Sometimes... life gets out of control

von YuukiLee
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
16.08.2020
24.10.2020
14
18.662
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18.10.2020 1.544
 
Montag (24. Dezember 2018)

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Zeit der Besinnlichkeit. Ganz ehrlich – darauf geschissen! Hier war es gerade alles, aber nicht weihnachtlich.
Vielleicht lag es am Frühstück, welches ich absichtlich verschlafen hatte, vielleicht war es der Streit, der daraufhin folgte.
Womöglich die Tatsache, dass der Schnee sich in Regen verwandelt hatte und für die nächsten Tage kein einziger Sonnenstrahl gemeldet war.
Aber wahrscheinlich lag es einfach nur daran, dass ich mich weigerte, aus meinem Zimmer zu kommen, wo wir doch an diesem besonderen Tag bei Nora und Eric, Michaels Eltern eingeladen waren.

„Fynn... wenn du nicht bald raus kommst und dich ins Auto setzt, wird das Konsequenzen haben“, drohte Diana sichtlich angespannt, bevor sie erneut an die Tür klopfte. Nach dem Streit heute Morgen war die Stimmung hier mehr als nur mies.
Dazu kam, dass ich mich eigentlich zum ersten Mal so richtig widersetzte. Ich tat normalerweise immer, was sie sagten, aber diesmal nicht.
„Ich will nicht mit, ihr könnt ruhig ohne mich fahren!“, entgegnete ich und dachte gar nicht daran, aufzustehen und mir etwas ordentliches anzuziehen. Ich wollte wirklich nicht mitkommen.

Nora und Eric, die nicht meine Großeltern waren, sich aber ständig so verhielten, als könnten sie mir vorschreiben, was zu tun war, feierten Weihnachten diesmal zu Hause und hatten uns zum Essen eingeladen.
Und obwohl meine Tante und mein Onkel sich nicht gut mit ihnen verstanden, versuchten sie mit ihnen auszukommen – immerhin waren sie immer noch Michaels Eltern. Doch sie lebten so ganz anders, als ich es gewohnt war.

Es verging kein Tag, an dem Noras Frisur nicht akkurat saß, das große Haus nicht blitzblank geputzt war oder Eric seinen schicken Anzug nicht trug. Dabei arbeiteten sie noch nicht einmal mehr. Ich wette, der Baum, den sie im Garten stehen hatten, traute sich im Herbst gar nicht erst, seine Blätter fallen zu lassen, auf den perfekt gemähten, immer grünen Rasen.

„Fynn, ich sage es noch genau einmal... mach dich fertig und komm raus da!“ Aah, verflucht! „Ich komme ja schon“, gab ich schließlich nach, lief an ihr vorbei ins Bad. „Aber beim erstbesten Kommentar bin ich weg!“
Und das meinte ich ernst. Wenn einer der beiden mich auf irgendeine nur denkbare Art und Weise blöd kam, würde ich mich verziehen.

Die Fahrt zu Michaels Eltern dauerte fast drei Stunden. Immerhin sorgte die Distanz dafür, dass wir sie nicht oft besuchten.
Ich hatte keine Lust auf das Fest. Das Essen. Die Menschen. Ich wollte heim. Wenn doch wenigstens Nael da wäre... Wobei das wohl auch nicht viel nützen würde. Früher oder später würde man uns miteinander vergleichen und ich würde definitiv schlechter abschneiden.

~

„Junge, was hast du mit deinen Haaren gemacht?!“, begrüßte Nora mich bereits an der Haustür mit einem nahezu entsetzten Gesichtsausdruck. Tja, so wie es aussah brauchte ich nicht einmal Nael dazu. Ich war alleine schon nicht gut genug.

„Diana, willst du ihn nicht mal zum Friseur schicken?“ Sie ging an mir vorbei, direkt zu meiner Tante, der sie vorwarf, sich nicht richtig um mich zu kümmern, oder was auch immer. Ich meine, hallo?! Ich war immerhin schon 15! Und meine Haare waren völlig okay so. Ich mochte sie eben lang, sodass sie mir seitlich ins Gesicht fielen.

„Nora bitte...“, hörte ich Diana sagen, die mit den Augen rollte, bevor sie ihr eine kleine Geschenktasche in die Hand drückte. Höflichkeit, dachte ich. Reine Höflichkeit, das hatte überhaupt nichts mit Liebe oder Zuneigung zu tun.

„Was soll überhaupt diese zerrissene Jeans? Hast du ihm die gekauft? Also ehrlich, du solltest ihm nicht zu viele Freiheiten lassen, am Ende-“
„Mutter, es reicht jetzt“, mischte sich nun Michael ein. Die beiden waren zwar Mutter und Sohn, wahrten aber dennoch eine nicht zu übersehende Distanz zueinander. Mussten sie wohl, dachte ich. Sonst wäre Michael nicht so ein herzlicher, gefühlvoller Mensch. Dann wäre er auch so ein unsensibler Eisklotz. Ganz bestimmt.

Eric war das genaue Gegenteil von seiner Frau. Ruhig, geduldig, aber auch wortkarg. Ich hatte ihn, glaube ich, noch nie lächeln gesehen. Außerdem konnte man nie so genau sagen, was er denkt.
Er begrüßte mich ganz normal und manchmal fragte ich mich, ob er das Genörgel seiner Frau überhaupt noch wahrnahm, oder ob er es ihn tatsächlich nicht störte.
„Du bist größer geworden“, stellte er fest. Tja, größer. Aber nicht wirklich groß...

Wir traten ein, begrüßten die anderen und setzten uns an den Tisch. Michaels Schwester kannte ich schon, aber die anderen waren mir fremd. Eine Frau mit ihrem Mann und offensichtlich ihren Kindern, die allerdings auch schon erwachsen waren. Vielleicht die Nachbarn? Freunde? Mir egal, ich musste sie gar nicht besser kennenlernen.

„Iss anständig, Junge! Oder willst du so klein bleiben?“ Hm. Nora. Wer sonst? Damit lud sie mir noch einen Knödel auf den Teller, obwohl ich den anderen noch gar nicht gegessen hatte. Und auch nicht vorhatte, zu essen.
„Bin satt“, antwortete ich darauf, ohne sie anzusehen und schob den Teller ein Stück von mir. Logisch, dass sie davon nicht sehr begeistert zu sein schien.

Michael warf mir einen Blick zu, als sei er sich nicht sicher, ob ich das tat, um zu provozieren, oder ob es mir wirklich zu viel wurde. Und ja verdammt, mir wurde es zu viel! Bei der gespannten Stimmung konnte man ja kaum atmen!

Ich war froh, als alles vorbei war und ich abends endlich im Bett lag. Natürlich gab es noch Ärger weil ich nicht aufessen wollte – das sei beleidigend gegenüber Nora, meinte Diana. Sollte es das wirklich gewesen sein, war ja alles gut. Die Frau war so ein Kotzbrocken!

Aber zufrieden war ich nicht. Mir ging es nicht gut. Die ganze Autofahrt über herrschte eisiges Schweigen und ich hatte so eine Ahnung, warum.
Der Streit heute Morgen.

Michael und Diana wollten zusammen frühstücken, schon seit Tagen, weil wir unter der Woche nie die Gelegenheit dazu hatten.
Ich hatte mich geweigert, indem ich 'verschlafen' hatte. Und als es dann Ärger gab, weil ich die Tür nicht öffnen wollte, hatte ich ihnen erneut an den Kopf geworfen, dass sie mir nichts zu sagen hätten, weil sie nicht meine Eltern wären und dass sie mich in Ruhe lassen sollten.

Dass ich es nicht so meinte, spielte in diesem Moment wohl keine Rolle. Dass die beiden mehr für mich taten, als je ein Mensch zuvor – meine Eltern natürlich ausgenommen – und jederzeit alles tun würden, um mir ein möglichst schönes, normales Leben zu ermöglichen, blendete ich gekonnt aus. Ich war sauer, weil sie mich nicht verstanden und konnte sie nicht verstehen, die ja eigentlich nichts böses von mir wollten. Schön dumm.

Ich hätte mich entschuldigen sollen, aber nicht einmal das brachte ich an diesem Abend zustande.


Dienstag (25. Dezember 2018)

49,8 kg. Freude, Glück, Euphorie. Ich war vollends happy. Das war es gestern sowas von wert! Weiter so, jetzt nur nicht schwach werden, redete ich mir ein, als ich am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags nach unten ging, um mir einen Tee zu machen. Heute war nichts weiter geplant, soviel ich wusste. Nur Nael wollte vorbei kommen, weswegen ich mich gleich doppelt freute.

„Guten Morgen.“ Michael saß bereits am Tisch und trank seinen Kaffee, Diana dagegen schien noch zu schlafen. „Guten Morgen“, murmelte ich noch etwas müde und stellte den Wasserkocher an. Anschließend setzte ich mich zu meinem Onkel an den Tisch – schweigend. Keiner von uns sagte etwas. So war es bereits gestern gewesen.

„Du Fynn“, begann Michael nach einer Weile schließlich und nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse. Ich hob den Kopf und sah ihn nur an, ohne wirklich zu antworten.
„Hast du... irgendwelche Probleme momentan?“ Höh? Woher kam das denn auf einmal? „Was?“, fragte ich nicht gerade schlau, weil das so unerwartet kam, dass mir nichts besseres einfiel.

„Ich meine nur, weil du dich zur Zeit irgendwie anders verhältst. Abweisend und... wie soll ich sagen? Du kommst gar nicht mehr raus aus deinem Zimmer.“ „Ich bin hier“, bemerkte ich, spürte aber, wie mir etwas unwohl dabei wurde.
„Schon klar.“ Michael lächelte, bevor sein Blick wieder ernster wurde. „Ich wollte damit nur sagen, wenn dich etwas bedrückt, kannst du damit immer zu uns kommen. Wir würden dich niemals-“ „Ich weiß“, unterbrach ich ihn, setzte aber ein „Danke“ hinterher, als ich seinen besorgten Blick sah.

Es tat mir leid, aber ich wollte darüber nicht reden. Mich bedrückte nichts. Es ging mir gut. Alles war... okay.

Der Tag, der so ruhig anfing, wurde später zum absoluten Horrortag. Zwar kam Nael gegen Mittag, aber er brachte Lily mit und es gab viel zu viel zum Essen, dass mir am Ende des Tages regelrecht schlecht war. Ja, ich fühlte mich richtig übel...
Es gab kaum eine Gelegenheit für mich, meinen Bruder für mich zu haben und alle hatten so schrecklich gute Laune, dass mir ganz schlecht davon wurde. Was war eigentlich los mit mir? War das nicht die Familie, nach der ich mich immer sehnte? Warum konnte ich das so gar nicht genießen?

Abends hatte ich Bauchschmerzen, wollte mich übergeben, aber das schaffte ich nicht, ekelte mich davor. Warum musste das mit dem Essen an Weihnachten eigentlich immer so ausarten? Alleine schon wenn ich daran dachte, dass es die nächsten Tage sicher nicht besser werden würde, weil wir alle zu Hause waren und sicher jeden Tag gut und viel gekocht werden würde... mir graute es davor.
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