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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
7
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29.10.2020 2.107
 
Endlich zuhause kickte ich mir die Schuhe von den Füßen und schlurfte in die Küche. Nicht viel, Butter, immerhin ein wenig Gemüse, irgendein Aufstrich. Keine Ahnung mehr wie lange der schon offen war. Ich griff nach der Butter, zum Glück waren von gestern noch relativ frische Brötchen übrig. Man, hier musste in Sachen Essen echt mal wieder was passieren, das war ja echt eine Zumutung was das mit diesem Haushalt machte, wenn ich so selten zuhause war. Ich nahm mir Teller und Messer und setzte mich mit meiner Ausrüstung für ein spartanisches Abendbrot an den Küchentisch. Mit einer grob beschmierten Brötchenhälfte in der einen Hand und dem Handy in der anderen Hand wollte ich gerade den ersten Bissen nehmen, als eben dieses läutete. Irgendeinen genervten Laut von mir gebend spähte ich aufs Handy. Olli.

"Haste dich verlaufen? Frag' ma' Google", begrüßte ich ihn.

“Witzig”, meinte der nur kurz. “Ich bin jetzt zuhause, wir können loslegen. Susanne ist schon ready.”

“Na, bei der meldeste dich wieder erst, du bist mir ja einer”, scherzte ich. “Gib mir zehn Minuten, ich meld mich.”

Gesagt, getan, stopfte ich mir mein Abendessen rein, wollte ja heute auch mal Feierabend haben. Der erste Teil der Sendung war danach tatsächlich wie erwartet schleppend gelaufen, Olli und ich hatten gerade die kurze Pause angekündigt und überlegt, wie wir das noch rumreißen und ein bisschen Schwung reinbringen konnten. Als wieder mal mein Handy läutete. Eigentlich gingen wir da nicht ran, wenn wir gerade an der Arbeit waren - außer es ging um Leben und Tod, beziehungsweise außer unsere Karriere hing dran. Ich runzelte die Stirn. Das war doch aber Valeries Nummer? Ich hatte sie zwar noch nicht eingespeichert, aber schließlich war es noch keine Ewigkeit her, dass sie mich das letzte Mal angeklingelt hatte. Ich achtete nicht auf Olli und hob ab.

"Böhmermann", meldete ich mich, schaltete Ollis Gebrabbel kurzerhand auf stumm.

"Oh, hey, Valerie hier", begrüßte sie mich, klang fast ein wenig überrascht, dass ich wirklich rangegangen war. Wieso auch immer. Ich kaute ein paar Mal, dann zuckte ich mit den Schultern. "Nu, Frau Valerie, Sie wollen die Dinge hier aber ein wenig überstürzt angehen, kann das sein?", gab ich grinsend zurück. Ich hörte, wie sie zögerlich in den Hörer lachte. "Du, stör' ich grad?", wollte sie dann wissen. "Ich bräuchte direkt 'mal deine Hilfe. Und nicht zu viele Rückfragen wären gut." Nun wurde ich neugierig. "Ne, das passt schon. Was gibt's?", fragte ich, machte mir schon fast ein wenig Sorgen. Meine Gedanken schossen zurück zu ihren Geldproblemen, aber bisher hatte sie den Eindruck gemacht, als würde sie sich da schon zu helfen wissen.

"Ich, naja. Das kommt jetzt vielleicht ein wenig sehr überraschend, aber Berlin sagtest du, da bist du? Besteht denn da irgendwie die Möglichkeit, dass du dir eine der teuersten, luxuriösesten Hotelsuiten genehmigt hast? Mit fünf Schlafzimmern, eins davon ganz abgelegen, quasi am anderen Ende vom Hotel? In dem man sich - rein hypothetisch natürlich - ins hinterste Eck verkrümeln könnte?", fragte sie und wurde mit jedem Wort leiser, bis ich sie schließlich kaum noch verstehen konnte. Ich stutzte. Sah mich grinsend um - wie weit sie doch von der Wahrheit entfernt war.

"Das sieht hier leider alles ein wenig anders aus, als du es dir vorzustellen scheinst. Ich hab’ hier ‘ne Wohnung." Neugierig wartete ich, was sie nun dazu sagen würde. Ich hatte mich an ihre Bitte gehalten, Nachfragen möglichst zu vermeiden und antwortete nur auf ihre eigentliche Frage. Dennoch konnte ich nicht leugnen, dass die Spannung bei mir doch nicht ganz unerheblich stieg und ich hoffte, sie würde nun zumindest mit einer kleinen Begründung auffahren.

"Oh, dann - dann tut's mir leid, ich hätt' mich vermutlich gar nicht erst melden -"

"Brauchst du Hilfe, Valerie?", unterbrach ich sie. Im letzten Satz war ihre Panik doch schon bedenklich stark durchgeklungen und ich hatte in irgendeiner verkümmerten Körperzelle plötzlich einen Helferinstinkt ausgegraben. Valerie aber sagte nichts.

"Brauchst du Hilfe?", wiederholte ich. "Brauchst du was, wo du unterkommen kannst?"

"Ja", meinte sie nur kleinlaut. Mein Gehirn ratterte. Ich würde ihr natürlich ein Hotel zahlen können, aber das war alles etwas umständlich so über die Ferne. Wobei - einen Moment -

"Wo bist du denn?", fragte ich, versuchte, irgendwie besänftigend zu klingen. Konnte ich nicht, wusste ich, scheiterte auch wieder. Naja.

"Berlin?", meinte sie, fast schon entschuldigend. Moment, sie war doch nicht etwa auf gut Glück - ? Okay. Das konnten wir noch klären.

"Du, ich geb' dir mal 'ne Adresse, okay? Du kommst erst mal hier zu mir, wir finden was für dich." Taxi konnte sie sich sicher nicht leisten, also würde sie noch eine Weile brauchen. Olli und ich konnten in Ruhe die Folge aufzeichnen, dann würde ich ihr ein Hotel zahlen und die Sache war erledigt.

"Jan", fing sie dann aber doch an, holte tief Luft, "ich will da echt keine Umstände machen, wirklich! Ich mach' so was Armseliges wie das hier eigentlich auch nie, ich hab' bisher schon immer irgendeinen Weg gefunden, das noch zu regeln. Aber weißt du, ach, ich erklär's dir, okay? Sollte ich schließlich, weiß ich." Diesmal ließ ich sie ausreden, auch wenn ich bereits ungeduldig wurde. Und eigentlich hätte ich auch gern etwas anderes gesagt, aber ich versprach ihr stattdessen, dass sie mir nichts erklären musste. "Komm' einfach erst mal her. Alles gut." Ein kleiner Augenblick Stille. "Okay." Ich nannte ihr meine Adresse und Valerie bestätigte, dass sie verstanden hatte und verabschiedete sich kleinlaut. Ich seufzte. So etwas hatte ich nicht erwartet. Ich drehte mich wieder zu meinem kleinen Podcast-Set-Up, schaltete Olli wieder laut und hörte nur ein ungläubiges “Alter, das war deine tatsächliche Adresse.” Ganz ruhig, aber ganz verwirrt. Ich merkte erst, dass ich das wirklich getan hatte. Aber war dann wohl zu spät, ne?

///

Bis Valerie an meiner Türe läutete, waren wir mit der Sendung nur gerade so eben durch. Ich selbst war zwar nach wie vor nicht allzu gut drauf, und auch wenn ich natürlich gezwungen war dem Gespräch mit Olli meine volle Aufmerksamkeit zu schenken, so war ich doch irgendwie versucht, das alles zu einem schnellen Ende zu bringen und gespannt auf das Gespräch das gleich noch mit dem blonden tätowierten und gepiercten Mädchen folgen würde. Olli aber hatte heute einen extrem guten Tag, viel zu besprechen und die Sendung lange geführt. Endlich war auch er leergequatscht und wir tauschten die letzten drei Sätze aus, als ich vom Klingeln hochschreckte.

“Du, das war’s ja alles, ne? Besuch ist da, mach’s gut!”, beendete ich rasch das Gespräch und ertappte mich selbst dabei, wie ich schneller zur Tür hastete als nötig. Olli würde schon auflegen und alles, war ich mir sicher und öffnete die Tür. Einen wirklichen Plan hatte ich in der Zwischenzeit natürlich nicht ausgearbeitet, aber da waren ja im Prinzip auch gar keine großen Überlegungen nötig - hier schlafen konnte sie ja ohnehin nicht. Aber zumindest mal eben hier aufkreuzen, das war schon vertretbar.

Der Blick, mit dem sie jetzt aber zu mir aufsah, war leider nicht so freudig wie heute Morgen. Sie schämte sich, das sah ich ihr an.

"Na, herbergsloses Mädchen, tritt ein!", begrüßte ich sie und trat mit einer einladenden Geste zur Seite. Zögerlich folgte sie mir, streifte sich ganz brav die alten Chucks von den Füßen. Noch immer sagte sie nichts, folgte mir nun aber vorsichtig in die Küche. Ich ließ mich dort an den kleinen Küchentisch fallen aber erhob mich direkt wieder wie der gute erzogene Gastgeber der ich war. Ich fischte ein Glas aus dem Schrank und bot ihr mit einem Fingerzeig auf den Wasserhahn etwas zu trinken an. Sie nickte kurz dankbar. "Wollte ich auf der Fahrt hierher", beantwortete sie dann meine Frage, "hat dann nicht funktioniert, aus Gründen." Wieder eine sehr spärliche Antwort, aber ich zwang mich, es dabei zu belassen. Würde ich schon noch aus ihr rauskitzeln. Stattdessen füllte ich auch mein eigenes Glas nochmal und prostete ihr scherzhaft zu. "Setz' dich." Sie tat wie geheißen und wir sahen uns einen Moment an. Ich wollte ihr den Vortritt lassen, realisierte aber dann dass sie jetzt wohl kaum anfangen würde, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Sie belastete irgendetwas wirklich schwer, merkte ich. Nun gut, das musste ich ihr einfacher machen. Mir lag doch immer irgendwas auf der Zunge, warum jetzt nicht? Ich suchte nach einem locker flockigen Gesprächsthema, aber da war nichts.

“Trinkst du?”, fragte ich daher nur ganz direkt aus Sorge, dass sich diese schwere Stimmung hier gar nicht mehr auflösen ließ. Da, endlich wieder ein schiefes Grinsen, wenn auch etwas unbeholfen.

“Ganz schön geschickt eingeflochten”, kommentierte sie sarkastisch.

Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern. “Ich hab wirklich mein Bestes gegeben, ein geeigneteres Thema zu finden aber… scheinbar macht mein Bestes gerade Urlaub” meinte ich schließlich trocken.

Sie grinste nur weiter. “Welchen Alkohol hast du denn da?”

Okay, diese Frage war nur schwer abwendbar gewesen, zugegeben. “Nicht viel”, meinte ich also entschuldigend, “ich bin selber erst vor nicht allzu langer Zeit zum moderaten Biertrinker geworden. Also viel mehr als das sollte auch nicht im Haus sein. Wobei im Wohnzimmer noch eine Flasche Wein steht. Die war zwar ein Geschenk, aber von den Medien also kein allzu hoher Wert.”

Valerie lachte kurz auf und nickte dann. “Wenn’s okay ist würde ich sehr gern den Wein probieren, ich bin nicht so der herbe Typ.” Wie auch immer man das jetzt auffassen mochte. Ich schlurfte wieder nach nebenan ins Wohnzimmer, Valerie folgte mir zögerlich. Zugegeben, weit konnte sie mir ohnehin nicht folgen, die Wohnung hatte schon nicht viel mehr als Mindestgröße. Aber mehr brauchte ich auch nicht, Berlin war ja ohnehin nicht der Hauptschauplatz meiner Arbeit. Aber mit der Zeit waren die Besuche dann doch so häufig und ich die Hotelzimmer doch so leid geworden, dass ich mir den Luxus genehmigt hatte. Ein kleines Sofa, ein, zwei Schränke, ein Tisch der das Arbeitszimmer ersetzte, fertig. Aus Gewohnheit wollte ich mir auf dem Weg noch schnell das iPhone vom Tisch schnappen, mit dem wir bis gerade eben Fest und Flauschig aufgezeichnet hatten, als ich da tatsächlich noch Ollis Fresse in die Kamera grinsen sah.

“Alter, auf dich ist auch kein Verlass mehr”, grummelte ich, riss das Handy genervt von Ladekabel und Kopfhörern.

“Das lass’ ich mir doch nicht entgehen, Jan!” kam seine Stimme aus dem Handy. “So ein anormales Verhalten das muss untersucht werden!”

Ich ließ das unkommentiert und wandte mich der erneut schief grinsenden Valerie zu. “Olli - Valerie, Valerie - Olli”, stellte ich sie einander vor. “Mit ihm mach ich ‘nen Podcast und sie… kenn ich auch woher.”

“Du bist mir ja einer!”, rief Olli ganz ungläubig, während Valerie nur freundlich nickte. “Hi, Olli!”, rief sie Richtung Handy.

“Und du”, beendete ich die ganze absurde Situation in Ollis Richtung, “kannst mich mal.” Und legte selbst endlich auf, betete dass Susanne oder wer auch immer vom Podcast-Team nicht auch noch mit mir verbunden gewesen waren. Kontrollverlust, Böhmermann, nimm dich in Acht.

Das iPhone wanderte schließlich in die Arschtasche und ich wandte mich zum Schrank, um Valeries Gesicht nicht sehen zu müssen. Würde sie das jetzt unkommentiert lassen? Wobei sie bisher in ihrem Verhalten doch recht Böhmermann’sche Züge aufgewiesen hatte und wenn sie auch da so war wie ich, dann würde sie zumindest einmal höflich interessiert nachfragen. Der andere blockte schon ab, wenn er nicht reden wollte.

“Anormales Verhalten sagt er, dein Olli?” Ich konnte das neugierige Lachen in ihrer Stimme bestens hören.

“Das erzähl’ ich dir nach einem Bier”, redete mich raus, hoffte wohl irgendwie dass sie mich nicht mehr darauf ansprechen würde, ärgerte mich selbst, dass mir das so unangenehm war. Aber tröstete mich damit, dass Valerie scheinbar in einer noch viel unangenehmeren Lage stecken musste. Dazu später mehr, vertröstete ich mich.

“Ein Bier? Du wirkst eigentlich recht trinkfest”, meinte sie, als ich mit der Flasche Wein aus dem Schrank an ihr vorbei wieder in die Küche schlurfte.

“Du glaubst nicht wie wenig man verträgt, wenn man seinen Körper über 30 Jahre seines Lebens keinen Tropfen hat sehen lassen.”

Ich griff nach einem Weinglas, entkorkte die Flasche - das hatte auch schon mal flüssiger geklappt - schenkte ihr etwas ein und holte mir selbst immerhin ein Radler aus dem Kühlschrank.

“Auf dich”, meinte ich ganz abgedroschen, weil mein Kopf immer noch herzlich wenig cleverness hergab.

“Auf die Ämter”, murmelte Valerie. Das konnte noch spannend werden.
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