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Tylers Geheimnis

von Jayge
GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P18
17.08.2020
22.11.2020
27
31.261
 
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21.11.2020 1.244
 
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, doch da begann Karl auch schon damit mich nach oben zu ziehen. Vor dem letzten halben Meter bot er mir seine Hand an. Ich griff nach ihr und so hievte mich Karl heil und sicher auf die Hochebene.Dort lag ich erst einmal und wollte mich für über eine Stunde lang nicht mehr bewegen. Das feuchtnasse Gras kitzelte meinen Nacken und meine Waden, und der Wind streichelte mein Gesicht. Der Wind war sehr stark hier oben, vor allem im Vergleich zu dem Dschungel da unten, in welchem totale Windstille geherrscht hatte. Hier oben sah es so gar nicht aus, wie in dem Dschungel da unten. Hier oben sah es mehr so aus, wie die Berge in meinem Land in meiner Welt. Als ich meinen Kopf zur Seite drehte, erkannte ich unendliche grasgrüne Weiten. Wir waren immer noch auf einem Berg, deshalb gingen die großen Wiesenflächen zu einer Seite steil nach oben. Ganz in der Ferne konnte ich den Rand eines Waldes erkennen, doch er sah nicht aus wie der Wald, den ich bisher hier in Nimmerland gesehen hatte. Dieser Wald hier sah wieder so aus, wie die Wälder in meiner Heimat. Ohne Lianen und Palmen, sondern mit ganz vielen Tannen, Buchen und Birken. „Wow!“, sagte ich, während ich die Hochebene bewunderte.„Das ist die Hochebene Bavarina!“, erklärte Karl. „Und da drüben siehst du den Wald Bavaraninus!“„Klingt nach Bavaria!“, sagte ich erschöpft.Meine Muskeln fühlten sich an wie Blei.„Jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind, magst du mir da nicht nochmal erklären, was nun mit dieser Irmi ist und wo wir hingehen? Ich habe inzwischen verstanden, dass sie offenbar die Liebe deines Lebens ist und dass sie zu Forschungszwecken irgendwo hingewandert ist – zu so einem Berg oder so – und nun ist ihr anscheinend der Proviant ausgegangen und wir kommen ihr zu Hilfe. Stimmt das so?“, fasste ich alles zusammen, was er mir auf unserer bisherigen Reise erzählt hatte.„Ja, das stimmt so weit. Aber mehr musst du auch gar nicht wissen!“„Aber ich habe doch noch so viele Fragen! Wie habt ihr euch kennengelernt? Habe ich sie früher gekannt und einfach nur vergessen, so wie ich dich vergessen habe? Was ist das für eine Forschungsreise? Was erforscht sie genau? Was haben all diese Abkürzungen auf ihrer Nachricht zu bedeuten? Warum ist sie überhaupt alleine einen so weiten Weg gewandert? Warum habt ihr das nicht zusammen gemacht? Und warum kann sie nicht einfach…“„Stopp, stopp, stopp!“, unterbrach mich Karl. „Eins nach dem anderen! Zunächst das Wichtigste: Wir wollten die Temperaturunterschiede hier auf der Insel erforschen. Es war wichtig, dass ich bei der Hütte im wärmsten Teil der Insel bleibe und dass sie zum kältesten Teil wandert. Zum Kommunizieren benutzen wir die Gigantomano-Schmetterlinge, so geht die Forschung wesentlich schneller voran, weil wir auf diese Weise unsere Beobachtungen sofort vergleichen und vereinheitlichen können.“„Wir sind auf einer Insel?“, war das einzige, das ich hervorbrachte.„Auch schon gemerkt?“, meinte Karl ironisch.„Woher hätte ich das wissen sollen?“ Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es hier auch nur einen Strand gab. Und wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich die Strände erst einmal abgehen müssen bis ich wieder am ersten Strand angekommen wäre, um zu wissen, dass wir auf einer Insel waren. Oder ich hätte an einem sehr hohen Punkt stehen müssen – noch viel höher als dieser hier – um es zu sehen.„Also wie ist das jetzt. Ist Nimmerland diese ganze Insel hier? Oder ist diese Insel nur ein Teil von einer ganzen Welt, die Nimmerland heißt? Und wie groß ist diese Insel hier überhaupt? So groß wie das Vereinigte Königreich oder mehr so wie in Lost?“„Lost? Was ist das denn?“, stellte mir Karl eine Gegenfrage.„Das ist eine Fernsehserie! Und zwar eine sehr gute!“, antwortete ich.„Aha“, machte Karl nur wenig beeindruckt. „Diese Insel hier ist jedenfalls sehr groß, aber ich kenne deine Welt nicht so gut, deshalb weiß ich nicht wie groß sie im Vergleich zu deinem Königreich ist. Und zu deiner anderen Frage: Nimmerland besteht nur aus dieser Insel. Drumherum gibt es nichts außer Wasser. Nur ein Verrückter würde sich dort hinauswagen. Nicht einmal die Meermänner trauen sich sehr weit hinaus. Sie bleiben nur in der Bucht.“„Meermänner?“, fragte ich erstaunt.Karl sah mich verdutzt an.„Ach so“, erkannte er schließlich. „So etwas gibt es bei euch ja gar nicht, ich vergaß!“„Wenn es hier Meermänner gibt, gibt es hier dann auch Meerjungfrauen?“, wollte ich aufgeregt wissen.„Ja natürlich, wie sollen sich die Meermänner denn sonst fortpflanzen? Hattest du keinen Biologieunterricht in der Schule?“Ich überhörte Karls verächtliche Bemerkung gekonnt und fragte stattdessen: „Kann ich sie auch mal sehen?“„Ich weiß nicht, die sind ziemlich arrogant und ich bin eigentlich froh, wenn ich sie nicht sehen muss!“Das enttäuschte mich nun schon ein bisschen.„Schade!“, sagte ich und schloss meine Augen.Wir lagen noch den ganzen Abend lang so da und unterhielten uns. Karl erzählte mir von seiner Welt und ich erzählte ihm von meiner Welt. Ich erfuhr noch von dem seltsamen Phänomen der Temperaturunterschiede hier auf der Insel. Die Insel bestand aus sieben Siebteln. Das erste Siebtel, der äußerste Ring sozusagen, bestand aus dem Meer, das unmittelbar um die Insel schloss. Die Bucht und das Korallenriff mit eingeschlossen. Das zweite Siebtel bestand aus den Orten, die unmittelbar an das Meer anschlossen. Auf der einen Seite der Insel waren das die Paradiesstrände und auf der anderen Seite die irischen Klippen. In diesen ersten beiden Siebteln herrschte sengende Hitze. Der riesige Urwald, in welchem Karls Hütte stand, die ich inzwischen so gut kannte, stellte das dritte Siebtel dar. Die Temperaturen dort entsprachen der schwülen Luft des Amazonasgebietes in meiner Welt. Vorhin waren wir die vierte Ebene hinaufgeklettert – die Felswand. Im Augenblick befanden wir uns im fünften Siebtel, der Hochebene. Hier konnte es zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Grad Celsius warm werden. Anschließend kam der Wald, der das sechste Siebtel darstellte. Darin hatte es meistens so um die zehn bis zwanzig Grad. Der Wald war eine noch größere Ebene als der Dschungel. Es würde Tage dauern, um ihn zu durchqueren. „Und was ist mit dem siebten Siebtel?“, fragte ich aufgeregt.„Ich bin müde, Ellie! Und das ist alles sehr kompliziert. So viel kannst du dir sowieso nicht merken. Morgen zeichne ich dir eine Karte, einverstanden?“„Okay!“ Ich musste sehr laut gähnen, als ich das Wort aussprach.„Werde ich all diese Orte noch zu Gesicht bekommen?“„Ja, wirst du!“„Eine Frage habe ich noch!“„Ja?“„In welchem Siebtel ist dieser Pan? Ich frage nur, damit ich weiß, wo ich besonders auf mich achtgeben muss!“„Der Pan ist im siebten Siebtel und somit im inneren und auch auf dem höchsten Teil der Insel. Es ist die kälteste Ebene von allen. Nach dem schönen Wald Bavaraninus kommt erst einmal der düstere Teil des Waldes und danach kommt noch das Sumpfgebiet und anschließend der steinige Aufstieg mit dem Irrweg der Verdammnis, der zur Burg des Untergangs führt.“Ich riss die Augen weit auf.„Was? Solch schreckliche Orte gibt es hier?“„Nein, das war ein Scherz. Es ist einfach nur ein Weg mit vielen Steinen – namens: der steinige Berg – der zu einer Burg führt. Dort schneit es fast immer. Im Grunde genommen, ist die ganze Insel ein einziger Berg, dennoch heißt das letzte Siebtel eben so.“„Oh!“, machte ich. Warum erlaubte sich Karl nur immer wieder solche Scherze mit mir?„Lass mich jetzt schlafen, Ellie! Du bekommst morgen deine Karte!“
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