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Verborgen

OneshotAngst, Familie / P12
Intschu-Tschuna Nscho-Tschi OC (Own Character) Winnetou
20.08.2020
20.08.2020
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Hey ihr Lieben!

Ich versuche es mal wieder, hab aber dieses Mal so meine Probleme. Ich bin mir unsicher mit der Perspektive und weiß auch nicht, ob ich so echt in dem Rahmen von Karl May geblieben bin.

Deshalb vielleicht zur Info: Wenn man das so alles bei Karl May rechnet, dann müsste Winnetou schon mit 13 Jahren oder so ein Krieger geworden sein. Das finde ich ein bisschen sehr früh, vor allem, wenn ich ihn hier als Ich-Erzähler eher reflektiert brauche. Ich stell mir also vor, dass er eher 16 war. In dieser kleinen Story ist er also noch ein „Kind“, aber ziemlich nah dran, erwachsen zu werden, also so 15 oder so. Ob seine Mutter zu der Zeit noch gelebt hätte, ist ja schwer zu sagen, weil Karl May das ja total offen lässt. Klingt in Winnetou 1 aber schon eher so, als ob sie schon länger tot ist. Trotzdem, in meiner Story lebt sie noch, ich hoffe das ist okay .

Und jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß damit!

Eure Sweetie

Verborgen


Poch … poch … poch … poch …

Es ist still. Nur das ewige Tropfen des kleinen Rinnsals in einem Winkel unseres Verstecks weigert sich zu verstummen. Es macht mich nervös. Es scheint mir zuzurufen: „Geh hinaus! Geh hinaus! Geh hinaus!“ Und nichts würde ich lieber tun. Ich bin kein Kind mehr, ich will kämpfen, anstatt mich zu verstecken.

Doch ein Blick über meine Schulter nach hinten erinnert mich daran, dass ich mich nicht feige verkrieche, sondern eine Aufgabe habe. „Bleib hier, mein Sohn. Beschütze sie.“ Vaters Worte rollen durch meine Erinnerung. Mir ist als fühle ich seine Hand auf meiner Schulter. Er vertraut darauf, dass ich ihn nicht enttäusche und das heißt, dass ich wachsam sein muss, denn ich habe die Sorge in seinem Blick bemerkt, als er mit Nscho-tschi sprach und ihr übers Haar strich.

Und ich habe gesehen, wie er das Gesicht meiner Mutter sanft umfasst und seine Stirn an ihre gelegt hat. Auf diese Weise verabschiedet er sich nur, wenn die Wiederkehr ungewiss ist. Ohne dass er es wollte, hat er mir damit gezeigt, dass er die Gefahr für groß hält, dass er im Grunde nicht gehen wollte. Aber er weiß, dass es besser ist, die Feinde zu überrumpeln, anstatt zu warten, bis sie angreifen. Dann wäre diese Höhle eine Falle.

Ich umklammere das Gewehr. Zwei Läufe. Zwei Schüsse. Es waren sieben Bleichgesichter. Wenn sie alle kommen, werde ich sie mit der Büchse nicht bezwingen können. Mir wird keine Zeit bleiben zu laden.

Meine Hand wandert zum Messergriff. Ein gezielter Stich gegen einen weiteren Feind und einer durch das Messer, das meine Schwester im Gürtel trägt. Zwölf Sonnen zählt Nscho-tschi und hat bisher keinen Menschen verletzen oder gar töten müssen. Aber ich zweifle nicht, dass sie es tun wird, es zumindest versuchen wird. Niemals wird sie kampflos aufgeben.

Quer vor meiner Mutter auf dem Boden liegt Vaters Jagdbogen. Drei Pfeile stecken in einem kleinen Fleckchen Erde zu ihrer Rechten, weitere im Köcher, den sie auf den Rücken geschnallt hat. Noch nie habe ich sie mit dieser Waffe umgehen sehen und doch bin ich gewiss, dass sie es kann. Drei Schüsse, drei Feinde und wir werden siegen.

„Warum kommen sie nicht wieder?“

Die nur noch halb geflüsterten Worte der weißen Squaw reißen mich aus meinen Gedanken. Sie spricht viel zu laut.

„Sei leise“, mahne ich. Mutters Blick und meiner begegnen sich und ich erkenne, dass sie dasselbe denkt wie ich. Die bleichgesichtige Frau und ihre Kinder, deretwegen wir hier ausharren, werden uns verraten. Sie haben Angst. Und mit jeder Stunde, in der Vater und der weiße Mann fort sind, wächst diese Angst, wandert aus ihren Herzen auf ihre Zungen und macht sich Luft in Worten. Immer lauter werden die Fragen, immer öfter fängt das Mädchen mit den hellen Zöpfen zu weinen an, obwohl es offensichtlich älter ist als meine Schwester.

„Sie geraten in Panik“, sagt Mutter. „Sprich mit ihnen.“

Ich zögere.

Meine Aufgabe ist es den Eingang der Höhle und das Tal, das vor uns liegt, nicht aus den Augen zu lassen. Mutter scheint zu ahnen, was mich bewegt. Sie streckt die Hand nach dem Gewehr aus. Ich stehe auf, gebe es ihr. Sie setzt sich an meine Stelle.

Ich wünschte, Mutter könnte mit der blassen Squaw reden. Doch ihr Englisch reicht dazu nicht aus. Sie versteht es gut, doch sie vermag nicht lange Sätze in der fremden Sprache zu sprechen. Ich kann es. Nscho-tschi ebenso. Klekih-petra hat es uns gelehrt.

Langsam gehe ich ins Innere der Höhle, hocke mich zu der weißen Frau und ihren Kindern. Ihr Sohn scheint in meinem Alter, dennoch zitterten seine Hände, als sein Vater ihm einen Revolver zur Verteidigung gab. Mein Blick wandert zu der Waffe, die mittlerweile am Boden liegt. Acht Schuss. Sie wären ausreichend, unsere Feinde zu besiegen. Es verlangt mich, die Pistole aufzuheben. Doch sie ist nicht mein, sie wurde einem anderen anvertraut.

Ich reiße mich los von ihrem Anblick und wende mich flüsternd an die Squaw. „Ihr müsst leiser sein. Die Höhle verstärkt den Schall, er hallt durchs Tal. Besser wäre es, gar nicht zu sprechen.“

Die Frau schüttelt den Kopf. „Wie kann ich ruhig sein, wenn mein Mann fort ist und mich hier allein lässt? Was, wenn er nun nicht wiederkommt? Was, wenn diese Kerle uns hier finden? Sie werden uns verschleppen, verkaufen, töten …“

Anstatt meiner Aufforderung gemäß zu schweigen, wird sie immer lauter.

„Wir werden euch beschützen“, suche ich sie zu beruhigen. „Ich habe ein Gewehr. Dein Sohn hat einen Revolver. Messer und Bogen sind in unseren Händen.“

Meine Worte zeigen keine Wirkung. Im Gegenteil. Sie fängt an hysterisch zu lachen. „Zwei Knaben. Kinder sollen uns beschützen, während ein Wilder meinen Edward fortgeschleppt hat. Hier hätte er bleiben sollen, hier bei seiner Familie.“

Ich spüre Ungeduld und Ärger in mir aufsteigen, doch darf ich nicht selbst laut werden. Noch einmal versuche ich zu erklären: „Ohne euren Wagen und eure Zugtiere seid ihr verloren. Intschu tschuna weiß, was er tut. Der Kampf wird leichter, wenn er und dein Mann die Banditen bei Nacht überfallen, anstatt darauf zu warten, dass sie uns angreifen. Doch ihr müsst Geduld haben. Ihr müsst leise sein.“

„Geduldig sein und leise warten? Worauf? Auf den Tod?“

Mein Blick wandert zu Nscho-tschi. Ich fürchte, dass das Verhalten und die Worte der Frau dazu führen könnten, dass ihre Angst ebenfalls wächst. Doch ihr Gesicht ist unbewegt, ihr Blick klar und entschlossen. Nur die weiß hervortretenden Knöchel der Finger, mit denen sie den Messergriff umklammert, zeugen von Furcht und Anspannung.

„Wir warten auf die siegreiche Rückkehr der Männer“, lautet meine Antwort. Sie soll die weiße Squaw, mehr aber noch meine jüngere Schwester beruhigen.

„Das ist doch alles Wahnsinn. Mein Edward. Warum hat er sich dazu überreden lassen fortzugehen? Wenn ihm nun etwas geschieht? Ach hätte er den Wagen doch aufgegeben, anstatt uns hier allein zu lassen, eingesperrt mit gefühllosen Wilden, denen es nichts bedeutet, ob sie leben oder sterben.“

Ich schnappe nach Luft. Es fällt mir schwer mich zu beherrschen. Keiner von uns wäre in diese Gefahr geraten, wenn die Bleichgesichter nicht über Apachengebiet gezogen wären. Um ihrer Habe willen sind die Männer fort. Und um jene zu bestrafen, die ungefragt in unserem Land rauben.

Immer lauter wird das Schluchzen der Frau, in das sich nun auch das Weinen ihrer Tochter mischt. Noch während ich überlege, was ich tun kann, um sie endlich zum Schweigen zu bringen, höre ich die Schritte meiner Mutter.

„Du ruhig! Sofort!“ Ihre Stimme hallt wie Donnergrollen von den Wänden. „Du uns verraten. Du jetzt still oder du uns töten!“ Ihre Miene, ihre Haltung, der Klang ihrer Worte dulden keinen Widerspruch. Noch nie habe ich eine solche Wut in ihren Augen funkeln sehen.

Tatsächlich verstummt die weiße Frau. Ich kehre zum Eingang zurück, um zu wachen.

Als die Sonne untergeht, setzt Mutter sich an meine Seite. „Ruhe ein wenig, mein Sohn. Ich wecke dich, sobald der Mond scheint.“

Ich gehorche, doch noch ehe ich in den Schlaf finde, wehen die gewisperten Worte des weißen Mädchens an mein Ohr. „Wie können diese Menschen nur so ruhig bleiben und sogar schlafen? Ich habe solche Angst – um uns und um Pa.“

„Weil sie gefühllos sind“, lautet die geflüsterte Antwort. „Hast du nicht gesehen wie dieses Weib ihren Mann hat gehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken? Kein Wort des Abschieds, nichts. Es scheint ihr egal zu sein, ob er wiederkommt. Und ebenso wenig kümmert sie, was aus uns allen wird. So sind diese blutrünstigen Wilden. Sie sind keine empfindenden Menschen wie wir.“

Alles in mir verkrampft sich bei diesen Worten. Sie sind so falsch, so kränkend und ich muss an mich halten, der Verachtung, die ich spüre, nicht in Taten Raum zu geben. Wäre sie ein Mann, ich würde sie niederschlagen. So aber ist mein Zorn gefangen, wütet in meinem Herzen, in meinem Magen, ballt mir die Fäuste. Doch ich bezwinge meinen Grimm, der eines Kriegers nicht würdig ist, und flüchte stattdessen in den Schlaf, so wie meine Mutter es geboten hat.

Später spüre ich ihre Hand, die mir sanft über die Wange streicht. Ich öffne die Augen und sehe im Mondlicht ihr Lächeln. Es erstrahlt in meinem Leben, seit ich denken kann. Einst hat es mich in meine Träume geleitet. Heute begrüßt es mich am Morgen, verabschiedet mich, wenn ich unsere Räume verlasse, umfängt mich, sagt mir, dass ich geliebt werde.

Ich blicke hinüber zu den Bleichgesichtern. Keiner von ihnen wacht. Der Revolver liegt verweist auf der Erde. Wieder ringe ich den Wunsch nieder, ihn einfach an mich zu nehmen. Er gehört mir nicht. Gewehr, Bogen und Messer müssen reichen.

Erneut setze ich mich an den Höhleneingang, um zu wachen, doch meine Gedanken finden keine Ruhe. Unaufhörlich muss ich an die Worte der weißen Squaw denken. Worte voller Boshaftigkeit. Wir helfen diesen Menschen, bringen uns in Gefahr, um ihre Not zu lindern, und werden dafür mit Undank und Schmähung bedacht. Alles in mir schreit danach, sie dafür zu bestrafen, doch ich verharre bewegungslos, mein Auge in die Finsternis gerichtet.

Als die schwarzen Stunden der Nacht vorüber sind und sich im Osten das Grauen des Morgens erhebt, höre ich ein Knacken, dann ein Geräusch wie von Schritten. Ein kurzes, gehauchtes Wort ins Dunkel hinter mir genügt, um Mutter an meine Seite zu rufen. Sie hat nicht geschlafen. Nscho-tschi zieht sich zurück in eine dunkle Spalte, in der sie sich verbergen kann, das Messer stichbereit in der Hand.

Mutter hat einen Pfeil auf die Sehne gelegt. Die Büchse in meiner Hand ist geladen. Ihr Gewicht beruhigt mich. Es ist ein gutes Gewehr. Ich werde damit treffen.

Meine Augen suchen die Düsternis zu durchdringen. Eine Bewegung rechts vor mir zwischen den Bäumen. Ich lege an.

„Nicht schießen, mein Sohn.“ Vaters Stimme lässt mich innehalten. Als wir seine Gestalt in Begleitung des Bleichgesichts aus dem Gebüsch heraustreten sehen, sinkt auch Mutters Bogen.

Sofort stürmt der Weiße an mir vorbei in die Höhle, wo er mit ebenso viel Schluchzen und Geschrei empfangen wird, wie er verabschiedet worden war. In vielen und lauten Worten versichern sich die Bleichgesichter ihrer Liebe, ihrer Sorge umeinander, ihrer ausgestandenen Ängste und der Mann berichtet vom Sieg über die Desperados. Mit Vaters Hilfe hat er den Wagen, den die Banditen mitsamt ihrem Hab und Gut gestohlen hatten, zurückerobert. Die Männer sind geflohen, nachdem Vater zwei von ihnen getötet und einen weiteren verletzt hat.

Vater selbst schweigt. Er streicht meiner Mutter über die Wange, als er die Waffe aus ihrer Hand wieder an sich nimmt. Auch Nscho-tschi hat ihr Versteck verlassen. Wir stehen gemeinsam vor der Höhle, als die Morgenröte den Horizont bemalt. Vater hebt den Blick. „Wenn die Sonne vollends am Himmel steht, reiten wir heim.“
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