Kronlos ♔

von memoirst
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 Slash
OC (Own Character)
17.08.2020
15.10.2020
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17.08.2020 4.752
 

von Gold und Krähenfedern




Erstes Jahr: Sommer




another day, another door,


another high, another low






Nacht war auf Trimm angebrochen.

Die Oberstadt, die sich um den Berg schlängelte und dem Rest der Stadt die Luft abdrückte, war in Dunkelheit gehüllt. Opiumdämpfe über jedem Dach, das tiefe, polternde Lachen von Menschen, denen die ganze Welt nichts konnte. Und das Schlürfen von blank polierten Marinestiefeln, die ihre Bestechungsgelder auf dem Heimweg durchzählten.
Stille in den Straßen.

Die Unterstadt war eine andere Angelegenheit.
Schreie waren laut, Gelächter und Flüche, das Johlen und Brüllen, in dem man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte.
Die Flüsterkneipen, in denen der Teufelsschnaps wie Wasser floss, schmiegten sich an Bordelle im Rotlichtviertel, wichen Pokerhäusern, in denen halb-legale Ware eine Selbstverständlichkeit war. Sie standen alle in Flammen, von den blinkenden Neonschildern bis zu den Öllampen, blau brennend vor Hitze.
Ein Widerschein lag über allem, zu verschwommen, um als Spiegel zu taugen.

Der einzige Ort, an dem man sich nicht die Augen wegbrannte, war der Hafen und das Pier. Zu nah am Industriegebiet mit seinen Waffenhändlern, um sicher zu sein. Zu sehr Teil von Trimm, als dass das einen Unterschied machte.
Obwohl der späte Sommer die Stadt von innen heraus zu kochen schien, war es am Hafen kühl genug, um in jeder aufkommenden Brise zu frösteln. Der Wind ging nachts besonders stark.

Rocco lief die Schiffsreihen auf und ab, die durch die zuckenden Lampen am Bug eigentümliche Schatten auf das Wasser warfen.
Trimm war keine Piratenstadt – sie zog die Banditen vor, die Kopfgeldjäger, all die Bandenmitglieder, die auf ihr Amok liefen – aber Rocco zählte dennoch einige Totenkopfflaggen, großkotzig am Mast von Booten, die beim ersten Sturm auseinanderfallen würden.

Seine Hand ruhte aus Gewohnheit an dem Waffengürtel an seiner Hüfte.
Ein langes, gezacktes Jagdmesser und die Pistole, die er erst dreimal abgefeuert hatte, jedes Mal ohne großen Erfolg. Manchmal reichte es schon aus, sie nur zu tragen. Und wenn das nicht half, dann suchte man eben bei denen Schutz, die mit einer umgehen konnten.
Der eiserne Bullenkopf, kaum größer als eine Münze, war an seine Brust gepinnt und wies ihn damit als Teil von Norman Bateys Gang aus, einem der größten Bandenbosse auf Trimm, dem die meisten Pokerhäuser und Tavernen in der Unterstadt gehörte.

Seit er den Bullenkopf trug, konnte sich Rocco nicht daran erinnern, dass ihn je jemand von der Seite angemacht hätte.
Selbst wenn Razzias der weniger gut besetzten Kneipen noch immer Gang und Gebe waren, vermieden sogar die Marinesoldaten eine direkte Konfrontation mit den Mitgliedern auf offener Straße.
Doch hier am Hafen, menschenleer bis auf die wenigen Arbeiter hier und da, die ihm nicht in die Augen sahen, wenn er an ihnen vorbeiging – hier war er unantastbar.

Also war Rocco nicht sonderlich besorgt, als im Schatten eines Schiffsbugs eine Gestalt erkennbar wurde.

Er warf dem Fremden einen prüfenden Blick zu – groß genug, um auffällig zu sein, seine Silhouette durch den ledernen Mantel um seine Schultern ein wenig ausgebeult. Es war schwierig, seine Züge in dem flackernden Lampenlicht auszumachen.
Rocco straffte die Schultern und lief weiter. Einen Herzschlag später hörte er, wie die Gestalt sich an seine Fersen heftete.

„Glaubst du eigentlich“, sagte Rocco gereizt, ohne sich umzudrehen, „ich hätte dich nicht gesehen?“

„Oh, davon bin ich ausgegangen.“ Die Stimme war ein wenig rau. „Warum gehst du nicht einen Schritt schneller? Die letzten beiden sind so schön gerannt.“

Rocco erstarrte, als er den Sprecher erkannte, und drehte sich langsam um. „Du bist doch … w-was soll das? Siehst du das hier nicht?!“ Energisch drückte er sich auf die Brust. Die Stecknadel des Bullenkopfes schnitt ihm ins Fleisch. „Bruno macht dich kalt!“

„Ah ja. Bruno.“ Der Fremde trat ins Licht. Sein kurzgeschorener tiefroter Haarschopf fing die zuckenden Lichter der Schiffslaternen ein und als er den Kopf bewegte, blitzte das Metall in seiner linken Augenbraue auf. „Wir hatten letztens eine kleine Meinungsverschiedenheit.“

Als Rocco einen Schritt zurück machte, zog der Neuankömmling nach. Er stand nun nah genug, dass man seine Augen erkennen konnte, tiefschattig und blutunterlaufen.
Es waren diese Augen, mehr als alles andere, die Rocco in sich zusammenschrumpfen ließen.
Das giftigste Grün, das er je gesehen hatte. Schlangenaugen.

„Und sowieso kann ich dieses ganze Bandengelaber nicht mehr ab“, machte der Fremde weiter. Der schwache Geruch nach Alkohol umgab ihn. „Der erste von euren Leuten ist mir bloß auf den Sack gegangen. Bei dem Zweiten ging’s ums Geld. Und nachdem die Marine so gut bezahlt hat…“
Er zuckte mit den Schultern und trat einen weiteren Schritt auf Rocco zu. Ein lautes Ratschen war zu hören, als eine Klaue ausfuhr.

„D-du kannst doch nicht …!“ Rocco wich zurück, die Augen groß. Das Jagdmesser lag nun in seiner schweißnassen Hand. „Denk doch mal nach!“

„Mach ich doch. Ich denke daran, dass ich mir jetzt meine Miete bezahlen kann.“ Er lächelte breit. Ein Zähnefletschen. „Also renn endlich.“

Rocco warf sich herum, das Messer vergessen. Seine Schritte hallten auf den Holzplanken wider.

Dante schnaubte, zählte bis fünf. Dann setzte er sich ebenfalls in Bewegung.



☠.


Einige Wochen später




Das Hämmern in seinem Kopf versprach, dass es ein langer Tag werden würde.

Die Nachmittagssonne, der alte Feind, hatte sich einen Weg durch die halb zugezogenen Fensterläden gebahnt und kitzelte ihm in der Nase, als wüsste sie genau, wie ihn das ärgerte.
Dante riss eine Hand vors Gesicht, einen halben Fluch auf der Zunge. Als er aus kleinen Augen zu der hölzernen Decke hinauf starrte, so niedrig, dass er sich bücken musste, wenn er das Zimmer betrat, bewegten sich die Holzbalken sanft.
Verdammter Restalkohol.

Der gestrige Tag saß ihm in den Knochen, als er probeweise die Beine bewegte. Der hässliche Schnitt am Oberschenkel pochte unangenehm.
Dante schlug die dünne Bettdecke beiseite und besah sich missmutig den Verband, der an zwei Stellen durchgeblutet war. Das würde reichen müssen. Er hatte sowieso schon zu viel Zeit verschwendet.

Dante seufzte.
Er rollte aus einem harten Bett auf den härteren Boden seines Dachzimmers, fegte zerstreute Bierflaschen um und wirbelte einige lose Steckbriefe durch die Luft. Halbherzig fluchend kam er auf die Beine und griff nach Hemd, Hose und seinem braunen Lieblingsmantel.
Unter seinen Füßen trudelte bereits die erste Kundschaft in den Wyvernkopf ein – eine Taverne und Herberge, die er seit einigen Wochen als Schlafquartier benutzte. Solange die Bezahlung stimmte, war es der Wirtin egal, welche Verletzungen er anschleppte, und fragte nicht weiter. Das war ihm nur recht.

Dante klaubte einen herumschwirrenden Steckbrief aus der Luft, grabschte nach seinem Geldbeutel und verließ die Wohnung fliegenden Schrittes.

Das Viertel, mittig gelegen, in jedem Sinn des Wortes, war mit seinen breiten, flachen Bauten und dem abgenutzten Kopfsteinpflaster eine der angenehmeren Gegenden Trimms.
Dante ließ den Blick über die wenigen Passanten schweifen, die allesamt hastig und grußlos aneinander vorbeihuschten. Selbst hier, in einem vergleichsweise ungefährlichen Teil der Stadt, plauderte man nicht gerne.

Dante streckte sich.

Er würde sich zuerst in der Bäckerei drei Straßen weiter ein verspätetes Frühstück gönnen, dann den Hafen nach verdächtig wirkenden Schiffen absuchen und schließlich Ojo oder einem der anderen Fabrikbesitzer ein paar Kisten für ein paar tausend Berry herumschleppen.
So verlief jeder Tag. Er hatte eine Routine, die er zu mögen begann – und die wollte er auch beibehalten.

Als er dann allerdings die Straße zum Hafen einschlug, löste sich die Hoffnung auf ein wenig Normalität in Luft auf.

Eine Bewegung am Rande seines Blickfelds zog Dantes Aufmerksamkeit auf sich. Aus den Augenwinkeln sah er gerade noch, wie eine Gestalt um die nächste Ecke stürzte.

Er amtete aus.

Wenn Dante eines gelernt hatte, seit er vor wenigen Monaten auf Trimm angelegt und es fast augenblicklich wieder bereut hatte, nachdem er in die Straßenschießerei zweier verfeindeter Banden geraten war – dann war das, dass es so etwas wie Zufall hier nicht gab.
So etwas wie einen Trick des Lichts gab es hier nicht.
So etwas wie wohlwollende Fremde gab es hier nicht, die sich bloß aus einer Laune heraus gegen die Hauswand drückten und ihn beobachteten (denn Dante konnte die Blicke im Nacken spüren, die seine Haut zum Prickeln brachten).

Er wusste es mittlerweile besser.
Auf Trimm gab es so etwas nicht. War man nicht misstrauisch, war man tot.

Also steckte er die Hände in die Taschen, den Blick stur geradeaus gerichtet, und kehrte der Hafenstraße den Rücken zu.
Sein Verfolger heftete sich an seine Fersen, als Dante ins Stadtinnere einschlug, gerade genug Abstand haltend, dass es auf den ersten Blick nicht verdächtig wirkte.
Dante schnaufte und beschleunigte seine Schritte. Dieses Spiel konnte er auch spielen.

Die Luft wurde mit jedem Schritt dreckiger, die Häuser dichter und höher. Die Sonne warf starke Schatten in die Häuserschluchten, fast zu schwach, um den Boden zu berühren.
Dante fiel in einen Laufschritt, den Verfolger noch immer auf den Fersen.
Der Fremde holte auf.
Dante wurde schneller.
Der Andere zog mit.

Beide jagten sie durch die Gassen, ein stetiges Tempo, vorbei an den Obdachlosen, die neben Treppenstufen saßen und Dante prüfende Blicke zuwarfen.
Die Blicke wanderten weiter, an einen Punkt hinter Dante, und dann wandten sie sich schnell ab, so etwas wie Wiedererkennung in den Augen.

Dantes Hand tastete nach den Klauenhandschuhen an seiner Seite, fand aber nichts, als ihm aufging, dass sie noch immer unter seinem Kopfkissen im Wyvernkopf lagen. Er verzog das Gesicht.
Dann eben auf altbewährte Art.

Dante kam erst zu einem Halt, als er das Ende einer Sackgasse erreicht hatte, vor ihm eine Steinmauer, die er nie im Leben überwinden konnte. Er gab es nicht gern zu, aber er wusste nicht, wo er sich befand. Die Gasse war menschenleer.
Die Schritte hinter ihm wurden langsamer, ehe sie vollends verstummten.

Normalerweise hätte er eine Klaue bereits ausgefahren, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht war genauso gut wie jede Waffe.
Dante wirbelte herum. „Wer zur Hölle denkt, es sei eine gute Idee, mir-“

Er hielt inne, als sein Verfolger zurückzuckte, erschrocken über den plötzlichen Ausbruch.

Verfolger war auch nicht das rechte Wort.
Der Junge vor ihm konnte nicht älter als vierzehn sein, schlaksig bis auf die runden Pausbäckchen in seinem goldbraunen Gesicht.
Aus großen Augen starrte er zu Dante hoch – er ging ihm gerade mal bis zur Brust – die Fäuste halb gehoben. Sein dunkelblonder Lockenkopf wippte bei der Bewegung.
Der Kleine wirkte ein wenig verloren in einem viel zu großen blütenweißen T-Shirt und abgeschnittenen Jeansshorts. Er lief barfuß, die Füße dreckig vom Rennen.

Dante runzelte die Stirn. Das kann doch nicht der sein, der mir-

„JETZT!“, schrie der Junge.
Dante fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um die Faust zu sehen, die sein gesamtes Sichtfeld einnahm.

Dann Schwärze.

☠.




Dante erwachte mit Kopfschmerzen und einem Verlangen nach Rache.

Der Raum, in dem er sich befand, war nur wenig größer als eine Abstellkammer, mit tropfenden Rohren und einem stöhnenden Heizkessel zu seiner Linken. Ein staubiges Fenster war die einzige Lichtquelle in dem halbdunklen Raum.
Dante war an eine Metallröhre gekettet, die fest in der Decke und im Boden steckte und sich nicht bewegen ließ.

„Scheiße“, murmelte er.

„Gut geschlafen?“

Dante schluckte einen Fluch herunter, als der Tag damit von schlimm zu schlimmer wurde. Er hob den Kopf.
Am Türrahmen gelehnt stand ein Hüne mit Armen wie zwei Baumstämme, einem schiefen Grinsen auf dem Gesicht und viel zu viel Haargel in den schwarzen Haaren. An sein teures schwarzes Hemd war ein eiserner Bullenkopf gepinnt.

„Verdammt“, machte Dante und setzte sich aufrecht. „Hallo, Bruno.“

Der Mann schnaubte und trat näher. „Ja, ja, Hallo Bruno, halt gefälligst dein Maul. Hat man dir zu fest auf den Kopf geschlagen? Du weißt hoffentlich, warum du hier bist.“
„Ich vermute mal, du wirst es mir gleich sagen.“
„Gerne doch.“
Dante versuchte, das ungute Gefühl in seinem Magen auszublenden, als die Tür zufiel.

„Der Boss ist gar nicht zufrieden mit dir. Du hast drei seiner Leute an die Marine ausgeliefert und die Schwachköpfe haben natürlich sofort gesungen. Wegen dir haben wir ’ne Kneipe in der Unterstadt schließen können.“
„Ah“, ächzte Dante, „da klingelt was.“

Bruno kniete sich, um mit Dante auf Augenhöhe zu sein. Das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden. „Wir hatten eine Abmachung. Ob und wie du mit der Marine gemeinsame Sache machst, interessiert uns nicht, solange du das nicht bei unseren Leuten durchziehst.“
„Wird nicht wieder vorkommen. Ehrenwort.“
„Spar dir die Luft.“ Er erhob sich mit einem abschätzigen Blick. „Aus der Nummer kommst du wirklich nicht mehr raus.“

Dante lächelte. Sein Kopf protestierte. „Sag mir bloß, du willst mich jetzt kalt machen. Wir hatte doch ein paar gute Zeiten zusammen, du und ich.“
„Du“, sagte Bruno trocken, „hast mich um zehntausend Berry betrogen und das war’s.“

„Kleinigkeiten.“ Dante räusperte sich. „Was war das eigentlich für ein Junge, der mich verfolgt hat? Heuert ihr jetzt schon Kinder an?“
Bruno zuckte mit den Achseln. „Allemal besser als der restliche Mist, den sie den kleinen Scheißern sonst antun. Wir bezahlen wenigstens anständig.“
„Wirst ja noch sentimental auf deine alten Tage.“

Er setzte bereits zu einer Erwiderung an, da ließ ein ohrenbetäubendes Donnern, gefolgt von Schreien und derben Flüchen beide zusammenzucken.
Dante spürte, wie das Rohr in seinem Rücken von der Erschütterung vibrierte. „War das … eine Explosion?“

„Was zur Hölle-“ Bruno stützte sich am Türrahmen ab, als es nochmal krachte.
Er warf einen wütenden Blick über die Schulter, als wäre das alles Dantes Schuld. „Ich bin gleich wieder da. Und wehe, du versuchst irgendwelche Tricks, kapiert?“

„Mir sind sprichwörtlich die Hände gebunden, also-“
Doch der Rest des Satzes wurde abgeschnitten, als die schwere Stahltür ins Schloss fiel. Dante lauschte den schnellen, schweren Schritten, die sich von dem Raum entfernten, und ließ sich dann gegen das Rohr sinken.

Das war mal wieder ganz große Klasse.
Keine Klauenhandschuhe, keine Orientierung, kein Plan.  Er war in den letzten Wochen unachtsam geworden, nachdem er nichts mehr von den Waffenhändlern gehört hatte. Natürlich war es Wunschdenken zu glauben, dass er keine Abreibung für die Auslieferung ihrer Mitglieder bekommen würde.
Aber er hatte zumindest damit gerechnet, dass ein wenig Gras über die Sache wachsen würde, solange er den Kopf einzog.

Dante sah zur Decke hinauf.
Wenn er sich eines seiner Handgelenke auskugelte, wäre er zumindest die Handschellen los. Auch wenn er wirklich wenig Lust hatte, sich mit lädiertem Handgelenk mit einer ganzen Bande angepisster Waffenhändler anzulegen. Auf eine andere Alternative kam er jedoch nicht.
Bruno würde bald zurück sein. Niemand hier, den Hünen eingeschlossen, konnte Dante gut genug leiden, als dass man ihm bloß die Kugel gab.

Ein Kratzen am Fensterglas riss ihn aus seinen trüben Gedanken.

Das Fenster wurde vorsichtig beiseitegeschoben und zwei Schatten schlüpften in das Zimmer. Sie landeten auf Händen und Füßen und erhoben sich langsam.
Aus zusammengekniffenen Augen erkannte Dante, dass es sich bei einem von ihnen um den Jungen ohne Schuhe aus der Gasse handelte.

Der Kleine trat grinsend an ihn heran. „Tag auch.“

Der andere Eindringling, ein Mädchen wenige Jahre älter und fast einen ganzen Kopf größer als der Junge, verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie war hübsch genug, auf eine eher unauffällige Weise, hatte halblange, dunkle Haare und warme braune Haut, schlank und groß und athletisch. Sie trug ein blaues T-Shirt, eine weite, schwarze Hose, die knapp über dem Knie endete, und ein Paar schwerer schwarzer Stiefel und wirkte dadurch wie das exakte Negativ des Jungen.

„Geh ja nicht zu nah ran, Bran.“, sagte sie. „Vielleicht beißt er ja.“

„Vielleicht mache ich das wirklich“, knurrte Dante und setzte sich aufrechter hin, als der Junge vor ihm in die Hocke ging, gerade so außerhalb seiner Reichweite. „Was wollt ihr hier? Ist euch langweilig oder was?“
„Dir helfen“, antwortete der Junge, Bran. „Tut mir echt leid wegen vorhin.“
„Das kann dir auch leidtun, Kleiner! Und was soll das heißen, mir helfen? Du hast doch bis eben mit Bruno gemeinsame Sache gemacht!“

Er war nah genug, dass Dante ihm direkt in die braunen Augen gucken konnte, und für einen kurzen Moment flackerte darin etwas auf, das er nicht ganz einordnen konnte.
Dann war der Moment vorüber und Bran zuckte mit den Schultern. „Es ging bloß um das Geld. Mit dem hab‘ ich sonst nichts am Hut.“
„Es ist mir verdammt nochmal egal, was dein Grund war! Verschwindet gefälligst!“
Bran legte den Kopf schief. „Du bist Dante, nicht wahr? Bruno hat nicht gelogen. Du machst wirklich viel Krach.“

Das Mädchen blieb noch immer auf Abstand, warf dem angeketteten Dante einen prüfenden Blick zu und las dann ein herumliegendes Rohr vom Boden auf, um damit die Stahltür zu versperren. „Apropos Bruno, wenn du dich nicht beeilst, haben wir ein gewaltiges Problem.“

Bran zog eine Schnute. „Die Tür wird nicht lange halten, was?“

„Nicht mit allen Rohren der Welt. Die werden bald entdeckt haben, dass die Explosionen nur Knallkörper waren. Und wenn wir bis dahin nicht abgehauen sind, heißt es Adé, du schnöde Welt.“

„Das kann ich fast glauben.“ Bran kramte in seiner Jeansshorts herum, ehe er einen Dietrich hervorzog.
Er drehte das Werkzeug in einer Hand und legte den Kopf schief, als er Dante ins Auge fasste, so etwas wie ein sympathisierendes Lächeln auf dem Gesicht. „Wir wollen ja nicht so enden wie du. Nichts für ungut. Das Veilchen sieht übel auch.“

Das Mädchen kniff ein Auge zusammen. „Aber echt. Ist ganz lila. Und pochen tut’s auch. Bin das nur ich oder siehst du das auch, Bran?“
„Und wessen Schuld“, fragte Dante gereizt, „ist das nochmal?“
„Hat dich doch keiner dazu gezwungen, in eine Faust zu rennen.“

Bran warf ihr einen Blick zu, irgendwo zwischen Belustigung und Tadel. „Hör auf, ihn zu ärgern, Rune.“

„’Tschuldige.“

Dante sah dabei zu, wie der Junge den Dietrich nochmals um eine Hand wirbeln ließ und sich dann an seinen Fesseln zu schaffen machte. „… Wer seid ihr überhaupt?“
„Ich bin Bran“ Er deutete auf sich, „und das ist meine Schwester, Rune.“
„Hi.“
„Und wir sind hier, um dir zu helfen. Das Sicherheitssystem hier ist echt armselig. Die lassen sich alle ganz schön leicht ablenken.“

„Mir helfen?“, wiederholte Dante ungläubig. „Nachdem ihr mich ausgeliefert habt, meint ihr?“
„Wir haben den Weg zurück ins Licht gefunden. Wir sind arme, törichte Schäfchen, die nach Erlösung suchen.“ Bran deutete eine Verbeugung an.
„Amen“, murmelte Rune.
„Außerdem haben wir nur die Hälfte der versprochenen Berries bekommen. Jetzt wollen wir ein bisschen ärgern.“

Dante schnaufte und lugte über die Schulter.
Bran hatte die Zunge zwischen die Zähne geklemmt und werkelte an dem Schloss seiner Handschellen herum.
„Geht das nicht schneller?“
„Ich geb hier mein Bestes.“
„Dann gib das Beste von jemand besserem. Bruno wird gleich hier sein und so eine dämliche Tür hält ihn nicht lange auf. Dem ist das vollkommen egal, ob ihr Kinder seid, der macht uns alle kalt.“

Die ungleichen Geschwister wechselten einen langen Blick.

„Wen nennst du hier Kind?“, fragte Bran schließlich, beinahe herausfordernd.
„Dich“, erwiderte Dante. „Wie alt bist du, vierzehn?“
„Ja, und?“ Bran schob die Unterlippe vor. „Rune ist schon sechzehn. Meine Schwester ist so gut wie erwachsen.“
„Beeindruckend. Ihr beiden seid ja nicht mal alt genug, die Insel allein zu verlassen.“
„Aber alt genug, um zu wissen, dass man das Haus nicht ohne Dietrich verlässt und niemanden an die Marine verrät“, summte Rune und Dante warf ihr einen giftigen Blick zu.
„Dich mag ich jetzt schon nicht.“

„Genau!“, meinte Bran enthusiastisch. „Die Marine ist voll doof!“
„Die Marine zahlt gut“, erwiderte Dante unwillig, als die Handschellen aufsprangen.

Er kam auf die Füße und schwankte sogleich, als sich seine pochende Schläfe bemerkbar machte.
Bran machte sofort Anstalten, ihn zu stützen, doch Dante schob ihn ein wenig überrumpelt von sich. „Pfoten weg! Ich brauch‘ deine Hilfe nicht, kapiert?!“

„Das sah eben noch ganz anders aus“, meinte Rune unwirsch und schürzte die Lippen. „Wie wär’s mit einem Danke? Wir hätten dich auch einfach hierlassen können.“

Du hast doch sowieso nichts gemacht. Und außerdem wart ihr diejenigen, die mich überhaupt in dieses Schlamassel gebracht haben – soll ich dafür etwa dankbar sein?“

Rune warf ihrem Bruder einen Blick zu. „Dein neuer Freund ist ein ganz schöner Mistkerl, Bran. Ich bin dafür, wir ketten ihn wieder an.“
„Weißt du was, du kleine-“
„Seid beide mal still“, murmelte Bran und hob die Hände. Dante war bereits versucht, zu widersprechen – was fiel dem Hosenscheißer überhaupt ein? – da hörte er es auch. Schritte vor der Tür.

Die Drei sahen sich einen Moment lang an. Dann stürzten sie zum Fenster.



☠.




Dante hielt sich die Seite, während er an einer Häuserecke lehnte und nach Luft schnappte.

Draußen war es bereits dunkel geworden und flackernde Öllampen spendeten nur spärlich Licht.
Trotzdem schien das Geschwisterpaar genau zu wissen, wo sie hinliefen, also hatte er sich dem dynamischen Duo kurzerhand angeschlossen.
Das stellte sich allerdings als Fehler heraus, denn die beiden hatten gefühlte drei Kilometer im Sprint zurückgelegt, nachdem sie das ominöse Gebäude an der Schnittstelle von Hafen und Industriegebiet verlassen hatten – und nun hatte Dante nicht den leisesten Schimmer, wo er war.

Bran, der sich an einer niedrigen Mauer abstützte, streckte die Zunge raus. „Glaubt ihr, wir haben sie abgehängt?“
Rune, mit den Händen auf den Knien, warf einen Blick über die Schulter. „Scheint so. Und selbst wenn nicht, hier können sie uns gar nichts mehr. Das hier ist unser Gebiet!“
Die beiden klatschten sich ab.

Dante, der langsam wieder zu Ruhe kam, besah sich mit gehobenen Augenbrauen das Gebiet.

Sie waren in der Unterstadt angekommen, nicht jedoch im Vergnügungsviertel mit seinen zahllosen Neonschildern und Touristenströmen.
Die verwinkelten Gassen hier waren dunkel zu dieser Tageszeit und menschenleer. Dante konnte sich denken, warum.
Über ihren Köpfen wogen Wäscheleinen im aufkommenden Wind, die sich wie ein besonders kompliziertes Spinnennetz von Fensterrahmen zu Fensterrahmen die Straße rauf- und runter spannten. Unrat türmte sich an jeder Häuserecke.
Der Geruch von ranzigem Tierleder lag in der Luft, so penetrant, dass es Dante beinahe von den Füßen haute, als er probeweise schnupperte.

Wenn es so etwas wie ein Armenviertel auf Trimm gab, dann war es das hier.

„Hier wohnt ihr?“, rutschte es Dante heraus.

„Wir wohnen überall und nirgendwo!“ Bran grinste und erhob sich. „Aber nicht auf der Straße, falls du das meinst. Schon lange nicht mehr. Es gibt eine verlassene Bibliothek ein paar Straßen weiter, die-“

„Bran“, unterbrach ihn Rune leise, die Augen auf Dante gerichtet. Graue Augen waren das, schmal und intelligent, die nicht ganz zu dem feinen Lächeln auf ihrem Gesicht passten. Sie schienen das Licht der Öllampen zu reflektieren. „Das ist doch unser Geheimnis. Vergessen?“
Dante starrte herausfordernd zurück. Als interessierte er sich einen Scheißdreck dafür, wo die beiden lebten. „Kümmert mich doch nicht.“
„Gut so. Das geht dich nämlich auch nichts an.“

Bran sah von Dante zu seiner Schwester und wieder zurück. Dann hob er beschwichtigend die Hand. „Ist schon gut, Rune.“
Sie warf ihm einen Blick zu. „Was meinst du?“
Der Junge wandte sich Dante zu, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, und flötete: „Ich glaube, er ist voll in Ordnung!“

Es war nicht das letzte Mal, dass Dante einen solchen Moment erleben würde.
Bran, der etwas sagte, auf diese entwaffnende Weise, die Dante von hier auf gleich die Luft aus den Segeln nahm.  

Die Ungläubigkeit war ihm ins Gesicht geschrieben.
Er kannte diesen Jungen seit einer halben Stunde und hatte in dieser ganzen Zeit kein einziges nettes Wort geäußert – und selbst wenn, einen vollkommen und obendrein noch zwielichtigen Fremden beschrieb man nicht einfach als voll in Ordnung, schon gar nicht, wenn man den vorher einem Waffenhändlerring vor die Füße getrieben hatte.

Rune schien für einen Moment lang genauso überrumpelt zu sein wie er.
Dann legte sie den Kopf schief, blickte Dante an, blickte Bran an. Ihr Bruder sah zurück. Eine stumme Unterhaltung, an der Dante nicht teilhaben konnte.
Das Lächeln auf Runes Gesicht, das feine, gelassene, wurde durch etwas ersetzt, das Dante bloß als Resignation beschreiben konnte.
Sie seufzte tief und nickte dann. „Wenn du es sagst. Dann lass uns gehen. Es wird schon spät.“
Damit wandte sie sich leise pfeifend um und schlenderte die Straße entlang.

Bran strahlte, als er das hörte, bekam Dante am Mantelsaum zu fassen – das perplexe Ausrufen ignorierte er gekonnt – und zog ihn mit. „Weißt du, ich wollte schon immer mal einen Kopfgeldjäger kennenlernen!“, begann er. „Also so einen richtig echten, der auch Jagd auf Piraten macht, nicht bloß auf Banditen und Mobster. Das machst du doch, oder? Ja, das hab ich mir gedacht, dir guckt nämlich ein Steckbrief aus dem Mantel.“

Dante sah an sich herunter. Bevor er antworten konnte, plapperte Bran weiter.

„Und mach dir wegen Rune keine Sorgen, die ist bei jedem so. Aber sie ist richtig nett, wenn du sie besser kennenlernst! Vermutlich hatte sie einfach Angst, dass du mir wehtun könntest, oder so!“ Bran lachte auf, als sei das ein absurder Scherz und keine sehr wahrscheinliche Möglichkeit. „Sie muss immer auf mich aufpassen, weißt du? Weil ich dauernd in Schwierigkeiten bin. Du hättest den Kerl sehen sollen, der letzte Woche versucht hat, unseren Geldbeutel zu klauen – der hatte echt nichts mehr zu lachen gehabt. Meine große Schwester ist irre stark!“
Wie um das Gesagte zu untermalen, boxte er ein paar Mal mit der freien Hand in die Luft. Dann warf er Dante einen Blick zu, der beinahe gönnerhaft wirkte. „Aber keine Sorge. Sie verprügelt dich schon nicht.“

„Wie unglaublich beruhigend“, murmelte Dante und versuchte unauffällig, Brans eisernen Griff zu lösen.
Keine Chance.

„Wir bringen dich jetzt auf jeden Fall in unsere Bibliothek. Da haben wir Medizin und Salbe für dein Auge. Mal ehrlich, das sieht echt nicht schön aus. Hat man dir eigentlich sonst noch wehgetan? Du ziehst nämlich das eine Bein ein bisschen nach, da dachte ich-“

Dante kam zu einem abrupten Halt. Bran, der sich indes noch immer an seinem Ärmelsaum festklammerte, schnellte zurück wie ein Gummiband und prallte gegen ihn.

„Ow! Bleib nicht einfach stehen!“
„Was meinst du mit wir bringen dich in unsere Bibliothek?“ Dante wusste nicht, ob er wütend, entgeistert oder verwirrt sein sollte. Vermutlich alles drei. „Spinnt ihr?!“
„Wieso?“ Bran machte große Augen. Er hatte Dante mittlerweile losgelassen und rieb sich den Hinterkopf, offenbar verblüfft über den Widerstand. „Du sagst doch schon die ganze Zeit, dass es unsere Schuld war, was mit dir passiert ist. Jetzt wollen wir das wieder gut machen.“
„Man lässt keinen Wildfremden in seine scheiß Wohnung! Ich könnte sonst wer sein!“
Er wiegte den Kopf hin und her. „Nö. Du bist in Ordnung.“

Dante machte einen Schritt auf Bran zu.
Das hatte allerdings nicht die gewünschte Wirkung, als der Kleine einfach stehen blieb und den Kopf in den Nacken legte, um zu Dante hochblicken zu können. Dann eben nicht. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung von mir!“ Überrumpelt wie er war, fehlte dem Ganzen der Biss. „Wie kannst du das einfach behaupten?“

„Ich merke das“, beharrte Bran. „Du bist verletzt. Wir wollen dir helfen.“

Dante gab es auf, verzog das Gesicht und drehte sich in die entgegengesetzte Richtung. „Lasst mich ja in Ruhe, ihr Verrückten, ich geh‘ zurück-“
„Zu deiner eigenen Wohnung?“, ertönte Runes amüsierte Stimme von weiter vorn.

Dante drehte sich zu ihr um.
Sie hatte die Hände im Nacken verschränkt, gerade so im schwachen Lichtkegel einer Öllampe. „Dir ist bewusst, dass du für ein paar Tage untertauchen musst, nicht wahr? Die lassen dich nicht einfach durch die Stadt schlendern, als sei nichts gewesen. Und unsere Bibliothek ist groß genug für drei Personen. Das wird gemütlich.“

Dante runzelte die Stirn. „Ich dachte, du bist die Vernünftige.“
Rune runzelte ebenfalls die Stirn. „Wer hat dir das denn gesagt?“

„Und außerdem“, schaltete sich Bran wieder ein, „selbst wenn die kommen und dir ans Leder wollen, können wir uns verteidigen. Hiyaaaah!“ Er setzte zu einem Karatekick an, rutschte allerdings auf dem herumliegenden Unrat aus und landete auf dem Hintern. „… In der Theorie zumindest“, fügte er kleinlaut hinzu, während Rune in schallendes Gelächter ausbrach.

Dante fuhr sich über das Gesicht, noch nicht ganz in der Lage, zu begreifen, dass es ab diesem Zeitpunkt kein Zurück mehr gab.
Dass diese beiden idiotischen Kinder in ein paar Monaten zu seinen besten Freunden werden würden.
Und dass der Kopfgeldjäger innerhalb der nächsten vier Jahre mehr oder weniger gewollt einer Piratencrew beitreten würde.

Und vielleicht, ganz vielleicht, war dieser Moment der Meilenstein für ein Leben, das mehr war als nur grau.





heyho und vielen lieben dank fürs lesen!

die one piece-welt hat mich schon von kleinauf fasziniert und die ecke north blue will ich gerne mit kronlos ein wenig genauer unter die lupe nehmen. die angegebenen genres sind zwar „freundschaft“ & „abenteuer“, aber ich würde einfach ganz frech auch „familie“, „humor“, „schmerz/trost“ und in den späteren chapters auch „angst“ hinzufügen (:

wenn es euch bis hierhin gefallen hat, lasst mir doch einen favo oder ein kleines review da!

mfg memo
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