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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
7
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
27.10.2020 2.250
 
Hallo!

Leider deutlich später als es geplant hier nun das vierte und auch eins meiner Lieblingskapitel - Achtung POV-Wechsel als kleine Überraschung :)


Die Rü
ckmeldungen bisher sind doch umfangreicher ausgefallen als gedacht, da tut es mir leid für die Verzögerung! Ich hoffe ihr habt dennoch viel Spaß mit dem weiteren Verlauf meiner kleinen story und bleibt mir treu!

Liebste Grüße - Lisa



/


JAN POV

Verdammt, keiner hatte mir gesagt, dass in meinem Berufsleben immer noch so viel los sein würde, selbst ohne Sendung. Aber ich hatte alles im Griff. Ein Blick auf die Uhr - in mit etwas Glück nicht viel über fünf Stunden war ich zurück in Berlin und konnte endlich mit Olli die Folge für Sonntag aufnehmen. Ich hatte mich schon genug geärgert, als das heute morgen nicht geklappt hatte. Die Folgen die wir vormittags aufzeichneten waren eigentlich fast immer ein wenig runder, es lief ein wenig flüssiger. Aber es half ja nichts, für den Termin für die neue Show - die viel zu bald starten sollte - hatte ich nun mal vor Ort sein müssen. Würde schon irgendwie passen, dachte ich, just in dem Moment, in dem besagte Person mich anklingelte.

"Olli, was gibt's?", begrüßte ich ihn, etwas lauter angesichts der Tatsache, wie viele Menschen sich gerade um mich herumschoben. Bahnhöfe. Immer dasselbe.

"Jan, moin, ich wollte nur nochmal fragen wann du ankommst. Weil kann sein, dass ich da noch nicht wieder in der Hood bin, ich hab noch 'nen Termin später", erklärte Olli kurz und knapp die Sachlage.

"Viertelstunde bis Abfahrt, viereinhalb Fahrt, zwanzig Minuten Taxi, dann bin ich bei dir", antwortete ich, ließ den Blick schweifen. Wo wollten die denn alle hin heute? Klar, es war Freitag Nachmittag, aber man hatte doch eher den Eindruck, es wäre der Tag vor Weihnachten.

"Wann du da bist, hab ich gefragt", gab Olli zurück, "ich sitz' hier im Auto, denkste, da kann ich noch rechnen -"

"Ja ja, ist gut. Gute fünf Stunden. Grob", fasste ich zusammen.

"Gut, ansonsten - weißte ja", beendete Olli das Telefonat dann gewohnt schnell. "Tschüssi." Nun ja. Ich würde mich schon zu beschäftigen wissen. Ein weiterer Blick auf die Uhr und dann der spontante Beschluss, sich noch irgendwo einen kleinen Happen zwischen die Beißerchen zu drücken. Gelangweilt machte ich mich auf den Weg, stoppte aber schon nach nur wenigen Schritten wieder und überlegte. Ich versuchte gar nicht erst mich unauffällig zu verhalten, sondern sah ganz ungeniert zu Valerie. Sie fiel aber auch auf mit ihren kurzen, fast schon weißen Haaren, und der ganz und gar nicht weißen Körperbemalung. Die Herausforderung dieser Dame nahm ich doch gerne noch schnell in Angriff anstatt mir was zu essen zu besorgen. Futtern konnte ich dann auch was auch immer sich noch in meinem Kühlschrank befand. Ich marschierte auf sie zu. Sie stand beim Kamps an der Theke und ging ihre Möglichkeiten durch. Dabei, genau wie letztes Mal, mit Portemonnaie in der Hand. Nachdem sie mir den Rücken zudrehte, konnte ich ihre Mimik nicht ausmachen, aber ich vermutete mal der Geldmangel besserte ihre Laune nicht gerade. In Erinnerung an unsere erste Begegnung, schlich ich mich von hinten an sie ran, hatte diesmal aber leider keine Empfehlung parat, und konnte das Dejavu daher mehr schlecht als recht hervorrufen. Stattdessen spekulierte ich noch zwei, drei Sekunden und ließ dann doch etwas wie Mitleid aufkommen.

"Kann ich der Dame vielleicht behilflich sein - finanziell?" Als sie sich umdrehte, hatte sie einen durchaus angenervten Blick zu bieten, der allerdings für einen Moment in ein freudiges Lächeln umschlug, ehe sie sich wieder besann und mich höflich anlächelte.

"So, der Herr Böhmermann hat also seine Meinung geändert, was das Zahlen bei Mann und Frau angeht?", erwiderte sie, so schlagfertig wie ich sie kennengelernt hatte. Diese Frage allerdings konnte ich Gott sei Dank verneinen." Ich fürchte ich halte noch immer nichts von Sexismus. Aber selbst ich habe Gefühle, man glaubt's kaum. Und da hat sich grad eben doch ein bisschen Mitleid reingemischt." Nun aber verschwand auch ihr freundliches Lächeln.

"Passt schon", winkte sie ab, drehte sich wieder um und bestellte. Einen Augenblick liebäugelte ich damit, ihr meine Hilfe aufzudrängen, machte dann aber doch einen Schritt beiseite und ließ sie bezahlen. Der Verkäufer hatte ohnehin schon misstrauisch rübergeguckt, scheinbar war das nun unser Ding. Als sie sich dann, diesmal mit Bäckertüte und Kaffee bewaffnet, erneut zu mir umdrehte, war das Lächeln doch wieder zurück. Sie holte schon Luft, aber ich war schneller. "Kennste mich denn eigentlich doch plötzlich?", fragte ich, nachdem sie mich gerade überraschend mit Nachnamen angesprochen hatte. Ich hatte kein vermessenes Bild von mir, aber seit dem ganzen Drama im Zusammenhang mit einem eventuellen türkischen Präsidenten erkannte mich leider doch der eine oder andere. Valerie allerdings, die hatte letztes Mal nicht den Eindruck gemacht, als wäre sie informiert. Was ihr Ansehen bei mir zugegeben wieder ein klein wenig sinken ließ. Auch hier nicht wegen mir selbst, aber der eine oder andere Blick in die Nachrichten schadete doch nicht.

"Ich hab Google bemüht", meinte sie schulterzuckend und nahm einen Schluck vom Kaffee. "Du hast mir zwar nur deinen Vornamen hinterlassen, aber scheinbar halten die Medien dich für nicht ganz unbedeutend. Erste Seite Bildersuche, du Star." Den Satz flüsterte sie mir halblaut entgegen, aber Bewunderung konnte ich da keine raushören.

"Etwas, das mir anders auch lieber wäre, das kannst du mir glauben", meinte ich nur mit zusammengepressten Zähnen. "Auf Gerichtsverfahren könnte ich verzichten."

"Gerichtsverfahren?", fragte sie überrascht. Scheinbar hatte sie doch nicht so viel Recherche investiert.

"Klar, einem gewissen Herrn Präsident hab ich nicht nur die neu erworbene Berühmtheit zu verdanken, sondern auch den Ärger", meinte ich. "Aber lass' uns da -"

"Weiß ich übrigens", unterbrach sie mich da noch einmal und ich hob eine Augenbraue, zog meine Neugierde ein wenigins Lächerliche. "Keine Angst, mittlerweile bin ich informiert. Ich wollte nur die Chance ergreifen, auch ein wenig undurchschaubar zu wirken." Letzteres unterstrich sie mit einer ausladenden Geste, es war ein Wunder, dass der Kaffee noch im Becher blieb.

"Undurchschaubar? Meinetwegen, ich hab' schon schlimmeres zu hören bekommen. Wo wir aber gerade schon davon sprechen, undurchschaubar bist du allerdings - wie kommt's, dass du mir diesmal doch überraschend aufgeschlossen bist?", fragte ich, was mir die ganze Zeit schon auf den Nägeln gebrannt hatte.

"Seit ich fünf Minuten Google-Recherche hinter mir hab und dabei unter Anderen erfahren hab', dass deine grauen Haare und der hohe Ansatz definitiv nicht auf dein Alter schließen lassen." Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass sie sich hier nicht in Ironie übte. Ich konnte nicht anders als laut auflachen. Ein älterer Herr neben uns drehte sich um und warf mir einen empörten Blick entgegen. Zusammen mit Valeries Aussage kam es mir dadurch so vor, als würde ich etwas Verbotenes tun. Was absolut absurd war. Also widmete ich mich wieder meinem Gegenüber. Der kleine Seitenhieb gegen mein Alter tangierte mich nicht, aber es war etwas anderes, das mich beschäftigte.

"Deine arrogant-überhebliche Haltung hast du echt nur an den Tag gelegt, weil du dachtest, ich würd' dir was Böses wollen?", fragte ich, musste darüber schmunzeln wie weit das doch von der Wahrheit entfernt war. Sie nahm einen Schluck vom Kaffee. Der vermutlich viel zu heiß war, aber sie dennoch keine Miene verziehen ließ. Abgebrüht war sie.

"Das nenn' ich mal weltfremd." Ich haderte einen Moment mit mir und sie sah mich schon fast enttäuscht an, ehe sie mir hier aber noch davonlief, formulierte ich doch ein paar milde stimmende Sätze. "Sorry, das war unpassend. Das war nur, dieser Gedanke in Verbindung mit mir -" Sie hob den Zeigefinger und deutete energisch in Richtung meiner Brust. Der Kaffee schwappte schon wieder bedenklich. "Nein, Jan. Genau das ist es, was das Thema ins Lächerliche zieht. Was der Gesellschaft nur wieder das Gefühl gibt, man müsse sich nicht damit beschäftigen, man könnte die Probleme einfach weglächeln -"

"Valerie, du hast Recht, das war nicht die richtige Reaktion", unterbrach ich nun sie. "Tut mir leid." Böhmermann war manchmal auch nur ein Mensch. Manchmal redete auch Böhmermann, bevor er dachte. Bisher war mir das aber in der Regel nur passiert, wenn mich Leute verunsicherten. Und ich ließ mich weder oft verunsichern, noch gern.
Valerie sagte nichts, die beäugte mich, schien sich irgendwie nicht mehr sicher zu sein, was sie jetzt von mir halten sollte.

"Und nu?", fragte ich vorsichtig, wollte meinen Fehler so schnell wie möglich hinter mir lassen, ich schämte mich. "Schon der erste Streit? Beim zweiten Date?"
Valerie grinste ein wenig schüchtern. "Mach das jetzt nicht mit eventuellem Humor wett, Böhmermann."

"Du findest, ich hab' Humor?", stellte ich die Gegenfrage, wusste, ich war wieder in sicheren Gewässern unterwegs.

"Das versuch' ich noch herauszufinden. Gib' mir dafür doch mal deine Handynummer", sie lächelte selbstsicher. Ich überlegte, ganz kurz. Ich wusste irgendwie, unsere gemeinsame Geschichte würde noch weitergehen. Vermutlich eher in die Richtung, dass wir sie mal für die Sendung gebrauchen konnten, als dass ich sie übermorgen zum Italiener einladen würde, aber das schadete ja auch nicht. Ganz eigennützig nannte ich ihr also meine tatsächliche Nummer. Nur wenige Sekunden später klingelte mein Handy. Ich schielte drauf, erkannte eine fremde Nummer, schielte zu Valerie. Ein positiv überraschter Blick betrachtete mich.

"Du traust mir immer noch nicht", stellte ich fest und schüttelte langsam den Kopf, aber grinsend. Konnte man als Gemeinsamkeit werten, und das steigerte ihr Ansehen bei mir. Eine kurze Stille - ihr breites Grinsen verschwand. “Alles okay bei dir?”, wollte ich wissen, ein wenig vom so plötzlichen Stimmungswandel verunsichert. Sie zögerte, aber nickte dann doch energisch. “Klar, okay ist es immer irgendwie.” Ich wusste nicht recht, was ich dazu sagen sollte, ihre Sorgen waren so offensichtlich, aber ich wollte ja auch nicht so schnell schon irgendetwas mit zu viel Aufdrängen versauen. Dabei hatte ich doch fast um ein Haar vergessen, was ich eigentlich hier genau machte, noch ein Blick auf die Uhr. Ich war auf dem Sprung. Wieder ein Kontrollverlust, der mir ganz und gar nicht gefiel.

"Musst du los?", fragte Valerie, die meinen Blicken gefolgt war.

"Berlin ruft. Womöglich hört man voneinander, Frau -", begann ich hochgestochen.

"Valerie", erwiderte sie.

"Frau Valerie Valerie", antwortete ich also, aber ihr tatsächlicher Nachname blieb mir verwehrt, als wir uns grinsend die Hände gaben und ich mich auf den Weg zum Gleis machte.

///

Knapp fünf Stunden später. Meine Essensvorräte waren so nah und doch so fern. Vielleicht war das vorhin doch nicht die richtige Entscheidung, für Valerie und gegen das Essen. Aber irgendwie bereute ich es ja doch nicht, auch wenn ich noch nicht genau benennen konnte, wieso eigentlich. Mein Kohldampf jedenfalls stieg, die Laune sank. Und nach diesem bescheuerten Gespräch mit meinem Taxifahrer wollte ich tatsächlich einfach nur raus aus diesem Auto und rein in ganz beliebige, aber abgeschirmte vier Wände. Wollte meine Ruhe. Die der Taxifahrer mir aber nicht ließ. Ob ich nicht dieser Kerl war, der bis vor kurzem auf ZDFneo zu sehen gewesen war, Donnerstag Abend mal, wurde ich gefragt. Ich hatte genickt. "Dieser Kevin Kühnert, stimmt's?", war dann die Antwort gewesen. Keine Ahnung in welcher Sendung der zu Gast gewesen war, ich war jedenfalls nicht Kevin Kühnert. Das ganze resultierte schlussendlich aber darin, dass er sich ununterbrochen bei mir entschuldigte. Mittlerweile bereute ich es schon fast, das klargestellt zu haben. Hätt' er doch denken sollen ich wäre Kevin Kühnert. Dass der in etwa doppelt so viele Haare hatte wie ich, dafür aber nur halb so groß war - wen kümmert's.

"Herr Böhmermann, es tut mir wirklich, wirklich sehr leid, wir können da gern mit dem Betrag, also -", fing er schon wieder an, als wir endlich vor dem korrekten Mehrfamilienhaus zum Stehen kamen. Wenn mich nicht alles täuschte, hatte er auch noch einige Abkürzungen versemmelt, so spät wie es mittlerweile schon war. Hätte vielleicht doch seinem Navi ein Mü mehr trauen sollen als seinem Gedächtnis. Technik war manchmal eben einfach nicht falsch, grummelte ich vor mich hin. Und schon wieder ergriff er das Wort. "Also wissen Sie, ich hab's leider einfach unfassbar nötig - ich mein', sonst würd' ich den Job ja nich' machen, aber zumindest ein bisschen runter gehen könnte -”

"Lassen Sie’s gut sein", schnitt ich ihm das Wort ab. Griff mit unverkennbar genervtem Gesichtsausdruck nach meinem Portemonnaie und drückte ihm einen Schein in die Hand, sogar mit etwas zu großzügigem Trinkgeld inbegriffen. Mir egal, ich hatte langsam einfach die Schnauze voll. Dem Taxifahrer hatte es die Sprache verschlagen. Also nickte ich ihm nur kurz zu. "Wiedersehen", murmelte ich und stieg aus. 'Hoffentlich nicht', schob ich in Gedanken hinterher. Die paar Meter zum richtigen Haus waren schnell zurückgelegt und tatsächlich schien das Karma wieder was gut machen zu wollen, als es mich hinter einer jüngeren Dame noch kurz durch die zufallende Haustüre schlüpfen ließ. Nicht dass ich an Karma glaubte. Ich folgte ihr langsam, wollte nicht unhöflich sein und sie demonstrativ überholen und so schlurfte ich hinter ihr her in den dritten Stock. Olli hatte sich eh noch nicht gemeldet.
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