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Stimmen des Ersten Zaubererkriegs

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Alecto Carrow Amycus Carrow Evan Rosier Lily Potter Remus "Moony" Lupin Severus Snape
16.08.2020
13.05.2021
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Amycus Carrow

Auf verschlungenen Pfaden


18. Mai 1980



»Na komm schon. Trau dich! Du kannst doch schwimmen, oder?«
Abermals zupfte die Augenweide Amycus am Arm. Weit vorgebeugt hockte er am Rand der Klippe und starrte hinab in das bezauberndste, das seine Augen je erblicken durften.
» Wie heißt 'n du eigentlich?«
»Thelxiepeia.«
» The-Thelexipepa?«, wiederholte Amycus irritiert und strich mit seiner Hand – soweit es ihm bei der Umklammerung noch möglich war – über ihren Unterarm. Ihre Haut war zart, trotz des Salzwassers. Ihre goldenen Locken waren von der Meeresgischt herrlich zerzaust. Sie erinnerte ihn an die Frau auf Alectos Tarotkarte. Die Knutschenden. Auch wenn er sich dafür selbst Ohrfeigen wollte, war das vielleicht eines dieser Winke des Schicksals, von denen Evan und Alecto immer schwafelten?
»Thelxiepeia. Meine Freundinnen nennen mich Thelxi. Das bedeutete ‚die Bezaubernde‘.«
»Hmhm. Is’n guter Name. Und nich‘ gelogen.«
»Und du? Wie heißt du, Jüngling?«
»Amycus.«
»Komm schon, Jüngling Amycus. Lass mich doch nicht an deinem Haken zappeln. Du schwimmst gerne, das sehe ich. Gib dir einen Ruck.«
Sollte er wirklich? Ihre milchweiße Haut und ihre Gesichtszüge waren so übernatürlich makellos. Er schlug die Augen nieder, starrte auf die tosenden Wellen. Eigentlich hatte er nur sie nicht weiter so hemmungslos angaffen wollen. Die Wellen umspielten ihren Leib bis unter und manchmal bis knapp über ihrem Bauchnabel. Alles darüber lud dazu ein, betrachtet und bestaunt zu werden. Von Kleidung schien sie nichts zu halten.
Amycus war sich sicher, dass er sich gerade zum ersten Mal in seinem Leben verliebte. Natürlich. Evan und Alecto würden es verstehen. Er musste herkommen, um sie zu treffen. Alleine. Und nur die zählte noch. Dann endlich, als der Sturm über diese Erkenntnis abgeflaut war, hob er seinen Blick wieder. Thelxiepeia sah mit ihren wasserblauen Augen so mythisch und rätselhaft drein, dass Amycus den Ausdruck nicht deuten konnte. War das ihre Vorfreude auf ihr gemeinsames Abenteuer? Schüchternheit? Ewige Liebe?
Es war um ihn geschehen. Hastig streifte er die Stiefel von seinen Füßen und warf sie in Richtung Waldrand. Dort wo er mit seiner Angebeteten hinging – oder eher hinschwamm – brauchte er sie nicht. Seine Robe folgte. Ganz ausziehen wollte er sich nicht. Ihm fehlte schlicht und ergreifend der Mumm dafür. Gerade wollte er seinen Eibenholzstab zwischen seine Zähne klemmen und mit einem Hechtsprung in die tosenden Wellen eintauchen, da packte ihn etwas an der Schulter.
Die Schönheit im Wasser stieß ein hässliches Schnauben aus. Amycus wirbelte herum und starrte in ein Augenpaar. Giftgrün und tadelnd.
»Nun, junger Squire, dein minderbemittelter Verstand scheint die simpelste Semantik nicht begreifen zu wollen.«
Amycus zerrte und zog, doch Evans Finger hatten sich erbarmungslos um seinen Schulterkopf gekrallt.
»Was – bei Arcturus und Kassiopeia – ist an den Worten: „Folgt nicht den Gesängen und meidet das Ufer“ missverständlich?«
»A-A-Alter? W-Wa-Wer ist denn das?«
William hatte sich durch die Büsche hinaus auf die Klippe gekämpft. Irritiert starrte Amycus beide an. Dann wirbelte er herum, riss Evan rücksichtslos mit sich, und sah noch wie Thelxiepeia in die Wellen zurück glitt. Der Goldschimmer ihres Haares verlor sich in der Gischt, die das Meer an die Klippen schlug. Dann tauchte sie wieder auf. Amycus Herz machte einen freudigen Sprung.
»Geh nich‘!«, rief er ihr noch nach, zerrte Evan hinter sich her, bis er etwas grünglänzendes sah, wo eigentlich Thelxiepeias süßer Hintern sein sollte. Eine Schwanzflosse anstatt ihrer Füße.
Amycus blinzelte.
»Wo-Wo… Wolltest du ga-gerade echt ins Meer springen?«
Harsch schüttelte Amycus die Hand von seiner Schulter und schlurfte hinüber zu seinen Stiefeln. Er schlüpfte hinein, dann zog er sich seine Robe über.
Ein kalter Riss ging mitten durch seine Brust, schlimmer als jeder körperliche Schmerz, den er bisher kosten durfte.
»Eine Augenweide diese Sirenen, fürwahr. Und dennoch mitnichten eine geeignete Gefährtin für einen Zauberer.«
»Wollt’n wir nich‘ nen Drachen suchen?«
Evan lachte auf. »Wie schön zu sehen, dass es ihr noch nicht gelungen ist, dein Gedächtnis anzurühren.« Er fächelte sich mit seinem dämlichen Hut Luft zu, ehe sein Gesicht wieder diesen Ausdruck annahm. »Es gibt gar fürchterlichere Gefahren für Seele und Leib als selbst einen Drachen. Die Liebe beispielsweise.«
Im Sinkflug landete Evans Spott direkt in der Jauchegrube, die nun mitten in Amycus Brust saß.
Der Zorn in Amycus erstarrte.
Wie hatte Evan…? Konnte er etwa Gedankenlesen? Das würde einiges erklären!
»Sorg dich nicht. Dies bitter-süße Leid ließ einen jeden von uns schon kosten. Nicht wahr, teuerster William?«
Ertappt zog William Lippen und die Nase kraus. Eine Braue erhoben starrte er konzentriert links über sich an einen festen Punkt im Himmel. In wen er wohl verschossen gewesen war? Sicher in seine Mam.
»Sicher in deine Mam.«
»Ni-Nicht be-be-besonders nett von dir.«
»Bu-Hu. Heul nich‘. Meine Eltern vergammeln beide in unserem Garten in Wales. Willst’n Küsschen? Mitleid?«
»Junger Rekrut, dieser häufige und zweifelhafte Kontakt zu Mulciber vermochte es führ wahr nicht, deine Manieren zu bessern«, sagte Evan tadelnd, doch konnte Amycus den Schelm in den grünen Augen sehen. »Genug davon ihr Waschweiber. Auf! Auf, auf! Frisch ans Werk. Und keine Sirenen mehr. Für keinen von euch.«
Mit raschen Schritten verließen sie die Klippen und wurden sogleich vom dichten Unterholz des Waldes verschluckt. Vorher warf Amycus noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zurück aufs Meer.

»Hi-Hin… Dort hinten i-im Ge-Gebirge le-leben Har-Harpien. Di-Die ta-ta-treiben es sicher mit do-dort ansässigen Gargoyles. Da-Dagegen bi-bist du d-der Hauptgewinn.«
William grinste fies hinter seiner Brille hervor. Amycus ließ den Ast, den er ihm eigentlich aus dem Weg hatte halten wollen, nach hinten schnappen. Sein Schulkamerad ächzte und giggelte doch wieder boshaft.
»Tierwesen? I-I-Im Ernst? Na ja, bi-bi-besser als auf seine Schwester zu st-st-stehen.«
»Schnauze, Halbblut. ‘S weißt du schon?«
»Williams Worte tragen mehr Wahrheit in sich als du vermutest, junger Squire. Da Alecto bislang niemandem versprochen wurde, geht die Reinblüterschaft davon aus, dass du sie selbst ehelichen möchtest, wie es der Brauch ist. Ganz nach dem Vorbild der hochwohlgeborenen Familie Black.«
Wäre Amycus doch einfach zu Thelexi…undsoweiter in die Fluten gesprungen.
»Dann nimm du sie doch, Evan«, sagte Amycus und hoffte dieses leidige Thema damit zu beenden.
Evan nahm noch mehr Haltung an. »Ich bin verlobt.«
»Was s‘ mit dir, William?«
Augenblicklich leuchteten seine grünen Augen hinter den dicken Brillengläsern. Evan gebot ihnen Einhalt: »In der Genetik gibt es ja bekanntermaßen verschiedene Strömungen. Die hirnverdrehten Gedanken der Blutsverräter hierzu erspare ich euch. Wahr ist: Reinblüter vereinigen sich nicht mit Halbblütern. Nehmen wir als Gleichnis einen guten roten Wein. Wasser – so nützlich es bei anderen Gelegenheiten, zum Beispiel der Körperhygiene, auch sein mag - hat darin nichts verloren. Auch nicht der Saft einer einzelnen weißen Traube.« Mit eindringlicher Stimme setzte Evan seinen Vortrag fort. »Rein ist ein absoluter Zustand. Es gibt kein ‚beinahe rein‘ oder ‚etwas rein‘. Es gibt nur ‚rein‘ und ‚unrein‘. Ein einzelner, noch so kleiner oder wohlmeinender, aber fremder Tropfen macht den ganzen Unterschied. Ihr seht jetzt: Das reine Blut muss um jeden Preis bewahrt werden.«
Bedeutungsschwanger hob Evan seinen Finger, während er einen Ausfallschritt über einen umgefallenen Birkenstamm vollführte. Amycus und William stolperten hinterher.
»Und wie bewerkstelligen wir das, junge Rekruten?«
Amycus rollte mit den Augen.
»Indem wir eine möglichst gute Partie ehelichen«, wiederholten er und William im Chor, wobei William drei Mal ansetzen musste, um den Satz zu vollenden
Evan strahlte, als er ihnen einen Blick über die Schulter zuwarf.
»Hervorragend!«
William kickte einen Stein vor sich her, das Gesicht zu einer verdrießlichen Fratze verzerrt. Für ihn galt das Prinzip: Den Letzten beißen die Hunde. Würde er jemals heiraten, dann die hässliche, verschmähte Tochter irgendeines Taugenichts, die ihm zugeteilt würde.
Bevor der Griesgram sich völlig in Selbstmitleid verlieren konnte, fischte Evan einen Schokofroschkarton aus seiner Robe und hielt ihn in die Höhe.
»Wo waren wir? Ach ja! Longbottom?«
Nicht schon wieder! Amycus suchte noch nach Einwänden, doch William kam ihm zuvor: »M-M-M…Macmillan!«
»Nott«, warf Amycus zähneknirschend ein. Er hasste dieses Spiel. Es war dämlich und er verlor jedes Mal gegen William.
»Tra…Tra-Travers.«
Eigentlich war es einfach. Ein Name mit S. Salazar Slytherin? Nein, keiner der Unantastbaren Achtundzwanzig. Smith? Nein. Scrimgeour?
»Selwyn, d-du I-Idiot.«
»Damit geht der Schokofrosch an William«, sagte Evan und öffnete die Packung. Geistesabwesend schob er mit dem Fuß einen hinderlichen Ast zur Seite. Stur voran durch das Unterholz schreitend, hielt er die Karte von Salazar Slytherin in die Höhe.
»Na die fehlt dir doch noch, oder Amycus? Dann machen wir es mal einfach: Carrow.«
»Weasley!«
»D-Da-Das gilt nicht. Bl-Blutsva-va-verräter!«
»Yaxley«, schoss Amycus nach und reckte Evan erwartungsvoll die Hände entgegen. Doch anstatt Amycus seinen wohlverdienten Preis zu geben, stoppte Evan, um William den Rücken zu tätscheln.
»Vollkommen richtig, junger Rekrut. Die Treue zum Dunklen Lord wiegt weitaus schwerer als Namen. Oder Titel. Ein Knecht, der ihm treu ergeben ist, kann zu einem gefeierten Edelmann aufsteigen. Und selbst der ehrenwerte Herr Malfoy kann alles verlieren, wenn er ihm nicht zu dienste ist. Die Karte hast du dir redlich verdient. Und Amycus.« Jetzt wandte sich Evan direkt an ihn und tippte sich selbst an die Nasenspitze. »Immer schön mitdenken.«
Das satte Grün des Blätterdaches, auf das Amycus sein Augenmerk richtete, lenkte ihn zumindest für einen Moment von seinem Frust ab. Ganz gleich wie sehr er sich anstrengte, William war ihm stets einen Schritt voraus. Kannte Amycus den passenden Namen, stimmte wieder irgendwas anderes damit nicht. Es war zum Kotzen! Wie sollte er Evan zeigen, was er konnte, wenn sie sich ständig mit so Kinderkram wie Benimmregeln oder Zauberstabholzkunde beschäftigten?
Mit einem schweren Seufzen sanken Amycus Schultern herab.
Evan lächelte unaufhörlich. Mit spitzen Fingern entzog er William die Karte. Amycus wusste, dass William keine Schokofroschkarten sammelte. Dieses Hobby teilte Amycus sich einzig mit Mulciber … und gefühlt hunderten anderen Schülern.
»Na, na. Kein Grund dein Kopf so hängen zu lassen, junger Carrow. Eine Chance sollst du bekommen. Entwaffnest du den guten William, bevor er dir zuvorkommt, gehört die Karte dir.«
Darum ließ Amycus sich nicht zweimal bitten. Jetzt war seine Disziplin gefragt. Duellieren, das konnte er. Sein Schildzauber würde inzwischen einen Sprengzauber aufhalten. Wenn er sich konzentrierte.
Hastig kramte er in seinen Robentaschen nach seinem Zauberstab. Nachdem er der Sirene den Laufpass gegeben hatte – zumindest würde er das Alecto und Mulciber erzählen – hatte er ihn nicht mehr angerührt. Jetzt wusste er nicht mehr, wo das Mistding war.
Erst nach dem dritten Mal abtasten seiner sämtlichen Taschen fand Amycus ihn. Triumphal zog er ihn hervor und richtete ihn auf William. Der stand schon vor ihm. Mit gezücktem Zauberstab. In Duellier-Pose. Streber, ätzender!
Zwei Atemzüge später hatte William nur ein noch hämischeres Grinsen aufgelegt. Amycus wagte sein Glück.
»Expelliarmus!«
Williams Eichenholzzauberstab flog im hohen Bogen in seine Richtung. Er musste nur die Hand ausstrecken und danach greifen. Und das tat er auch. Verdammte Versager! Halbblut durch und durch. Sollte er ihn doch in Wappenkunde und im Tanzen besiegen. Im Krieg war Amycus nützlicher als er. Sogar Evan musste das einsehen.
Mit einem Sprung wurde Amycus dem Zauberstab habhaft. Als seine Füße den Boden jedoch wieder berührten, schwankte er. Mehr als üblich. Wie in klebriger Kaugummi Masse versanken Amycus Stiefel in dem vorher so sicher und fest geglaubten Untergrund. Unschlüssig wog er den Zauberstab von William in seinen Händen. Sah auf und starrte in eine Fratze, die seinem Freund ganz und gar nicht ähnlich sah. Hörner gruben sich aus der Stirn und die Haut des Gesichtes floss hinab. Wie flüssiges Gestein.
Amycus schüttelte sich und riss mit beiden Armen an seinen Beinen. Verdammt nochmal! Was hatten William da schon wieder angestellt?
Je stärker er dagegen ankämpfte, umso mehr riss der Sog ihn hinab. Nach nur wenigen Atemzügen steckte er bis zum Oberkörper im Boden. Von wegen von Nadeln bedeckter Waldboden. Unter ihm hatte sich Treibsand aufgetan. Schluckte ihn unaufhaltsam. Ehe Amycus nach Evan rufen konnte, hatte die Erde ihn gierig und endgültig verschlungen.
Die Dunkelheit war erdrückend und als Amycus sich an den Hals fasste, um nach Luft zu schnappen, starrten ihm plötzlich zwei grüne Augenpaare entgegen. Dazu funkelte direkt vor seiner Nase die Schokofroschkarte mit dem Antlitz von Salazar Slytherin.
Da war kein Treibsand mehr. Nur Waldboden. Amycus japste nach Atem und fluchte.
»Du bist so’n mieses Arschloch, bist du!«, schrie er, war vor Schreck aber kaum imstande sich ohne Hilfe aufzurappeln. Evan streckte ihm die Hand entgegen. Half ihm auf, doch nicht ohne ein spöttisches Grinsen auf seinen Lippen. Er versuchte ja nicht mal es sich zu verkneifen.
William fuchtelte mit der Schokofroschkarte vor Amycus Nase hin und her.
»Z….Z…Zu l-l-…langsam.«
»Das ist nicht fair!«, spie Amycus und ballte die Hände zu Fäusten. Nur drei Schritte. Dann könnte er William eine Kopfnuss verpassen. Würde das Glas und das Gestell seine Brille zerschmettern. Ohne war der Scheißkerl blinder als ein Maulwurf. Wut und unbändiger Zorn verschleierten Amycus Blick. Seine Brust und die Arme bebten. Die Muskeln zum Reißen gespannt. Nur ein falsches Wort… Fast hoffte er, dass William ihn auslachte.
»Amycus«, Evans Stimme war plötzlich so nah. Riss den roten Schleier fort. »William ist seit nun beinah drei Jahren bei mir.« Eine Pause. Die Worte arbeiteten in Amycus. Was wollte Evan damit sagen? Das er geduldiger mit sich sein sollte? Nicht, wenn William ihn jedes Mal so vorführte.
» Ein jeder lernt in der ihm eigenen Geschwindigkeit. Auch dich beobachte ich erwartungsschwanger und hoffe auf erkennbare Zeichen von Contenance. Bislang bedauerlicher Weise vergebens. Zusammengefasst: Übe dich in Achtsamkeit, junger Carrow. Sie allein kann die Saat sein, die deine Talente zur Blüte zu bringen vermag. Dein Zauberstab gehört in einen Halfter oder in deinen Ärmel. Sorglosigkeit tötet.«
Williams Gekrame in seinen Robentaschen lenkte Amycus ab.
»Die Aufmerksamkeitsspanne eines Flubberwurms«, sagte Evan kopfschüttelnd und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. » Merlin sei‘ s gedankt, ist es ja nicht meine zarte Schwester, die ohne ihren Bruder als Vollwaise ihr Dasein wird fristen müssen. Mitten im Krieg. In den Klauen des nächstbesten Reinblüters.«
Schlagartig wandte Amycus seinen Kopf wieder in Evans Richtung. Er hatte recht. Wenn Amycus starb, war Alecto allein. Mutterseelenallein.
»Ich will ja. Echt. ‘S is‘ nur nich‘ so einfach, Evan.«
»Niemand hat behauptet, es würde einfach werden, junger Rekrut.«
Fordernd langte Evan in Williams Richtung. Der hatte endlich gefunden, was er in seinen Taschen gesucht hatte. Die Fingerkuppe seines Zeigefingers hatte er sich zwischen die Lippen gestopft. Irgendwas hatte ihn geschnitten.
Etwas kleines, glänzendes wechselte den Besitzer.
Evan hielt Amycus eine Axt entgegen. Eine Spielzeugaxt. Kaum größer als ein Finger.
»William, darf ich bitten?«
Ein paar Schwünge des Eichenholzzauberstabes später war die Axt zu ihrer wahren Größe herangewachsen. Eine Schlaufe aus dickem Leinenstoff und speckigen Leder war am Schaft angebracht. Wie dafür geschaffen, um den Riemen über die Schulter zu tragen.
»Erinnerst du dich, Amycus?«
Er nickte. Es war eine der Waffen, die Evan bei sich zu Hause gehabt hatte. Ein Sammlerdingsbums aus den Koboldaufständen.
Mit einem »Nimm« presste Evan ihm den Schaft der Axt in die Hände. »Der Mann, der kämpft, nur um des Kampfes Willen, ist verloren. Der jedoch weiß, wessen Schlacht und wofür er ficht, dem wiegt die Last nicht mehr als die Feder dem Vogel in den Wolken. Sei dieses edle Stück die Feder, die dich auf blutigen Schwingen zu glorreichen Siegen führt. Sei es über Ungeheuer, Drachen oder den niederträchtigsten Feind von allen: den Blutsverräter.«
Amycus strahlte. Gierig schlangen sich seine Finger um den Stiel der Waffe. Sie war schwer. Zerrte an seinen beiden Armen. Doch, seine Schritte waren federleicht, als er Evan und William folgte, die immer tiefer in den Wald eindrangen.
Sollte der Drache kommen. Amycus hatte keine Angst.

Als wollte er sie nicht gehen lassen, hielt der Wald sie mit Ästen und Dornen zurück. Ständig verfing sich etwas in ihren Roben. Letztendlich schafften sie es aber hügelan hinaus in das kargere Gebirge.
Zwischen zwei steil aufsteigenden Graden drangen sie im Gänsemarsch weiter vor.
Der Teil des Tageslichtes, dass sie zwischen den hoch aufragenden Kämmen noch erreichte, war nicht mehr der Rede wert, als der Höhleneingang in Sichtweite kam. Keine dreißig Schritte entfernt.
Evan und blieb stehen und auch seine beiden Begleiter verharrten. Mit zusammengekniffenen Augen suchte Amycus die Umgebung ab. Die karge Vegetation aus nicht einmal kniehohem Gestrüpp und scharfkantigen Gräsern bot kaum ein Versteck. Nicht für irgendeine auf sie lauernde Gefahr. Aber auch nicht für ihn – sollte er eins benötigen. Eine Hand voll größerer Felsen in unmittelbarer Nähe zum dunklen Schlund vor ihnen hoben sich wie versteinerte Bergtrolle als einzige erkennbare Kontur aus dem trichterförmigen Gelände.
Kein Laut war zu hören. Amycus packte die Axt fester. Das Leder unter seinen Finger knirschte. Sollte da drinnen tatsächlich der Drache hausen, den Evan und sie suchten, würde der sein blaues Wunder erleben. Das Überraschungsmoment läge auf ihrer Seite.
»Augen und Ohren gespitzt, junge Rekurten.«
Evan selbst schlenderte lässig, wenn auch vorsichtiger als zuvor auf den Höhleneingang zu.
»Wir wollen das Untier nicht unnötig vorwarnen. Ein Feind, den ihr unerwartet trefft, ist ein leichterer Gegner.«
Amycus Brust schwoll. Denselben Gedanken hatte er eben selbst gehabt. Entschlossen schob er sich an Evan vorbei, weiter nach vorne.
»B.. bi… bist du d… dir sicher, dass wir d.. d… den… Drachen besiegen, Evan?«
William versuchte sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Dass er hinter Amycus mehr und mehr Schritte zurückblieb, verriet ihn.
»Mein Lieber, wir können nicht wissen, ob es ein Drache ist, den wir hier vorfinden. Ich wünschte, es wäre so einfach, meiner Seel.« Evan sprach nun leiser. »Wir wissen lediglich, dass Etwas hier ein gar wertvoll Ding bewacht. Und ich habe euch und meine Wenigkeit auserkoren, uns dies zu beschaffen.«
Amycus lugte hinter den ersten übermannsgroßen Felsen. Nichts. Auch hinter dem zweiten waren nur Schutt und Staub. Der vormals vollkommen schwarze Schlund des Höhleneingangs hatte sich beim Näherkommen etwas erhellt. Seine Augen gewöhnte sich rasch an die Lichtverhältnisse.
Zu erkennen war aber auch nicht mehr als vorher. Von weiter hinten war es eigentlich nur ein schwarzes Tor im grauen Stein. Hier unten befand sich Amycus nun am vorderen Ende eines Schlundes, dessen Ende von keinem Lichtstrahl mehr erhellt wurde.
Vorsichtig tasten seine Füße sich vorwärts. Auch die übrigen „Wächter“ – so nannte Amycus die Troll-Felsen insgeheim – bargen keine Geheimnisse und waren mehr Felsen als Trolle.
William und Evan waren ihm gefolgt. Alle drei waren sichtlich angespannt. Evan verbarg dies besser als William, aber so mulmig wie Amycus selbst zu Mute war, konnte es Evan nicht kalt lassen, sich hier hinabzubegeben.
Anstatt etwas zu sagen, legt sein Mentor diesmal nur einen beringten Finger auf seine Lippen. Amycus verstand. Sie bleiben stehen und lauschten.
War das ein tiefer Atemzug, der da zu ihnen hinaufwehte oder nur der Wind der durch Ritzen pfiff? Die Dunkelheit vor ihm, gaukelte Amycus sich bewegende Muster und gestalten vor. Ein schuppiger Schwanz lag da am Rande des Sichtbaren. Oder? Eben hatte der da noch nicht gelegen.
Seine Fingerknöchel knackten. Es war so ohrenbetäubend laut, dass Amycus sicher war, noch im fernen Wald würde jedes Untier aufgescheucht werden. Er schwitzte. Das Leder am Griff seiner Axt war heiß, sein Schweiß darauf kalt. Die Finger schmerzten. Er hielt sie noch fester.
Ohne Vorwarnung durchfuhr die Stille ein Geräusch. Der Laut glich dem eines Pflugs, der anstatt durch weiche Erde, aber ebenso widerstandslos durch Stein fuhr.
Es kam nicht aus der Höhle vor ihnen…
Alle drei wirbelten herum. Amycus hob instinktiv seine Waffe und… erstarrte.
Weniger Schritte vor ihnen stand etwas. Riesig. Und zu nah. Es versperrte den Fluchtweg. Der Form nach ein Vogelwesen. Ein Schnabel wie Haken zeichnete sich vor dem helleren Himmel ab. Ein Haken, an dem man Rindviecher oder gleich Wale hätte aufhängen können.
Evan hatte wann-auch-immer seinen Zauberstab gezückt und tauchte das Ungeheuer in gleißendes Licht. Prächtige Federn schmückten Kopf, Brust und Beine. Vorderbeine, wie Amycus jetzt erkannte. Der hintere Teil des Geschöpfes trug keine Federn. Gelbliches Fell umspielten majestätische Flanken. Pranken wie Bratpfannen und ein peitschender Raubtierschwanz bildeten die hintere Hälfte.
Amycus schluckte.
»E… ein Greif.«
»Sehr gut, William. Das ist richtig.«
Amycus schüttelte es. Wie konnte Evan angesichts dieses Gegners nur immernoch so ruhig bleiben?
Sie saßen hier in der Falle. Raus aus der Schlucht kamen sie nicht. Es sei denn, das Federvieh da vor ihnen war eine heimtückische Illusion. Und zurück konnten sie auch nicht. In die Höhle brächten ihn keine zehn Pferde. Vielleicht ein Greif, aber sicher keine zehn Pferde.
Als hätte das Wesen seine Gedanken gelesen, zerstreute es die Hoffnung, es sei nur ein Trugbild. Eine riesiger Klauenbewehrter Vogelfuß hob sich und schwarte zweimal. Es war das Geräusch, dass sie sich erst hatte umdrehen lassen. Steine brachen und Funken stoben.
Amycus wurde ob der Aussichtslosigkeit ihrer Lage unruhig. Zorn stieg in ihm auf. Was wollte dieser bessere Fischadler von ihnen?
Als der Greif seine Flügel ausbreitet verdunkelte sich der schmale Ausschnitt Himmel hinter ihm. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, stieß er einen hohen Schrei aus, wie hundert Glocken gleichzeitig.
Nur mit letzter Willenskraft hielt Amycus sich an der Axt fest und widerstand der Versuchung, alles stehen und liegen zu lassen oder sich zumindest die Ohren zuzuhalten.
»Achtung jetzt«, zischte Evan in dem Moment als das Echo gerade abklang.
Ohne weitere Vorwarnung schoss sein Zauberstabarm vor und entließ einen roten Lichtblitz, der die Felswand neben dem Greifen schier explodieren ließ. »Angriff!«
Die herabprasselnden Steinsplitter ließen den Greif zurückweichen. Einige größere Brocken waren direkt auf seine ausgebreiteten Flügel gestürzt und die riesigen Schwingen zuckten reflexartig zurück und krümmten sich.
Amycus knurrte und schwang die Axt. Das war kein Drache. Das da konnte nicht mal Feuer speien. Seine Axt würde es mit den paar Klauen und Zähnen wohl aufnehmen können. Koboldgeschmiedet.
Mit wenigen Sätzen war er bei seinem Feind. Das gewaltige Federvieh war viel zu groß und zu langsam, um seiner blitzenden Klinge auszuweichen.
Der Schlag traf ihn unvermittelt. Er flog durch die Luft. Spürte, wie er die Orientierung verlor. Dann auch die Axt aus seinen Händen. Alles drehte sich. Ein zweiter Aufprall, diesmal auf nacktem Stein. Seine Arme und Beine fühlten sich taub an. Er kämpfte gegen die stürme brauner und grauer Wolken an, die ihn in die Ohnmacht treiben wollten. Er blinzelte, schaffte es die Augen zu öffnen. Er lag auf dem Rücken. Über ihm ein Schemen. Etwas raste heran. Eine Klammer, spitze Enden.
Als der Greif seine Kralle auf ihn setzte, presste es Amycus die Luft aus den Lungen. Die Luft, die er doch so dringend brauchte um bei Sinnen zu bleiben. Wieder brausten Schwaden von grauem Nebel in sein Gesichtsfeld. Etwas knackte. Vielleicht waren es seine Rippen gewesen. Blitze zuckten vor seinen Augen. Irgendwo zwischen Nebel und Blitzen senkte sich ein gewaltiges Beil, beinern glänzend und scharf wie die Axt, die seine Hände verlassen hatte auf ihn hinab. Der Schnabel sauste heran und wieder konnte Amycus es in seiner Brust knirschen hören. Das war es dann wohl. Die Klaue des Greifens nagelte ihn an den Boden wie das Insekt ans Holz. Er hoffte nur, Evan und William würden die Chance zur Flucht nutzen. Würden sie Alecto erzählen, er hätte tapfer gekämpft? Sie mussten. Er hatte einen echten Greifen herausgefordert. Das hatte er nun davon.
Dann auf einmal war der Druck fort. Gierig und pfeifend holte Amycus Atem. Die frische Luft flutete in seinen Körper und brachte das schon verloren geglaubte Bewusstsein zurück.
Deckung. Seine Waffe. Beides brauchte er jetzt.
Er presste sich auf die Ellbogen hoch und stieß sich ab. Rollte ein paarmal um die eigene Mitte, bevor er gegen und halb unter einen der Stein-Trolle stieß. Er rappelte sich auf die Knie hoch und schüttelte heftig den Kopf. Er musste die Orientierung wiederfinden. Sonst war er zu gar nichts nütze.
Fürchterliche Kampfgeräusche drangen zu ihm. Er blickte sich nach den anderen um. Evan stand, wo er ihn zurückgelassen hatte, und feuerte vielfarbige Projektile aus seinem Zauberstab. William daneben hielt seinen eigenen Stab mit beiden Händen gepackt vor sich, als wäre es eine Schlange, die versuchte ihn zu beißen. Er ruckte und zuckte hin und her, brachte den Stab aber immer wieder zurück in Position.
Ihnen gegenüber tobte und wütete der Greif. Riesig, monströs und völlig kopflos prügelte er auf einen anderen Troll-Felsen ein. Funken flogen, Schweinsgroße Stücke uralten Gesteins rissen die Klauen mit jedem Hieb aus dem Leib des Trolls. In Raserei zerfetzten Schnabel und Hinterläufe den Haufen Schutt in immer kleinere Brocken und Steinchen.
Amycus rappelte sich hoch. Seine Axt lag nicht weit entfernt. Einen Arm schützend über seinem Kopf stürzte er hin und nahm sie an sich. Diesmal steckte er ein Handgelenk in die Schlaufe am Griff und wickelte sie fest da herum.
Als er sich wieder dem tobenden Greifen zuwandte, war er entschlossener denn je.
Die leuchtenden Geschosse Evans hatten tiefe, qualmende Furchen im Fell und Gefieder hinterlassen. Die Pranken und Klauen waren über und über mit dem Blut des Untiers besudelt. Mehrere Krallen waren gesplittert oder ganz abgebrochen. Doch mit unvermindertem Zorn drosch das Monster auf sein, längst in Trümmern liegendes Opfer ein.
Knurrend und mit erhobener Axt stürmte Amycus los.
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