanna stupste den Jungen leicht an, der verkrümmt auf dem Boden lag und das Bewusstsein verloren hatte.

Es war stockfinster. Die Lampe war bei ihrem Sturz in die Tiefe kaputt gegangen. Das Mädchen versuchte, sich zu orientieren, doch sie fühlte sich wie in dem Schlund eines riesigen Walfisches. In der Dunkelheit hörte sie laut das anhaltende Tropfen von Wasser an den Wänden. Manchmal fielen die Tropfen auf sie und sie schüttelte sich. Zuerst hatte sie ein paarmal um Hilfe gerufen, aber dann erkannt, dass absolut niemand sie hören würde. Sie waren allein.

Noch einmal rüttelte sie Felix an. Sie waren durch einen engen Schacht gegangen. Felix mit der Lampe voran und plötzlich war er nicht mehr da gewesen, als hätte die Finsternis ihn verschluckt. Gedankenverloren war Hanna einen Schritt weiter gegangen und ins Leere getreten. Mit einem Schrei war sie in tiefe Finsternis gefallen und auf etwas Weichem gelandet. Erst hinterher hatte sie festgestellt, dass es Felix war, der ihren Sturz abgefedert hatte. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Ob Leo und Lily den Erwachsenen schon erzählt hatten, wo sie hingegangen waren. Es war ihre einzige Hoffnung auf Hilfe. Die anderen würden bestimmt beim Abendessen feststellen, dass sie nicht da waren und sie suchen. Sie musste nur lang genug warten. Hanna verbot sich zu weinen. Schließlich war sie keine Heulsuse. Ja, sie musste nur lange genug warten, bis die Großen kamen und sie hier rausholten. Das Donnerwetter darüber, das sie nicht in unbekanntes Gebiet laufen sollten, war ihr inzwischen egal. Hauptsache, sie wären wieder im Warmen und in Sicherheit. So langsam spürte sie die Kälte um sich herum.

Neben ihr rührte sich etwas. Erschrocken zuckte sie zurück und lauschte. Dann vernahm sie ein Stöhnen. Erleichtert atmete sie auf. „Felix, hörst du mich? Ich bin es, Hanna.“ Sie tastete vorsichtig nach dem Jungen und berührte seine Schultern.

Er stöhnte erneut. „Es ist so schwarz“, stammelte er leise. „Warum ist alles so schwarz?“

 „Die Lampe ist beim Sturz ausgegangen“, erklärte Hanna.

Felix stöhnte: „Wo sind wir?“

 „Ich weiß es nicht. Wir sind abgestürzt.“

 „Warum…“ Dem Jungen blieb scheinbar die Luft weg. Er versuchte sich aufzurichten. „Wo bist du?“ fragte er.

 „Ich bin hier.“ Hanna berührte ihn mit ihrer Hand und fand sein Gesicht. „Kannst du dich bewegen?“

 „Ich weiß nicht“, flüsterte Felix. „Mir tut alles weh.“

 „Ich weiß nicht, wie tief wir gefallen sind“, sagte Hanna. „Aber die anderen suchen bestimmt schon nach uns. Die finden uns bald.“ Ihre Stimme klang zuversichtlicher als sie sich fühlte.

 „Die wissen doch gar nicht, wo wir sind“, antwortete Felix.

 „Aber Leo und Lily wissen es und…“ Hanna verstummte abrupt. Sie hatte etwas gehört. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit.

 „Was ist los?“ fragte der Junge.

 „Pst. Sei still“, antwortete Hanna. „Ich habe Schritte gehört.“

Nach einem Moment des Schweigens hörte Felix es auch.

 „Da kommt jemand“, flüsterte er.

Ängstlich tasteten sich die Kinder aneinander. Ihre Furcht war förmlich mit Händen zu greifen. Die Schritte schienen näher zu kommen. Irgendwo seitlich von ihnen. Nicht von oben, wo sie herabgestürzt waren.

 „Ich habe Angst“, flüsterte Hanna mit zitternder Stimme.

Wer immer es war, musste jetzt ganz nahe sein. Plötzlich verstummten die Schritte. Stille breitete sich aus. Die Kinder trauten sich nicht einmal mehr zu atmen. Dann hörten sie wieder die Schritte. Doch diesmal entfernten sie sich von ihnen. Immer weiter, bis nichts mehr zu hören war. Endlich trauten sich Hanna und Felix wieder zu atmen. Doch dann erklangen die Schritte hoch über ihnen. Angstvoll blickten sie in die Schwärze nach oben.


New York; in den Tunneln; Catherine, Jacob, Vincent, Luke, Olivia, Kannon, Mouse, Jamie, weitere Tunnelbewohner


Zunächst wunderten sich Catherine und Jacob, dass ihnen in den Tunneln niemand begegnete. Sie waren schon weit in den inneren Bereich gegangen, als sie auf eine Gruppe von Leuten stießen, die mit Lampen unterwegs waren.

 „Was ist los?“ fragte Jake, der sofort spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

 „Wir sind auf der Suche nach ein paar Kindern, die vermisst werden“, antwortete Luke, Olivias und Kannons Sohn.

 „Oh mein Gott“, flüsterte Catherine betroffen.

 „Wir sind gerade auf dem Rückweg von dem Abschnitt, den wir durchsucht haben, um uns mit den anderen Suchtrupps in Vaters alter Kammer zu treffen“, berichtete Luke weiter.

 „Dann lasst uns schnell gehen“, forderte Jacob die Gruppe auf.

Gemeinsam eilten sie in Vaters alte Kammer, wo sich viele der Tunnelbewohner eingefunden hatten. Die anderen Suchtrupps waren bereits ohne Erfolg zurückgekehrt.

 „Catherine“, rief Vincent erleichtert aus, als er sie und seinen Sohn zusammen mit dem letzten Suchtrupp eintreffen sah.

Catherine ging zu ihm und umarmte ihn kurz. „Wir haben schon gehört, dass Kinder vermisst werden.“

 „Leo, Lily, Hanna und Felix, um genau zu sein“, berichtete Olivia, die Catherine ebenso begrüßte wie Jacob.

 „Wissen die anderen Kinder nicht, wo die vier hingegangen sind?“ fragte Jacob.

 „Wir haben sie schon gefragt“, antwortete Olivia. „Sie haben genauso Angst um sie, wie wir alle.“

Vincent schüttelte den Kopf, als könne er es nicht glauben. Gleichzeitig hielt er Catherines Hand, froh in diesem Moment nicht mehr allein zu sein. „Gestern waren die meisten noch bei mir am Krankenbett und wollten die alten Geschichten von früher von mir hören. Und jetzt das.“

Catherine runzelte die Stirn. Auch sie konnte sich an die Szene erinnern, als die Kinder in Vincents Kammer gekommen waren. Sie hatte sich zu dem Zeitpunkt zurückgezogen und ihn mit den Kindern alleine gelassen.

 „Was hast du ihnen für Geschichten erzählt?“ fragte sie.

Seine Miene hellte sich auf. „Von uns. Ich habe ihnen Geschichten von uns erzählt. Wie wir uns kennengelernt haben. Auch von anderen Ereignissen hier in den Tunneln, als Vater und ich im Labyrinth verschüttet waren und du uns geholfen hast.“

 „Das Labyrinth“, flüsterte Catherine einer Eingebung folgend. „Vielleicht sind sie dort.“

 „Die Zugänge zum Labyrinth sind schon lange zugemauert“, sagte Mouse selbstsicher aus dem Hintergrund. „Habe ich damals mitgeholfen.“

 „Aber nur die Zugänge, die an den bewohnten Bereich grenzen“, widersprach Jacob. „Man kann von außen durch alte Tunnel drum herum gehen und von der anderen Seite…“ Er verstummte abrupt, weil er in die fragenden Gesichter der Leute ringsherum und insbesondere von seinem Vater schaute.

 „Woher willst du das so genau wissen?“ fragte Mouse prompt.

 „Das müssten eigentlich viele wissen. Das war früher für uns Kinder eine Art Mutprobe gewesen. Jeder kannte die Geschichte vom Labyrinth, und einige trauten sich nur bis zu den zugemauerten Wänden“, erklärte Jacob. „Die Mutigen sind weiter gegangen auf die andere Seite. Da gibt es noch offene Zugänge. Daniel und ich sind mal kurz hinein gegangen, aber man muss höllisch aufpassen, um nicht abzustürzen. Da geht es teilweise ganz schön tief runter.“ Jake schaute in die vorwurfsvollen Gesichter der anderen Bewohner und seiner Eltern. Für einen Moment fühlte er sich wieder wie vierzehn, als er sagte: „Tut mir leid, Pa.“

 „Meint ihr wirklich, dass sie so weit gegangen sind?“ fragte Alexander.

 „Sie wollten zum Labyrinth gehen“, erklang auf einmal die Stimme eines Kindes von der Treppe her.

Alle Köpfe drehten sich in die Richtung des Mädchens mit den langen, braunen Haaren.

 „Clara, was weißt du darüber?“ fragte Olivia streng.

Das Mädchen wurde rot im Gesicht, als es nun alle Aufmerksamkeit auf sich gerichtet fühlte.

 „Na los, sag schon, was du weißt“, sagte Ben, der neben ihr stand und sie mit dem Ellenbogen anstieß.

Ängstlich zögerte sie noch einen Moment.

 „Clara.“ Olivias Stimme wurde drohend.

 „Du machst ihr Angst“, wandte Jamie ein.

 „Sie haben gestern schon die ganze Zeit zusammen gestanden“, erzählte Clara jetzt. „Felix meinte, er würde ins Labyrinth steigen. Leo hat ihm gesagt, dass alles zugemauert wäre, aber er kannte den Weg und wollte die anderen hinführen.“

 „Warum hast du uns das nicht gleich gesagt. Verdammt“, fluchte Kannon laut.

Clara zog sich ängstlich zurück, als sie die vorwurfsvollen Blicke der Erwachsenen auf sich spürte.

Nur Catherine lächelte ihr aufmunternd zu. „Es ist gut, dass du es uns jetzt gesagt hast.“

Schüchtern nickte ihr die Kleine als Antwort zu.

 „Also los“, meinte Mouse in der Zwischenzeit. „Dann lasst uns zum Labyrinth gehen. Wer kommt mit?“

Kannon und Luke waren sofort bereit, auch Alexander für den Fall, dass jemand verletzt wäre.

 „Ich begleite euch“, sagte Jacob spontan, weil er die Unruhe seines Vaters spürte. „Ich kenne den Weg, der außen herumführt, falls sie den genommen haben.“ Er nickte Vincent und Catherine zu. „Macht euch keine Sorgen. Ich kenne mich da aus.“

Mit Lampen versehen verließ der Trupp zusammen die Kammer.

Vincent schaute seinem Sohn stirnrunzelnd nach. „Ich sollte jetzt wohl nicht fragen, warum er sich dort so gut auskennt.“

Trotz dem Ernst der Lage musste Catherine lächeln. „Vermutlich, weil er den gleichen Forscherdrang hat wie sein Vater“, meinte sie leicht zu ihm.


New York; in den Tunneln; Felix, Hanna, Leo

 “Wer ist da?” rief Felix forsch in die Dunkelheit und mutiger, als er sich eigentlich fühlte.

 „Hanna? Felix? Seid ihr da?“ fragte eine Stimme zurück.

 „Leo, du hast uns zu Tode erschreckt“, rief Hanna mit vor Erleichterung zitternder Stimme.

 „Kommt nicht weiter“, rief Felix als Warnung. „Hier geht es steil nach unten. Wir sind abgestürzt.“

 „Was ist mit eurer Lampe?“ fragte Hanna.

 „Die ist aus gegangen“, antwortete Leo. „Ich bin einfach im Dunkeln weiter gegangen und habe mich an der Wand entlang getastet. Lily sitzt ein Stück weiter hinten auf dem Boden und heult.“

 „Aber du bist doch eben fast an uns vorbei gegangen“, widersprach Hanna. „Hier unten. Ganz dicht vorbei und hast kein Wort gesagt.“

 „Ich bin nirgendwo nach unten gegangen“, widersprach Leo. „Ich bin nur an der Wand entlang gegangen.“

 „Aber…, da war jemand“, stammelte Hanna.

 „Wer?“ fragte Leo.

In diesem Moment heulte ein Wind durch die Tunnel und wirbelte den Staub auf dem Boden auf. Die Kinder duckten sich zusammen. Als der Wind nachließ, hörten sie wieder Schritte.


New York; in den Tunneln; Lily, Leo, Hanna, Felix, Jacob, Mouse, Alexander, Kannon, Luke

Lily hatte sich dicht an die Wand gekauert, als der Suchtrupp sie fand. Als Alexander sich zu ihr hinunter beugte und sie sacht berührte, um zu sehen, ob sie verletzt war, schrie sie panisch auf. Sie versuchte, hektisch um sich zu schlagen, doch schließlich gelang es dem Arzt sie mit leisen Worten zu beruhigen.

 „Sie haben mich allein gelassen“, schluchzte das Mädchen. „Leo auch.“ Ihr Gesicht war von der Höhlenwand dreckverschmiert.

 „Bleib du bei ihr“, meinte Jacob. „Wir gehen noch ein Stück weiter.“

 „Hallo!“ rief Mouse laut und leuchtete mit der Lampe weiter in den Tunnel hinein. „Hanna, Leo, Felix. Seid ihr da.“

Die Männer schritten gemeinsam weiter.

 „Hierher“, ertönte plötzlich eine leise Stimme. „Wir sind hier.“

 „Das ist Leo“, meinte Luke.

Hinter der nächsten Biegung fanden sie ihn dicht am Rande eines Abgrunds, der mehrere Meter tief hinunter ging.

 „Sie sind da unten“, sagte Leo und deutete mit dem Finger den Abgrund hinab.

Das war der Moment, wo die Männer das Schlimmste befürchteten. Luke kniete vorsichtig am Rand des Abgrunds und leuchtete hinab. Hanna blinzelte verwirrt in das plötzliche, helle Licht.

 „Wir sind hier unten“, sagte sie mit dünner Stimme. „Felix ist verletzt. Er kann sich nicht richtig bewegen.“

 „Hol Alexander“, meinte Jacob zu Luke, der sofort los eilte und Alexander zusammen mit Lily herbrachte.

 „Haben wir ein Seil dabei?“ fragte Jacob dann.

Die anderen schüttelten den Kopf.

 „In meiner Kammer“, meinte Mouse. „Ich kann es holen.“

 „Ein Seil nützt nichts, wenn der Junge ernsthafte Verletzungen hat“, sagte Alexander bestimmt. „Im schlimmsten Fall fügen wir ihm damit nur noch weitere Verletzungen zu.“

 „Was schlägst du vor, wie wir den Jungen dort unten wegschaffen sollen?“ fragte Jacob.

 „Wir brauchen stabile Haltegurte, Seile und Haken, um die beiden sicher nach oben ziehen zu können“, meinte Luke. „Die Wand nach unten scheint vom Wasser ziemlich glitschig zu sein.“

 „Aber woher…“ fing Mouse an, doch Jacob schlug ihm kurz auf die Schulter.

 „Ich muss schnell nach oben. Ich weiß, wer uns helfen kann.“ Damit verschwand er eilig in der Dunkelheit.


New York; Haus von Mona und Victoria Thompson; Jake, Vicky, Mona Thompson

Zuerst klingelte es Sturm. Dann folgte ein heftiges Klopfen unten an der Tür. Vicky warf sich schnell etwas über und hoffte, schneller zu sein als ihre Mutter. Doch als sie unten angekommen war, öffnete Mona bereits die Eingangstür.

 „Ist Vicky da?“ hörte sie Jake atemlos fragen.

 „Ja, natürlich, aber…“, begann Mona, doch Vicky stand schon neben ihr.

 „Jake? Ist irgendetwas passiert?“ Die Frage lag auf der Hand, da es bereits spät abends war.

Jake wirkte abgehetzt, so als wäre er gerannt. „Ich brauche deine Ausrüstung“, antwortete er bestimmt.

 „Wofür?“ fragte Vicky.

 „Kommen Sie doch erstmal rein“, warf Mona ein.

Jacob schaute Vicky ernst an und warf einen Seitenblick zu Vickys Mutter. Victoria verstand sofort.

 „Mom, du kannst dich ruhig wieder hinlegen“, sagte sie zu ihrer Mutter gewandt.

Die warf ihrer Tochter einen teils amüsierten, teils neugierigen Blick zu. „Ich verstehe“, sagte sie nur und ging zur Treppe, nicht ohne Vicky kurz über den Arm zu streicheln.

Als die beiden hörten, wie Mona auf der Treppe nach oben stieg, berichtete Jacob schnell. „Einige Kinder sind im Labyrinth abgestürzt. Ein Junge ist verletzt. Du hast doch stabile Gurte bei deiner Kletterausrüstung.“

 „Ja, natürlich“, antwortete Vicky. „Aber…“

 „Kannst du sie mir ausleihen. Dann können wir den Jungen sicher nach oben schaffen.“

Vicky erfasste die Dringlichkeit sofort, auch wenn sie nicht wusste, was das Labyrinth war. „Ich ziehe mich grad an und komme mit“, sagte sie.

Jake wollte schon einwenden, dass das nicht nötig wäre, doch da war sie schon verschwunden. Kaum fünf Minuten später kam sie fertig angezogen mit ihrer kompletten Ausrüstung zurück. Sie hatte ihrer Mutter kurz Bescheid gegeben, dass sie nochmal weg musste. Sie drückte Jake den Karton mit der Ausrüstung in den Arm und zog die Eingangstür entschlossen hinter sich zu.

 „Dann lass uns gehen“, sagte sie.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Mouse, Alexander, Catherine, Vincent, weitere Tunnelbewohner

Jacob hielt sich nicht damit auf, zu seinen Eltern in den bewohnten Bereich zu gehen, um ihnen Bescheid zu geben. Er kannte sich in dem unterirdischen Tunnelsystem bestens aus. Besser als wie sein Vater vermutete. Sie nahmen einen Zugang, der in einem Haus von einem Helfer lag. Jake hatte eine Taschenlampe aus seinem Auto geholt, die er Vicky in die Hand drückte. Dann gingen sie durch düstere und verlassene Schächte immer tiefer. Vicky war froh, sich eine Jacke übergezogen zu haben.

 „Du weißt hoffentlich, wo wir sind“, meinte sie halb im Scherz und halb ernst.

 „Ja, mach dir keine Sorgen“, antwortete Jake. „Wir sind in den äußeren Bereichen.“

Vicky leuchtete den Weg mit der Taschenlampe, während Jake den Karton trug. Alles um sie herum wirkte kalt und unwirtlich, nicht so wie die anderen Kammern und Gänge, wo die Menschen lebten.

Es schien, als hätte Jacob ihre Gedanken erraten. „Diese Wege sind normalerweise nur Zugänge nach oben zu unseren Helfern oder in die Welt oben. Die meisten sind nicht beleuchtet. Wir bewachen nur den bewohnten Teil der Tunnel, damit kein Fremder hinein kommt. Wir nehmen jetzt nur diesen Weg, weil es schneller ist, um zum Labyrinth zu kommen.“

Vicky fiel auf, dass er in der Wir-Form sprach. Er sah sich immer noch als Teil der Gemeinschaft in den Tunneln. Vielleicht war ihm das gar nicht bewusst.

 „Was ist denn das Labyrinth?“ fragte sie neugierig.

 „Ein Gebiet von Gängen und Kammern, der schon seit Jahrzehnten langsam vom Wasser ausgehöhlt und zerfressen wird. Mein Vater war vor über dreißig Jahren mal dort verschüttet und meine Mutter hat geholfen, ihn daraus zu befreien“, erzählte Jake bereitwillig und war froh, dass er etwas von seinen Eltern von damals wusste.

 „Also ist Wasser dort?“ fragte Vicky.

 „Kein Fluss, aber es tropft von allen Seiten, wenn man drin ist. Weil es seit jeher brüchig und einsturzgefährdet war, wurde es nach dieser Sache damals zugemauert“, erzählte Jake weiter.

 „Aber du warst trotzdem drin“, stellte die Frau neben ihm amüsiert fest.

 „Sie haben nur die Zugänge zum bewohnten Teil zugemauert und als Kind war ich sehr abenteuerlustig“, gab Jake zu.

Das konnte sich Vicky denken. Danach sprachen sie nicht mehr miteinander. Vicky vertraute ihm und folgte ihrem Partner durch die Dunkelheit. Als sie mehr und mehr das Tropfen von Wasser wahrnahm, wusste sie, dass es nicht mehr weit sein konnte. Mouse und Kannon erwarteten sie.

 „Luke ist zusammen mit Lily und Leo zurück gegangen“, informierte Mouse sie.

Jacob nickte und deutete in die Tiefe, wo Hanna und Felix ausharrten und vor Kälte zitterten. Victoria erfasste die Situation sofort.

 „Wie schlimm ist der Junge verletzt?“ fragte sie.

 „Vermutlich Knochenbrüche an einem Bein und einem Arm“, antwortete Alexander, der zwischenzeitlich mit Felix gesprochen und durch Fragen und Felix‘ Antworten die Schwere seiner Verletzungen abgeschätzt hatte.

 „Ich habe mehrere Gurte dabei“, sagte Vicky zu Jake und den anderen. „Am besten, ich steige am Seil mit der Ausrüstung hinunter und lege den Kindern die passenden an. Dann könnt ihr sie raufziehen.“

Jake schüttelte den Kopf. „Das ist zu gefährlich. Die Wände sind glitschig. Du hast keinen sicheren Halt.“

 „Wer hat hier die Erfahrung im Klettern?“ widersprach sie.

 „Aber nur an rauen Felswänden und bei Tageslicht“, wandte Jacob ein. „Komm, gib mir die Ausrüstung“, sagte er energisch. „Ich kenne mich hier in den Höhlen aus. Du sicherst mich von oben.“

Kurz fochten die beiden einen inneren Kampf mit ihren Blicken aus.

Dann nickte Vicky. „Also gut.“

Geschickt legte sich Jake die Gurte an. Vicky legte sich das Seil um die Hüften, um ihn auf diese Weise hinunter zu lassen.

 „Du bist nicht durch zusätzliche Haken und Karabiner gesichert, wie das normalerweise beim Klettern üblich ist. Also pass auf, dass du nicht abrutschst.“

 „Tja, dann wirst du mich wohl gut festhalten müssen“, meinte Jake scherzhaft zu ihr.

Er wartete ihre Reaktion nicht mehr ab und begann sich abzuseilen. Die Bergung der beiden Kinder unterhalb des Tunnels erforderte in den darauffolgenden Minuten ihre ganze Aufmerksamkeit. Mit vereinten Kräften schafften Sie es, dass die Kinder sicher nach oben kamen. Nachdem Alexander den Jungen kurz untersucht hatte, gab er Entwarnung. Felix hatte sich wohl nur das Handgelenk und den Fuß verstaucht und sicherlich jede Menge Prellungen. Hanna war scheinbar mit dem Schrecken davon gekommen. Als letztes kletterte Jacob geschickt an der Höhlenwand empor, nur durch das Seil, das Vicky hielt, gesichert. Als er oben ankam, atmeten alle erleichtert auf. Zusammen machten sie sich auf den Rückweg.

In der großen Kammer wurden sie erwartungsvoll und froh empfangen. Alexander kümmerte sich um Felix Verletzungen. Hanna erzählte aufgeregt von einem Geist, dessen Schritte sie im Labyrinth vernommen hätten, doch niemand glaubte ihr und Felix. Die Anspannung aller entlud sich in einer allgemeinen Erleichterung. Nur Vicky fühlte sich auf einmal verloren und abseits inmitten der familiären Stimmung der Tunnelbewohner. Sie stand am Rande und wirkte nachdenklich. Diese Menschen bildeten eine Familie. Sie waren Jakes Familie. Sie griff nach dem Karton mit ihrer Ausrüstung. Wenigstens hatte sie diesen Menschen helfen können, dachte sie.

 „Du willst gehen“, wurde sie plötzlich von der Seite angesprochen. Catherine berührte sie leicht am Arm und lächelte sie an.

 „Mom wird sich Sorgen machen, wenn ich die ganze Nacht wegbleibe“, meinte Vicky.

Catherine nickte verständnisvoll.

 „Luke kann dich nach oben führen“, sagte Vincent, der hinzugekommen war.

Dankbar nickte Vicky. „Das wäre nett.“ Sie sah kurz zu Jake hinüber, der in ein Gespräch mit einem der Tunnelbewohner war.

 „Ich wollte dich noch etwas fragen“, begann Catherine dann. „Es wird eine Willkommensfeier für mich hier gegeben. Es wäre schön, wenn du kommen könntest.“

 „Willkommensfeier?“ Verwirrt schaute Vicky die Frau neben sich an.

 „Natürlich nur, wenn du Zeit hast und kommen möchtest“, meinte Catherine, die das Zögern der FBI-Agentin spürte.

 „Es wäre uns eine große Ehre, wenn du dabei sein könntest“, sagte Vincent.

Die altmodischen Angewohnheiten und Ausdrucksweisen mussten Jake von seinem Vater haben, dachte Vicky unwillkürlich. Noch einmal sah sie sich in dem Raum mit den Felswänden und den teils merkwürdig gekleideten Menschen um.

Dann lächelte sie die beiden an. „Ja, ich würde sehr gerne kommen.“

Catherine lächelte sie erleichtert an. „Gut. Wir schicken dir eine Nachricht.“ Die beiden Frauen umarmten sich noch einmal. „Und vielen Dank für alles.“


New York; Haus von Mona Thompson, die Tunnel; Jacob (Jake) und Victoria (Vicky)

Jacob parkte seinen Wagen am Straßenrand. Er stieg aus und lief leichtfüßig die wenigen Stufen zur Eingangstür hoch. Er freute sich auf den Abend, der vor ihnen lag. Die Tunnelbewohner hatten die große Halle geschmückt, und viele Helfer hatten zugesagt zu kommen. Es war fast genauso wie beim Winterfest. Jake hatte zum Teil bei den Vorbereitungen geholfen, soweit seine Arbeit ihm Zeit dazu ließ. Denn noch immer war die Behörde damit beschäftigt, die Hintergründe um die Verräter beim FBI aufzuklären, die gemeinsame Sache mit dem organisierten Verbrechen gemacht hatten. Zumindest seiner Karriere hatte die Sache enorm geholfen. Sein zielstrebiges Handeln, um seine Mutter zu schützen war allgemein gelobt worden. Er saß jetzt fester im Sattel als je zuvor. Das kam nicht nur ihm zugute. Er brannte darauf, Vicky die gute Nachricht zu überbringen. Und insgeheim, ohne dass er es sich selbst eingestehen wollte, freute er sich darauf, auch in Zukunft eng mit ihr zusammen zu arbeiten. Sie hatten sich die letzten Wochen nicht gesehen. Zum einen war Vicky ein paar Tage weggefahren, zum anderen war Jake oft in Washington, um dort bei der Aufarbeitung der liegen gebliebenen Fälle zu helfen.

Jake atmete noch einmal tief durch, bevor er laut an die Tür klopfte. Vicky wusste, dass er kam. Er hatte ihr eine Nachricht geschickt, dass er sie heute abholen würde. Als sich die Tür von innen öffnete, schaute er in die Augen seiner Partnerin. Er hatte sie mit einem seiner lockeren Sprüche begrüßen wollen, doch sein Kopf schien mit einem Mal wie leergefegt. Vor ihm stand eine atemberaubend schöne Frau in einem dunkelblauen Kleid. Sie trug Ohrringe und hatte das Haar zu einem eleganten Knoten hochgesteckt. Jake wollte schon den Mund öffnen und fragen, wo Victoria wäre, als die Erkenntnis endlich seinen Verstand erreichte.

 „Vicky?“ fragte er völlig verwirrt und entrückt.

Sie lächelte ihn zurückhaltend an. „Ich bin gleich so weit. Ich hole nur noch meine Jacke.“ Damit eilte sie zurück ins Innere des Hauses.

Jake wagte nicht, sich von der Stelle zu bewegen. Er fühlte sich wie in einem seltsamen Traum gefangen. Als seine Partnerin zurückkam und die Tür hinter sich zuzog, fühlte er sich noch immer wie ein Schlafwandler. War diese elegante Frau neben ihm wirklich seine FBI-Partnerin, die nicht davor zurückschreckte, sich ihren Gegnern mutig in den Weg zu stellen.

 „Du sagst ja gar nichts“, sagte sie leichthin zu ihm.

Er musste sich erst räuspern, bevor er einen Ton hervor brachte. „Entschuldige bitte. Du… du siehst toll aus.“

Sie wurde rot. Sein Kompliment machte sie verlegen. „Danke“, murmelte sie leise und stieg auf der Beifahrerseite in den Wagen.

Jake setzte sich auf die Fahrerseite und startete den Wagen.

 „Wohin fahren wir?“ fragte Vicky und als sie merkte, dass ihre Frage missverständlich klang, ergänzte sie, „ich meine, welchen Eingang zu den Tunneln nehmen wir.“

Jake schmunzelte. Für Vicky war das alles noch sehr ungewohnt. „Ich fahre zu Moms Appartement, wo ich zurzeit wohne, wenn ich in New York bin.“

 „Ach“, erwiderte Vicky.

 „Wir nehmen den Eingang, der sich dort im Keller befindet“, erklärte Jake weiter.

 „Ich habe das Gefühl, ganz New York ist durchlöchert von Tunneln und Eingängen wie ein Schweizer Käse“, bemerkte Vicky scherzhaft.

 „Ganz so schlimm ist es nicht“, meinte Jake und sah kurz zu ihr. Er schluckte. Sie sah anders aus wie sonst. Nicht die unauffällige FBI-Agentin in Hose und Blazer. Sie sah einfach… heiß aus. Dann fiel ihm auf einmal ein, was er ihr so dringend hatte mitteilen wollen.

 „Ich habe übrigens gute Neuigkeiten für dich“, fing er an. „Du kannst nächste Woche deine Arbeit beim FBI wieder aufnehmen. Die Vorwürfe gegen dich wurden fallen gelassen.“

Statt der erwarteten Erleichterung seiner Partnerin folgte nur ein Schweigen seiner Ankündigung. Nervös sah Jake zu ihr hinüber. Vicky blickte still aus dem Seitenfenster.

 „Hast du mich verstanden?“ fragte Jake. „Du bist wieder im Spiel.“

Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und lächelte flüchtig. „Ich nehme an, das habe ich deinem Einfluss zu verdanken.“

 „Ich habe nur mehrfach betont, wie herausragend dein Einsatz bei der Befreiung meiner Mutter war und dass ich es ohne deine Hilfe nicht geschafft hätte.“ Jake spulte das wie ein Tonband ab.

 „Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben“, meinte Vicky spöttisch.

Sie fuhren in die Tiefgarage des Appartementhauses, in dem sich Catherines Wohnung befand. Jetzt brauchte sie es nicht mehr, dachte Vicky bei sich. Catherine würde unten in den Tunneln leben bei Vincent, den sie liebte. Und Jacob würde hin und wieder das Appartement nutzen, wenn er in New York wäre. Doch die meiste Zeit wäre er sicherlich in Washington oder irgendwo sonst für das FBI unterwegs. So wie sie selbst auch, wenn sie zum FBI zurückkehrte und ihren Dienst wieder aufnahm.

Schweigend nahmen sie den Zugang zu den Tunneln durch den Kellerschacht unterhalb des Hauses. Inzwischen kam es Vicky nicht mehr sonderbar vor, durch die Tunnel zu gehen. Jake hatte eine Taschenlampe dabei, und bald kamen sie in die Bereiche, die von Kerzenschein erhellt wurden.

 „Kommen viele Leute?“ fragte sie Jake.

 „Oh ja“, antwortete er, „viele haben zugesagt, aber ich muss dich warnen. Es wird eine ganz andere Art von Fest sein, als wie du es normalerweise kennst. Es ist fast so eine Art Winterfest.“

 „Winterfest?“ fragte sie neugierig.

 „Ja, das feiern wir im Winter“, erklärte Jake, ohne sich bewusst zu sein, wie begeistert seine Stimme klang. „Es ist etwas Besonderes für uns, denn wir feiern es mit allen Helfern von oben zusammen, um ihnen zu danken, denn ohne ihre Hilfe wäre die Welt hier unten sehr dunkel.“

Unwillkürlich musste Victoria bei dieser Beschreibung lächeln. Gemeinsam gingen sie weiter durch die Tunnel.


New York; in den Tunneln, die große Halle; Catherine, Vincent, Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Tunnelbewohner und Helfer

Die große Halle war festlich geschmückt. Alle Tunnelbewohner hatten geholfen bei den Vorbereitungen. Catherine hatte das alles zwiespältig beobachtet. Sie wollte nicht so viel Aufmerksamkeit, es war ihr irgendwie unangenehm, auch wenn alle begeistert halfen. Vincent, der noch immer an Krücken ging, versuchte sie zu beruhigen.

 „Du kannst sie nicht aufhalten“, meinte er. „Alle freuen sich, dass du da bist.“

 „Ich bin auch froh, hier zu sein“, erwiderte sie. „Aber dieses Fest scheint von einer kleinen Feier, das es anfangs nur sein sollte, zu einem pompösen Fest auszuarten.“

 „Du übertreibst“, meinte Jamie, die mit einer Girlande aus Buchsbaum an den beiden vorbeikam. Am Ende war alles getan.

Zur Freude aller war Geoffrey von seiner schweren Verletzung genesen und aus dem Krankenhaus entlassen worden. Am Tag des Fests war die Halle herausgeputzt, wie sie es sonst nur zum alljährlichen Winterfest war. Viele Helfer kamen, von einigen Wachen durch die Tunnel geführt. Einige kannte Catherine noch nicht. Trotzdem begrüßte sie zusammen mit Vincent jeden Eintreffenden. Umso mehr freute sie sich, als ihr auf einmal Laura gegenüber stand. Aus dem taubstummen Mädchen von einst war eine reife Frau geworden, die inzwischen selbst erwachsene Kinder hatte. Die Anwesenden waren festlich gekleidet. Catherine trug ein silbergraues Kleid mit langen Ärmeln. Vincent wirkte in seinem Rüschenhemd und der Weste wie ein Adliger aus alten Zeiten. Ihr Sohn Jacob kam als einer der letzten zusammen mit Victoria. Zusammen ging der Tross über die windumtoste Treppe hinab zur großen Halle. Diesmal schob Vincent, der durch sein Bein noch sehr eingeschränkt war, die breite, zweiflüglige Tür nicht alleine auf. Er wurde von Jacob unterstützt. Danach entzündeten sie die Kerzen in der großen Halle. Ralph, der Koch, hatte die Tafel festlich gedeckt, so dass für jeden genug da war. Die Kinder sangen, und einige holten ihre Instrumente hervor und spielten Musik, während sich Bewohner und Helfer über Neuigkeiten austauschten.

Catherine fühlte sich zurück versetzt in die Zeit damals, als sie ihr erstes und einziges Winterfest hier unten gefeiert hatte. Das war so lange her.

 „Du bist so still“, murmelte Vincent leise neben ihr.

Ein schwaches Lächeln flog über ihr Gesicht. „Es sind die Erinnerungen an damals“, antwortete sie leise. „Es gibt so viele, die nicht mehr da sind.“

Vincent nahm ihre Hand. „Doch das sind sie. Vater und all die anderen, die von uns gegangen sind. Tief in mir fühle ich, dass sie jetzt in diesem Moment bei uns sind.“

Sie lächelte ihn an. „Vielleicht hast du Recht.“

Hand in Hand schlenderten sie von Gruppe zu Gruppe, sahen den Kindern beim Musizieren zu und sprachen mit vielen Freunden. Es wurde viel gelacht und Geschichten erzählt von Zeiten, die Catherine nicht hatte miterleben können. Begierig saugte sie diese Erzählungen in sich auf, denn so hatte sie das Gefühl, mehr und mehr ein Teil der Gemeinschaft zu werden. Sie gehörte jetzt hierher. Das stand für sie unumstößlich fest. Hin und wieder sah sie neugierig zu ihrem Sohn hinüber, der zusammen mit Vicky gerade in ein Gespräch mit Luke und Daniel vertieft war. Kurz runzelte sie die Stirn. Sie musste unbedingt noch einmal unter vier Augen mit ihm sprechen. Interessiert nahm sie zur Kenntnis, wie eng Jacob und Vicky zusammen standen, und Hoffnung keimte in ihr auf. Sie hatte schon den ganzen Abend über beobachtet, wie ihr Sohn Vicky herum geführt und vorgestellt hatte. Er war mit ihr durch die Halle geschlendert und hatte ihr dieses und jenes erklärt. Ein breites Lächeln überzog Catherines Gesicht, und Vincent, der sie unbemerkt beobachtet hatte, schien es, als würde die Sonne aufgehen und nur für ihn erstrahlen. Hier stand die Frau, die er sein Leben lang liebte, neben ihm, und das Glück strahlte ihr aus den Augen. Er drückte kurz ihre Hand und sie sah zu ihm auf. Sie blickte noch einmal zu ihrem Sohn hinüber und Vincent folgte ihrem Blick. Dann wandte sie sich wieder lächelnd zu Vincent um. Und in diesem Moment in der großen Halle, umgeben von all den Freunden, stellte sich Catherine spontan auf die Zehenspitzen und küsste Vincent innig auf den Mund, so dass jeder es sehen konnte. Manche in ihrer unmittelbaren Nähe hielten verblüfft inne, angesichts dieser ungewohnten zärtlichen Geste zwischen diesem außergewöhnlichen Paar. Auch Vicky und Jake hatten es gesehen. Während Jake zunächst verblüfft und dann erfreut reagierte, dass seine Eltern ihre Liebe so offen füreinander zeigten, hatte Vicky das Gefühl, dass es ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Der innige Kuss zwischen dem seltsam aussehenden Mann und dieser mutigen Frau rührte etwas tief in ihr.

 „Komm“, meinte Jake zu ihr. „Ich möchte dir noch etwas anderes zeigen.“

Er zog sie mit sich hinaus aus der großen Halle. Er führte sie zum Wasserfall und zum Garten, er zeigte ihr Kammern und Gänge und eine Höhle voller Kristalle. Er zeigte Victoria die Welt, in der er groß geworden war. Nach allem, was sie getan hatte, verdiente sie Ehrlichkeit, und Jacob wusste das Geheimnis bei ihr gut aufgehoben. Merkwürdig, dachte er, es war das erste Mal, dass er eine Frau in seinem Alter kannte, der er bedingungslos vertraute.

 „Wie tief geht es hinunter?“ fragte Vicky, als sie zusammen auf der Hängebrücke standen, wo die Stimmen und Geräusche der Welt oben wie geisterhaft widerhallten.

 „Niemand weiß, wie tief es hier wirklich in der Erde hinunter geht“, antwortete Jake. „Ich kann dir nur sagen, dass man mehrere Tage lang stetig bergab gehen kann ohne an ein Ende zu gelangen. Es wird nur ständig wärmer und heißer, je weiter es geht.“

 „Du hast das schon getan, nicht wahr“, stellte Vicky fest.

Jake lächelte leicht. „Ich sagte doch, ich war schon früher sehr abenteuerlustig.“

 „Wusste dein Vater darüber Bescheid?“ fragte sie.

 „Nicht über alles. Aber du wirst dich wundern, viele Touren haben wir gemeinsam unternommen.“

Sie gingen weiter.

 „Vermisst du das nicht alles, wenn du in der Welt oben für das FBI unterwegs bist?“ fragte die junge Frau weiter.

Jake antwortete nicht sofort. „Die Welt oben hat ihre eigenen Reize, und ich kann ein ganz normales Leben führen.“

 „Bist du deswegen nach oben gegangen und hast dich zum FBI-Agenten ausbilden lassen?“

 „Komm, ich möchte dir noch etwas zeigen“, lenkte Jake von Vickys Frage ab.

Es gab Dinge, über die wollte er nicht sprechen und noch nicht einmal nachdenken an diesem Abend. Zuletzt kamen sie in die alte Kammer von Vater mit all den alten Büchern. Fasziniert ging Vicky die Reihe der Klassiker durch. Shakespeare, Lord Byron, Tennyson, aber auch Oscar Wilde und Robert Frost. Daneben standen wissenschaftliche Abhandlungen und Lehrbücher.

 „Hast du die alle gelesen?“ fragte Vicky schmunzelnd.

 „Viele musste ich lesen“, antwortete Jake mit schmerzhaft verzogener Miene.

Vicky lachte leise. Sie nahm eines der Bücher aus dem Regal und las laut:

„Denn steinerne Grenzen können Liebe nicht fern halten,
und was Liebe kann, das wagt Liebe zu versuchen.“ (2**)

Verlegen schlug sie das Buch zu.

 „Du liest sehr gut“, meinte Jake leise. „Hast du früher in der Schule die Klassiker gelesen?“

 „Natürlich“, antwortete Vicky. „Meine Mutter war Lehrerin. Ich kam gar nicht darum herum.“

Sie gingen zurück zur großen Halle.

Später am Abend kam die Zeit, um sich zu verabschieden. Es gab viele Umarmungen und gute Wünsche. Nach und nach wurden die Helfer nach oben geführt. Jake und Vicky blieben bis fast zum Schluss. Jacob wollte seine Partnerin auf jeden Fall sicher nach Hause bringen.

 „Kann ich dich kurz noch einmal sprechen?“ fragte Catherine ihren Sohn und berührte ihn sacht am Arm.

 „Natürlich“, meinte er und wartete, doch seine Mutter zog ihn ein Stück weit von den verbliebenen Tunnelbewohnern fort.

Erst als sie im Halbschatten abseits in der großen Halle standen, kam Catherine zur Sache. „Du solltest mit deinem Vater sprechen.“

Er reagierte zunächst nicht darauf, obwohl er instinktiv ahnte, worauf sie anspielte.

 „Über dich“, wurde Catherine nun deutlich. „Über deine Veränderung.“

Sein Gesicht verschloss sich sofort. „Mom, wir haben das bereits geklärt.“

 „Du verlangst, dass ich deinen Vater anlüge, und das kann ich nicht.“ Catherine wirkte entschlossen.

Jake schwankte zwischen Wut und Hilflosigkeit. „Du hast es versprochen.“

 „Ich hielt es für das Beste, es vorerst ruhen zu lassen“, stellte Catherine richtig.

 „Außerdem lügst du Pa nicht an. Du musst es ihm einfach nicht sagen.“ Jake wand sich sichtlich.

 „Verschweigen kommt einer Lüge gleich“, sagte Catherine.

 „Das hast du doch auch getan während all der Jahre, in denen du verschwunden warst.“ Sofort bereute Jake seine harten Worte. Seine Mutter biss sich auf die Lippen. Er hatte sie verletzt. „Mom, es tut mir leid.“

Ein Schatten  überflog ihr Gesicht. „Ist schon gut“, sagte sie leise und wandte sich von ihm ab.

 „Bitte.“ Er hielt sie fest. „Bitte sei nicht böse. Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht.“

Sie strich ihm kurz über die Wange. „Ist schon gut. Es ist schon gut.“

 „Und du sagst es ihm nicht?“ Flehentlich sah er sie an.

Sie schüttelte nur leicht den Kopf und drückte seine Hand.

Beim Abschied umarmte Jacob seine Mutter fest und fühlte noch immer Bedauern wegen seiner harten Worte und wegen dem, was er ihr abverlangte. Auch Catherine verspürte Bedauern, denn sie wusste, dass Geheimnisse schwerer wiegen konnten als der Fels, auf dem Manhattan stand. Und jedes Geheimnis kam eines Tages ans Licht.

Sie merkten nicht, dass Vincent die Spannung zwischen Mutter und Sohn spürte. Er spürte, dass beide etwas vor ihm verbargen, doch er hatte Zeit.


New York; in Jakes Wagen vor Vickys Wohnung; Jake (Jacob) und Vicky (Victoria)

 „Danke, dass du mich nach Hause gefahren hast.“ Vicky fühlte sich unbeholfen.

Sie saß neben Jake im Auto, dass er vor dem Haus ihrer Mutter zum Stehen gebracht hatte.

 „Das ist doch selbstverständlich“, meinte er und schien selbst nicht recht zu wissen, was er sagen sollte.

 „Ich hätte mir auch ein Taxi vom Appartement nehmen können“, wandte Vicky ein.

 „Quatsch“, antwortete Jake. „Ich sorge natürlich dafür, dass du sicher nach Hause kommst.“

 „Wie ein echter Ritter“, meinte sie schmunzelnd. „Es war trotzdem ein sehr schöner Abend. Interessant und sehr schön.“

 „Nun weißt du, wie ich aufgewachsen bin“, meinte Jacob. „Du bist die einzige vom FBI, die das weiß.“

Sie berührte ihn sacht am Arm. „Von mir wird niemand etwas erfahren. Das verspreche ich dir. Diese Welt der Tunnel und die Menschen sind etwas Besonderes.“

Jake lächelte. „Ja, nicht wahr.“

 „Es war wunderbar, deine Eltern so glücklich zu sehen“, fuhr Vicky fort. „Sie lieben sich wirklich, nicht wahr.“

Jake sah durch die Frontscheibe des Wagens in die Dunkelheit hinaus. „Ja, sie lieben sich.“

Vicky wandte sich von ihm ab und wollte schon die Beifahrertür öffnen, als Jacobs Stimme sie zurückhielt. „Dann sehen wir uns nächste Woche beim FBI.“

Sie sah ihn an und holte tief Luft. “Nein.“

Sie beobachtete, wie sich seine Miene zunächst vor Überraschung verzog und dann totale Verwirrung widerspiegelte. „Was? Aber… ich habe dir doch erzählt, dass du…“

 „Jake“, fuhr sie dazwischen. „Ich werde nicht zum FBI zurückkehren.“

Einen endlosen Moment lang breitete sich Stille zwischen ihnen aus.

 „Aber warum?“ fragte Jake fassungslos. „Ich habe mich dafür eingesetzt, dass du zurückkommen kannst.“

 „Ich weiß“, antwortete Vicky leise. „Jake, ich werde in New York bleiben. Meine Mutter ist nicht mehr die Jüngste und wird sich freuen, wenn sie nicht mehr allein ist. Ich werde das Angebot von Joe Maxwell annehmen und in der neuen Spezialeinheit arbeiten.“

Jake schüttelte den Kopf, als könne er es nicht glauben. „Ich verstehe das nicht. Du weißt doch selbst, wie hart die Ausbildung beim FBI ist. Willst du das jetzt wirklich wegwerfen? Ich hatte es sogar arrangiert, dass wir zukünftig als Team zusammen arbeiten können. Du und ich.“

Vicky schloss kurz die Augen. Dann sah sie ihn wieder an. „Und ich kann nicht verstehen, warum du unbedingt nach Washington willst.“

Als Jake sie verständnislos anblickte, fuhr sie fort. „Deine tot geglaubte Mutter ist nach vielen Jahren zurück, und du hast nichts Besseres zu tun, als überall zu sein, nur nicht in ihrer Nähe. Weißt du, eines ist mir heute Abend klar geworden. Nichts ist so wichtig, wie die Menschen, die wir lieben und die uns lieben. Die Familie, die wir haben, ist mehr wert, als Karriere oder der eigene Ehrgeiz. Und deshalb werde ich in New York bleiben. Meine Mom wird sich freuen, und hier bin ich zu Hause.“

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Vicky wusste nicht, ob sie zu weit gegangen war. Jake blickte stumm aus der Frontscheibe. Er konnte Vicky nicht sagen, was ihn wirklich umtrieb. Die Angst vor dem Erbe seines Vaters, das in ihm steckte. Die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, je näher er seinem Vater wäre. Es stimmte. Er lief davon. Vor der Wahrheit und vor dem schlechten Gewissen, weil seine Mutter von seinem Geheimnis wusste. Und er lief vor der Liebe und Nähe davon, weil er meinte, sie nicht zu verdienen.

 „Es tut mir leid“, murmelte Vicky leise und öffnete die Beifahrertür.

 „Mir auch“, antwortete Jake und sah sie bedauernd an.

Sie zögerte nur einen Moment, dann beugte sie sich noch einmal kurz vor und küsste ihn schnell auf die Wange. Noch ehe Jake darauf reagieren konnte, war sie aus dem Auto gestiegen und eilte die Treppe zur Eingangstür hinauf.

Als Jake endlich ausstieg und sie aufhalten wollte, war sie bereits im Haus verschwunden. Noch lange sah er auf die geschlossene Tür, bevor er sich zurück ins Auto setzte und davon fuhr.


New York; in den Tunneln; Vincent und Catherine

Nachdem sich die letzten Helfer verabschiedet hatten und nach oben gebracht worden waren, hatten die Bewohner die große Halle aufgeräumt und verschlossen.

In den Tunneln kehrte Ruhe ein. Selbst das Klopfen auf den Rohren war verstummt. Die Bewohner hatten sich zur Nachtruhe begeben. Nur die Wachen befanden sich auf ihren Posten, um die Welt vor den Gefahren von außen zu schützen. Deshalb brannten in den Gängen an einigen Stellen ein paar Kerzen.

Vincent und Catherine gingen noch nicht zurück in ihre Kammer. Beide fühlten die gleiche Ruhelosigkeit, ohne dass sie darüber sprechen mussten. Früher war Vincent in diesen nächtlichen Stunden nach oben gegangen in den Park, oder er war durch die dunklen Straßen der Stadt gestreift. Jetzt führte er Catherine hinab zum Wasserfall und weiter zum unterirdischen Garten. Mit einer Hand stützte er sich auf einen Stock, um sein Bein zu entlasten. Mit der anderen Hand hielt er Catherines fest umschlossen. Hand in Hand gingen sie ohne ein Wort zu wechseln.

Vincent wollte wissen, welches Geheimnis sie vor ihm verbarg. Ein Geheimnis, das sie offensichtlich mit ihrem Sohn teilte. Es verletzte Vincent, dass es scheinbar etwas zwischen den beiden gab, was ihn ausschloss. Was konnte so schwerwiegend sein, dass sie ihn davor schützen wollten. Denn einen anderen Grund konnte er sich für ihr seltsames Benehmen nicht erklären.

 „Es war wirklich ein sehr schöner Abend“, sprach Catherine in die Stille hinein.

Vincent nickte. „Ja, das war er.“

 „Trotz all der Vorbehalte, die ich hatte, bin ich dankbar, dass Jamie und Olivia mir durch dieses Fest die Möglichkeit gegeben haben, mich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen.“ Catherine lächelte bei diesen Worten.

Vincent sah sie zärtlich an. „Du hast immer zu uns gehört. In meinem Herzen warst du immer ein Teil dieser Welt.“

 „Irgendwie schon und irgendwie auch nicht“, meinte Catherine leise.

Sie setzten sich auf eine Bank und lauschten eine Zeitlang dem Wasser, das durch die Beete im Garten floss.

 „Catherine“, begann Vincent abrupt, „ich habe dich vorhin mit Jacob beobachtet. Ich…“ Er brach ab.

Catherine blickte still in den Garten. Hier saß sie am Ziel all ihrer Träume, die sie für immer verloren geglaubt hatte. Doch statt des Glücks, dass sie empfinden sollte, verspürte sie eine neue Art der Furcht. Nicht vor irgendwelchen bösen Menschen, die sie verfolgten, sondern vor all den Geheimnissen, die sie in sich trug, unfähig sie loszulassen und mit dem Mann, den sie liebte, zu teilen.

Zärtlich streichelte Vincent ihre Hand. „Du musst mir nichts sagen, wenn du nicht möchtest. Ich hatte für einen Moment nur das Gefühl, ihr würdet euch streiten, aber danach schien es wieder gut zu sein. Ich wünschte nur, ihr würdet mich nicht ausschließen. Weiß du, ich dachte, wir könnten jetzt wirklich eine Familie sein. Das war immer mein Traum.“

Vincent wusste selbst, dass er nervös und furchtsam einfach vor sich hin redete in der Hoffnung, sie irgendwie dadurch zu erreichen.

 „Vincent.“ Liebevoll sah Catherine ihn an. „Glaub mir, es liegt nicht an dir. Vielleicht musste ich einfach zu lange mit den Schatten leben, die über mir schwebten. Allein und ohne mit irgendjemandem darüber reden zu können.“ Jetzt fasste sie seine beiden Hände. „Es gibt Dinge, die kann ich dir nicht sagen. Noch nicht, aber…“

Vincent legte ihr sacht den Finger auf die Lippen. „Du musste nicht weiter sprechen. Wir haben Zeit. Den Rest unseres Lebens und darüber hinaus.“

Das stimmte. Er hatte Zeit. Er konnte warten. Jetzt wo Catherine für immer bei ihm war, konnte er warten, bis ihr Band zueinander wieder so stark war, dass nichts dazwischen stand. Das hoffte er.

Catherine lächelte dankbar und legte ihre Stirn an seine. „Ich liebe dich“, flüsterte sie leise.

 „Und ich liebe dich“, flüsterte Vincent. „Alles andere ist nicht von Bedeutung.“

Sie nickte unmerklich. Eine Zeitlang verharrten sie eng umschlungen.

 „Komm, lass uns zu Bett gehen“, bat Vincent leise.

Catherine wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Dann stand sie auf und zog ihn an seiner Hand hoch. „Ja, lass uns zusammen gehen.“

Sie verließen den Garten. Vincent schaltete das Licht der Lampen aus. Und mit der Dunkelheit ließen sie das Vergangene und das Ungesagte hinter sich für eine neue und nie gekannte Zukunft.



Hinweise:
1* Edgar Allan Poe
(* 19.01.1809, † 07.10.1849), https://www.zgedichte.de/gedichte/edgar-allan-poe/ein-traum.html

2** William Shakespeare (1564 - 1616), englischer Dichter, Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter Quelle: Shakespeare, Romeo und Julia, 1595, Raubdruck 1597, Erstdruck 1599, erste deutsche Übers. von Simon Grynaeus 1758 und Christoph Martin Wieland 1766. Hier übers. von August Wilhelm Schlegel, Johann Friedrich Unger, Berlin 1797
 
 
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