Wenn der Regen zerbricht

von Tokou
GeschichteRomanze / P16
19.08.2020
21.09.2020
5
15.202
 
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16.09.2020 3.692
 
Fünf Uhr morgens schepperte die Haustür und riss Emma unsanft aus ihrem Halbschlaf. Müde setzte sie sich langsam auf, mit dem überdeutlichen Gefühl, als hätte sie mehrere Nächte durchgefeiert. Ungefähr so, wie Theo, der gerade laut lallend in die Wohnung getorkelt kam und dabei mehreres mit sich riss, dass scheppernd auf dem Parkett landete und die halbe Nachbarschaft aufwecken musste. Sicherlich war darunter auch die Tonschale, die Emma vor knappe drei Jahren beim letzten gemeinsamen Urlaub angefertigt hatte. Ihre Mutter hatte die gesamte Familie dazu verpflichtet an einen Töpferkurs teilzunehmen, was zu Anfang auf recht wenig Begeisterung getroffen war. Jedoch hatte sich das schnell geändert und jeder versuchte den Anderen mit seinen kreativen Schöpfungen zu übertreffen.
Gähnend schlug Emma ihre Bettdecke zurück und strich sich durch ihr wirres Haar. Theo murmelte etwas Unverständliches und dann knallte eine Zimmertür lautstark zu.
Anscheinend war er nach dem Bandtreffen in der Bar noch weiter die Gasse hinaufgezogen und hatte sich durch mehrere Getränkekarten von verschiedenen Lokalen durchgetrunken. Das würde wenigstens die, mehr als wirren und orthografisch kaum zumutbaren, Nachrichten auf Emmas Handy erklären. Sie schaffte es zwar einige vorwurfsvolle Wörter zu entziffern, dennoch blieben die Mehrzahl der Wörter mit ihrer Bedeutung für sie schleierhaft. Da hatte anscheinend selbst die Autokorrektur aufgegeben irgendetwas zu berichtigen.
Theo war eindeutig sauer auf ihr Verschwinden. Nichts was Emma ihm übelnehmen konnte. Würde er einfach verschwinden, würde sie wahrscheinlich genauso reagieren.
Mit einem bleiernen schlechten Gewissen, rutschte Emma aus ihrem Bett und schlüpfte aus ihrem Zimmer um sich das Chaos im Flur im fahlen Dämmerlicht zu begutachten.
Ihre Tonschale, mit den albernen aufgemalten bunten Blumen, hatte seltsamerweise ihren Sturz mit nicht mehr als einen kleinen Riss überlebt. Sie war robuster als erwartet.
Durch das Trümmerfeld tänzelnd, schlich sich Emma zu Theos Zimmer und öffnete bemüht leise die Tür um vorsichtig hinein zu linsen. Ausgestreckt auf seinem breiten Bett lag Theo noch vollkommen bekleidet und schnarchte leise vor sich hin.
Leisen Seufzens trat Emma neben ihn und starrte kurz auf ihn herunter. Er wirkte erschöpft und niedergeschlagen, was ihr Gewissen leider nicht beruhigte. Sie würde sich bei ihn entschuldigen müssen. Für so ziemlich alles was sie in den letzten Monaten abgezogen hatte, besonders in den letzten Wochen.  
Vorsichtig zog sie ihm die unbequemen Schuhe aus und zog die Decke über ihren Freund. Wie sie es bereits gewohnt war, erwachte Theo dadurch nicht. Wenn er trank, schlief er wie ein Stein, sprichwörtlich überall ein. Laut Henri hatte er ihn bereits häufiger auf den Toiletten der Bar gefunden oder irgendwo in der Nähe draußen. Wie die Beiden es dann jedoch immer in die richtigen Betten geschafft haben, blieb Emma bis heute ein Rätsel, auf das sie einfach keine Antwort fand.
Leise verließ sie wieder Theos Zimmer und räumte das Chaos auf, das er auf seinen Weg in sein Bett hinterlassen hatte. Dabei fragte sie sich, wie er es überhaupt hierher zurückgeschafft hatte. Sicherlich konnte er es ihr auch nicht mehr beantworten, sollte er die Kopfschmerzen nach seinem Erwachen überstanden haben.
Nach einer Dusche und einem eiligen Frühstück, hatte Emma den Entschluss gefasst für ein paar Tage nach Hause zu fahren. Abstand würde ihr guttun und ihr helfen ihr Gefühlschaos etwas zu ordnen. Außerdem würde es auch ihre Mutter etwas ablenken, wenn sie vorbeikommen würde.
Entschlossen packte Emma eilig einige Sachen zusammen und schrieb eine kurze Notiz an Theo, dass sie in ein paar Tagen zurück sein würde. Wenn sie noch einmal ohne ein Wort verschwinden würde, könnte sie wahrscheinlich ihre Freundschaft komplett vergessen und sich eine neue Wohnung suchen dürfen.
Als Emma dreißig Minuten später im Bus saß schrieb sie auch kurz Henri, dass Theo Zuhause angekommen war und tief und fest schlief. Kurz zögerte sie, bevor sie ihm noch eine Nachricht hinterherschickte, dass sie für ein paar Tage nicht in der Stadt sei und wahrscheinlich auch nicht erreichbar wäre.
Danach schaltete sie ihre Musikliste an und beschloss sobald sie zu Hause war ihr Handy komplett auszuschalten. Einfach mal das Handy möglichst weit weg zu legen, würde ihr sicherlich auch helfen einen klaren Kopf zu bekommen. Ihre Mutter hätte sicherlich auch noch den einen und anderen Ratschlag, der dazu beitragen würde, dass Emma es schaffte irgendwie ihr Leben wieder zusammenzuflicken. Beziehungsweise der Scherbenhaufen, der davon noch übrig ist.
Der Bus hielt an der Bushaltestelle nahe dem Bahnhof und Emma stieg langsam aus. Dann verharrte sie. Sie starrte auf die Bank, auf der vor einigen Wochen Matt gesessen hatte und ihr den Regenschirm geschenkt hatte. Wer hätte gedacht, dass sie ihn wieder über den Weg laufen würde? Er hatte schon recht. Wäre das Leben ein einziger Roman, wäre es von vornerein klar gewesen, dass sie sich irgendwo irgendwann wiedertreffen werden, und das Ende wäre auch bereits klar formuliert. Doch das Leben war kein Roman. Wenn, dann wäre es eine Aneinanderreihung von Tragödien, mit schlechten komödiantischen Episoden, die im Endeffekt nur die Absurdität des Lebens unterstrichen.
Ihr Blick richtete sich hinter die Bushaltestelle.
Er wollte sich mit Emma am Samstag treffen…Sie kannte den siegenden Wasserfall im Park neben den Bahnhof. Es war ein hübscher Fleck, abseits der weiten Wiesen, die sonst von den Studenten geradezu belagert wurden. Ein kleines verstecktes Fleckchen eines öffentlichen Parks und sie traf sich dort mit einem Unbekannten Kerl. Damit bestätigte sie die allgemeine Meinung, dass sie zurzeit unzurechnungsfähig war. Wenn sie bei klarem Verstand wäre, würde sie nicht darüber nachgrübeln, ob sie hingehen sollte oder es doch lieber bleiben ließ.
Aber genau das tat sie.
„Verflucht. Lass es einfach sein, du Idiotin.“ Fluchte sie leise und wandte sich entschlossen von der Bushaltestelle ab. Sie würde einfach auch über das Wochenende bei ihrer Mutter bleiben und dadurch rein zufällig das Treffen mit Matt verpassen. Problem gelöst. Oder?
Aber wieso nagte dann Schuld an ihren Gewissen? Wieso verschwendete sie überhaupt einen Gedanken daran?
„Mir ist wirklich nicht mehr zu helfen.“ Murmelte sie leise und schüttelte leicht ihren Kopf, während sie die Treppen hinauf zu ihrem Gleiß stieg. Immerhin hatten die Grübeleien sie nicht dermaßen abgelenkt, dass sie ihren Zug verpasste.
Während Tori Kelly ihre Lieder schmetterte, starrte Emma aus den Zugfenster. Vor drei Wochen hatte es begonnen zu regnen, nachdem den ganzen Tag über die Sonne von einem strahlend blauen Himmel herabgestrahlt hatte. Nicht wirklich passend zu der drückenden Atmosphäre auf einen Friedhof. In den Filmen regnete es immer bei Beerdigungen. Es regnete oder es war wenigstens bewölkt. Ein beliebtes Motiv um die Stimmung nachvollziehbar für die Zuschauer zu gestallten.
Die Realität sah wieder einmal anders aus. Da war bei einer Beerdigung das schönste Sommerwetter, bei dem man sich lieber an einen Pool tummelte, als vor einem Urnengrab. Doch wie ihr zukünftiger Schwager es richtig bemerkt hatte, hätte ihr Vater nicht gewollt das es regnet und der ganze Akt dadurch noch deprimierender würde, als er ohnehin bereits gewesen war.
Leise stöhnend lehnte sich Emma zurück und rieb sich kurz über die Augen. Sie musste noch ihre Mutter vorwarnen, dass sie heute kommen würde und nachfragen ob ihre Schwester auch da sein würde. Wenn ja, konnten sie einige der Dokumente abarbeiten, die noch zu den richtigen Ämtern mussten, jetzt wo sie endlich bei ihnen angekommen waren und sie konnten Termine absprechen, zu denen alle anwesend sein mussten. Genügend Arbeit würde also auf Emma warten.
Nachdem sie ihrer Mutter eine kurze Nachricht hinterlassen hatte, wann sie ankommen würde und mit der Frage, ob sie Emma vielleicht vom Bahnhof abholen konnte, schloss sie ihre Augen. Sie konnte noch etwas versuchen zu schlafen, damit sie später nicht auf dem Sofa einschlief und nichts erledigt wurde.


„Ich dachte du wolltest eigentlich erst nächste Woche wiederkommen.“ Ihre Mutter, eine Frau Anfang fünfzig mit Lachfalten und tiefen Augenringe unter ihren Augen, sah sie bemüht zwanglos an, während sie auf der Bundesstraße in Richtung Stadtrand fuhr.
„Ja. Hatte Lust eher zu kommen.“ Ausweichen antwortete Emma ihr und gähnte geräuschvoll. Sie hatte trotz ihrer Bemühungen kaum in Zug schlafen können. Zuerst hatte sie der Fahrkartenkontrolleur daran gehindert und danach eine Gruppe Grundschulkinder die einen Ausflug machten. An Schlaf war ab diesen Zeitpunkt nicht mehr zu denken.
„Verstehe. Wie geht es Theo?“ Die schönste Eigenschaft ihrer Mutter, war das diese niemals hartnäckig nachbohrte, bis sie den wahren Grund herausfand, wenn eine ihrer beiden Töchter nicht reden wollte.
„Gut. Er hat sich frisch verliebt. Hoffentlich klappt es und es ist nicht wieder so ein Arsch, wie das letzte Mal.“ Ihre Mutter hatte auf Theos Homosexualität deutlich gelassener reagiert, als Emmas Vater, der bei diesem Thema etwas konservativ angehaucht war, und hatte Theo schon häufiger eingeladen mal sie zu besuchen. Eine Gestehe die Theo zu Tränen gerührt hatte. Sein eigenes Verhältnis zu seiner Familie war sehr schlecht, seit er ihnen erzählt hatte das er homosexuell war. Einmal hatte Theo Emma düster scherzend anvertraut, dass sie seitdem nicht mehr ein Wort mit ihm wechselten und nicht einmal mehr auf Nachrichten oder Anrufe reagierten. Etwas was auch bei Emmas Mutter auf Unverständnis und Wut traf.
„Das hoffe ich auch. Er ist so ein lieber Kerl.“ Seufzte ihre Mutter und bog an einer der zahlreichen Kreuzungen in eine steilere Straße ab. „Ja. Aber er hat den Kerl bisher nur einmal kurz in Henris Bar getroffen und weiß noch nicht so recht. Er ist wirklich schüchtern, wenn es um andere Kerle geht.“ Emma rang sich ein scheues Lächeln ab. Wenn sie daran dachte das Theo, wenn es um seine Freunde ging, schnell temperamentvoll werden konnte, konnte sie immer noch nicht glauben, dass er so schüchtern war, wenn es um seine eigenen Gefühle ging. Dann mussten Henri und Emma ihm gut zureden, dass er sich traute den Kerl anzusprechen.
„Da kenne ich noch eine.“ Lachte ihre Mutter und sah sie von der Seite amüsiert an. „Tut mir ja leid, dass ich nicht so locker bin wie du, oder Schwesterchen.“ Emma verzog leicht das Gesicht, was ihre Mutter erneut zum Glucksen brachte. „Wir beide wären schon etwas beruhigter, wenn du endlich wenigstens mal von einem Kerl erzählen würdest.“ „Du weißt doch, dass ihr die ersten sein werdet, die von einem möglichen Kandidaten erfahren würdet, sollte dieser sich trauen aus heiterem Himmel aufzutauchen.“ Nachdenklich sah Emma aus dem Fenster. Ihre eigene Heimat kam ihr seit dem Tod ihres Vaters seltsam fremd vor. Als würde sie dazugehören und doch wieder nicht. Ein wirklich seltsames Gefühl.
„Apropos. Deine Schwester wird heute Nachmittag auch kommen.“ Ihre Mutter riss sie aus ihren grüblerischen Gedanken und Emma drehte sich wieder zu ihr um. „Toll. Dann können wir die Bankunterlagen durchgehen und die Anschreiben formulieren.“ Nickte Emma und auch ihre Mutter wurde ernster. „Ja. Ich habe zwar allen Bescheid gegeben, aber die Liste was sie noch von uns brauchen ist gefühlt endlos.“ Ähnlich wie die Liste, was sie noch alles machen mussten, dachte Emma düster. Zur Ruhe kam in ihrer Familie wirklich niemand. Während ihre Schwester die überwiegend rechtlichen Sachen übernahm, probierte Emma ihrer Mutter so gut es ging bei anderen Aufgaben zu helfen, wie im Haushalt oder das koordinieren der Termine. Nur war das alles recht schwierig, da sie nicht mehr zu Hause lebte. Sie hoffte dennoch, dass sie ihrer Mutter eine Hilfe war und nicht noch mehr Probleme verursachte, als sie löste.  
Während der weiteren Fahrt sprachen sie vor allem darüber, was sie in den nächsten Tagen machen wollten. Die Hecke musste geschnitten werden, der Rasen gemäht und jede Menge kopiert, eingescannt und von allen „Erbberechtigen“ unterschrieben werden, sonst würden die Ämter nicht einen Finger krumm machen. Wenn Emma die Liste so betrachtete, würde sie locker die Zeit bis zum Samstag herumbekommen und sich ganz locker um das Treffen mit Matt drücken können.
Das Haus, in dem Emma den Großteil ihres Lebens verbracht hatte, befand sich nahe einem Waldgebiet auf einer Anhöhe, versteckt hinter den anderen Häusern und Gärten. Eine Hecke zäunte das hübsche, mit Holz verkleidete, Haus ein und zahlreiche liebevoll angelegte Beete, waren in dem Garten verteilt und wurden von ihrer Mutter mit genauso viel Liebe und Hingebung gepflegt.
Das Haus selber sah genauso verwunschen aus wie der Garten. Efeu überwucherte, trotz des hartnäckigen Kampfes ihrer Mutter, erneut ein großes Stück der Holzfassade und Balkongeländers unter dem man immer die Windspiele singen hörte.
Vor der Garage stand noch der alte Wagen ihres Vaters, für den sie erst letzte Woche endlich einen Käufer gefunden hatten und es geschafft hatten es abzumelden. Wenn der Wagen dann erst vom Käufer abgeholt werden würde, würde sehr wahrscheinlich erneut die Gewissheit zuschlagen das ihr Vater nicht nur auf Dienstreise mit dem Firmenwagen war, sondern nie wieder den Hof und das Haus betreten wird. Er war fort und das für immer.
Kaum hatte Emma das Holztor hinter dem Wagen ihrer Mutter geschlossen, schon hörte sie das begeisterte Bellen des einjährigen Schäferhundes, der ohne zu bremsen auf Emma zuschoss und sie mit sich zu Boden riss. Ohne auf Emmas Protest zu hören begann er begeistert über ihr Gesicht zu lecken.
„Verflucht. Ares. Hör auf.“ Lachend schob sie den Rüden mühsam von sich und strich ihm beruhigend über den Kopf. „Also wirklich. Er hat schon wieder es geschafft die Tür zu öffnen.“ Ihre Mutter sah Ares ungläubig an und Emma schaffte es wieder aufzustehen. „Er ist nun mal cleverer, als wir alle zusammen. Wir hätten ihn lieber Albert nennen sollen.“ Scherzte sie und klopfte auf ihren Oberschenkel, damit Ares ihr zurück zum Haus folgte. Jedoch fand Ares eine fette Hummel deutlich spannender, die auf dem Lavendelstrauch hockte und fleißig Nektar sammelte. Winselnd starrte Ares wie hypnotisiert auf das kleine Insekt, während Emma ihre Tasche aus dem Auto holte und ihrer Mutter ins Haus folgte.  
Dort war alles ungewöhnlich aufgeräumt, was Emma bewies wie sehr auch ihre Mutter nach Ablenkung suchte.
„Weißt du noch, wo wir die Heckenschere beim letzten Schneiden hin geräumt haben?“ fragte Emma, während sie sich ihre Jacke auszog und ihre Tasche abstellte.
„Willst du jetzt schon damit anfangen?“ erstaunt sah ihre Mutter sie mit großen Augen an. „Nun ja. Ich wäre dann auf jeden Fall bis zum Mittag fertig und wir hätten dann morgen nicht so viel zu machen.“ Erklärte sie und sah wie ihre Mutter darüber nachdachte. „Stimmt. Und ich werde hinten das Beet noch fertig vom Unkraut befreien.“
Und somit hatte jeder seine Aufgabe für die nächsten Stunden gefunden. Während Emma auf dem Grundstück sich die Kabel, Heckenschere und Leiter zusammensuchte, verschwand ihre Mutter im Grün ihres geliebten Gartens. Bis zum Mittag waren beide fertig und saßen erschöpft, jedoch sehr zufrieden mit den Ergebnissen des bisherigen Tages, beim Mittag, als das Auto von Emmas Schwester in den Hof fuhr und bellend von Ares begrüßt wurde.
Keine fünf Minuten später erklang ein übertrieben fröhliches „Hallo“, während Ares hereingefegt kam und mit einem erfreuten Blick immer wieder zu Emmas Mutter sah, als erwartete er ein Lob dafür, dass er den Besucher so eindrucksvoll laut angekündigt hatte.
„Rosa.“ Erfreut umarmte ihre Mutter die deutlich kleinere ältere Tochter, die ihrer kleinen Schwester kurz zu nickte und sich etwas vom Mittagessen aus den Töpfen fischte.
Dann ließ sie sich mit einem ehrleichterten Seufzen auf den Stuhl neben Emma fallen.
„Was gibt es neues?“ fragte sie, kaum dass sie sich eine vollbeladene Gabel in den Mund geschoben hatte. „Nicht viel. Jede Menge Post von den Versicherungen und einen von der Bank. Ich habe irgendwo mir notiert welche Dokumente sie noch für den Kündigungsprozess benötigen…“ motiviert begann Emmas Mutter in den Berg von Zeitungen und Briefen zu wühlen, der am Rand des Tisches lag. „Wir schauen uns das mal nach dem Essen in aller Ruhe an.“ Koordinierte Rosa bestimmt und sofort hörte ihre Mutter auf zu suchen. Wie immer, wenn ihre Schwester nach Hause kam, übernahm sie innerhalb von Sekunden das Kommando im sämtlichen Gebieten. Als sie noch Kinder waren, hatte es Emma ziemlich genervt, wie ihre Schwester immer über alles und jeden die Kontrolle gehabt hatte und ihre kleine Schwester andauernd belehrt hatte. Mittlerweile war sie regelrecht dankbar für diese Eigenschaft ihrer Schwester. Immerhin hatte dadurch eine in der Familie noch den Überblick über den Bürokratiechaos, der bei ihnen ausgebrochen war.
„Und bei dir?“ wandte sich Rosa an ihre kleine Schwester, die leicht zusammenzuckte und die dunkelhaarige Frau Anfang dreißig dann kurz räuspernd ansah. „Naja. Das Prüfungsamt hat jetzt die Bescheinigung des Arztes akzeptiert und sollte mich von den nächsten Nachprüfungen freistellt.“ „Hättest du mich gleich gefragt, hätte ich dir sagen können das du dich lieber gleich krankschreiben lässt, als auf das Verständnis dieser Leute zu bauen.“ Schnaubte Rosa mit einem Anflug von Ärger und Emma stöhnte innerlich auf. Woher hätte sie denn wissen sollen, dass die Leute vom Prüfungsamt die Sterbeurkunde ihres Vaters nicht als gerechtfertigten Grund akzeptierten sie freizustellen, weil diese belegte, dass ihr Vater nicht in zeitlicher Nähe der Termine der Nachprüfungen verstorben war? Dass sie die Erstversuche deswegen vermasselt hatte, weil sie emotional nicht auf der Höhe gewesen war, auf die Idee waren sie natürlich nicht gekommen. Da hätten sie die zeitliche Nähe jedoch definitiv finden können.
„Ich wollte mich nicht krankschreiben lassen.“ Murmelte Emma, im verzweifelten Versuch sich, für ihre Entscheidung, zu rechtfertigen. Der Gedanke wegen Depressionen krankgeschrieben zu sein, behagte ihr nicht. Sie fühlte sich nicht depressiv, auch wenn sie sich das sehr wahrscheinlich kaum vorstellen konnte, wie man sich mit Depression fühlte.
Immerhin hörte Rosa ihre leise Rechtfertigung nicht und unterhielt sich weiter mit ihrer Mutter. Die Diskussion hätte Emma hundertprozentig verloren.
„Hast du bereits beim BAföG-Amt angerufen?“ erneut wurde Emma Zielscheibe von Rosas Organisationstalent. „Nein. Das wollte ich nächsten Montag erledigen, jetzt wo ich hoffentlich die Bestätigung habe, dass ich mich zu den Prüfungen quälen muss.“  Erklärte Emma und schob unmotiviert eine der Kartoffeln über ihren Teller. Der Hunger war mal wieder so schnell verschwunden, wie er aufgetreten war.
„Gut. Mach es aber bitte auch Montag.“ Rosa sah sie mahnend an und Emma verkniff sich eine gereizte Antwort. General Rosa war wieder einmal am Start. Wiederworte zwecklos.
„Ich muss noch einmal in die Stadt. Braucht ihr noch etwas?“ Das Thema wechselnd sah sie ihre verbleibende Familie fragend an. „Nein. Nicht wirklich.“ Ihre Mutter schüttelte den Kopf und auch Rosa verneinte.
Sich erhebend griff Emma nach ihrem halbgeleerten Teller und brachte ihn in die schmale Küche.
„Gut. Ich beeile mich.“ Eilig suchte Emma die Schlüssel und verließ dann das Haus ähnlich fluchtartig, wie ihre Wohnung, und zog eilig die Haustür hinter sich zu, damit Ares ihr nicht folgen konnte.
Den Kies aufwirbelnd, gab sie Gas, kaum das sie hinter das Lenkrad gerutscht war, und fuhr hinunter in das Tal ihrer kleinen Heimatstadt. Es war klein aber fein. Als Schüler hatte sie es häufig als langweilig empfunden hier zu leben. Doch ein Klassenausflug in eine der großen Städte des Landes, hatte ihre Meinung von Grund auf verändert. Mittlerweile hoffte sie eine Arbeitsstelle nach ihrem Studium zu finden, die Emma nicht zwingen würde von hier wegzuziehen. Ob das möglich war, würde sie wohl erst in ein paar Jahren sehen können.
Emma wusste wohin sie wollte, wusste auch dass ihre Mutter ahnte, dass sie nur das Haus verlassen musste und nichts in der Stadt suchte, abgesehen von ihre Ruhe vor der hektische Atmosphäre, die mit dem Auftauchen ihrer älteren Schwester ausgebrochen war. Sicherlich konnte ihre Mutter sich auch zusammenreimen wohin Emma eigentlich wollte.
Nach wenigen Minuten, hielt Emma den Kleinwagen ihrer Mutter hinter der halbhohen, von Moos bewachsene, Mauer des Friedhofes an und schaltete den Motor ab. Einen Momentlang schloss sie ihre Augen und atmete tief durch, bevor sie ausstieg und das kleine Gartentor ansteuerte, das als eine Art Hintertür diente.
Es war eine der hintersten Ecken, des parkähnlichen Stadtfriedhofes, denn Emma betrat. Hier standen noch alte alten Familiengräber und Mausoleums, der alten eingesessenen Familien der Umgebung, hinter einigen Büschen verborgen. Manche ähnelten Ruinen. Andere wirkten gepflegt und wurde regelmäßig restauriert und erweitert. Diese Familien wurden überwiegend Dank der ehemaligen stark ausgeprägten und zu damaligen Zeiten modernen Textilfabriken reich und einflussreich. Einige wenige, dieser Familien, lebten sogar weiterhin in ihren Stadtvillen und betrieben ihr Familienunternehmen auch weiterhin.
Emma erinnerte sich noch dunkel an die Geschichtsstunde, in der ihr Lehrer ihre Klasse über die große Fläche geführt hatte und versucht hatte ihnen allen klar zu machen das man Geschichte überall finden konnte und man sie erst verstehen muss, bevor man versuchen kann aus ihr zu lernen. Bei ihr hatte dieser Versuch offene Türen eingerannt, immerhin studierte sie mittlerweile Geschichte, sehr zum Verdruss einiger Verwandten, die sich ein eher ein Fach gewünscht hätten, mit dem sie mehr handfeste Berufe verbinden konnten.
Kieswege führten durch die unzähligen Grabreihen und Emma folgte ihnen bis zu einer Lindenallee. die eine kleine Wiese einrahmten. Auf dieser Wiese standen zahlreiche kleinere Bäume, die jüngsten waren vor kurzem gepflanzt, und vor ihnen lagen bereits die kleinen Urnengräber mit ihren Steinplatten und den kleinen Blumenschalen.
Doch Emmas Ziel war ein noch namensloses Grab mit einem kleinen hübschen Zierapfel vor dem einige größere Blumentöpfe standen, die Emmas Familie zur Beerdigung geschenkt bekommen haben.
Seufzen ließ sie sich vor dem Baum ins Gras fallen und begann unschlüssig die Grashalme zu rupfen. Sie fragte sich, warum sie das Bedürfnis gehabt hatte hierher zu kommen, obwohl sie sich seit Wochen davor scheute über den Tod ihres Vaters und die Beerdigung nachzudenken.
Schließlich begann sie zu reden an, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich dabei ziemlich merkwürdig fühlte. „Hey…Papa. Ich weiß, ich war erst vor Kurzem hier. Mit Mama. Um zu verhindern das dein Bäumchen eingeht.“ Unbehaglich rutschend, streckte Emma zuerst ihre Beine aus, bevor sie sie wieder zu sich heranzog.  
„Ich bin durch alle meine Prüfungen gerasselt. Aber das wundert mich ehrlich gesagt nicht weiter. Immerhin war ich in letzter Zeit recht wenig motiviert ein Lehrbuch in die Hände zu nehmen…“ sie seufzte tief und schaute in den Himmel. Was sollte sie denn noch groß sagen? Wenn es so etwas wie „Geister“ gab, wusste es ihr Vater doch sowieso bereits. Und wenn nicht, wie sollte er sie denn jetzt hören? Er war weg. Er konnte ihr keine Ratschläge mehr geben oder sie ausschimpfen, weil sie mal wieder nicht lernte. Er war einfach fort. Unwiderruflich.
Lautlos rollten Tränen über ihre Wangen. Ihre Augen brannten schon gar nicht mehr. Warnten sie nicht mehr, vor ihren Gefühlsausbrüchen. Wie leer sie geworden ist…
„Ich vermisse dich…“ schluchzte Emma auf und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
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