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2020 08 22: Was das Leben kostet [by KatieC]

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
22.08.2020
22.08.2020
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Tag der Veröffentlichung: 22. August
Zitat: „Ich war zu dem Schluss gekommen, dass Beerdigungen für die Lebenden da waren.“ (Das Schicksal ist ein mieser Verräter)
Titel der Geschichte: Was das Leben kostet
Autor: KatieC


Was das Leben kostet

Gedankenverloren blickte Kaya auf die schwarzen Linien, die sich in verschnörkelten Spiralen von ihrem Handgelenk aufwärts wanden und dabei ihren halben Unterarm bedeckten. Es war inzwischen bei weitem nicht mehr die einzige Tätowierung, die sie auf der Haut trug, aber es war die, die ihr am meisten bedeutete. Dasselbe Motiv, das auch Danny an seinem Arm trug. Das er getragen hatte.
Was für den uneingeweihten Betrachter wie eine scheinbar wahllose Zusammensetzung aus verwobenen Linien und Knotenpunkten anmutete, war in Wirklichkeit ihre gemeinsame Geschichte. Die Etappen eines Lebens, das sie seit ihrer Geburt untrennbar miteinander verbunden hatte.
Kraftlos rutsche Kaya tiefer in die Kissen der gepolsterten Fensterbank und starrte nach draußen in den trüben Himmel, aus dem es schon den ganzen Tag über unentwegt regnete. Hunderte Tropfen prasselten gleichzeitig gegen das Fenster und erzeugten in ihren Ohren eine sanfte Melodie, während das hinab strömende Wasser ihre Sicht verschwimmen ließ. Der weitläufige Garten hinter ihrem Elternhaus verwandelte sich in eine abstrakte Szenerie aus Grüntönen, doch Kaya störte sich keineswegs an dem trüben Bild. Im Gegenteil erschien es ihr mehr als passend für einen Tag wie diesen. Für den Tag von Dannys Beerdigung.
Hätte die Sonne geschienen, wäre es für Kaya einem höhnischen Schlag ins Gesicht gleichgekommen. Als wolle ihr die Welt vor Augen führen, dass sie sich ohne Probleme weiterdrehte, während sich Kayas eigene kleine Welt von einer Sekunde auf die andere in einen einzigen Scherbenhaufen verwandelt hatte. Doch heute schien sogar die Welt für einen Augenblick den Atem anzuhalten und mit ihr zu trauern.
Mit einem Seufzen ließ sie die Stirn gegen die Scheibe sinken und die durchdringende Kälte des Glases fühlte sich unangenehm auf ihrer Haut an. Das Brennen fraß sich in ihren Kopf, bohrte sich tief in ihr Innerstes und für einen kurzen Augenblick fand Kaya es beinahe schon erleichternd, wenigstens für diesen einen Moment irgendetwas zu fühlen. Selbst wenn es nur schmerzhafte Kälte war.
Eigentlich hätte sie gar nicht hier sein sollen. Sie hätte ihre Eltern auf den Friedhof begleiten sollen, hätte sich eine bewegende Trauerrede auf das Leben ihres Bruders anhören und sich anschließend an seinem Grab die Augen ausweinen sollen. Aber selbst wenn sie nichts lieber getan hätte, als zu weinen, so erschien es ihr inzwischen unmöglich. Als hätte sie in den letzten Tagen sämtliche Tränen bereits aufgebraucht und nun war nichts mehr da, als eine unfassbar schmerzhafte Leere. Leere und Kälte.

Auch wenn sie zweieiige Zwillinge waren, hatte Danny sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit als seine kleine Schwester vorgestellt. Drei lächerliche Minuten gaben ihm das Recht, sie so zu nennen und selbst wenn Kaya jedes Mal aus Prinzip in stummem Protest die Augen verdreht hatte, so liebte sie die Vorstellung eines großen Bruders an ihrer Seite ebenso sehr wie sie Danny liebte.
Seit sie denken konnte, waren sie unzertrennlich gewesen. Hatten zusammengehalten wie Pech und Schwefel, obwohl sie sich in gewisser Hinsicht unterschieden wie Tag und Nacht.
Danny war schon immer der Lebhaftere und Unternehmungslustigere von ihnen gewesen. Der Rebell, der keine Herausforderung scheute, mit offenen Armen durchs Leben ging und keine Angst davor hatte, irgendwo anzuecken oder irgendjemandem nicht zu gefallen. Im Gegensatz dazu, lebte Kaya schon geradezu zurückhaltend und vorsichtig, immer auf ihre nächsten Schritte und Entscheidungen bedacht. Danny hatte sie immer damit aufgezogen, dass sie sich selbst im Weg stand und sie hatte ihn um seine unbeschwerte Art zu leben beneidet. Sie waren wie die beiden Seiten einer Münze – grundlegend unterschiedlich und doch aus demselben Material geschaffen und auf immer fest miteinander verbunden. Die einzige Leidenschaft, die sie unabdingbar miteinander teilten, war die Vorliebe für Tinte auf der Haut. Und nun war schwarze Tinte alles, was für Kaya zurückblieb.

Ein kurzes Klopfen riss sie aus ihren Gedanken und schon im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür und der Kopf ihrer Mutter erschien in dem sich bildenden Spalt. Ihre Augen waren rot gerändert und ihre Wimperntusche leicht verschmiert. Kaya hatte nicht einmal mitbekommen, wie die Zeit verronnen war und dass ihre Familie inzwischen vom Friedhof zurückgekehrt sein musste.
„Da bist du ja“, sagte ihre Mutter, obwohl sie sicherlich genau gewusst haben musste, wo ihre Tochter steckte. Immerhin hatte Kaya ihr altes Zimmer seit ihrer Ankunft kaum verlassen.
„Möchtest du nicht nach unten kommen? Es sind alle da. Und Tante Margaret hat ihren berühmten Nudelauflauf mitgebracht.“
„Ich habe keinen Hunger“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Kaya wusste den guten Willen durchaus zu schätzen, aber weder stand ihr der Sinn nach Gesellschaft, noch danach irgendetwas zu essen. Allein die Vorstellung drehte ihr den Magen um und durchflutete sie mit einem flauen Gefühl.
Ihre Mutter nickte und trat nun vollständig ein. In wenigen Schritten hatte sie das Zimmer durchquert und blieb direkt neben ihrer Tochter stehen. „Er fehlt uns allen“, sagte sie leise und ihre Stimme schien kurz davor zu brechen, während sie sanft über Kayas dunkles Haar strich. „Aber ich bin so froh, dass du hier bist.“
Urplötzlich spürte Kaya einen schweren Kloß im Hals und eine Welle aus nagenden Schuldgefühlen überspülte sie.
Noch kurz bevor Danny mit ein paar Freunden zu einer College-Party aufgebrochen war, hatte sie mit ihm telefoniert. Die Umstände seines Todes waren so tragisch wie vermeidbar gewesen. Eine nasse Straße in der Dunkelheit, eine zu enge Kurve und eine zu hohe Geschwindigkeit. Der Wagen war von der Straße abgekommen und einen Hang hinabgerutscht, hatte sich dabei mehrfach überschlagen und war dann mit dem Heck so heftig gegen einen Baum geprallt, dass für ihren Bruder auf der Rückbank jede Hilfe zu spät kam. So zumindest hatte die Polizei den Unfallhergang geschildert und damit Bilder in Kayas Kopf entstehen lassen, die sie wohl niemals würde vergessen können.
Sie hatte ihrer Mutter nie erzählt, dass sie beinahe gemeinsam mit ihrem Bruder in diesem Auto gesessen hätte. Danny hatte sie dazu überreden wollen, ihn auf die Feier zu begleiten, hatte munter auf sie eingeredet und sie schelmisch geneckt, als sie ihm erklärte, dass sie lieber im Wohnheim bleiben würde und dass sie keine Lust zum Feiern hätte. Letzten Endes hatte Danny nachgegeben und war ohne sie losgezogen.
Doch inzwischen wünschte sich Kaya fast jeden einzelnen Tag, dass sie dabei gewesen wäre. Manchmal, weil sie sich dann einreden konnte, dass sie ihm hätte helfen können. Manchmal, weil sie sich wünschte, dass sie an jenem Abend ebenfalls gestorben wäre. Alles war besser, als die einschneidende Einsamkeit, die sie seither verspürte und Kaya hasste sich selbst für diesen grausamen Wunsch.
Gequält wandte sie den Blick ab, unfähig ihrer Mutter weiter in die Augen sehen zu können. Sie mochte sich kaum ausmalen, was es für ihre Eltern bedeuten würde, beide Kinder auf diese Weise zu verlieren. Sie wusste, was Dannys Verlust für ihre Familie bedeutete, wusste, wie sehr ihre Eltern litten, selbst wenn sie manchmal lächelten, als sei nichts geschehen. Doch manchmal fragte sich Kaya, ob auch nur einer von ihnen wirklich verstehen konnte, wie sie sich tief in ihrem Inneren fühlte.
Zu leben - ohne Danny weiterzuleben - kostete sie mehr Kraft, als sie sich jemals hätte vorstellen können.
Stattdessen saß sie einfach nur da, tagein tagaus und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Egal, was ihre Mutter auch sagen würde, sie würde hier sitzen bleiben. Allein der Gedanke, sich unter die Menschen zu mischen, die sich nun vermutlich im Erdgeschoss im Wohnzimmer tummelten und sich bei Kaffee und Kuchen lustige Geschichten erzählten, widerte sie an. Es war ihr unbegreiflich, wie schnell die Menschen ihre offenkundige Trauer und Bekümmerung über den Tod eines geliebten Menschen ablegen konnten, die sie noch am Grab zur Schau gestellt hatten, nur um im Anschluss so zu tun, als seien sie zu einer netten kleinen Gartenparty eingeladen worden.
Nur aus dem Augenwinkel nahm Kaya wahr, wie sich ihre Mutter zu ihr vorbeugte und ihr wortlos einen Kuss aufs Haar drückte, bevor sie ging und die Tür wortlos hinter sich schloss. Wahrscheinlich würde sie nun zu den Gästen der Trauergemeinschaft zurückkehren, würde sich abermals das eine oder andere Beileid aussprechen lassen und im Laufe des Nachmittags vielleicht sogar ein Album mit alten Fotos hervorholen, um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.
Doch auch wenn es für Kaya undenkbar schien, sich nun mit anderen Menschen zu umgeben, so konnte sie es ihren Eltern nicht übel nehmen. Es war ihre Form der Trauer, ihre Art und Weise, den tiefgehenden Verlust ihres Sohnes zu überwinden. Vermutlich war genau das der Gang der Dinge und letztendlich kam Kaya zu dem Schluss, dass Beerdigungen wohl für die Lebenden da waren. Für diejenigen, die überlebt hatten. Für diejenigen, die sich ihren Weg zurück in die Normalität bahnten und die auf irgendeine Weise versuchen mussten, einen Abschluss zu finden.
Ja, Beerdigungen waren für die Lebenden da und genau deshalb hatte Kaya es nicht über sich bringen können, auf die Beerdigung ihres Bruders zu gehen. Denn in dem Moment, in dem Danny ums Leben gekommen war, war auch ein Teil ihrer selbst unwiederbringlich gestorben. Alles was ihr geblieben war, waren Schmerz und Erinnerungen. Und schwarze Tinte auf ihrer Haut.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine sehr bewegende Geschichte. Das Zitat hat sehr gut in die Grundstimmung hineingepasst.

Eure lula-chan
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