Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
6
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.11.2020 1.972
 
Spannend wurde es tatsächlich, resümierte ich etwa zwei Stunden später. Die hölzernen Küchenstühle waren für die tiefsinnigen Gespräche, in die wir irgendwann verfallen waren, doch nicht mehr angemessen gewesen und wir waren nach nebenan aufs Sofa gewandert. Im Normalfall vielleicht nicht der Abstand den ich zu Menschen pflegte, die ich kaum kannte. Aber mit jedem Wort, das wir wechselten, hatte ich das Gefühl, da steckte doch ein wenig Jan in diesem so fremden Menschen. Es war merkwürdig. Und dabei hatte ich wirklich nach dem einen Radler aufgehört zu trinken, also war im Prinzip nüchtern. Valerie hatte das ein wenig anders gehandhabt und war recht großzügig mit der Flasche umgegangen. Sie war nicht wirklich das was man sich ganz klassisch unter betrunken vorstellte, sie war eher diese schläfrige, melancholische Art von angetüdelt. Hatte sich das ein oder andere Mal entschuldigt, weil ihr der Wein ja gar nicht gehörte. Ich hatte ihr immer wieder versichert, dass er ja auch mir - als Beschenkter - irgendwie gar nicht gehörte, und das hatte sie wieder so weit beruhigt, dass sie nochmal nachgeschenkt hatte. Ich empfand es überhaupt nicht als unhöflich, ich hatte es ihr ja angeboten. Und so auch keine Notwendigkeit darin gesehen sie zu informieren, dass der Wein mir aus rechtlicher Sicht sehr wohl gehörte - er war ja ein Geschenk gewesen und damit in mein Eigentum übergegangen. Aber das war nicht meine größte Sorge, denn die bestand darin, Valerie mit gerunzelter Stirn zuzuhören, ihren Erzählungen über ihre Geldsorgen zu lauschen. Und ich sollte dazu am besten gar nichts sagen - mit der Bitte endete sie. Und fuhr dann doch fort, wie sie die Freiheit zwar wirklich liebte, aber ihre Situation doch ein wenig glorifiziert hatte, bis ihr das BAföG gestrichen worden war. Das sagte sie mir. Und dass es ihr so unglaublich unangenehm war, dass sie überhaupt jemals in diese Position gekommen war. Wie sie es denn vor sich selbst rechtfertigen sollte, dass sie wieder ihre Chance vertan hatte? Wobei das ja gar nicht richtig sei, sagte sie. Sie musste sich nicht rechtfertigen, denn den Fehler hatte sie ja selbst begangen. Aber wie geradebiegen?

“Aber bitte, sag nichts. Ich weiß ja doch alles schon, du hättest ja doch mit allem recht.” Also sagte ich nichts. Ich sah sie nur noch einen Moment an, überlegte, was in dieser misslichen Lage denn nun der richtige Move war? Aber Valerie nahm mir die Entscheidung ab - oder war es der Wein? - und ließ ihren Kopf langsam und erschöpft auf meine Schulter sinken. Erschöpft vom Leben. Ich war noch immer ratlos und ließ es einfach geschehen. Was, ja was, wollten wir voneinander? Wir beide. Denn genauso verwirrt wie ich mich selbst gerade beobachtete, so konnte ich mir auch aus ihr keinen Reim machen. Sie schien nicht wie der Mensch, der sich mit Lügen zu anderer Leute Wohnung Zutritt verschaffte, um dann - was? Um mit ihnen zu schlafen? Nein, so sehr konnte ich mich nicht getäuscht haben, so sehr aus dem Konzept war ich dann doch nicht. Aber ich konnte mir keinen Reim darauf machen und setzte mich eben doch wieder mit mir selbst auseinander. Was wollte ich denn? Auch das wusste ich nicht, aber ins Hotel bitten würde ich sie heute nicht mehr. Das Sofa eignete sich doch viel besser. Ich seufzte einmal, ganz leise.

“Was denn? Jan?”, fragte sie. Ehrlich interessiert, aber doch schon nicht mehr ganz bei sich.

“Alles gut”, meinte ich also nur. “Alles gut.” Ihr Atem wurde langsamer, ich leider aber keine Spur müder und demnach wohl auf ewig in dieser Position gefangen, wenn ich kein Arschloch sein wollte. Genug Zeit, nachzudenken. Aber schlauer wurde ich aus der ganzen Situation doch nicht und ließ es irgendwann wieder bleiben. Nur ein Gedanke, der ließ mich nicht los und sich auch nicht drehen und wenden. Vielleicht war sie doch nichts für die Sendung. Vielleicht war Valerie doch die Frau, die ich zum Italiener einladen würde.

///

Eine Weile noch waren wir beide so verharrt, bis das Gewicht auf meiner Schulter doch verdammt nervig geworden war. Ganz sanft hatte ich Valerie angestupst, ihr zugeflüstert, dass ich ihr kurz eine Decke holen würde, und ob sie denn sonst noch was bräuchte. Sie hatte nur lächelnd den Kopf geschüttelt und sich schläfrig hingelegt, als ich aus dem Zimmer verschwand. Ich hatte eine Fleecedecke aus dem Schlafzimmerschrank geholt, war unschlüssig wieder vor ihr stehen geblieben und hatte dann doch die Decke aufgeschlagen, um Valerie zuzudecken. Was für ein komischer Film, ey. Valerie hatte sich die Decke unters Kinn gezogen und war schon wieder weggedriftet, ehe sie sich bedanken konnte. Einen Moment noch war ich da stehen geblieben, hatte gemutmaßt, dass das in Jeans und mit Make-Up im Gesicht wohl nicht so bequem war, aber da schlief sie ohnehin schon.

Als ich heute morgen wieder ins Zimmer tapste, lag sie da nicht mehr. Und es roch nach Kaffee. Ich sah verwundert die Decke ordentlich zusammengelegt am Ende des Sofas, ehe ich mich umdrehte und an der halb geöffneten Küchentür vorbeispähte. Aha. Die Beine merkwürdig überschlagen, eine Tasse Kaffee in der einen und ihr Handy in der anderen Hand, so lächelte mich Valerie entschuldigend an.

“Ich wusste nicht genau, ob der Kaffee den Abend wiedergutmachen würde oder genau das falsche war”, meinte sie und zuckte mit dem Kopf Richtung Kanne. “Aber ich dachte mir dann, ich teste es einfach aus.” Ich - noch sehr verschlafen und rätselnd darüber warum sie eigentlich vor mir wach gewesen war - nahm mir eine weitere Tasse aus meinem eigenen Schrank und schenkte mir den Kaffee ein. Ich lehnte mich gegen die Arbeitsfläche und sagte nichts mehr. Valerie sagte auch nichts mehr. Allmählich wurde ich etwas wacher und realisierte, dass ich da immer noch in Boxershorts vor ihr stand.

“Ich - oh”, murmelte ich nur, stellte die Tasse ab und verschwand nochmal ins Schlafzimmer, um in eine beliebige Jeans zu schlüpfen. Das Shirt tauschte ich gegen ein frisches und schlurfte barfuß zurück in die Küche. Valerie sah mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

“Bin ich verklemmt?”, fragte ich nur. Wusste auch nicht wirklich, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Schon wieder, verdammt! Sie grinste. “Ach, wie du möchtest.” Okay, dachte ich, damit kann ich umgehen. Wie ich möchte. Aber was wollte ich jetzt? Ich hatte in den nächsten Stunden leider keinen Termin anstehen. Klar konnte ich einen vorschieben, um Valerie aus der Wohnung zu bekommen, aber dafür hätte mich doch nur zu sehr das schlechte Gewissen geplagt, wo sollte sie auch hin? Und irgendwie wollte ich sie auch gar nicht raushaben.

“Soll ich Brötchen holen?”, hörte ich mich stattdessen fragen. “Jetzt, wo ich schon mal was anhab’.”

“Du, Jan, du hast glaub ich echt genug für mich getan. Lass’ doch mich gehen”, meinte sie unsicher und wollte schon aufstehen.

“Nein, das passt”, widersprach ich ihr aber rasch, dachte vermutlich ebenso wie sie an gestern Abend. Oder eher an das Geld, fast hätte ich noch erwidert, dass sie die Brötchen doch gar nicht wirklich zahlen konnte. Aber ich hatte mich noch zurückgenommen und hängte lieber ein sarkastisches bis süffisantes “Deine Anwesenheit tut doch schon genug.” hinterher, ehe ich mich ein zweites Mal von der Arbeitsfläche abstieß. Grübelnd schlüpfte ich in meine ausgelatschten Schuhe, schnappte nach dem Arschtaschenportemonnaie und ging beim Bäcker um die Ecke ein paar Sachen einkaufen. Nichtwissend was sie gerne aß, holte ich aber sicherheitshalber einmal das was ich aß, doppelt. Ich hatte da so ein Gefühl. Und es kam gut an, Valerie genoss mit einem Appetit, als hätte sie seit Wochen kein ordentliches Frühstück mehr gehabt. Nun gut, mich beschlich das Gefühl, dass sie vielleicht wirklich seit Wochen kein ordentliches Frühstück mehr gehabt hatte, aber auch darüber sprachen wir nicht. Das Problem musste aber ganz pragmatisch irgendwann gelöst werden. “Wo willst du denn jetzt hin?”, fragte ich sie also ganz vorsichtig, als wir beide noch an der zweiten Tasse Kaffee nippten. Genau so wie ich es geahnt hatte, schüttelte sie aber nur den Kopf und flüsterte: “Ich weiß es nicht.”

“Ich könnte dir ein Hotel zahlen”, schlug ich, wieder ganz pragmatisch, vor. Valerie sah mich mit gemischten Gefühlen an, die ich nicht ganz deuten konnte. Dann hörte ich mich, deutlich weniger pragmatisch, aber mit deutlich mehr Bauchgefühl sagen, sie könne auch ein paar Nächte hier bleiben. Wieder konnte ich ihre Gefühle nicht ganz deuten, aber diesmal wusste ich, Freude war zumindest dabei. Was, ja, was verdammt war das? Valerie bedankte sich überschwänglich, natürlich. Sie meinte das aber auch so. Ich wusste, die würde mir nicht den Schrank ausräumen.

“Ich hab’ nur um vier einen kurzen Termin in Berlin drin”, ließ ich die Information dann so im Raum stehen.

“Ich…”, begann Valerie, dabei wussten wir beide, sie würde den Satz nicht mehr beenden. Sie würde heute nicht viel vorhaben. “Ich könnte mir einen Job suchen”, meinte sie aber doch halbherzig, sah skeptisch zu mir herüber. Ich sagte nichts. Ich glaubte ihr, dass sie einen finden wollte, aber wir wussten, so eben würde ihr keiner einen geben.

“Was willst du denn wirklich?”, fragte ich stattdessen die eine große Frage, rechnete schon damit, keine Antwort darauf zu erhalten. Denn wer wusste denn schon genau, was er wirklich wollte im Leben. Ich war zwar glücklich mit dem was ich machte, aber vorher gewusst hatte ich auch nie, dass es das war, was ich machen wollte.

“Journalismus”, kam dann aber doch wie aus der Pistole geschossen und ich sah in filmreifer Geste erstaunt zu ihr rüber. Dann grinste ich. “Da kann man aber was machen.” Valerie sah mich schief an. “Du willst mich hier wohnen lassen und mir ‘nen Job besorgen? Man soll sich aber nicht übernehmen, Herr Fernsehmensch.”

“Na, ‘nen Job besorg ich dir nicht”, meinte ich lachend, aber beäugte skeptisch ihre Reaktion, um sicherzugehen, dass sie mich auch nicht falsch verstanden hatte. “Ich kann dir aber ein paar Tipps geben, die sind rechtlich gerade noch Grauzone.”

“Alter, was willst du dafür?”, wollte Valerie wissen, als sie verstanden hatte, wie viel Hilfe ich ihr wirklich versprochen hatte.“ Du benimmst dich, als würdest du mich auf’n Date einladen wollen.” Ihr Blick verriet, dass wohl nicht so sehr geplant gewesen war, das auszusprechen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Scherzen, wie wir es beide so gerne taten? Ihr erklären, dass das nicht ging? Mich rausreden? Aber Moment, nochmal zu dem Punkt davor, es ging ja eigentlich. Aber wollte ich… ich wusste es nicht. Ich redete mich raus.

“Bezahlung wird erst nach getaner Leistung fällig”, grinste ich. Valerie erwiderte den Blick dankbar, aber ich merkte, das Thema war noch nicht vom Tisch. Und irgendwie wollte ich es noch nicht ganz vom Tisch haben.

“Um die Ecke gibt’s aber ‘nen ganz guten Italiener”, meinte ich also, beobachtete genau ihre Reaktion. Ihr Auge zuckte leicht, dann grinste sie. “Deal.”

“Deal”, erwiderte ich und fragte mich gleichzeitig, wohin zur Hölle uns das führen würde.

Das Rätsel blieb, aber es wanderte weiter in die Abteilung der Probleme, mit denen ich mich später auseinandersetzen würde, in einem ruhigen Moment. Wann auch immer der kommen würde. Aber aktuell befanden sich im präsenten Teil unsere Unterhaltungen, die wir über den Tag hinweg so führten. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, den Tag verschenkt zu haben, gleichzeitig aber auch das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Es war merkwürdig, auch Jahre später noch würde ich diese Momente nie einordnen können. Wir unterhielten uns über dies, das, gemeinsame musikalische Interessen - Olli würde sie mögen! - oder das ein oder andere Musical. Bis es sie traurig stimmte, weil ich mir die Eintrittskarten und Fahrten besser leisten konnte und zu oft schwärmte von etwas, das ich auch wirklich live gesehen hatte. Ich entschuldigte mich aufrichtig und dann war es auch wieder okay. Valerie schien sich nicht lange einen Kopf über Dinge zu machen. Bis auf dieses eine Problem, das ich ihr immer wieder vom traurigen Gesicht ablesen konnte, ohne dass sie es noch einmal hatte erwähnen müssen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast