Es kann so einfach sein

von Maybe44
OneshotRomanze / P12
Dr. Anja Licht Franz Hubert
16.08.2020
16.08.2020
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Da war es! Schon wieder! Franz Hubert fühlte sich mittlerweile regelrecht verfolgt. Und das schon seit Tagen.
Sein Verfolger stand jedoch nicht etwa in Verbindung mit seiner beruflichen Tätigkeit, sondern befand sich im Auto, in der Bäckerei, bei seinem Frisör, in seinem Wohnzimmer. Und jetzt auch noch hier. Im Büro.

Es war Sommer und brütend heiß draußen. Die Tagestemperaturen krochen unaufhaltsam höher und höher, 30 Grad und mehr waren zur Normalität geworden. Auch Nachts kühlte es nicht merklich ab, die Nächte blieben mit über 20 Grad tropisch und die Hitze stand in den Straßen und Gebäuden der Stadt. Im Büro lief der Ventilator auf Hochtouren, trotzdem hatte Hubsi das Gefühl, dass die warme Luft nur noch hin und her gewälzt wurde.

Selbst das Verbrechen schien sich in diesem Jahr in die Sommerfrische verabschiedet zu haben, das Telefon des Reviers schwieg beharrlich. Rebecca Jungblut hatte bereits probehalber von ihrem Mobiltelefon auf dem Apparat des Reviers, der direkt neben ihr stand, angerufen um sicher zu gehen, dass kein Defekt vorlag. Und Martin Riedl hatte sich gewagt, seit Revierleiterin Sabine Kaiser sich vorgestern für zwei Wochen in den Urlaub verabschiedet hatte, ein Radio aufzustellen.

Und aus eben diesem ertönte es soeben schon wieder.

Das Lied, das ihn zu verfolgen schien.

No new years day to celebrate
No chocolate candy hearts to give away
No first of spring no song to sing
In fact here's just another ordinary day

No april rain, no flowers bloom
No wedding saturday within the month of June
But what it is, is something true
Made up of these three words that l must say to you

I just called to say l love you
I just called to say how much l care
I just called to say l love you
And l mean it from the bottom of my heart


So schmachtete Stevie Wonder und Franz Hubert ertappte sich dabei, wie er leise mitsummte.
Erschrocken verstummte er abrupt und blickte verstohlen zu seinen Kollegen hinüber. Ein Glück, niemand schien etwas mitbekommen zu haben. Riedl war in seinem Stuhl eingeschlafen und schnarchte mit offenem Mund. Girwidz, hochrot im Gesicht und mit Schweißperlen auf der Stirn, wedelte sich mit einer alten Tageszeitung erschöpft Luft zu und war vollauf mit sich selbst beschäftigt.

Das fehlte ihm gerade noch - auf höhnische Kommentare seiner Kollegen konnte er heute wirklich verzichten. Er wusste ja selber nicht, was mit ihm los war. Er, der alte Grantler, unromantisch bis zum Abwinken und nun plötzlich tief berührt von einem uralten Schmuse-Hit.
Und natürlich dachte er jedes Mal ganz automatisch an SIE. An seine große Liebe. Die gar nicht mal weit weg von ihm lebte, und trotzdem unerreichbar war. Oder war sie das vielleicht in Wirklichkeit überhaupt nicht? Als Anja sich damals von ihm verabschiedet hatte, hatte er sie gefragt, ob sie sich wirklich sicher sei, ihre Zelte in Wolfratshausen abbrechen zu wollen. Dies hatte sie bejaht, ihn jedoch mit einem Blick angesehen, der ihm seither nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Hatte er seine zweite Chance in diesem Moment ungenutzt verstreichen lassen? Hätte er Anja bitten sollen zu bleiben? Seinetwegen? Ihretwegen? Wäre sie seiner Bitte nachgekommen?

Er würde es wohl nie herausfinden. Zumindest würde er es nie herausfinden, wenn er nicht endlich all seinen Mut zusammennahm und sie anrief, dachte er ärgerlich.

No summer's high, no warm July
No harvest moon to light one tender August night
No autumn breeze, no fallen leaves
Not even time for birds to fly to Southern Skies

No libra sun, no Halloween
No giving thanks for all the christmas joy you bring
But what it is though old so new
To fill your heart like no three words could ever do

I just called to say l love you
I just called to say how much l care, l do
I just called to say l love you
And l mean it from the bottom of my heart
I just called to say l love you


Konnte es wirklich so einfach sein? Ein einziger Anruf. Einfach nur, um ihr zu sagen, dass er sie liebte. Noch immer und jeden Tag ein bisschen mehr. Stevie Wonders Hit hatte nun schon gut 35 Jahre auf dem Buckel. Und in den letzten Tagen hörte er ihn mindestens einmal täglich. Zufall? Oder winkte hier das Schicksal mit einem ganzen Scheunentor?

Während der Refrain ausklang und stattdessen ein Radiosprecher die aktuellen Verkehrsnachrichten verlas, fasste Hubsi einen Entschluss. Was hatte er schon zu verlieren?

Zwei Stunden später saß er auf ihrer Bank an ihrem Platz am Ufer der Loisach.

Hier hatte ihr erster gemeinsamer Spaziergang sie zufällig hingeführt.

Hier hatte er all seinen Mut zusammengenommen und sie schließlich zum allerersten Mal geküsst. Wohlgemerkt erst einige Tage später, obgleich er schon bei ihrem ersten Treffen gewusst hatte, dass Anja die Frau seines Lebens war.

Einige Monate später dann hatte er hier sogar um Anjas Hand angehalten.

Jahre später wiederum hatte er schließlich alleine hier gesessen und um das Ende ihrer Beziehung geweint.

Und nun saß er erneut hier. Nervös, ungeduldig, mit nassen Händen und klopfendem Herzen.

Er hatte es getan. Er war aufgesprungen, mit seinem Handy in der Hand, und hatte das Büro im Sturmschritt verlassen. Riedl war aus dem Schlaf hochgeschreckt und fast vom Bürostuhl gefallen. Girwidz hingegen hatte lediglich kurz mit seinem Fächer inne gehalten, sich dann aber achselzuckend wieder der Frischluftzufuhr gewidmet.

Draußen vor dem Polizeirevier hatte er, bevor er es sich doch wieder anders überlegen konnte, die Kurzwahltaste gedrückt. Anja belegte noch immer in jeder Hinsicht Platz 1 - in seinem Herzen und in seinem Telefonbuch.
Sie hatte den Anruf angenommen, als habe sie nur darauf gewartet. Wenn er es sich recht überlegte, hatte sie genau das vielleicht auch getan.

Gewartet.

Seit ihrem Weggang aus Wolfratshausen.

Gesagt hatte er eigentlich nicht viel. Nur, dass er anrief, um ihr zu sagen, dass er sie liebte. Von ganzem Herzen. Sie hatte so lange geschwiegen, dass er schon dachte, die Verbindung sei unterbrochen worden. Doch schließlich hatte sie gesagt: "I komm zu dir. In zwei Stunden bei unserer Bank." Erst dann hatte sie die Verbindung tatsächlich unterbrochen.

Nun saß er hier und wartete. Tausend Gedanken rotierten in seinem Kopf, der sich gleichzeitig merkwürdig leer anfühlte. Noch bevor er einen der tausend flüchtigen Gedanken zu fassen bekam, hörte er schnelle Schritte, die eilig näher kamen. Und schon flog Anja förmlich in seine Arme.

Noch Stunden später, nach Einbruch der Dunkelheit, saßen sie beieinander auf ihrer Bank, eng aneinander gekuschelt, ihre Finger ineinander verschlungen. Nach einem weiteren langen Kuss fragte Anja: "Sag, was hat dich dazu gebracht, ausgerechnet heut anzurufen?"

"Stevie Wonder." antwortete Hubsi und grinste, als Anja ihn verblüfft anblickte. Und während er das Fragezeichen in ihren Augen einfach wegküsste, dachte er bei sich: Es kann wirklich so einfach sein!
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