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Selection- der versteckte Prinz

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
21.08.2020
21.08.2020
18
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21.08.2020 4.367
 
Tausende von Farben wirbeln durch den Raum wie fallende Herbst Blätter. Das Motto „Der Mensch als Kunstwerk“ wurde wirklich ernst genommen. Man kommt sich vor wie in einer Galerie. Die Kleider sind allesamt atemberaubend. Die Näh-Fähigkeiten der Zofen sind wirklich beeindruckend. Der ganze Saal sieht fantastisch aus: Komplett in Weiß mit Dekorationen, die an ausgeschüttete Farbe erinnern. Ich hatte gedacht, ich würde mich so aufgetakelt unwohl und fehl am Platz fühlen, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Vielleicht liegt das auch mit an der Maske? Ich meine: es wissen eh alle, wer wer ist. Nur die wenigsten können mit einer Halb-Maske nicht erkannt werden. Und ich steche mit meinen kurzen roten Haaren sowieso immer aus der Menge heraus. Aber trotzdem vermittelt diese Maske ein unbegründetes Gefühl der Anonymität, das wirklich gut tut. „Und? Nervös? Immerhin ist es dein erster Ball?“, spricht mich Garrett von der Seite an. Wie alle Männer trägt er einen komplett weißen Anzug mit dazugehöriger weißer Maske. Damit sollen sie unbemalte Leinwände darstellen und nicht zu sehr von dem Wettbewerb der Erwählten ablenken. Auch alle anderen Frauen sind komplett weiß gekleidet. „Es ist auch dein erster Ball, oder?“, will ich wissen. „Da müsstest du mir doch am besten sagen können, wie sich das anfühlt.“ Ich bin schon sehr aufgeregt, aber nicht so schlimm, wie ich es erwartet hätte. Es ist eher eine freudige Aufregung. „Ja, aber bei mir ist das etwas anderes. Mich kennt hier so gut wie keiner außer den anderen Wachen. Die Leute, die mich im Fernsehen sehen, haben keine Ahnung, wer ich bin. Und mit so einer unterm Anzug versteckten Notfall-Pistole fühlt man sich sehr sicher.“ Er zwinkert mir zu. „Ich finde gut, dass wir nicht bedrohlich an den Seiten stehen müssen, sondern richtig am Ball teilnehmen dürfen. Dadurch ist die ganze Stimmung nicht so angespannt. Und außerdem: wer kann schon von sich sagen, dass er auf einem königlichen Ball war? Ich weiß schon, warum ich mich als Wache für die Erwählten eingeschrieben habe.“ „Ich auch“, meint Atreju, welcher rechts von mir steht, „Und Georgie: ich bin traurig, wenn du mir heute nicht mindestens einen Tanz schenkst.“ Ich lache: „Selbstverständlich tanze ich mit dir! Nichts lieber als das! Aber ich muss dich warnen: ich bin eine miserable Tänzerin.“ „Das hört man sehr ungern.“ Diese Stimme würde ich überall wieder erkennen. Henry. Ich bin so froh, dass es ihm wieder gut geht, dass ich mich kurz bemühen muss, ihm nicht vor lauter Freude um den Hals zu fallen. Ich bin kein Experte, was Etikette angeht, aber ich würde mal vermuten, dass sich das nicht gehört. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich in den letzten Tagen sein typisches leicht schelmisches Lächeln vermisst hatte. Er hat wieder Farbe im Gesicht. Und eine überaus schicke Krawatte, die im Gegensatz zu allen anderen im Raum nicht weiß, sondern von gelb nach rot und anschließend in blau übergehend ist. Bei genauerem hinsehen erkennt man, dass dieser Farbverlauf pointilliert gemalt wurde. Und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit per Hand. „Ich hatte nämlich ebenfalls gehofft, heute mindestens einmal mit dir tanzen zu können“, fährt Henry fort. „Allerdings bin ich mir, nachdem ich das jetzt gehört habe, nicht mehr ganz sicher, ob ich das wirklich noch will.“ Ich grinse. „Wie? Du hast keine Stahlkappen-Schuhe angezogen?“ „Ich hatte gehofft, die zwei Tanzstunden, die wir für euch organisiert haben, hätten gereicht.“ Trostlos schüttle ich den Kopf. „Nicht bei einem so hoffnungslosem Fall wie mir. Tut mir leid. Es ist schön dich wiederzusehen, Henry. Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Henry lächelt und sein Fokus liegt plötzlich auf etwas oder jemandem hinter mir. „Ach, es besteht absolut kein Grund für Sie zur Sorge. Ihr Outfit sieht absolut perfekt aus, Lady Georgie. Finden Sie nicht auch, Nicola?“ Ich drehe mich um. Vor mir steht eine Reporterin in einem schicken, weißen Kostüm mit einem Kameramann. Sie sind nicht vom Fernsehen, sondern von der Zeitung. Das erkenne ich sofort, da der Mann keine Filmkamera, sondern eine zum Fotografieren in der Hand hält und die Frau auch kein Mikrofon besitzt. Augenblicklich versteife ich mich ein wenig. „Absolut atemberaubend“, stimmt Nicola Henry zu und ich erröte leicht. „Wirklich alle Achtung, Lady Georgie. Sie sind wirklich ein lebendes Kunstwerk.“ „Das sind wir alle hier“, meine ich. „Haben Sie Lady Rose gesehen? Ihr Kleid ist von Klimts ‚Kuss‘ inspiriert. Es ist ein Traum in Gold.“ Atreju und Garrett entschuldigen sich. Sie wollen sich eine Erfrischung holen. Ich kann verstehen, dass sie gehen und nicht bei einer Reporterin stehen wollen. Trotzdem fühle ich mich irgendwie allein gelassen. Henry tritt neben mich und lächelt mir beruhigend zu. Der hat leicht zu lächeln. Schließlich hatte er ja viel mehr Zeit als ich, um… Nein. Hatte er ja gar nicht. Plötzlich fällt mir auf, dass er ja rein theoretisch fast genauso wenig Erfahrung mit der Presse haben muss wie ich. Sicherlich wurde er besser auf den Umgang mit ihr vorbereitet. Aber es wäre trotzdem gut möglich, dass viel von seiner ruhigen Fassade nur gespielt ist und er eigentlich auch nervös ist. Bei unserem ersten Auftritt beim Bericht war er es ja auch. Also lächle ich ihm ebenfalls aufmunternd zu. Keiner von uns muss diesen Abend alleine durchstehen. „Sagen Sie“, fragt die Reporterin mich, „Hat es sehr lange gedauert, dieses Kleid zu entwerfen? Überhaupt erst ein Kunstwerk, an dem man sich orientieren will, auszuwählen, stelle ich mir unglaublich kompliziert vor.“ Ich sehe auf mein Kleid hinab. „Ach, wissen Sie“, antworte ich aus dem Bauch heraus ehrlich, so wie eigentlich immer, „der Prozess des Kleid-Designens, mit allem was dazugehört, war an sich gar nicht so schwer. Ich habe nur eine gewisse Zeit dafür gebraucht, mich überhaupt zum Bild raussuchen durchzuringen. Es ging mir nicht so gut und ich brauchte ein wenig Zeit, um die Geschehnisse, zum Beispiel…“ Eigentlich kommt mir sofort der Angriff in den Sinn. Aber von dem kann ich unmöglich erzählen. Also sage ich stattdessen: „Die neue Umgebung, die ganzen neuen Eindrücke und vor allem die weite Entfernung zu meiner Familie, zu verarbeiten. Aber als ich das endlich überwunden hatte und Kandinskys Bild sah, war mir eigentlich sofort klar, was ich machen will.“ „Oh“, meint die Reporterin verblüfft. „Aber jetzt geht es Ihnen besser?“ Oh Gott. Man soll auf keinen Fall denken, ich wäre hier am Boden zerstört. „Oh Gott, ja! Keine Sorge. Ich habe mich dank der vielen netten Menschen hier sehr gut eingelebt.“ Ich dachte genauer darüber nach und wurde leicht traurig. „Nur meine Familie vermisse ich immer noch sehr. Ich glaube, das werde ich auch immer tun, solange sie nicht bei mir ist.“ „Apropos Familie“, durchbricht Lillians Stimme die deprimierende Atmosphäre. Sie sieht aus wie ein Engel. Ihr blondes Haar ist perlendurchzogen und ihr weißes Tüll-Ballkleid macht unweigerlich klar, dass sie eine Prinzessin ist. „Hat mein Bruder Ihnen schon von der musikalischen Überraschung heute Abend erzählt?“ Lillian hakt sich edel bei Henry unter. Sie ist eindeutig ein Profi, wenn es um Journalisten geht. Wie ich sie beneide. Ich habe mich gerade bestimmt ziemlich zum Affen gemacht. „Lady Sydney und Lady Cloe demonstrieren uns heute ihre Küste beim Klavierspiel und Tanzen.“ Sie deutet auf einen großen Flügel in einer Ecke es Saales. Stimmt ja. Sydney und Cloe hatten ja etwas gemeinsam einstudiert, sind allerdings nicht dazu gekommen, es zu präsentieren. Cloe hält sich am Flügel fest und führt Dehnübungen aus. Sie trägt ein klassisches Tutu mit einem Rock, der ein wenig über die Knie geht. Ach, stimmt ja. Es gab ja auch einen französischen Maler, der so gut wie nur Ballerinen gemalt hat. Das ist clever. Sydneys Kleid gefällt mir auch sehr gut. Es macht mich fröhlich, es anzusehen, mit seinem bauschigen Rock, der fast aussieht, als würde er aus vielen bunten Luftballons bestehen. Ich bin sehr gespannt, wie das Programm der beiden aussehen wird. Ich frage mich, ob sie sehr nervös sind. Immerhin wird das ganze ja live ausgestrahlt. Oder zumindest Teile davon. „Ich habe gehört, sie sollen etwas sehr Unbekanntes zeigen. Etwas, dass sie selbst inszeniert haben.“ Wow. Ich bin gespannt. Plötzlich ertönt über die Menge das Klirren eines Bestecks, welches an ein Glas geschlagen wird, und alle Gäste lenken ihren Blick zur Mitte der Tanzfläche. König Lionel hält eine Rede zum Beginn des Balls. Er begrüßt einige besonders wichtige anwesende Personen und die Zuschauer vor den Fernsehern, redet von der Wichtigkeit der Kunst und Kultur Illéas und eröffnet zu guter letzt die Tanzfläche. Ein kleines Orchester beginnt zu spielen und Magie liegt in der Luft. Henry dreht sich zu mir und möchte gerade etwas sagen, da wird er von Renée angesprochen, die von der Seite auf uns zu gerast kommt. Sowohl ihr „Sternennacht“-Kleid als auch ihre kerzengerade Haltung lassen sie heute Abend wie die Königin der Nacht erscheinen. „Prinz Henry!“, meint sie fröhlich, während sie ihren voluminösen Rock herunterlässt. „Wenn Ihr noch niemanden gefragt habt, würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr mir den ersten Tanz schenken würdet.“ Meine Magengrube zieht sich zusammen. Sie hatte gesehen, dass Henry eigentlich mich auffordern wollte, und wollte ihn unter allen Umständen davon abhalten. Dafür wirft sie sogar die Etikette über den Haufen. Wie zur Bestätigung schenkt Renée mir ein diabolisches Lächeln. Ich entspanne mich wieder und gebe ihr ein unbeschwertes Lächeln zurück. Auch wenn ihre Motive hier zu sein zweifelhaft sind, will sie immerhin dringender hier sein als ich. Und ein Eröffnungstanz heißt ja nicht, dass sie Henry gleich heiratet und dadurch Königin wird. Auch
wenn ich es so gut wie jeder anderen der Erwählten mehr gegönnt hätte: Heute sollen wir uns alle ein bisschen wie Prinzessinnen fühlen. Selbst sie. Diesen kleinen Triumph lasse ich ihr. „Ich weiß, es ist eigentlich nicht schicklich“, fährt sie fort, „Aber ich liebe es einfach zu tanzen.“ Henry schaut mich hilfesuchend an. Er möchte unter keinen Umständen unhöflich sein oder durch eine Abweisung Renee gar bloßstellen. „Lady Georgie, ich…“ „Alles in Ordnung“, schwöre ich. „Geht ruhig. Prinzessin Lillian leistet mir ja Gesellschaft.“ Renée sieht wieder einmal völlig schockiert über meine Reaktion aus. Henry nickt mit einem traurigem Lächeln, bietet Renée seinen Arm an und führt sie auf die Tanzfläche. „Warum hast du ihr den Vortritt gelassen?“, möchte Lillian wissen. „Ich finde sie unausstehlich!“ Ich zucke mit den Schultern. „Mir tut sie leid. Wer sich so leicht angegriffen fühlt und nach so viel Bestätigung sucht, muss tief in seinem Innern ein sehr unsicherer Mensch sein. Sie braucht das Gefühl, den Eröffnungstanz eines Balls mit einem Prinzen getanzt zu haben, mehr als ich.“ Lillian staunt nicht schlecht. „Wow.“ „Und außerdem…“ „Dürfte ich um diesen Tanz bitten?“ Diese Frage galt mir und stammte von einem Mann zu meiner rechten. Er ist knapp größer als ich und hat unauffällige braune Augen mit gleichfarbigem Haar. Was allerdings sehr auffällig ist, ist seine große Adlernase, wodurch er mich sofort an Richard, den Bruder von König Lionel, erinnert. Dieser kann er jedoch nicht sein, da er höchstens Mitte Zwanzig ist. Dennoch kommt er mir unglaublich bekannt vor. „Markus! Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Schön, dass du da bist!“, begrüßt Lillian ihn und mir fällt wie Schuppen von den Augen, wer er ist. Er ist Richards Sohn und damit Lillians Cousin. „Ja. Ich weiß, ich nehme mein Studium ein bisschen sehr ernst. Aber irgendjemand muss ja später Henry dabei helfen, Illéa aufrecht zu erhalten.“ Lillian erklärt mir, was er damit meint: „Markus studiert Politik und Recht. Henry hat vor, ihn zu einem seiner engsten Berater zu machen, wenn er König ist.“ Ah. Ich wusste gar nicht, dass Lionels Kinder denen von Richard so nah stehen. „Und Sie, Lady Georgie?“, fragt Markus. „Welche Interessengebiete zählen zu den Ihren? Ich hoffe ja wohl Politik befindet sich unter ihnen.“ Markus scheint etwas sehr Analytisches an sich zu haben. Sein Blick ist äußerst forschend und so, wie er mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt da steht, wirkt er auf mich nicht gerade wie der Typ, der besonders gern lacht. „Ich bin der Politik nicht abgeneigt“, erkläre ich, „aber meine eigentliche Liebe gilt vor allem der Literatur.“ Markus’ Mundwinkel zucken. „Ich kann mir gut vorstellen, was er an ihr findet“, teilt er Lillian mit. Diese grinst und nickt. Er streckt mir seine Hand entgegen. „Also, was meinen Sie? Mein Angebot steht nach wie vor.“ Zögerlich lege ich meine Hand in seine. „Aber ich muss Sie warnen: Ich tanze ganz furchtbar.“ Er winkt mit der anderen Hand ab. „Keine Sorge: ich auch.“ Wenn das ein aufmunternder Scherz sein sollte, dann hat er dafür erstaunlich wenig gelächelt. Generell ist mir dieser Mann ein klein wenig suspekt. Ein Walzer beginnt. Gut. Den kann ich zumindest einigermaßen. Ich blicke einmal verstohlen zu Henry hinüber. Er und Renée scheinen sich wirklich nicht schlecht zu verstehen. Naja. Sie wird sich ihm gegenüber wahrscheinlich auch ganz anders benehmen als bei mir. Immerhin sieht sie mich ja scheinbar als eine ihrer größten Rivalinnen an. „Wie geht es Henry?“, fragt Markus mich und ich sorge dafür, dass meine Aufmerksamkeit wieder bei ihm liegt. „Gut, denke ich“, meine ich ein wenig überrascht über die Frage. Egal was du tust, Georgie, plaudere nichts über den Angriff aus.  „Es ist natürlich auch sehr anstrengend mit so vielen Mädchen im Palast, aber ich glaube…“ „Das ist nicht das, was ich meine. Und ich denke, Sie wissen das.“ Mein Blut gefriert. Wenn er Henry wirklich so nah steht, wie er behauptet, habe ich schon vermutet, dass er alles über Henrys Krankheit und die Angriffe weiß. Aber hier, vor all den Leuten darüber reden zu wollen? Auch ein wichtiger Faktor für die Wahl meiner Antwort: was hält er davon, dass ich davon weiß? Sollte ich mich weiter dumm stellen? Nein. Markus ist schon davon überzeugt, dass ich Bescheid weiß. Aber warum? „Warum denken Sie das?“ „Henry hat mir nichts weiter erzählt. Er ist auffällig schweigsam, wenn es um die Auswahl geht. Und jetzt, da ich hier bin, habe ich auch den Grund dafür gesehen.“ Ich verstehe nicht ganz. „Sie glauben, Henry wäre wegen mir so schweigsam über die Auswahl?“ Das Gespräch pausiert kurz für eine Drehung. „Ich glaube es nicht nur. Ich weiß es. Ich sehe doch, wie er sie ansieht.“ Vielleicht wünscht sich Henry ja auch einfach nur ein bisschen Privatsphäre, wenn es um sein Liebesleben geht? Vielleicht ist es ihm peinlich? Es ist ja auch eine sehr unangenehme Situation, wenn dir alle dabei zusehen wollen, dass du dich verliebst und dir dabei am Besten noch sagen wollen, wer denn am geeignetsten für dich wäre. „Und wenn es so wäre? Was wollen Sie mir da vorwerfen? Ich denke, wenn Sie Spannungen zwischen sich und Henry spüren, dann sollten Sie am Besten mit ihm darüber reden und nicht mit mir.“ Markus sieht mich verdutzt an. Dann lacht er plötzlich. „Sie haben wirklich überhaupt keine Ahnung, was hier vor sich geht, oder?“ Skeptisch verenge ich die Augen zu Schlitzen. Dieser Mann ist mir ein noch größeres Rätsel als Henry. Vielleicht liegt es in der Natur von Adligen, undurchschaubar zu sein? Oder in ihrer Erziehung? „Aber es ist gut für Sie, wenn Sie noch nicht genau wissen, womit Sie es hier zu tun haben. Und ich hoffe auch für Sie, dass es so bleibt.“ Er beugt sich näher zu mir und flüstert mir bedrohlich ins Ohr: „Ich warne Sie. Wenn Sie sich in unsere Angelegenheiten einmischen, kann das für Sie ein schweres Nachspiel haben.“ Er droht mir? Markus nimmt wieder seine normal Tanzhaltung ein und lächelt düster. Dieser Moment ist so kurz gewesen, wahrscheinlich hat ihn nicht mal jemand im Saal gemerkt. Aber für mich scheint die Zeit still zu stehen und seine Worte hallen in meinem Kopf wie ein Echo in einer Höhle. Unsere Angelegenheiten. Mischen Sie sich nicht in UNSERE Angelegenheiten ein. Ich kann es selber kaum glauben, aber… könnte Markus zu der Gruppe gehören, die die Attentate auf die Königsfamilie ausübt? Er ist doch eigentlich so gut mit Henry befreundet, oder? Aber er ist auch sein Cousin, also müsste er nach allen aus Henrys nächster Familie in der Thronfolge liegen. Könnte es sein, dass er machthungrig ist und Henry und Lillian nur an der Nase herumführt? Oder spielt mir mein Autoren-Hirn da nur einen Streich? Eins steht auf jeden Fall fest: Markus führt etwas im Schilde. Und er ist mir absolut nicht geheuer. Der Tanz neigt sich dem Ende zu und ich knickse so gut ich kann vor meinem Tanzpartner. Sollte ich Henry von meinem Verdacht erzählen? Wäre er dann am Boden zerstört, weil er Markus für einen guten Freund hielt und sich dieser nun als Feind entpuppt? Würde er mir überhaupt glauben? Ich glaube mir ja selbst nicht mal. Wie denn auch! Ich habe keinerlei Beweise. Nur meine Intuition. Ich entscheide mich dafür, erst einmal nicht mehr als möglich über Markus zu sagen und meine Augen offen zu halten. „Es war eine große Freude Sie kennen zu lernen“, behaupte ich mit dem süßesten Lächeln, das ich zustande bringen kann und reiche Markus meine Hand. Er deutet einen Handkuss an und erwidert geheimnisvoll: „Ich habe so das Gefühl, dass wir uns noch sehr gut kennen lernen werden.“ Er richtet sich wieder auf. „Einen schönen Abend noch, Lady Georgie.“ Dann verschwindet er in der klatschenden Menge und damit aus meinem Sichtfeld. Ein komischer Mann. Fast zeitgleich erklingt die Stimme der Königin und übertönt das Murmeln im Saal. „Meine Damen und Herren. Es wird nun Zeit für die künstlerische Darbietung von Lady Sydney und Lady Cloe. Ich bin sehr stolz, dass es die Erwählten selbst sind, die diesen Abend zusätzlich mit ein wenig Kultur schmücken wollen. Sie hören nun also eine von Lady Sydney selbst fürs Piano umgeschriebene Version von „Goodbye for now“ von dem Komponisten Stephen Sondheim mit einer von Lady Chloe entworfenen Choreographie dazu. Ich wünsche ihnen viel Vergnügen.“ Chloe und Sydney nicken einander ermutigend zu und Sydney beginnt die ersten Tasten sanft anzuschlagen. Ich bin augenblicklich verzaubert. Chloes Bewegungen zu dem Lied sind so anmutig und fließend. Ich fand schon immer, dass sie etwas sehr edles an sich hat. Aber jetzt ist es, als würde diese Ausstrahlung sich wie der Duft eines Parfüms in der Luft langsam über den ganzen Saal verteilen. Und Sydney wirkt so sicher am Klavier. Als gäbe es keinen Ort, an dem sie sich wohler fühlen würde. Ihre Finger tanzen wie Chloe auf den Tasten. Die beiden sind perfekt aufeinander abgestimmt. Nachdem der Tanz in einer akrobatischen Figur endet und der letzte Ton verklungen ist, sind alle Zuschauer immer noch wie betäubt. Ich bin erneut die erste, die klatscht. Doch diesmal nicht ängstlich. Sondern überwältigt. Schon bald stimmen alle anderen mit ein. Begeistert. Ekstatisch. Sydney und Chloe wirken durch den tosenden Applaus auf einmal schüchtern und treten vor, um sich zu verbeugen. Danach verteilen sich die Leute langsam und das Fest wird erstaunlich gelassen. Ich unterhalte mich mit einigen Mädchen und auch Wachen und plündere das Buffett mit den Desserthäppchen, bei dem ich irgendwann Chloe begegne. „Chloe! Du warst absolut fantastisch! Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen!“ Chloe wird rot und lächelt. „Dankeschön.“ Sie nimmt sich etwas vom Buffet
weg. „Ich hoffe, dass es meiner Mutter Zuhause auch gefallen hat. Sie ist meine größte Kritikerin.“ Scherzhaft verdreht sie die Augen. Ich kichere. „Bestimmt! Immerhin war es so wunderschön!“ „Zu irgendetwas muss eine 5 ja gut sein.“ Chloe und ich werden augenblicklich blass. Phoebe grinst uns böse an. Ihre Augen funkeln, als würde Höllenfeuer in ihnen lodern. Phoebe zuckt zusammen. Sie wird sich nicht trauen, Phoebe gegenüberzutreten. Aber ich tue es bei so einer dummen Aussage nur allzu gerne. „Phoebe“, meine ich mit einem Lächeln und unterdrückter Wut in der Stimme. „Keine Ahnung, warum du es bisher nicht mitbekommen hast, aber das Kastensystem existiert schon seit vielen Jahren nicht mehr.“ Phoebe zuckt unschuldig mit den Schultern und stellt sich ein kleines Glas mit Schokoladenmus auf den Teller. „Mag sein. Aber eine unnütze 5 wird immer eine unnütze 5 bleiben.“ Sie lacht auf. „Warum sie überhaupt bei der Auswahl mitmachen darf, ist mir ein Rätsel. Immerhin war dein Vater sogar einmal im Gefängnis, nicht wahr?“ Chloe zuckt erneut zusammen. Wie kann sie es wagen, Chloes toten Vater anzusprechen? Jeder weiß, dass Chloe am Boden zerstört ist, wenn man sie nach ihm fragt. Ich wusste zwar vorher nicht, dass er einmal im Gefängnis war. Aber weder Phoebe noch ich hatten das Recht, uns einfach so in ihr Privatleben einzumischen und es auch noch gegen sie zu verwenden. „Phoebe, du gehst zu weit…“, will ich sie gerade maßregeln, da zischt sie auch schon bedrohlich: „Eine Kriminelle ist nicht dazu geeignet, Königin zu werden.“ Okay. Schluss mit freundlich und zurückhaltend. Ich stelle meinen Teller zur Seite und trete wütend einen Schritt auf Phoebe zu, den Zeigefinger bedrohlich auf ihre Brust gerichtet. „Chloe wäre eine tausend Mal bessere Königin als du! Und ich wäre stolz darauf, wenn jemand so gutes und intelligentes unser Land regieren würde!“ Phoebe sieht mich unbeeindruckt an. „Und du! Läufst umher mit deinem ganzen naiven ‚ich will, dass alle Freunde sind‘ und ‚mal sehen, wie sich alles entwickelt‘ Gehabe! Ekelhaft! Einer 3 nicht würdig! Keine Ahnung, was Prinz Henry an dir findet! Du bist doch nur ein unscheinbarer Bücherwurm!“ Meine Hände ballen sich zu Fäusten. „Ich bin keine 3! Ich bin ein MENSCH! Genau wie du!“ Inzwischen schreie ich fast und eine Traube von Menschen hat sich um uns gebildet. „Wie ich?“, meint Phoebe überrascht. Sie nimmt eine Haarsträhne von mir in ihre Hand. Vor Schreck stehe ich einfach nur wie paralysiert da. „Mit deiner Größe und deinen roten Haaren. Du bist doch nur ein schlechter Abklatsch von mir.“ Sie zieht leicht an meinem Haar, gerade so, dass es weh tut, und flüstert mir zu: „Ich weiß, warum Henry dich behält: aus Mitleid.“ Ohne darüber nachzudenken, landet meine Hand laut schallend auf ihrer Wange. Und diese Ohrfeige muss durch ihre Maske sehr wehgetan haben. Aber es tut mir absolut nicht Leid. Selbst wenn ich dafür Rausfliegen sollte. Geschockt lässt Phoebe mein Haar los und sieht mich mit geweiteten Augen an. Ich beuge mich zu ihr und drohe: „Wage es nie wieder, dich mit mir zu vergleichen. Und fass mich nie wieder an.“ Dann stürme ich durch die Menge in den Garten hinaus, durch die große Glastür. Hinter mir höre ich noch Garrett: „Georgie!“, rufen, doch ich bin bereits weg. Tränen beginnen meine Wangen herunterzulaufen. Wie hat sie es nur geschafft, mich so aufzuregen? Ich habe noch nie jemanden geschlagen. Bedeutet mir Henry wirklich so viel? Hat mich der Gedanke, nicht gut genug für ihn zu sein, wirklich so verletzt? Ich bin so verwirrt. Mir fällt nur ein Ort ein, an den ich mich zurückziehen kann. Der Brunnen von Amor und Psyche. Ich lasse mich weinend auf die Bank fallen. „Georgie!“ Henry kommt über den Weg angerannt. Die letzte Person, die ich jetzt sehen möchte. Und doch die Person, bei der ich mich am meisten freue, sie zu sehen. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. „Oh mein Gott! Georgie! Was hat sie nur zu dir gesagt?“ Er kniet sich vor mir auf die Erde, um mir in die Augen sehen zu können. Ich löse meine Hände von meinem Gesicht und spüre einen Stich im Herzen, als ich die Sorge in seinem Blick sehe. Schlagartig wird mir etwas klar. „Henry, pass auf! Deine Hose! Du wirst komplett dreckig und du musst zurück in den Ballsaal!“ Ich nehme diese blöde Maske ab und streiche mir über die nasse Wange. Henry nimmt ebenfalls rasch seine Maske ab und legt sie neben mich. „Ach. Ist doch egal. Dann ziehe ich mir später eine andere an.“ Er streicht eine Träne aus meinem Augenwinkel. Langsam höre ich auch auf zu weinen. Es lag wahrscheinlich vor allem am Schreck. Ich schüttle den Kopf. „Sie hat Chloe beleidigt und sie als 5 beschimpft. Und über ihren toten Vater gesprochen und…“ Henry nickt verstehend. „Ich habe Chloe verteidigt und dann hat sie angefangen, mich zu beleidigen und an meinem Haar zu ziehen.“ „Fest?“ Ich zucke mit den Schultern. „Fest genug, dass ich es spüren konnte. Sie meinte, ich wäre nur ein schlechter Abklatsch von ihr und du würdest mich nur aus Mitleid hier behalten.“ Henry schüttelt den Kopf. „Ich habe wesentlich mehr Gründe, dich hier zu behalten als sie. Vor allem jetzt. Ich werde versuchen, deine Beweggründe für diese Ohrfeige zu erklären.“ Er legt seine Hand auf meine, die in meinem Schoß ruht. „Ich will dich nicht verlieren, Georgie.“ Überrascht sehe ich auf. Henry zuckt kurz, zieht seine Hand jedoch nicht zurück und hält meinem Blick ernst stand. „Georgie?“ „J…Ja?“ „Bitte sag mir eins: Wenn ich nicht…“ Er überlegt noch einmal kurz, was er sagen will, und sieht auf unsere Hände herab. „Wenn ich keine Macht hätte. Kein Geld. Keinen Titel. Keine… Zukunft. Wenn die Welt noch nicht einmal wüsste, dass ich existiere…“ Er lächelt ängstlich und sieht auf. „Wenn ich dir nichts geben könnte, außer mich selbst. Wärst du dann immer noch hier?“ Das Rauschen des Brunnens und das Zirpen der Grillen liegt in der lauen Abendluft. Von weitem höre ich das Gemurmel und die Musik aus dem Ballsaal. Aber auf einmal scheinen all diese Geräusche zu verstummen, als ich ihm lächelnd die Wahrheit sage: „Es ging mir nie um etwas anderes als um dich.“ Im Bruchteil einer Sekunde streckt sich Henry zu mir hinauf und seine Lippen berühren meine. Sein Kuss ist sanft. Zärtlich. Aber da ist noch etwas anderes. Verzweiflung. Deutlicher, als in Henrys Blicken. Jetzt spüre ich sie unleugbar. Eine tiefe Verzweiflung. Als würde er etwas mit sich geschehen lassen, dass er nicht zulassen darf. Als hätte er gegen etwas gekämpft und diesen Kampf verloren. Aber nicht ohne Narben davon getragen zu haben. Als lägen Worte in seinem Kuss, die er nicht aussprechen konnte. Als würde er versuchen, sein tiefstes Inneres zu offenbaren. Ich will gerade den Kuss erwidern, da schreckt er zurück und springt erschrocken über sich selbst auf. „Ich…“ Versucht er etwas zu sagen, lässt es dann aber doch und sieht mich einfach nur an. Er sieht nicht aus, als würde er es bereuen. Er sieht aus, als würde er sich… schuldig fühlen? Was soll das? Was soll diese Verzweiflung, dieses Schuldbewusstsein? Ohne ein weiteres Wort taumelt Henry einige Schritte zurück und verschwindet anschließend in die rabenschwarze Nacht. Ich bleibe allein zurück, nur noch ratloser als vorher.
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