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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
6
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Dieses Kapitel
1 Review
 
28.08.2020 2.037
 
Ganz so schnell wie erwartet war die ganze Sache dann leider doch nicht aus dem Sinn. Während ich am Nachmittag durch Köln-Ehrenfeld schlenderte, auf der Suche nach spannender Unterhaltung, während ich mir abends eine billige Jugendherberge suchte und mir einen Salat zusammenmischte, während ich am Tag danach noch einmal quer durch Köln lief - immer wieder rätselte ich über diesen Kerl. In erster Linie weil ich mir mittlerweile sicher war, dass ich ihm schon einmal irgendwo begegnet war und ja, weil es mich langsam fuchsteufelswild machte, ihn nicht zuordnen zu können.

Als der Frust dann irgendwann zu groß wurde, saß ich erneut in irgendeinem Park und holte mein Handy hervor. Das Wetter war gut und hier war die Hölle los. Der ältere Herr am anderen Ende meiner Parkbank genoss dennoch in aller Seelenruhe die Sonne.

Und so suchte ich, zugegeben mit sehr geringer Hoffnung, schlicht und ergreifend nach "Jan" im Internet. Wobei es mich tatsächlich nicht wundern würde, sinnierte ich währenddessen so da hin, wenn er mir einfach irgendeinen Namen genannt hatte. Wer weiß wer der Typ war. Der konnte alles sein. Auch wenn ich es mittlerweile ausgeschlossen hatte, dass er tatsächlich auf irgendetwas aus war - sei es Geld oder ich als Person - so blieben da doch noch zahlreiche Möglichkeiten. Und nachdem die Gammelklamotten ja auch nicht gerade auf einen besser bezahlten Beruf schließen ließen, reimte ich mir da so meine Meinung zusammen, merkte ich langsam. Das war absurd. Ebenso wie die Chance, dass ich den Kerl bloß über seinen eventuellen Vornamen finden würde. Mit großer Skepsis begann ich die Suchergebnisse zu - da! Schon am Ende der ersten Seite, das war er doch? Ich klickte hastig auf das Bild von einem Mann, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah. Ein Artikel mit dem Titel "Jan Böhmermanns Wechsel ins ZDF - Der Hauptprogrammkasper". Natürlich, um Himmels willen! Ich erinnerte mich, das war der Typ, der mit seinem, nun ja, 'Schmähgedicht' wochenlang in den Medien diskutiert worden war. Ich hatte damals keine Details mitbekommen, das alles war in einer Zeit abgelaufen, in der es mir tatsächlich finanziell noch schlechter gegangen war als aktuell. Außerdem hatte ich gerade wieder alles hingeworfen gehabt. Wie auch immer, mit Jans Gedicht und dem ganzen Tra-Ra war ich nicht vertraut. Nur dass da etwas war, daran war man nicht vorbeigekommen.

Den Artikel vor mir las ich aber gar nicht erst, ich suchte nun direkt nach Jans ganzem Namen. Oh ja, das war er definitiv. Nun gut. Wirklich etwas mit diesem Wissen konnte ich nun auch nicht anfangen, außer dass ich - Moment, wirklich beruhigt war ich nun auch nicht. Irgendein kleiner Teil in mir, der hatte nun einige Fragen und würde sich sogar recht gern nochmal mit ihm unterhalten. Okay, vielleicht nicht in diesem schäbigen kleinen Laden dort. Was eigentlich direkt die erste Frage aufwarf. Der Kerl hatte doch - anders als ich - bestimmt 'nen ganzen Haufen Kohle, was hatte er dort zu suchen gehabt? Und warum schenkte man dem armen Menschen nicht mal eine ordentliche Klamotte? Grad dass an der Jeans kein aufgestickter Traktor oder Ähnliches prangte, schmunzelte ich. Wär' aber witzig gewesen, vielleicht schon Satire. Wovon ich, zugegebenermaßen kaum Ahnung hatte. Wer sie aber hatte, erinnerte ich mich schlagartig wieder, war mein Bruder. Ich schämte mich schon fast, dass mir bei 'Satire' nicht direkt sein Name in den Kopf gesprungen war. Kurzerhand wählte ich seine Nummer, ohne wirklich begründen zu können warum. Was der mir sagen konnte, das wusste alles auch das Internet. Zu spät, schon hob er ab.

"Niklas, sach mal, hast du nicht mal diesen Böhmermann erwähnt?", fragte ich leise. Scheinbar aber nicht leise genug, als der Herr neben mir tatsächlich hellhörig wurde und ganz ungeniert zu mir rüber sah. Ich musterte ihn kurz auffällig, in der Hoffnung er würde sich dann beschämt wieder abwenden. War nicht der Fall.

"Böhmi? Wow, du hörst mir ja echt überraschend gut zu, wenn ich dir was erzähle", erwiderte mein Bruder und ich erkannte sogar - das war Ironie!

"Böhmi", wiederholte ich aber dennoch, "Moment, doch, das sagt mir mehr. Du guckst dem seine Sendung regelmäßig, war das nicht so?" Noch immer schielte mein Sitznachbar stur zu mir. Es schien als würde er nur darauf lauern, dass ich dieses Telefonat beendete. Und mir dann direkt den Hals umdrehen, für was auch immer.

Niklas währenddessen, von all dem nichts ahnend, plauderte ein wenig drauf los. "Ich verfolg' den schon seit er bei Harald Schmidt nur Sidekick war. Macht das 'NeoMagazin' seit Ende '13, seit Anfang '15 hieß es 'Neo Magazin Royale'. Haben letzten Dezember erstmal aufgehört. 'Fest und Flauschig' solltest du aus meinem Mund schon mal gehört haben, sein Podcast mit Olli Schulz. Hat sie beide recht bekannt gemacht. Allerdings natürlich nicht so bekannt wie die Böhmermann-Affäre. Sag jetzt nich', du hast nicht mal das mitbekommen?"

“Doch, doch”, murmelte ich, auch wenn ich mittlerweile nicht mehr viel mehr wusste, als dass da überhaupt was gewesen war. Niklas fragte aber zum Glück nicht nach Details.

“Warum genau war das jetzt so wichtig?”, wollte er stattdessen wissen. “Und wo steckst du überhaupt? Mama nervt schon seit Tagen, dass du dich wieder nur noch so selten meldest.”

“Ja, tut mir leid, ich weiß das kann sie gar nicht ab”, meinte ich erst nur, zögerte dann und überlegte, wie viel ich ihm wohl so erzählen konnte. Aber eigentlich war er immer vertrauenswürdig gewesen, immer auf meiner Seite gestanden. Schon seit er klein war - es lagen immerhin neun Jahre zwischen uns - hatte er mich und meine andere Art mein Leben zu leben bewundert. Scheinbar so sehr, dass ich mir auch heute noch sicher war, dass er mich nicht verpfeifen würde. “Ich bin gestern abgehauen”, erzählte ich also. “Mein Vermieter hat mir 'ne Frist gesetzt und nachdem ich nicht zahlen kann und will bin ich raus da.”

“Vali, was?!”, meinte Niklas nur ungläubig. “Und jetzt? Willst du auf der Straße leben oder wie genau stellst du dir das vor?”

“Noch gar nicht”, meinte ich wahrheitsgemäß. Der Herr neben mir glotze immer noch, aber ich ignorierte ihn. Das hier war ja nochmal was anderes, was ging den denn mein Privatscheiß an? Nichts.

“Meinst du nicht, du machst es dir diesmal vielleicht doch ein bisschen zu einfach?”, brachte mein Bruder berechtigte Zweifel an.

“Doch, ich weiß dass ich’s mir zu einfach mache. Ewig geht das so nicht. Aber mach dir keine Sorgen, ich bin lang genug unterwegs gewesen, ich weiß wie ich mich durchschlagen kann.” Das glaubte ich mir auch.

“Okay, weißte was? Ich nehm’ an du bittest mich eh gleich, dass ich Mum und Dad nichts sag’, ja? Mach’ ich nicht, aber nur mit Deal. Wenn’s hart auf hart kommt, kommst du wieder hierher, okay? Geh’ nicht drauf, bitte.” Ich konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, er meinte es ja schließlich nur gut. Aber nein, ich würde nicht draufgehen. Dafür war mein Stolz dann doch noch lange nicht groß genug. Ich versprach Niklas also das was er hören wollte, fragte ihn noch ein wenig aus wie denn die Schule lief - Schwestern-Beschützer-Instinkt -und verabschiedete mich von ihm. Einen Moment noch blieb ich sitzen, dann steckte ich mein Handy zurück in die Jackentasche, streckte dem Herrn neben mir die Zunge raus und machte mich wieder auf den Weg. Wohin? Keine Ahnung.

///

Ein paar Stunden später - es wurde schon wieder bald dunkel, fuck - kam mir ein Gedanke, der, zugegeben, ein wenig albern war. Und noch dazu ärgerte ich mich, dass mir das erst jetzt gekommen war und nicht heute Mittag. Der Böhmermann-Mensch, der war mir auch nach dem viel ernsteren Teil des Gesprächs mit Niklas nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und noch immer konnte ich mir nicht erklären wieso, aber es fühlte sich an, als hätten wir irgendwie noch einen Teil der Rechnung offen. Ein verzweifelter Versuch also hatte mich jetzt dazu gebracht, mich wieder auf den Weg zum Kebapland zu machen. Und so lehnte ich nun an der Hauswand gegenüber, die Reisetasche neben mir, Kopfhörer in den Ohren und den Laden gegenüber fixiert. Es war bescheuert, das wusste ich. Selbst wenn er hier ein regelmäßiger Besucher war, dann würde er doch immer um die Mittagszeit herkommen und nicht mal mittags, mal abends. Aber andererseits, ich hatte nichts besseres vor, also warum nicht?

Nach einiger Zeit ließ ich mich langsam an der Hauswand herunter und nahm eine gemütlichere Position ein. Aber davon tauchte Blödelmann auch nicht auf. Es war mittlerweile weit nach 20 Uhr und die Chancen, dass er so spät Abend-Hunger bekam waren dann realistisch betrachtet doch sehr klein. Ich gab auf. Das brachte doch nichts. Ich schulterte erneut die Reisetasche und schrieb mir in Gedanken einen Punkt auf die To-Do-Liste für Morgen: Dödelmann vergessen. Sollte ich hinkriegen, grinste ich, nahm mich selber immer weniger ernst, erst recht nicht mehr, nachdem ich hier so lange gewartet hatte.

Ich schlenderte die Hauptstraße entlang, in die Richtung von der ich noch nichts gesehen hatte und kam nach einiger Zeit an einem räudigen Schild mit der Aufschrift “Hostel” vorbei. Klassisch billig. Perfekt. Ich drückte die quietschende Tür auf und machte den einen Schritt, der nur zwischen Tür und Theke Platz war. Eine rauchende Mitt-Fünfzigerin sah skeptisch von dem Labrador zu ihren Füßen zu mir hoch. Ich zahlte für ein Bett, eine Nacht - oh Wunder, es war noch eins frei - und marschierte durch den Gang. Zwei der vier Betten in meinem Zimmer waren leer, aber wohl schon von vergangenen Nächten durchwühlt. Eins war dann wohl meins und im letzten saß ein mittelalter Mann, woher er kam sah ich ihm nicht an und versuchte es daher erst einmal mit einem freundlichen “hello”. Er antwortete nicht. “Hallo? Bonjour?” Keine Chance. Nun gut. Ich schob alle Vorurteile beiseite und setzte mich aufs freie Bett. Schloss einen Moment die Augen und versuchte, mich zu entspannen. Das war dann nun wohl mein Leben.

Viel Zeit war aber nicht vergangen, als sich die Tür wieder öffnetet und zwei laut schnatternde junge Damen reinkamen, wohl etwa in meinem Alter. Was war das, Italienisch? Ja, doch, ich war mir relativ sicher. Wenn man viel außer Haus lebte, dann bekam man viele Sprachen zu hören und so prägten sie sich irgendwann ein, auch wenn man nach wie vor kein Wort davon wirklich selbst sprechen konnte. Als ihr Blick auf mich viel, stoppten sie kurz, nickten mir beide einmal freundlich zu, und schnatterten weiter. Das war es dann mit meinem ruhigen Moment, akzeptierte ich und holte mein Handy hervor. Ich beugte mich zur Reisetasche, schnappte mein oben aufliegendes Ladekabel und steckte es an. Die Steckdose funktionierte, das war in Hostels schon häufig eine Erleichterung. Ich entsperrte es, checkte kurz dass sich mein Vermieter zu meiner Erleichterung immer noch nicht bei mir gemeldet hatte - zumindest telefonisch oder ähnliches. Wenn er ein wenig mitdachte, konnte er sich aber auch zusammenreimen, dass ein Brief wenig sinnvoll war, wenn sich die Schlüssel doch so offensichtlich bei ihm befanden. Eine neue Mail hatte ich aber dennoch. Fuck. Das BAföG-Amt. Ich hatte keine neue Immatrikulation vorweisen können, das war mir durchaus bewusst gewesen. Aber auch das war in meinen Prioritäten immer weiter vor mir hergeschoben worden und… zugegeben, ich hatte gehofft, sie würden die Zahlung erst ein wenig später einstellen. Aber da stands. Schwarz auf weiß auf meinem Handy-Display. Meine letzte Einkommensquelle.

Klar, man konnte mir hier alle Vorwürfe der Welt machen. Das wusste ich. Aber die machte ich mir selbst seit… schon immer eigentlich, ich hatte ja noch nie irgendwas so sehr auf die Reihe bekommen, dass mein Leben einwandfrei lief. Ich stimmte dem auch absolut zu, dass mir das Geld nicht zustand. Wie eigentlich jedes Geld. Nur als ich wirklich gearbeitet hatte natürlich. Aber dafür müsste ich irgendwo wohnen und wer würde mir denn so eine Wohnung vermieten! Ich musste mir was einfallen lassen, irgendwie meine Ausgaben weiter kürzen… aber wie? Ich gab doch jetzt schon nicht mehr als Geld fürs Essen aus. Okay, ich war Raucherin. Keine extreme, aber es ging halt doch ins Geld. Nun ja, fasste ich einen Entschluss, Raucherin war ich dann wohl mit sofortiger Gültigkeit nicht mehr.
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