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Das ist die Sache mit den Träumen.

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Jan Böhmermann OC (Own Character)
20.08.2020
11.02.2021
15
31.357
7
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20.08.2020 2.146
 
Hallo!

Hier ein “Werk”, das schon ganz lange bei mir rumschlummerte, das erste Mal hatte ich mich neben einem großen Teil aus (hier) Jans POV auch an einen etwas
detaillierter ausformulierten OC gewagt - Valerie. Nun hab ich aber schon die Kategorie hier ins Leben rufen lassen (danke!), da kann ich's ja auch einfach endlich mal teilen. Hier zu lesen also was so aus den beiden wird. (Haltet durch, Jan ist ab der zweiten Runde voll am Start - kommt am Montag.)

Kleine Info: Es ist keine direkte AU, aber im Grunde doch: Unabhängig von Jans aktuellem Privatleben (wovon man ja nichts weiß, zwinker.) ist er hier nicht liiert, ebenso ist das Ganze zwar etwa in der aktuellen
Zeit angesiedelt, aber wir wollen hier ja nichts über Pandemien lesen. Wir befinden uns einfach in einer Parallelwelt, in der wir das alles hier nie durchmachen mussten… viel Spaß!

Und liebste Grüße - Lisa



/


VALERIE POV

Abwesend spielte ich mit der Zunge an meinen Snake Bites herum. Ich musste nachdenken. Nacheinander meine Möglichkeiten durchdenken. Im Hintergrund schrie mir Felix Kummer ins Ohr. "...aus der Visage direkt auf die Straße." Wohl eher 'Aus der Wohnung direkt auf die Straße.', wenn man sich den Brief in meinen Händen einmal durchgelesen hatte. Ach Mensch, mein Vermieter war doch bisher nicht so kleinlich gewesen! Drei Monate Miete nicht überweisen? Das war doch Nebensache. Da konnte er mich doch nicht gleich aus der Wohnung werfen, redete ich meinem Ego gut zu. Wohlwissend, dass er das natürlich konnte. Ich verdrehte die Augen. Wichser.

Klar, wirklich kümmern tat mich die ganze Sache nicht. Ich machte mir da nichts draus. Schon seit ich vor Jahren mein mittelschichtiges Elternhaus verlassen hatte lebte ich von der Hand in den Mund, weil ich bisher nicht über meine Minijobs hinausgekommen war. Und die hielten einen eben nicht langfristig über Wasser, in keiner der deutschen Städte, in denen ich bisher so rumgehüpft war.

"Sehr geehrte Frau..." - Sehr geehrter Leck-Mich-Mal, und wo soll ich jetzt leben? Ich warf das sorgfältig gefaltete DIN A4 Blatt achtlos auf mein Küchentischchen und ging zum halboffenen Fenster. Aktuell war es genau die richtige Zeit, um es abends offen stehen zu lassen. Früh am Morgen aber, so wie jetzt, musste man schon wieder aufpassen dass man nicht an der Hitze erstickte. Sommer. Ich fischte mir eine Zigarette aus der Packung, schnappte mir mein Feuerzeug und stütze mich lässig auf der Fensterbank ab. Ich wusste ganz genau, dieses dumme Nikotin änderte mein Leben auch nicht. Machte mich auch nicht glücklich. Aber hey, zwischendrin gaukelte es mir das zumindest vor und ich meine - ich war sowieso arm wie 'ne Kirchenmaus, machten die Kippen auch schon keinen Unterschied mehr.

Ich zog einmal tief, beobachtete die Autos, wie sie in stetem Tempo dort unten auf der Straße vorbeirauschten. Ich kniff die Augen zusammen und spielte meine Möglichkeiten durch. Auch wenn ich gleichzeitig wusste, es war eine dieser Fragen, die man sich eigentlich längst beantwortet hatte. Bei der einem tief im Inneren klar war, wie das Ergebnis lauten würde. Über die man sich nur den Kopf zerbrach, weil man zumindest das Gefühl haben wollte, man hätte das durchdacht. Das Gefühl haben wollte, erwachsen zu handeln.

Nun gut, beschloss ich aber, was konnte ich tun? Das Offensichtlichste war natürlich, meinen Vermieter zu kontaktieren, ein wenig auf die Tränendrüse zu drücken, ihn zu bitten, sich das alles nochmal durch den Kopf gehen zu lassen - ich würde das doch alles regeln können mit dem Geld! Spoiler: Würde ich nicht. Wusste er, wusste ich. Schied also eigentlich schon aus. Dann konnte ich natürlich versuchen, mir auf die Schnelle was Neues zu suchen. Irgendeine Wohnung, die noch kleiner war als diese hier, noch versiffter. Aber wollte ich das? Das machte mich doch auch nicht glücklich. Als dritte und letzte Option blieb mir natürlich nur die Flucht nach vorn. Rucksack packen, auf in die Welt. Dinge sehen, Leute kennenlernen. Jeden Tag etwas Neues erleben, sich einfach irgendwie durch alles durchschlagen, weil man wusste, morgen war man eh woanders. Morgen würden einen eh wieder komplett andere Dinge erwarten.

Das traurige an diesem ganzen Mist war nun, dass ich genau wusste, dass das passieren würde. Wenn da nur nicht dieser Teil in mir wäre, der mit dem allem ganz und gar nicht zufrieden war. Der mir irgendwelche Sätze in den leeren Schädel rief von wegen, ich müsse doch mal meinen Platz in der Welt finden. Ich könnte mich doch nicht immer wieder auf gut Glück in irgendwelche Studiengänge einschreiben. Ich könnte doch nicht immer wieder nur ein paar Wochen, mal ein paar Monate, in einem unterbezahlten Nebenjob arbeiten, um wieder eine Weile über die Runden zu kommen. Ich war Mitte zwanzig! Ich hatte vor sechs Jahren mein Abi gemacht! Ich musste doch verdammt nochmal endlich irgendeinen Typen finden, mit dem ich alt werden wollte, mit dem ich zwei kleine Kinderchen in die Welt setzen konnte und ein Haus bauen würde. In irgendeiner Vorstadt von Köln oder was wusste denn ich. Immer wieder hatte ich dieses Bild vor meinem inneren Auge gehabt, so absurd es sich auch für mich anfühlte. Aber ich hatte es in den letzten Jahren irgendwie zu meiner persönlichen Mission gemacht, das so umzusetzen. Natürlich war ich bisher so weit von dieser Mission entfernt, wie dieser Planet es vom Weltfrieden war.

Dass ich das Gefühl hatte, darauf hinarbeiten zu müssen, das war kein Wunder. Ich hatte es ja so gelernt, ich war ja selbst so aufgewachsen. Am Stadtrand Stuttgarts, Mutter, Vater, großer Bruder. Einen Hund, zwei Meerschweinchen. Einfamilienhaus. Und dann kam ich daher - grenzwertig hellblonde Haare, immer schon ein wenig aufmüpfig gewesen. Irgendwann dann die Piercings, Tattoos. Meine Eltern hatten mich immer unterstützt, keine Frage. Auch wenn es mich fast ein wenig wunderte, dass sie sich scheinbar nie eine zielstrebigere Tochter gewünscht hatten. Jemanden, der wusste, was er wollte. Abi hatte ich gemacht, klar. Das war auch kein Problem für mich gewesen, theoretisch hatten mir ja nie die Möglichkeiten für eine Karriere gefehlt. Nur der Wille, auch mal etwas durchzuziehen.

Ich drückte meine Kippe aus und schloss das Fenster. Noch in meinem Selbstmitleid versunken, dem Gefühl, vor allem mich selbst immer wieder zu enttäuschen, kramte ich meinen Backpacker-Rucksack wieder hervor. Es dauerte nicht lange, schon nach wenigen Minuten hatte ich alles, was für die kommenden Wochen wichtig sein würde, beisammen. Hauptsächlich Kleidung, die letzten Essensvorräte, die so in meinen Schränken vor sich hinvegetierten, Laptop. Ich griff nach einer kleinen Umhängetasche, warf meinen Geldbeutel und mein Handy hinein. Ein paar Kleinigkeiten, und die Sache war gegessen. Vielleicht wurde es eine Deutschlandreise, vielleicht weitete ich das Ganze auch einfach aus. Mal sehen. Zuletzt schnappte ich mir meine Schlüssel - die brauchte ich noch für meinen ersten Stopp.

///

"...und jedenfalls ist das der Grund, warum ich meine Freundin nicht anrufen konnte und nun hier sitze", beendete ich meine Lügengeschichte. Meine Mitfahrgelegenheit hatte mich doch ein wenig zu oft gefragt, warum ich denn so dringend von Frankfurt nach Köln musste, er hatte partout nicht locker gelassen. Natürlich war das unverschämt, aber wenn ich mich weiterhin geweigert hätte, irgendeine Aussage zu treffen, hätte ich nur unnötigen Hass auf mich gezogen. Und so saß ich hier nun, in einem alten Opel Corsa, mit dem Ende irgendeiner lahmen Lügengeschichte. Kreativität war noch nie meine Stärke gewesen. Und mit Menschen konnte ich auch nur in Ausnahmefällen, kein Wunder also, dass ich immer noch am liebsten alleine reiste. Im Nachhinein verstand ich es zwar, warum meine Eltern mich auch früher schon immer ganz zähneknirschend angesehen hatten, wenn ich von irgendwelchen Trips berichtete, auf denen ich bei Fremden ins Auto gestiegen war. Zugegeben, ganz ungefährlich war die Sache nie, erst recht nicht damals als junges, pubertäres Mädchen. Da gab es schon sicherere Wege zu reisen als diesen hier. Aber hey, immerhin hatte ich in diesen Situationen nie irgendwelche Infos über mich preisgegeben. Vermutlich kannte nun halb Europa diese "Anna", die sich jedesmal wieder einen absolut banalen und irrwitzigen Grund einfallen ließ, um sich von Pendlern oder anderen Reisenden irgendwo rumchauffieren zu lassen, aber das war okay. Und darüber hinaus vermied ich auch nächtliche Touren durch irgendwelche mysteriösen, südeuropäischen Gassen. Oder lief nie ohne die grundsätzliche Möglichkeit der Verteidigung herum, auch wenn das in der Regel nur Pfefferspray war. Aber immerhin. Auch stieg ich grundsätzlich nie bei Fremden ein, wenn sie mir suspekt erschienen - oder noch kritischer, mir von sich aus ihre Hilfe anboten. Mert jedenfalls, ein junger Deutscher von scheinbar türkischer Abstammung, schien mich bisher nicht ermorden zu wollen. Guter Fang. Nun ja, er war ein wenig aufdringlich mit seinen Fragen zu meiner Lebensgeschichte - und vor allem Zukunft - aber ich hatte Schlimmeres erlebt. Dennoch verabschiedete ich mich, ein wenig ausgelaugt von der Fahrt, kurz nach der Kölner Stadtgrenze von ihm und marschierte los. Ab hier konnte ich laufen. Das war ohnehin die vielversprechendste Art zu reisen, ganz einfach, weil man dabei am meisten sah, die vielseitigsten Eindrücke aufnehmen konnte.

Und kaum war ich auch nur wenige Meter gelaufen, fühlte ich mich so frei wie lange nicht mehr. Mich überfluteten die Erinnerungen an die letzten Reisen dieser Art, der einzige Unterschied bestand darin, dass ich jetzt keine Wohnung irgendwo liegen hatte, zu der ich jederzeit zurückkehren konnte, wenn ich mein Abenteuer dann doch abbrechen oder irgendwann aus freien Stücken wieder beenden würde. Klar, bei meinen Eltern würde ich immer wieder aufkreuzen können, aber in letzter Zeit pflegte ich doch, das nur sehr selten zu tun. Ich mochte die Blicke nicht, die ich dort auf mich zog. Ich hatte dem Leben gegenüber nicht diese klassische konservative Einstellung. Das gefiel dort nicht. Und ganz davon abgesehen, je länger ich so in den Tag hinein lebte, desto größer wurde das schlechte Gewissen, das mir anhaftete, wenn ich meiner Familie gegenüber trat. Ich liebte sie, wirklich. Und ich rechnete es ihnen hoch an, dass sie das nach wie vor so bedingungslos taten. Aber dass ich mich selbst dabei schlecht fühlte, das schaffte ich eben doch nicht zu ändern.
So jedenfalls konnte ich es umso mehr genießen, allein durch die Welt zu marschieren. Hier konnte mich keiner verurteilen, hier machte ich mein Ding.
Wobei, naja, ein letzter Schritt fehlte ja noch. Aber der war nun auch keine große Sache mehr.

Ich spazierte also so die Straßen lang, versuchte die eine oder andere Häuserecke wiederzuerkennen - ich war mir sicher, dass ich hier vor zwei Jahren aus irgendeinem Grund schon mal gewesen war - und genoss. Wie schön es doch war, endlich wieder den freien Himmel über der Nasenspitze zu haben, und mit selbiger die verdreckte Stadtluft einzuatmen. Ich hatte es echt vermisst. Ich zögerte kurz und holte dann aber doch eine Zigarette hervor, um diese schöne Luft direkt wieder ein wenig unangenehmer zu machen. Ich guckte mich kurz um, ob nicht direkt hinter mir jemand zu Fuß unterwegs war und steckte sie mir an. Ich war halt doch einfach zu gut erzogen, Alter. Meine Eltern hatten zwar versucht, mir auch eine gesündere Einstellung zum rauchen mitzugeben, aber wie man unschwer erkennen konnte, hatte das leider nicht zum Erfolg geführt. Aber immerhin achtete ich drauf, niemand anderem den Rauch auch noch voll in die Fresse zu blasen.

Ich checkte einmal kurz mein Handy, genau, hier musste ich abbiegen. Der Schlüssel meiner Mietwohnung lag schwer in der Brusttasche meiner Latzhose. Mode. Das war Mode. Und ich musste zugeben, die Dinger waren auch einfach unfassbar praktisch. Ich überquerte schräg die Seitenstraße, drückte die Zigarette an einem Mülleimer am Wegesrand aus und sah noch einmal auf Google Maps. Wieder nach oben, jap, es war definitiv das richtige Haus. Ich verzog den Mund. Mein Vermieter lebte scheinbar echt ganz gut von seinem Eigentum. Ich steckte mein Handy weg und fingerte den Schlüssel hervor. Der Weg zum zurückgesetzten Einfamilienhaus schien sich ewig zu ziehen, aber vermutlich lag das auch nur daran, dass mir nun doch ein wenig mulmig war, vor Sorge ihm zu begegnen. Wenn man mal ein wenig absurd dachte, würde ich körperlich locker gegen ihn ankommen. Er war im Rentenalter, nicht all zu groß gewachsen. Ich dagegen schon groß gewachsen und wenn auch eine Frau, deutlich jünger und fitter. Aber das war ja gar keine Option, ich würde ja doch davonrennen ehe ich ihm irgendetwas zuleide tat. Na klasse, dachte ich an die Reisetasche auf meinem Rücken. Die war mit der Zeit schon echt gut schwer geworden und ich hoffte noch inständiger, dass ich mich unbemerkt wieder davon machen konnte. Aber - shit. Ich hatte gerade die Klappe seines Briefkastens angehoben als ich eine Autotür hörte und eben jenen Kerl aus seinen BMW X5 aussteigen sah. Sein Blick traf in derselben Sekunde meinen und sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich. Er knallte die Tür hinter sich zu und zeitgleich klapperte der Schlüssel im Kasten. Ich hörte gerade wie er ansetzte mir ein paar Flüche hinterherzujagen, ehe ich die Füße in die Hand nahm und mich schleunigst davon machte.
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