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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
6
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24.08.2020 2.075
 
Gegen mich war der Kerl wie erwartet nicht angekommen. Ich schnaufte aber dennoch ordentlich, als ich mir zwei Kreuzungen weiter endlich eine Pause genehmigte und in immer noch schnellem Tempo weiterging. Genau das hatte ich vermeiden wollen - offensichtlich hatte ich das! Aber es hatte ja irgendwie auch so kommen müssen. Was jetzt passieren würde? Wahrscheinlich gar nichts. War jetzt eben so. Wie ich ihn kennengelernt hatte, war er alles in allem doch ein sehr gutmütiger Mann und würde wohl nicht weiter gehen als mich rauszuwerfen. Aber draußen war ich ja nun ohnehin schon. Zwinker, zwinker.

Ich seufzte einmal laut, erschrocken über mich selbst und davon, wie viel Last ich jetzt abgeschüttelt hatte, als das erledigt war. Wobei das eigentlich alles andere als richtig war. Denn ich war zwar frei, aber meine Sorgen? Die waren damit keineswegs gelöst. Ich musste mich ja schließlich irgendwie ernähren. Vermutlich die größte meiner Sorgen, wenn ich daran dachte, wie ich jetzt schon wieder Hunger hatte, obwohl ich doch vor einer halben Ewigkeit erst gefrühstückt hatte. Ich verdrängte das Problem wieder eine Weile, bis ein paar Straßen weiter ein kleiner Grünzug vor mir auftauchte und ich mich kurz auf eine Parkbank sinken ließ. Bis hierher hatte ich geplant, nicht weiter. Ich angelte meine Wasserflasche aus der großen Reisetasche und nahm ein paar Züge. Schon merkwürdig, überlegte ich, dass da jetzt wirklich fast alles drin war, was mich gerade ausmachte. Die Version von heute jedenfalls. Bei meinen Eltern existierte noch immer eine Variante meines Jugendzimmers, auch wenn das Bett inzwischen mal durch ein neues ausgetauscht war und die Schränke ein wenig beiseite geschoben und geleert worden waren, damit so etwas ähnliches wie ein Gästezimmer entstehen konnte. Dort lagerten natürlich auch noch die wichtigsten Erinnerungen meiner Jugend. Aber der Kram der letzten Jahre? Alles in dieser Tasche. Verrückt.

Ich ließ die Flasche wieder verschwinden und orientierte mich auf meinen Handy neu. Da, schon wieder nur ein paar Straßen weiter, da war irgendein alter Imbiss, den ich wohl mal besucht hatte. Ich konnte mich vage erinnern. War wohl ganz gut gewesen und die Preise immerhin bezahlbar. Okay.

Ich schnallte mir die Tasche erneut auf den Rücken und machte mich wieder los. Mit teils nach wie vor erleichterten, aber auch ein bisschen besorgten Gefühlen kramte ich in meiner Tasche und zerrte meine Kopfhörer raus. Sie wanderten in meine Ohren, der Stecker ins Handy und ich scrollte unentschlossen durch meine Alben. Keine Ahnung, wie ich denn dieses Problem schon wieder lösen würde. Denn sah man es positiv, konnte man meinen Musikgeschmack als vielseitig bezeichnen. Sah man es negativ, dann hatte ich einfach keine Lust mich festzulegen. Wenn man ehrlich war, traf dieser Satz nicht nur auf meine Ansichten bei Musikgenres zu, sondern auch auf mich als Person, aber nun ja. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich von jemandem gehört, dass mich diese Charaktereigenschaft spannend machte. Eine kurzzeitige Freundin hatte mir das gesagt, sie war der festen Überzeugung gewesen, dass mich das zu einem tollen Menschen machte und dass es doch nichts Langweiligeres gäbe, als wenn man sich auf die eine oder andere Sache festlegte. Und so gut wir uns sonst verstanden hatten, diese Meinung hatte mir schon damals bitter aufgestoßen. Ich wollte mich damit nicht auseinandersetzen! Schon bald konnte ich damals aber eh mal wieder meine Miete nicht mehr bezahlen und musste mir etwas Neues suchen. Und dass ich das alles irgendwie ein wenig persönlich genommen hatte, war sicher einer der Gründe, warum diese Freundschaft danach auch so schnell im Sande verlaufen war, mutmaßte ich und tippte kurzerhand auf Shuffle. Irgendein Song von Jennifer Rostock, na meinetwegen. "Zeit ist ein Hurensohn", doch, da stimmte ich der Sängerin zu. Vor allem weil die wie alles viel zu schnell rumging. Und mir langsam davonlief. Als der Song das dritte Mal gespielt hatte, pausierte ich die Musik wieder, auf der anderen Straßenseite lag der gesuchte Dönerladen. Ich marschierte los - ich hatte Hunger.

Die hundert Meter bis zu meinem Ziel waren schnell zurückgelegt und ich stieß die Tür zum "Kebapland" auf. Großartig, hier war es voll wie scheiße. Etwas abwesend bemerkte ich, wie jemand direkt hinter mir den Imbiss betreten wollte und automatisch hielt ich die Tür kurz auf, ehe ich mich zur Theke durchkämpfte. Noch während ich mir mein Portemonnaie aus der Umhängetasche hangelte, wurde ich schon bedient. Für ein, zwei Sekunden kniff ich die Augen zusammen und dachte nach, ehe ich mich spontan leiten ließ.

"Einen Lammspieß hätt' ich gern", rief ich dem jungen Herrn zu, der mit einem Nicken meine Bestellung aufnahm. Er wirkte ein wenig verloren und ich vermutete dass er nur hier jobbte, ein-, vielleicht zweimal die Woche.

"Füffüfzig macht's bitte", nuschelte er mir zu, während er sich schon halb herumgedreht hatte, um mein etwas dürftiges
Mittagessen vorzubereiten. Ich kramte seufzend in meinem Geldbeutel, wie so oft bekam ich das nötige Kleingeld nur gerade so zusammen.

"Acht fünfzig", nahm ich abwesend eine Stimme zu meiner Rechten wahr, ließ mich davon jedoch nicht beirren. Gerade als ich wieder aufsah, um der Bedienung das Geld in die Hand zu drücken, blickte der aber verwirrt in die Richtung aus der die Stimme kam und ich wagte doch einen Blick. Irgendein mittelalter Typ stand dort mit höflichem Abstand zu mir und beäugte mich.

"Bitte?", fragte ich nun doch, ging im Kopf schon bissige Antworten durch, damit ich wieder meine Ruhe hatte. Einen Moment ließ ich mich ablenken, weil ich meinte, dass mir er vage bekannt vorkam, aber verwarf das schnell wieder, war doch Blödsinn. Ich schätzte ihn doch ein Stückchen älter, mit seinen angegrauten Haaren und den deutlich sichtbaren Geheimratsecken.

"Acht fünfzig, das waren meine Worte", wiederholte er ein wenig hochgestochen, ehe er mich kopfschüttelnd ansah und die strenge Haltung bleiben ließ. "Man kann das Ding doch nicht so ohne alles essen, schmeckt doch nüscht. Mit Beilage ist viel besser."

"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", gab ich spitz zurück, er zuckte die Schultern. Dann wandte ich mich wieder in Richtung Theke, die Aushilfe hatte das Ganze nur schweigend beobachtet und nahm mir nun nach wie vor schweigend das Geld ab. Ich angelte mir meinen traurig daliegenden Lammspieß, warf dem Typ noch einen bedeutungsschweren Blick zu und wandte mich dann ab.

Am Ende des Raumes erspähte ich einen letzten freien Bartisch und sprintete schon fast dorthin. Erleichtert ließ ich meine Tasche neben mir auf den Boden gleiten und wandte mich meinem Mittagessen zu. Doch wie hieß es so schön? Das Glück war mir den Dummen, also nicht mit mir. Wobei, konnte man das nicht dennoch als "dumm" ansehen, wenn man diverse Studien abgebrochen hatte, aber eben doch nichts vorzuweisen hatte, das einem Abschluss ähnelte? Während ich noch kurz abwesend über diese Frage sinnierte, kam jedenfalls der merkwürdige Herr von der Theke direkt vor mir zum Stehen. Er nickte fragend in Richtung des Tisches. "Alles voll sonst, sorry." Ich ignorierte ihn kurzerhand und nahm stattdessen einen zweiten Bissen von meinem Spieß.

"Mir wär's anders auch lieber", meinte er da und klang dabei in meinen Ohren einen Hauch zu sarkastisch und auch unverschämt. Vielleicht wollte ich das aber auch nur hören, wusste ich. Viel zu oft hatte ich dank Tattoos und Piercings schon Vorurteile ins Gesicht geschleudert bekommen, da fiel es irgendwann schwer, Spreu vom Weizen zu trennen. Und ganz nebenbei war ich noch immer nicht in der Lage, die Absichten meines Gegenübers einzuschätzen.
Trotz fehlender Antwort meinerseits - er stellte sich einfach schweigend zu mir. Ich ignorierte ihn nach wie vor - man lasse mir doch bitte einfach meine Ruhe! Tat er dann auch. Bis ich selbst neugierig wurde, musste ich mir zu meiner Schande eingestehen. Irgendwie war da doch dieses Bedürfnis, ein wenig über diesen Menschen zu erfahren.
Und mit Provokation war ich doch schon öfter mal gut durchgekommen. "Falls Sie auf Geld aus sind, hab' ich keins."

"Sonst würde da jetzt eine Beilage liegen, hoff' ich doch wohl." Naja gut, meine Einschätzung war eher Richtung 'dumm wie Brot' gegangen.

"Die hätten Sie mir ja ausgeben können, wenn Sie sich schon so provokant in meine Essenswahl einmischen", stichelte ich zurück.

"Bin ich nicht der Typ für", gab er zurück, klang diesmal nur einen Hauch sarkastisch und ich war schon eher geneigt, ihm zu glauben. Allerdings kommentierte ich das nicht, das Interesse an diesem Gespräch hatte ich doch recht schnell wieder verloren. Für einen Moment spürte ich aber noch seinen Blick auf mir ruhen und kaum zwei Sekunden später hatte er kombiniert und erklärte sich. "Nicht aus Unhöflichkeit. Ich find's einfach nur unglaublich dämlich von der Gesellschaft, dass es mir und meinen männlichen Kollegen auferlegt wurde, für Frauen zu zahlen. Meinetwegen, als nette Geste vielleicht noch akzeptiert, aber das sollte dann doch wohl in beide Richtungen ein anerkanntes Prinzip sein." Ich runzelte die Stirn, das Interesse war wieder da. Gut, diese Antwort akzeptierte ich. Ich sah sogar wieder auf, musterte den Kerl ein weiteres Mal und, mit schlechtem Gewissen bezüglich des so offensichtlichen Altersunterschieds, reichte ich ihm die Hand. Diejenige, die kein Lammspieß-Fett an sich trug, wohlbemerkt.

"Vali", stellte ich mich vor, sobald ich runtergeschluckt hatte.

"Ich nehme an, das ist der Vorname", spekulierte mein Gegenüber scherzhaft, ließ meine Hand da ein wenig albern in der Luft hängen. Ich zog meine zurück.

"Der Vorname ist Valerie. Die meisten sprechen mich mit eben mit Vali an", erklärte ich zähneknirschend.

"Und warum überzeugt dich der Spitzname nicht?", fragte er weiter nach. Obwohl mir das nun doch merkwürdig persönlich wurde, beantwortete ich kleinlaut. "Weil der Name Vali 'Sohn des Odin' bedeutet - Gott des Krieges und der Dichtkunst. Und ich kann weder dichten, noch hab' ich Bock auf Krieg." Auf den letzten, doch überraschend privaten Gedanken ging mein Gegenüber allerdings nicht ein. "Dann bleib' ich bei Valerie, das steht für 'die Gesunde'. Ich hoff' doch mal, das passt eher."

"Mir erschließt sich noch nicht ganz, warum mir hier überhaupt ein Name zugeteilt wird, aber von mir aus", meinte ich ein wenig maulig. "Erfahr' ich denn nun auch mal, mit wem ich das Vergnügen habe?" Nun bekam ich eine Hand entgegen gestreckt. Um zurück zu provozieren, legte ich geduldig den aufgefutterten Spieß vor mich ab, wischte mir seelenruhig die Hand sauber und griff nach seiner. "Jan." Wieder klingelte etwas bei mir, aber ich konnte ihn partout nicht zuordnen. Denn hätte ich den Kerl schon einmal persönlich getroffen, dann wäre er mir höchstwahrscheinlich in Erinnerung geblieben. Ach, auch egal.

"Darf ich dir das glauben?", fragte ich scherzhaft und bekam stattdessen nur eine Gegenfrage, die rein gar nichts darüber aussagte, was er dachte.

"Glauben würde ich mir grundsätzlich mal gar nichts. Aber wie genau war jetzt deine aktuelle Schlussfolgerung?"

"Na, so wie du aufgelegt zu sein scheinst, würde mich ein Deckname nicht wundern", meinte ich, mehr oder weniger wahrheitsgemäß.

"Erst bin ich angeblich auf Geld aus, jetzt soll ich mit Decknamen daherkommen? So ein Quatsch, ich bin nur wegen dem food hier." Und mit diesen Worten dreht er sich um und ging. Das war - überraschend? Und ließ mehrere Möglichkeiten offen. Die naheliegendste, von der jeder normale Mensch ausgegangen wäre, war wohl, dass er nie ernsthaftes Interesse an einem Gespräch mit mir gehabt hatte und mich einfach nur aus einer Laune heraus angequatscht hatte. Und am Bartisch, an dem ich stand, war ja nun wirklich der letzte freie Meter gewesen. Eine andere Alternative war wohl noch, dass er mich in unserem kurzen Gespräch, auf gut deutsch gesagt, so scheiße fand, dass er mir das nicht einmal höflich hatte vermitteln wollen. Und zu guter Letzt gab es noch die Möglichkeit, dass es irgendwie zu seinem in absolut keine Schublade passenden Charakter gehörte. Was ich mir daran nur nicht ganz erklären konnte, war, dass ich es in diesem Moment fast schon passend fand. Für einen Augenblick vergaß ich, dass ich unter Leuten war und zuckte die Schultern. War doch auch egal. Das war eine dieser Begegnungen, die man jahrelang noch auf Partys schön ausgeschmückt erzählen konnte, um damit ein paar armselige Lacher für sich zu gewinnen, aber beschäftigen würde mich das nicht lange. Aus den Augen, aus dem Sinn.
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