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your heart on the line

KurzgeschichteAllgemein / P12 / FemSlash
20.08.2020
13.09.2021
3
1.910
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20.08.2020 640
 

1. gefäßherzen



Es ist Sommer, unser kaputter Sommer (unser letzter Sommer) und ich zeige dir, wie man aus blauen Flecken auf der Haut Landkarten bastelt und die Farbe aus Alpträumen wäscht, bis sie nur noch Schatten sind.
Es ist Sommer, unser zerbrochener Sommer (unser letzter Sommer) und du zeigst mir, wie man frei ist, richtig frei, wie man sein kann, wer auch immer man möchte.
Es ist Sommer, unser gesplitterter Sommer (unser letzter Sommer) und unsere Herzen sind Gefäße, leere, große Gefäße. Wir könnten sie nehmen und in ihnen Glühwürmchen fangen (das Licht zwischen unseren Rippen sähe bestimmt hübsch aus) - stattdessen liegen wir zwischen Sonnenblumen und zählen die leeren Tage.
Der Duft des Flieders, der hinter deinem Haus wächst, webt sich in meine Erinnerungen ein, das Knarren der Holztreppen in deinem Haus habe ich noch Jahre später im Ohr. Deine Mutter hat oft gesungen, aber ihre Stimme war dabei immer traurig. Erst viel später habe ich erkannt, was die Worte bedeuten.
Du und ich, wir gehen fischen in unserem letzten Sommer (schließ die Augen und träume - spürst du das warme Wasser um deine Füße?) Gefangen haben wir selten etwas, aber meine Angel, die habe ich immer noch. (Mit ihr fange ich Erinnerungen.)
Wir gehen schwimmen im Fluss, nur wir beide und unsere Gefäßherzen, unsere Glasgedanken. Später hänge ich meine Seele zum Trocknen an einen Baum und du legst deine Hoffnung in die Sonne. Es glitzert so schön.
Wir küssen uns dort zwischen den Apfelbäumen das erste Mal, aber es ist falsch (hat sich immer falsch angefühlt) und du wischt dir mit dem Handrücken die Spuren von den Lippen. Ich ertränke die Geister in meinem Mund in Hollersaft und Gelächter.
Es ist Sommer, ein heller Sommer, strahlend, und wir reiten auf Pferden, die viel mehr Freiheit im Herzen tragen, als wir es jemals getan haben. Ich falle von meiner Stute, aber das Blut auf meinen Knien ist eine Erinnerung.
Abends begutachte ich deine von Brennesseln verbrannte Haut, die sich zwischen den blauen Flecken auf die Landkarte presst. Vielleicht, sagst du, ist das ein Pfad, den wir noch erforschen müssen.
Wir pflücken Wiesenblumen und du bastelst einen Kranz daraus (der Kuss war falsch, hat sich immer falsch angefühlt, aber deine Blumenkönigin war ich trotzdem.) Später stehen die Blumen auf eurem Küchentisch und verwelken - nichts dauert ewig.
Das Heu, in dem wir herumtollen, sticht in unsere Haut, aber unsere Gefäßherzen kann es auch nicht füllen. Es kommt nichts dorthin - Licht schon gar nicht. In der Nacht liegen wir in deinem Bett, aneinandergedrängt und flüstern miteinander, um die Stille in unseren Gedanken zu vertreiben.
Es riecht nach Glück, diesen Sommer, diesen letzten Sommer, da ich den Geruch von Abschied noch nicht kenne. Wir backen Apfelkuchen und deine Mutter singt, leise, so leise. Der Kuchen verbrennt im Ofen - wir essen ihn trotzdem. Füllen unsere Mägen und den leeren Platz in unserer Seele mit Heimat. In der Nacht weinen wir um all die leeren Tage.
Als ich aufwache, bist du fort.
Es ist Sommer - es war Sommer, unser glücklichster Sommer, unser traurigster Sommer. Da ist ein Brief auf dem Küchentisch, hastig geschrieben, fast unlesbar. Meine Tränen sind heiß und brennen so sehr wie deine Brennesselwunden. Das ist keine Erklärung. Noch nicht einmal ein Abschied.
Ich zerreiße den Brief und wünsche mir deine Küsse zurück, die Pferde, den Fluss, die Blumen - deine Worte. Dich. Aber ich weiß, du wirst nicht kommen.
Nein.
Du kommst nicht mehr zurück und jetzt singt deine Mutter öfter, singt von Abschied und freiem Willen und Schmerz. Mein Gefäßherz füllt sich mit der Hitze und den Fragen in meinem Kopf - wohin, warum, warum, warum.
Ich sehe dich nie wieder, aber meine Seele hängt noch über dem Baum. Ich lasse sie hängen und beiße in einen Apfel. Er schmeckt bitter, so sehr nach Schmerz, und auch die Angel fängt keine Erinnerungen mehr.
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