Stimmen des Ersten Zaubererkriegs

GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18
Alecto Carrow Amycus Carrow Evan Rosier Lily Potter Remus "Moony" Lupin Severus Snape
16.08.2020
23.09.2020
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16.09.2020 2.006
 
Severus Snape

Der einzig gangbare Weg


Dezember, 1979


Ein infernalisches Poltern ließ ihn aufschrecken. Severus öffnete seine Augen und hob müde den Kopf. Verschlafen schmatzend befeuchtete er seine Lippen. Der Geschmack von Feuerwhisky und der Nokturngasse hing ihnen noch an. Ehe sich die Orientierungslosigkeit in seinem Geist legen konnte, schwoll das Dröhnen und Donnern weiter an.
»Snape!«, schallte es aus Richtung des Einganges. In der ihm wohlbekannten Bassstimme schwang unüberhörbar Ungeduld und Gereiztheit mit.
»Mach auf!«
Kräftige Schläge gegen das Holz der Eingangstür begleiteten die Rufe.
»Beweg deinen Zinken her!«
»Verschwinde, Mulciber.«
Benommen fuhr sich Severus mit der Hand übers Gesicht, als er sich schwerfällig auf die Beine kämpfte. Begleitet von einem herzhaften Gähnen schwankte er der Quelle der Unruhe entgegen. Ehe der Störenfried zu einem weiteren Schwall von Schlägen ansetzen konnte, zog deren Besitzer die Tür auf und sah sich konfrontiert mit den grimmigen Fratzen Mulcibers und Averys. In der Ferne hinter ihnen dämmerte Tageslicht. Es war entweder sehr später Nachmittag oder der nächste Morgen.
Lässig sank der Schwarzhaarige mit verschränkten Armen gegen das Holz der Zarge und zwang sich zu einem herablassenden Grinsen.
»Was wollt ihr?«
Erheitert glucksend holte Mulciber mit seinen massigen Arm aus, um den schmächtigen Magier an seiner Seite am Nacken zu packen und ihn so, achtlos an Severus vorbei, in die Wohnung zu stoßen. Hatten die beiden seit jeher eine recht harte Gangart miteinander, wunderte sich Severus jedoch über das klagende Wimmern, das Avery von sich gab, als Mulciber ihn grob ins Wohnzimmer bugsierte. Dann erst bemerkte der Gastgeber den Grund für Averys kalkbleiches Gesicht.
»Unsere Prinzessin auf der Linse hier hat einen Sprengfluch von dem dreckigen Blutsverräter Potter abbekommen«, erklärte Mulciber an Severus gewandt, mehr erheitert als besorgt.
»Auf der Erbse«, korrigierte Severus seinen Besucher, der es aufgrund seines N.E.W.T.s in Muggelkunde eigentlich hätte besser wissen sollen. Gebannt von dem schaurigen Anblick zog Severus die Türe hinter sich ins Schloss.
Averys Weg über die Holzdielen säumten feine, hellrote Tropfen. Die Spur verlief bis hinüber zum Sofa. Eben hatte es Severus noch als Schlafstatt gedient. Jetzt ließ der verletzte Zauberer sich kraftlos schnaufend darauf niedersinken.
Der linke Arm triefte Rot und seine Haut hing, gleichsam dem Stoff der Robe, in grausigen, versengten Fetzen hinab. In der Kapuze, die er in den Nacken zurückgeschlagen hatte, prangte ein großes Brandloch. Das kurze, aschblonde Haar des Zauberers war an der linken Seite um das Ohr herum angekokelt und kräuselte sich.
Es war Mulcibers hämische Stimme, die Severus aus seiner Trance riss: »Was auch immer! Flick ihn wieder zusammen. Und gib mir Greifenklauenpulver oder besser noch dieses andere Zeugs. Wehe, du bist wieder so geizig wie beim letzten Mal.«
Kopfschüttelnd und geringschätzig schnalzend schwankte Severus Blick zwischen seinen zwei Neuankömmlingen.
»Warum, bei Merlins beneidenswerten Henker, geht ihr mit so etwas nicht zu einem Heiler?«, erkundigte sich Severus ungewohnt gesprächig. Die Nachwirkungen der Getränke, denen er seinen beißenden Atem verdankte, hatten ihm die Zunge gelockert.
Mulciber antwortete nicht auf seine Frage und hielt ihm stattdessen den ausgestreckten Arm in einer fordernden Geste entgegen. »Das Pulver, Snape. Dann kümmerst du dich um das da.«
Mit der anderen Hand zeigte er hinter sich in Richtung Sofa. Der Angesprochene ließ sich nur kurz ablenken, ignorierte die herumfuchtelnde Hand und wartete auf eine Antwort.
Mulciber hob seinerseits abwartend seine sehr helle Braue, lachte nach ein paar endlosen Sekunden dann aber herzlich auf.
»Geile Idee, Snape. Füll du schon mal die Patienteninformation aus, während ich den Fleischhaufen da bei den Heilern im St Mungo‘s anmelden gehe.«
Der so titulierte Fleischhaufen teilte seine rissigen Lippen für ein wehleidiges Stöhnen und entblößte dabei die Zahnlücke, die zwischen seinen oberen Schneidezähnen prangte. Er wälzte sich hin und her und wäre auf den Boden gestürzt. Sein Begleiter bemerkte das gerade noch rechtzeitig und schob den Verletzten mit dem Knie wieder zurück, jede unnötige Mühe und Berührungen vermeidend.
»Wenn ihm diese Luxus-Wohlfühl-Behandlung dann noch nicht reicht«, fuhr der große Mann fort, als wäre nichts gewesen, »weiß ich aus sicheren Quellen, dass in Askaban eine ganze Schar hilfsbereiter Persönlichkeiten harrt, sich seiner geistigen und körperlichen Gesundheit anzunehmen.«
Amüsiert über seinen eigenen Witz glucksend strahlte er Severus fröhlich an.
»Faszinierend, Mulciber.« Severus Lippen kräuselten sich zu einem spöttischen Grinsen. »Dein Mitgefühl wird nur noch durch deinen Sarkasmus übertroffen.«
Bekräftigend ruckte er mit dem Kopf, was wohl mit viel gutem Willen als ein knappes Nicken durchgehen mochte. Da der ungebetene Gast ohnehin keine Ruhe geben würde, bis er seine Dosis erhalten hatte, knirschte Severus entnervt mit seinen Backenzähnen, schluckte die nächste beißende Bemerkung herunter und ging hinüber zu dem großen Wandschrank.
»Quatsch keine Opern, Snape!« Der komödiantische Unterton war aus Mulcibers Stimme verschwunden. »Meinst du vielleicht, wir sind aus Sentimentalität und in Erinnerung an unsere gemeinsame Vergangenheit und Freundschaft hier aufgeschlagen? Dieser Scheißkerl Potter hat dermaßen Streit angefangen, dass wir sogar zu dritt – oder halt viert; dreieinhalb? – Na, wie auch immer. Hätte unser feiner Kamerad Avery nicht im Weg gestanden, hätte der Fluch genauso gut mich treffen können!« Mulciber fluchte unflätig. »Verdammt, gib mir das Zeug! Sonst bekomme ich noch eine post-rheumatische Verspastungsstörung!«
Severus Hand, die auf der Suche nach dem richtigen Kistchen durch die engen Regale huschte, verharrte kurz. Einen Moment überlegte er, ob er seinen Gast abermals korrigieren sollte. Dann bemerkte er, dass das Kästchen, über dem seine knorrigen Finger gerade schwebten, das war, das er gesucht hatte.
»Schon gut«, murmelte Severus, entnahm dem Behältnis drei verschieden beschriftete, verkorkte Fläschchen und trat von dem Schrank zurück. Das eine Gefäß ging an Mulciber. Gekonnt und ohne zu zögern wurde es entkorkt, an die Lippen gesetzt und in einem Zug geleert.
Severus hatte nun endlich Gelegenheit sich Averys Behandlung anzunehmen. Auf dem Weg zum Sofa schnappte er sich zwei saubere Pipetten von einem Beistelltisch. Der verletzte Todesser wimmerte und hatte sich, soweit möglich, zu einem zitternden Knäuel zusammengerollt. Der Ärmel seiner schwarzen Robe hing, ebenso wie Averys Fleisch, nur noch in blutigen Streifen von dem hinab, dessen Struktur Severus grob als Arm identifizieren konnte.
Den versengten Stoff wischte er beiseite. In die eine Pipette füllte er vorsichtig Diptam, in die andere die zähflüssige Murtlap-Essenz. Beide Tinkturen träufelte er anschließend großzügig auf die klaffenden Wunden und das zerstörte Fleisch. Avery kommentierte dies mit einer Mischung aus Schreien und Stöhnen. Severus fiel auf, wie der Bereich am Unterarm, wo das Dunkle Mal sein sollte, sich besonders rasch und als erstes wieder zurückbildete. Das zerstörte Erkennungszeichen aller wahren Todesser schuf sich sofort neu und sah frisch und lebendig aus, wie es sein sollte.
Die so benetzte Haut wandelte sich auf bizarre Art und Weise und fesselte Severus Blick. Nur der sirrende Schild seiner Okklumentik verhinderte, dass die Übelkeit in ihm Überhand nahm. Anders als ein paar seiner Kameraden, die sich sonst solcher Verletzungen annahmen, hatte Severus keine Erfahrung damit oder auch nur eine Unterweisung von einem Heiler erhalten.
Die weißlich-gelben Brandblasen lösten sich, die Adern und Sehnen verwuchsen und das rohe, blanke Fleisch nahm wieder einen gesunden, rosigen Ton an. Nach nur wenigen Minuten, die Mulciber dazu nutzte, ruhelos im Zimmer auf und ab zu laufen, erinnerten einzig Severus blutige Hände an die Verletzung. Averys Klagen erstarb und er schloss erleichtert die flatternden Lider. Severus sah an sich hinab, starrte ausdruckslos auf seine Hände und erkannte, dass selbst unter seinen Fingernägeln das Blut seines Kameraden geronn.
»I-Ich geh mir Avery abwaschen«, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu seinen Gästen, da diese mit sich selbst beschäftigt waren.
Auf dem kurzen Weg zur Küche, die er mehr als Labor, denn zur Zubereitung von Mahlzeiten nutzte, wandelte sich sein ruhiger Gang in ein unkoordiniertes Stolpern und Hasten. Er schmeckte erst wässrigen Speichel, dann die aufsteigende Magensäure in seinem Mund. Als er am Wasserhahn riss, hinterließen seine Finger schmierig rote Spuren unzweifelhafter Herkunft.
Der den Verstand umhüllende Okklumentikschild bekam ein paar Risse. Eine Mischung aus Whisky und Magensäfte in das Waschbecken spuckend krallte er sich an dessen Rand fest. Erst, als sein Magen leer war, sank seine Brust gegen das teilnahmslose, kalte Becken und er seufzte schwer.

Es vergingen viele zähe Momente, bis Severus sich wieder gefangen hatte. Niemand hatte sich nach ihm erkundigt und als er wieder ins Wohnzimmer schlich, hatte sich Mulciber zu Avery auf das Sofa gequetscht und ließ einen Redefluss auf den anderen Todesser niederregnen.
»Ah! Sehr gut! Snape!«, mit fiebrigem Blick starrte Mulciber zu ihm hinüber. Trotz der Kühle in Severus‘ Heim klebten ihm Strähnen seines blonden Haares an der schweißnassen Stirn. »Und das ... ja, genau deshalb ist es der einzig gangbare Weg! Die Muggel brauchen einen strengen Hirten mit hervorragend abgerichteten Hütehunden. Das Schlammblut darf unter den Schafen der Wolf sein, so lange es seinen Kopf geduckt und das Maul geschlossen hält. Sicherheitshalber sollte man ihnen auch die Zauberstäbe nehmen. Kann eh nicht verstehen, wer denen überhaupt noch welche verkauft. Aber so kommen sie zumindest nicht auf krumme Ideen. Und die Blutsverräter ... nun, für die habe ich auch keinen guten Vorschlag.«
Mulciber wedelte genervt mit der Hand am ausgestreckten Arm herum.
»Weg müssen die. Einfach weg. Und diese Fanatiker, die an dem Abkommen für die Geheimhaltung festhalten, gleich mit!«
Von seiner langen Rede ganz erschöpft ließ der Todesser sich auf dem Sofa zurücksinken und atmete schwer. Severus betrachtete ihn milde interessiert und ließ sich kurzerhand selbst auf einem nahen Schemel nieder. Der kleinere seiner beiden ungebetenen Gäste kauerte wie ein Häufchen Elend neben Mulciber auf dem Sofa und leckte seine Wunden, sah aber schon wieder etwas sortierter aus. Die Blässe war verschwunden, er atmete regelmäßiger. Er war versorgt.
Sein Kampfgefährte und vermeintlicher Retter, Mulciber war völlig zugedröhnt von dem Mittel, den Severus ihm überlassen hatte, und lamentierte und lamentiere mit zunehmender Lautstärke und abnehmender Hemmschwelle. Severus beeindruckte die Wortwahl genauso wie der geschwollene Tonfall, den er dabei anschlug. Er war sonst, anders als sein Senior, eher von einfachem Gemüt, doch unter Einfluss der richtigen Zutaten ...
»Anstatt uns zu jagen, um an diesen veralteten Gesetzen festzuhalten, sollten sie uns unterstützen.« Kurz trat Stille ein, ehe Mulciber wie ein aufgescheuchter Berggorilla mit dem Oberkörper nach vorne schoss. »Oder etwa nicht?!«, brüllte er und starrte Severus aus aschgrauen Augen zornfunkelnd an.
Der kannte die mitunter fassettenreiche Auswirkungen der Substanz auf das Gemüt seiner Konsumenten und nickte. »Aber ja. Natürlich.« Erneut nickte er, mehr aus Sorge um seine eigene Gesundheit, denn aus Überzeugung. »Wir sollten ... «
Mulciber unterbrach ihn. »Genau!« Eine Hand schoss zur Seite, die gespreizten Finger kamen direkt vor Averys Gesicht zu stehen und fuhren zusammen zu einer geballten Faust. »Wir sollten sie zerquetschen!«
Das Funkeln in Mulcibers Augen loderte und Severus konnte förmlich sehen, wie der Funken auf den eben noch schwer Verletzten übersprang. Avery kicherte und entblößte diesmal grinsend seine Zahnlücke.
»Für mich schon immer die beste Medizin.«
Severus schaute von einem zum anderen: »Und? Wen wollt ihr zwei jetzt aufmischen?« Es klang noch alberner, wenn man es laut aussprach. »In eurem Zustand?«
Averys Gackern wurde noch etwas lauter. Prustend versuchte er einzelne Worte dazwischen zu einem Satz zu ordnen. »Wir zwei, Snape? Wir sind aber doch zur dritt!«
Mulciber erhob sich. Seine Körpergröße ließ die Bewegung behäbig wirken, aber das war sie nicht. Mit zwei schnellen Schritten war er bei dem klapprigen Holzschemel, von dem aus der Gastgeber die Bühne des Sofas eben noch beobachtet und sich sicher geglaubt hatte.
»Komm, gönn dir den Spaß. Mit dir ist es immer lustig.«
Severus beschlich das ungute Gefühl, dass er diese höfliche Einladung besser ablehnen sollte. Andererseits meinte er, zumindest bei Avery etwas wiedergutmachen zu müssen. Schließlich hätte Potter ihn nicht mit dem Fluch erwischen können, hätte er – Severus – Lily nicht in der Winkelgasse mit dessen Zauberstab davonkommen lassen.
Severus seufzte und erhob sich. »Wohin soll's gehen?«


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Eigentlich stören wir euch nur ungerne in eurem Lesefluss ABER wir spielen mit dem Gedanken die ganze Angelegenheit hier als Hörbuch zu vertonen. Obsidiane wird hierbei die Carrows übernehmen, ich (Thylis) die Erzählerin und unser wundervoller Lektor die vielen, vielen männlichen Stimmen.
Hier ein kleiner Teaser vorab: https://www.youtube.com/watch?v=r5ZZwO34AAg&feature=youtu.be



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