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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
7
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12.11.2020 1.998
 
Es regnete. Ich hatte schlechte Laune. Das Telefonat mit Olli gerade hatte mir die verhagelt. Wobei, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, eher meine Wut auf mich selbst der Auslöser war. Dieses klassische Ding, wenn man wusste dass der andere recht hatte, aber es nicht wahrhaben wollte. Hätte ich ihn nicht angerufen, hätte ich jetzt auch nicht diesen Missmut in mir - Kleinkinderlogik. Was Olli mir gesagt hatte, und was mich vermutlich auch am meisten an der Sache mit Valerie in den Bauch pikste, war zum Einen das Ding mit der Öffentlichkeit. Klar, ich hatte mein Privatleben bisher auch immer geheim gehalten, das hatte immer ganz gut geklappt. Wobei man da auch nie wirklich viel tratschen hatte können, das Bild das Valerie und ich gemeinsam abgeben würden das war schon ein anderes. Zum Anderen kratzte mich einfach meine eigene Einstellung zu der ganzen Sache. Klar, ich rühmte mich immer mit meinem Hang nach links, war ja auch wirklich der Meinung jeder sollte gefälligst lieben wen oder was er wollte, aber jetzt wo es mich selber betraf, da war es wie ein nerviger Faden an der Kleidung, der die ganze Zeit kitzelte, aber den man nicht ausfindig machen konnte. Und das ärgerte mich wohl noch mehr. Dass mich das alles ärgerte. Willkommen im Teufelskreis. Ich seufzte laut. Immerhin setzte ich mich mal konstruktiv mit der ganzen Entscheidung auseinander. Aber war es wirklich konstruktiv, wenn ich doch gerade schon wieder alle Zweifel im Handumdrehen beiseite schob und Valeries Nummer wählte?

“Ja?”, ging sie nach nur zweimal klingeln ran.

“Wie lief’s denn? Du bist jetzt aber nicht beim Warten ans Handy gegangen, oder?”, wollte ich wissen. Valerie war heute morgen bei der MAZ gewesen, wollte sich initiativ als Volontärin bewerben. Auf mein Anraten hin, wobei ich bei der ganzen Sache durchaus ehrlich zu ihr gewesen war. Als Volo musste man sich den Arsch aufreißen, aber wenn man was taugte, dann war es der beste Weg. Darüber, wo sie in dem Jahr leben würde, hatten wir nicht gesprochen. Ein wenig lag mir das im Magen, denn… das hatte hier sehr schnell etwas sehr fixes angenommen.

“Quatsch, was erwartest du von mir?”, stellte Valerie nur eine Gegenfrage, wollte wohl nicht verraten, was in den heiligen Hallen geschehen war. Nun gut, ich sagte nichts.

“Ich bin in zwanzig Minuten zurück”, fügte sie stattdessen noch an und ich nahm auch das einfach so hin, konnte aber nicht ganz leugnen, dass ich doch einfach gerne gewusst hätte, ob sie den Job denn nun hatte oder nicht.

“Alles klar”, zwang ich mich daher zu einer okayen Antwort, “bis gleich.”

“Bis gleich”, erwiderte sie zögerlich, ich merkte aber, wie sie rätselte ob sie sich jetzt falsch verhalten hatte. Dann legte ich auf. Den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. War ich jetzt wirklich beleidigt oder hatte ich nur so reagiert, weil ich wegen mir selbst beleidigt war?

Zwanzig Minuten später konnte ich diese Frage auch noch nicht beantworten, aber immerhin hatte ich mich noch aufgerafft und die Spülmaschine eingeräumt. Wo war denn eigentlich mein stressiges Leben der letzten Wochen plötzlich hin, grummelte ich, das hatte mich immer so schön von zu viel Grübelei abgehalten. Es klingelte, ich spülte kurz die Hände ab, schloss die Spülmaschine und schlurfte zur Tür, um Valerie zu öffnen.

“Na?”, meinte sie grinsend.

“Na”, antwortete ich eher monoton und ihre Miene verdunkelte sich.

“Das war nicht okay vorhin, oder?” Sie ließ die Schultern hängen und folgte mir zurück in die Küche. “Hey, Jan, das tut mir leid. Ich - du hast jetzt schon so viel für mich getan, du hättest ‘ne direkte Rückmeldung verdient.”

“Ach, ist schon okay”, winkte ich ab, weil mich nun doch das schlechte Gewissen plagte und ich irgendwie wusste, sie hatte ja gar nichts falsch gemacht. “Ich hab’ selber eine scheiß Laune. Tut mir leid”, entschuldigte auch ich mich.

“Aber wegen mir?”, wollte sie wissen, konnte noch nicht ganz folgen und sah besorgt zwischen meinen Augen hin und her. Noch einmal seufzte ich in einer neuen Alt-Männer-Manier und ärgerte mich direkt schon wieder, weil das ja irgendwie Teil des Problems war. Über das man doch mal reden musste, und am besten mit Valerie selbst.

“Komm mal mit.” Ich drehte sie sanft an den Schultern herum und schob sie in Richtung Wohnzimmer. Sie setzte sich quer aufs Sofa, ich mich ihr ungelenk und schief gegenüber.

“Ich hab’ vorhin mit Olli gesprochen, dem vom Podcast”, begann ich das unangenehme Thema, korrigierte mich aber direkt wieder. “Darum geht’s aber eigentlich gar nicht. Er war einfach neugierig, weil ich mich vor ein paar Tagen doch irgendwie untypisch verhalten hab’. Kannst du nicht wissen, musst du mir auf Vertrauensbasis einfach glauben.” Valerie nickte wissend, wartete gespannt, dass ich weitersprach. “Jedenfalls hat er mich ein wenig dran erinnert, dass -” Ich brach ab, die ganze Sache kam mir plötzlich höchst albern vor. Man, ich hatte ja noch nicht einmal Gewissheit, dass es Valerie hiermit genauso erging wie mir? Vielleicht war sie einfach nur verzweifelt gewesen und nun wirklich nur willig ihr Leben zu regeln und wollte so schnell wie möglich hier weg, wieder auf eigenen Beinen stehen.

Dann küsste sie mich. Perplex sah ich sie nur weiter an, konnte gar nicht reagieren. Valerie, ohne meine Reaktion, zog sich direkt wieder zurück und atmete scharf ein.

“Ich -”, sagte sie nur, dann sagte sie nichts mehr. Ich auch nicht. Verdammt, ich hatte es doch einfacher machen wollen!

“Vielleicht sollte ich besser -”, setzte sie noch einmal an und wollte sich vom Sofa hochdrücken, bevor ich sie ganz filmreif am Arm packte. Ich zog sie zurück und küsste sie nun selbst. Und es war durchaus besser, wenn sich beide beteiligten. Wir lösten uns voneinander und Valerie schüttelte energisch den Kopf. “Alter, ich hätte nie gedacht, dass du so kitschig sein kannst.” Ich lachte und ahmte ihren Satzbau nach. “Alter, ich auch nicht.”

“Aber du wolltest mit mir sprechen?”, erinnerte Valerie mich als wir uns nur eine Weile verwirrt angesehen hatten. Aber wollte ich noch mit ihr sprechen? Wobei, eigentlich hatte dieser Kuss gerade das Gespräch doch nur noch dringlicher gemacht? Gleichzeitig aber wollte ich es nun noch weniger führen, auch wenn mir klar war, dass sich das Problem nicht von selbst aus der Welt schaffen würde. Also brachten wir es besser hinter uns. Meinen Satzanfang von vorhin hatte Valerie mir aber längst weggewischt, also setzte ich neu an.

“Ich hab’ ein wenig nachgedacht, mit Olli vorhin. Er, naja, eigentlich hatte er nur berechtigte Kritik an der ganzen Sache hier angebracht.”

“An der ganzen Sache?”, fragte Valerie mit ein wenig abwertendem Tonfall. Ich nickte nur.

“Ein bisschen was von deinem hohen Ansehen ist gerade verloren gegangen, muss ich ehrlicherweise sagen. Du wirkest mir doch ein wenig angepasster.” Das schlechte Gewissen fraß mich auf. Verdammt, sie hatte Recht. Und ich hatte auch Recht gehabt, bei dem Gedanken dass ich doch eigentlich gar nicht so engstirnig sein durfte. Das stand mir gar nicht zu. Dann seufzte sie und ihre selbstsichere Haltung ließ nach. “Ich weiß doch auch nicht, ob das der Weg ist, den wir gehen sollten”, meinte sie leise. “Aber er wirkt verlockend.”

“Ich weiß”, meinte ich nur, schluckte. Sehr verlockend.

“Sollen wir nochmal Olli anrufen und um Rat fragen?”, scherzte Valerie lahm. Ich zuckte mit den Schultern, ließ mein Handy natürlich wo es war. Dann entschied ich die Situation kurzerhand ganz rational: “Was hat denn die MAZ zu dir gesagt?” Valerie sah mich kurz verwirrt an. “Sie meinten, sie würden sich morgen bei mir melden. Aber es sieht wohl ganz gut aus.”

“Na, dann musst du ohnehin für’s nächste Jahr in Berlin bleiben. Genug Zeit, um das alles hier zu sortieren.”

///

Tatsächlich war die ganze Situation natürlich etwas komplexer, als ich sie Valerie so schön runtergebrochen vorgestellt hatte. Sie hatte mir aber direkt zugestimmt, sich noch einmal unzählige Male bedankt, dass ich sie auch erstmal bei mir wohnen lassen würde. Am nächsten Morgen hatte Valerie von der MAZ tatsächlich ihre Zusage erhalten, war mir danach freudestrahlend in die Arme gesprungen und hatte mich ein zweites Mal geküsst. Die beiden großen Themen “Geld” und “Wir” waren aber nicht mehr Teil eines Gesprächs geworden. Wir nahmen es einfach so hin, dass wir nun wohl - was auch immer wir waren, wir nahmen es hin. Was sich allerdings über die nächsten beiden Wochen änderte, war unser Verhältnis zueinander. Das eine oder andere Mal kam ich ins Stocken, wenn ich bemerkte, wie sehr wir ein Team bildeten. Und dabei meinte ich gar nicht die unausgesprochene Übereinkunft, wer wann das Bad putzte. Das war mehr, auch wenn ich es nicht begreifen oder beschreiben konnte. Aber man, mir ging’s gut. Auch Valerie erzählte mir, dass sie wieder ein bisschen positiver in die Zukunft blickte, jetzt war sie auf dem Weg zu dem Leben, das sie führen sollte, hatte sie gesagt. Den skeptischen Blick hatte ich mir verkniffen, aber sie nutzte den Aufschwung, und hatte gestern ihre Familie angerufen und von allen Neuigkeiten berichtet. Nun gut, nicht von allen. Gerade in Bezug auf mich fehlten da doch große Stücke der Geschichte, die hatte ich gar nicht alle verpassen können als ich nicht im Zimmer gewesen war. Aber ich verübelte ihr das alles kein bisschen. Ich hätte mich womöglich auch nur im Nebensatz erwähnt. Aber Valeries Lächeln als sie aufgelegt hatte, wenn sie uns morgens Kaffee kochte und danach ins Büro fuhr, das war es wohl fast, was mich in den letzten Tagen am meisten freute. Ich freute mich darauf mir anzugucken was sie noch vor sich hatte. Klar, auch meine Karriere konnte jeden Tag einen anderen Weg einschlagen, erst in diesem Jahr hatte ich mich selbst damit überrascht, diesen Schritt ins ZDF-Hauptprogramm gehen zu wollen. Aber was kam denn dann noch? Und so ertappte ich mich ab und an dabei, wie ich, gerade am Kochen oder Staub wischen oder was man sonst so tat, Valerie in der Wohnung herumhüpfen sah, so voller neuer Hoffnung. Als wäre sie mein Zögling, den ich nun nach langer Zeit in die weite Welt entlassen würde. Dabei kannten wir uns seit zweieinhalb-fucking-Wochen. Es war absurd. Aber dann unterbrach Valerie ihr Auf- und Abgehüpfe und kam zu mir, ließ ihre Hände nur diesen kleinen Moment an meinen Seiten ruhen und gab mir einen Kuss. Und dann fühlte sich wieder alles ganz richtig an. Ganz normal.

“Wollen wir heute mal Nachtisch machen?”, schlug sie vor, als sie in die Küche gesprungen kam, das Handy in der Hand. Ich hatte gerade los wollen, einkaufen für’s Abendessen. Wir wollten Lasagne machen, aber es war kein Hack mehr da gewesen.

“Es kommt mir wie ein guter Tag vor, um Nachtisch zu machen”, setzte sie noch dran. “Ich hab’ hier ein Rezept von meiner Mutter. Sind eigentlich nur Brownies, aber ich verspreche dir, es sind die leckersten Brownies, die du je gegessen haben wirst.”

“Okay”, meinte ich nur, “was brauchen wir?” Valerie las mir die paar Zutaten von einem Screenshot ab und ich notierte sie zum Hack.

“Ich kann auch mitkommen?”, meinte Valerie noch fragend und lächelte. Ich zögerte, aber stand mir selbst im Weg. Spürte plötzlich wieder dieses Thema der Öffentlichkeit über uns in der Luft schweben. Die letzten Tage hatte ich mich nicht damit auseinandersetzen müssen, wir hatten abends ohnehin nicht mehr weggehen wollen. Dokumentationen oder Serien, vielleicht davor etwas Gutes kochen, das war eher unser Abendprogramm gewesen. Aber Valeries Frage war nicht clever genug gestellt, als das ich die Situation nicht mit Humor beenden konnte, bevor sie zu unangenehm wurde. “Das ist lieb von dir, aber die drei Sachen kann ich mit letzter Kraft noch alleine tragen”, grinste ich frech. Und hätte fast noch einen Nebensatz angehängt, aber mit einer Anspielung darauf dass ich noch nicht zu alt dafür war wäre ich nur ins nächste Fettnäpfchen getreten. Valerie jedoch sagte nichts mehr. Sie lächelte, aber ihre Augen erreichte es nur knapp. Ich sagte auch nichts mehr, machte mich auf den Weg zum Supermarkt und verfluchte mich die ganze halbe Stunde, die ich unterwegs war, selbst.
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