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Selection- der versteckte Prinz

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
21.08.2020
21.08.2020
18
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„Georgina Eastwood", sagte der Mann in dem gut gebügelten Anzug. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war eine der 35 Erwählten. Das größte Abenteuer ihres Lebens erwartete sie. Auch wenn sie ihre vier jüngeren Geschwister und ihre Eltern vermissen würde, freute sie sich, endlich aus diesem Kaff in St. George zu kommen. Nicht mehr nur über Dinge zu phantasieren, sondern sie wirklich zu erleben. Wie sehr hoffte sie, nicht mehr nur Geschichten über die Liebe zu schreiben, sondern selbst zu erfahren, wie sie sich anfühlte, wie sie war. Doch sie wusste auch, dass man Liebe nicht erzwingen konnte. Wenn Prinz Henry der richtige für sie war, wäre es schön, aber sobald sie merken würde, dass sie ihn nicht lieben konnte, würde sie freiwillig gehen. Allerdings wusste sie ja noch nichts über ihn. Er hatte sich noch nie in der Öffentlichkeit gezeigt. Kein Fernsehauftritt, keine Interviews, ja nicht einmal ein Foto gab es von ihm. Es war, als würde er gar nicht existieren. Sie wollte dieses Geheimnis unbedingt lüften. Sie wollte herausfinden, wer er war, wie er aussah. Sie war gespannt, auf den Klang seiner Stimme, auf die Worte, die er... „Hast du deinen Laptop mitgenommen?" Ich sehe auf. Ein Mädchen mit glatten, langen Dunkelbraunen Haaren blickt mit ihren smaragdgrünen Augen auf mich herab. Durch ihre kleine Stupsnase wirken sie gigantisch. Ich lächle freundlich. „Ich gehe nirgendwo ohne meinen Laptop hin", kläre ich sie auf, „Nicht einmal in den Palast." Ihre vollen Lippen verformen sich ebenfalls zu einem Lächeln. „Ich bin Cloe", stellt sie sich vor und reicht mir ihre Hand. Ich ergreife sie und erwidere: „Georgina. Aber Georgie reicht." Sie setzt sich mir gegenüber auf die mit Samt bezogene Couch. Die schwarze Hose und die weiße Bluse der Erwählten stehen ihr viel besser als mir. Und das Vergissmeinnicht in ihrem Haar macht dem Frühling alle Ehre. Es symbolisiert ihre Provinz, Columbia. Ich habe gar nicht bemerkt, dass wir schon in Columbia, geschweige denn gelandet sind. „Was schreibst du da?", fragt Cloe. „Ich bin auf dem Weg Autorin zu werden", erkläre ich, „und das alles hier ist so inspirierend. Ich versuche eine Kurzgeschichte darüber zu schreiben. Ich habe auch überlegt, einen Blog über die Erlebnisse zu machen. So können die Bürger mitten im Geschehen dabei sein und wissen, was gerade so vor sich geht." „Das ist eine super Idee", höre ich eine nahe Stimme. Ein weiteres Mädchen stieg ein und verlädt nun ihren Koffer. Sie trägt eine Rose im Haar. Oh Mist. Wir stehen ja. Ich hab so gut wie den ganzen Flug verträumt und verschrieben. Jetzt sind wir schon in Likely. „Können wir da auch mitmachen?", fragt das große, dünne Mädchen und wirft sein blond gewelltes Haar zurück. Sie sieht aus wie ein Model. Aber trotzdem wirkt sie nicht überheblich, sondern ganz nett. „Ja klar! Je mehr mitmachen, desto lustiger wird es!", meine ich begeistert. Sie setzt sich neben Cloe, die sich anscheinend den gesamten Flug über nicht getraut hatte, mich anzusprechen, weil ich so vertieft ins schreiben war. „Der Bericht der Erwählten", überlegte Cloe. „Das hat doch was!" „Find ich auch!", bestätigt das Model, „Ich bin übrigens Linda." „Freut mich. Ich bin Georgina, oder kurz Georgie, und das ist Cloe.“ Cloe hebt leicht unsicher zur Begrüßung ihre Hand. Anscheinend ist sie sehr schüchtern. Hoffentlich macht das dem Prinzen nichts aus. „Und? Wie glaubt ihr wird der Prinz sein?", frage ich interessiert. „Oh, ich glaube er ist ein richtiger Gentleman. Solche Prinzen sind doch immer gut erzogen, oder? Und wenn ich sehe, wie schön Königin Clarice und König Lionel sind, glaube ich auch, dass er unglaublich gut aussehen wird", schwärmt Cloe und legt ihr Kinn auf ihre Hände. „Vielleicht hat er aber auch eine riesige Nase, wie der Bruder des Königs, Richard. Oder ist einfach nur ein Idiot. Und von den guten Manieren würde ich auch nicht unbedingt ausgehen", überlegt Linda. Cloes Augen werden mit jedem Wort entsetzter. „Jetzt mach ihr doch keine Angst", weise ich sie zurecht, „Ich weiß nicht, wie er sein wird. Aber ich hoffe natürlich, dass er nett ist und gut aussieht. Selbst wenn nicht, dann kann man ja immer noch aussteigen." Die beiden sehen mich geschockt an. „Was? Das würdest du tun?", meint Cloe entsetzt. Ich zucke mit den Schultern. „Natürlich. Sie sind zwar das Königspaar, aber sie können mich ja nicht dazu zwingen, mich in den Prinzen zu verlieben oder Königin werden zu wollen. Und ich hab auch die Bediensteten gefragt. Es ist möglich." „Und was ist mit dem Geld? Das ist auch nicht gerade wenig, selbst wenn man Eltern hat, die gut verdienen“, meint Linda. Ich klappe den Laptop zu und lege ihn zur Seite. „Also meine Mutter ist Regisseurin und mein Vater Zahnarzt. Wir sind jetzt nicht unbedingt reich, aber es ist locker genug für uns. Ich möchte nichts auf Grund des Geldes tun. Wenn ich etwas tue, dann nur aus Überzeugung." „Diese Einstellung finde ich wirklich beeindruckend", sagt Linda ehrfürchtig. Wir unterhalten uns den ganzen restlichen Flug und verstehen uns wunderbar. Ich erfahre, dass Linda tatsächlich Model ist. Mit ihren 1.85 m ist sie sogar 4 cm größer, als ich es bin. Sie ist Einzelkind und ihrem Vater gehört irgendeine große Firma für Büroartikel. Ihre Mutter ist die Schauspielerin Maggi Wells. Ich habe schon einige Filme mit ihr gesehen und sie ist wirklich gut. Linda sieht ihr auch ein bisschen ähnlich. Cloe studiert klassischen Tanz. Genau wie ihre Mutter will sie Balletttänzerin werden. Ihr Vater ist gestorben, als sie noch sehr klein war. Bei einem Motorrad Unfall. Sie hat noch einen großen Bruder, der Fotograf ist. Nachdem drei Stunden vergangen und so gut wie alle kleinen Snack Tüten vom Tischchen leer sind, kommt ein Mann zu uns und sagt uns, dass wir uns für die Landung vorbereiten sollen. Ich packe also meinen Laptop ein und schwinge die schwarze Handtasche, die ich von den Bediensteten bekommen habe, anschließend über meine Schulter. Dann positionieren wir uns vor der relativ großen Flugzeugtür. „Ich bin so aufgeregt", gesteht Cloe, „Da draußen werden so viele Menschen sein." „Ganz ruhig", redet Linda auf sie ein. „Genau", pflichte ich ihr bei. „Du musst dir keine Sorgen machen. Lächle einfach und winke, dann werden sie dir eh alle verfallen." Ich zwinkre ihr zu und sie schenkt mir ein zaghaftes Lächeln. Was ich ihr nicht verrate, ist, dass ich selbst unglaublich nervös bin. Ich stand noch nie vor so vielen Menschen. Die Tür wird von außen langsam geöffnet und als ich die Menge sehe, rutscht mir das Herz in die Hose. Vorsichtig setzte ich einen Fuß nach dem anderen auf die Treppenstufen und hoffe, nicht durch diese hohen Schuhe herunterzufallen. Ein 5 cm Absatz ist zwar nicht sehr hoch, aber für mich, jemanden, der sonst immer nur komplett flache Schuhe trägt, fühlt es sich an, wie 15 cm sich für andere anfühlen. Als ich endlich den Fuß der Treppe erreicht habe und den Blick vom Boden wende, sehe ich die ganzen Plakate mit meinem Namen und meine Aufregung legt sich ein bisschen. Ich hätte niemals gedacht, dass so viele für mich sein würden. Wie viele genau es sind, weiß ich nicht, aber es sind auf jeden Fall mehr als die drei, die ich erwartet habe. Die Leute rufen, aber so viel und so laut, dass ich nicht verstehen kann, was sie rufen. Ich entdecke ein riesiges Schild, auf das in einer geschwungenen Schrift „Georgina Eastwood" steht. Es wir von einem Paar mit einem kleinen Mädchen gehalten. Ich gehe auf sie zu. „Ich habe noch nie ein so großes Plakat mit meinem Namen darauf gesehen", sage ich laut, damit sie mich auch hören. „Allerdings hatte ich bis vor kurzem auch noch nie ein Plakat mit meinem Namen drauf gesehen." Das Mädchen atmet laut ein und hüpft aufgeregt auf und ab. „Mama, Mama! Ich hab dir doch gesagt, sie kommt zu uns!" Ihre Mutter lacht. „Ja, das hast du." „Na los, gib es ihr, sie muss bestimmt gleich weiter", meint ihr Vater und beugt sich ermutigend zu ihr runter. Das Mädchen nickt und zieht etwas aus ihrer Tasche. „Wir haben ein Schmuckgeschäft", erklärt sie, „und ich durfte mir etwas aussuchen, was ich dir schenke. Mach die Hand auf und die Augen zu." Ich halte ihr gespannt meine offene Hand hin und spüre, wie sie etwas in meine Hand legt. „Jetzt kannst du sie wieder auf machen." In meiner Hand liegt ein Armband mit kleinen rosafarbenen Perlen, die in weiten Abständen durch silberne Ringe zusammen gehalten werden. Sie sind echt. Ich sehe ihre Eltern an. „Es ist wunderschön. Das... Das kann ich nicht annehmen." „Bitte nehmen Sie es", sagt der Vater. „Es soll ihnen Glück bringen." Das ist doch viel zu teuer. Ich sehe die Mutter an. „Wie heißt ihr Schmuckladen und wo liegt er?", frage ich sie. Sie sieht mich verwirrt an. „35th Street. Der Laden heißt ‚Klara‘, so wie unsere Tochter." Ich zücke mein Notizbuch und schreibe den Namen und die Adresse auf. Gleichzeitig sage ich: „Ich werde auf jeden Fall jede Menge Werbung für Sie machen. Und sobald das Casting zu Ende ist, werde ich sie besuchen. Versprochen." Klara kann ihr Glück kaum fassen und auch ihre Eltern sind sehr gerührt. Dabei ist es das Mindeste, was ich tun kann. Ich mache noch ein Foto mit Klara, bei dem ich mein Handgelenk so halte, dass man das Armband gut sieht und gehe dann weiter. Nach unzähligen Autogrammen, Fotos und Dankesreden steige ich mit Linda und Cloe in die Limousine, die uns abholt, ein und wir fahren los. „Unglaublich!", meint Linda, „Ich glaube, ich habe noch nie so viel Schokolade bekommen! Am Ende des Castings muss man mich aus dem Schloss rollen! Ich wünschte, ich hätte so wie du eine Tasche mitgenommen, Georgie." „Ich würde dir ja anbieten, es mit einzustecken, aber ich befürchte, dafür habe ich nicht mehr genug Platz." Für Linda stand bestimmt die doppelte Menge von meinen Fans. Die
Arme hatte wirklich zu tun gehabt, das alles abzuarbeiten. „Entschuldigung", wende ich mich an den Chauffeur , „was wird mit den Geschenken gemacht?" „Die können Sie auf Ihren Plätzen liegen lassen“, antwortet er. „Wir werden Sie Ihnen mit ihrem Gepäck auf die Zimmer bringen. Diese können Sie nach dem Umstyling aufsuchen." Ich beginne den Süßkram aus meiner Tasche zu holen. „Oh mein Gott", entweicht es Cloe, „das Umstyling hab ich ja total vergessen! Hoffentlich schneiden sie mir nicht die Haare kurz! Es hat ewig gedauert, bis sie so lang waren!" „Also ich hätte nichts gegen kurze Haare.", meine ich und ziehe meinen Pferdeschwanz fest. „Ich bin für jede Veränderung offen. Ich glaube, die Stylisten wissen, was sie tun." „Genau", pflichtet Linda mir bei, „Stylisten sind in der Regel sehr nett. Sie werden vorher mit dir absprechen, was sie machen. Und wenn sie dir die Haare abschneiden wollen, sagst du einfach, dass du sie lang behalten willst. Sie machen nichts, das du nicht erlaubt hast. Ich hoffe ja, dass ich die Haare gefärbt kriege." „Wieso?", frage ich verwundert. „Deine Haarfarbe ist dich schön." „Ja schon", sagt sie und sieht sich ihre Spitzen an, „aber gegen deine leuchtend roten Haare sind sie so gewöhnlich." Ich verziehe das Gesicht. „Gegen eine gewöhnliche Haarfarbe hätte ich nichts. In einer Menge steche ich immer heraus wie ein schwarzes Schaf unter lauter weißen." „Seht nur!", wechselt Cloe aufgeregt das Thema, „Da draußen sieht man schon das Schloss." Tatsächlich. Ich wusste gar nicht, dass der Flughafen so nah am Schloss ist. Es ist so unglaublich majestätisch. Obwohl das Schloss noch gar nicht so alt ist, sieht es aus, als wäre es im Barock gebaut worden. Auch wenn es nicht so hoch ist, kommt es mir vor, als könnte es eher die Wolken berühren als ein Hochhaus. Mit seinen hohen weißen Türmen, den vielen Statuen und den Goldenen Fenstern könnte es genau so gut aus einem Märchen stammen. Meine Aufregung von vorhin hatte sich inzwischen in pure Vorfreude verwandelt. Ein Mädchen aus dem nirgendwo, das in ein Schloss eingeladen wird, um dort mit 35 anderen Mädchen um die Hand eines Prinzen zu kämpfen, den noch niemand jemals gesehen hat. Klingt gut, oder? Georgie, das könnte ein Weltbestseller werden!
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