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Stimmen des Ersten Zaubererkriegs

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Tragödie / P18 / Het
Alecto Carrow Avery Evan Rosier Lily Potter Remus "Moony" Lupin Severus Snape
16.08.2020
12.05.2022
62
294.341
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14.12.2020 1.888
 
Turais Avery

Lange Nacht


4. November 1979



»Lumos.«
Mulciber apparierte nur Augenblicke nach Avery. Dessen Augen hatten eben begonnen, sich an das Zwielicht zu gewöhnen. Durch die Baumkronen der angrenzenden Allee drang das Licht der Straßenlaternen nur widerwillig. Der silbern leuchtenden Kugel am Nachthimmel konnten oder wollten sie nicht den Rang ablaufen. Bis sein Kollege die Umgebung mit Hilfe seines Zauberstabes gnadenlos in Licht und Schatten aufgeteilt hatte, hatte Avery kaum Details wahrnehmen können.
»Nun schau sich einer diese Sauerei an…«
Mulciber klang genervt und Avery wusste warum. Der Ruf nach ihrer Einheit hatte für ihn nicht überraschend kommen dürfen. Natürlich verbrachte der feine Herr die allmonatliche Nachtschicht für gewöhnlich mit anderen Dingen – und für gewöhnlich in angenehmerer Gesellschaft als ihm, Avery. Lieber würde er verrecken, als zu fragen, welches Mädchen Mulciber im Ministerium hatte sitzen lassen müssen, oder in wessen nächtlich verlassenem Büro die Putzkollonne morgen früh ein paar Minuten länger als sonst ihrer Arbeit nachgehen würde.
Avery seufzte. »Ist das alles von einem Einzigen oder…?«
Er suchte den Lichtkegel vor Mulciber nach einer dritten Hand oder einem zweiten Haarschopf ab. Nervös kramte Avery in seiner Manteltasche. Er fand die erlösende Schachtel und zündete sich Eine an.
»Einer, zwei oder ein halbes Dutzend, was spielt das für eine Rolle?«
Mulciber hob den Zauberstab und leuchtete über den Bach hinweg zum Waldsaum dahinter. Das Durcheinander auf dem Boden wurde wieder zu einer unübersichtlichen Matsch-Pfütze.
»Es ist jedenfalls einfach nur ekelhaft.« Mulciber spuckte aus. »Können die nicht endlich lernen, mit Messer und Gabel zu essen?«
Avery feixte. »Bring doch unserem haarigen Freund zur nächsten Zusammenkunft einfach ein Lätzchen mit und schau, wie er reagiert.«
»Pssst!« Mulcibers Zauberstab fuhr herum und Avery hob geblendet eine Hand vors Gesicht. »Tilly ist auch irgendwo hier, du Idiot.«
»Schon gut, Mann. Nimm das Ding weg, ja?« Avery fuchtelte mit seiner Kippe. Gehorsam senkte Mulciber den Lichtkegel. »Die wird sich schon bemerkbar machen, deine herzallerliebste Tilly-Maus.«
Wie aufs Stichwort leuchtete im Wald nebenan ein zweiter Stab auf. »Turais?« Die Stimme von Mulcibers Büro-Kollegin wehte zu ihnen herüber. »Volzotan? Seid ihr da?«
Avery verdrehte die Augen. Wen hatte sie denn erwartet? Den Zaubereiminister?
Mulciber ließ die Schultern hängen.
»Ja, wir sind's … die unfreiwilligen Gäste des Festmahls haben sich auch hier versammelt, sagen aber nichts. Stehen total neben sich.« Mulciber zwinkerte Avery zu. »Wenn du da drüben nichts findest: hier braucht es vielleicht etwas weibliches Einfühlungsvermögen.«
Stille vom Wald. Das Licht wanderte hin und her. Avery flitschte den Stummel seines Zigarillos in den Bach. »Nein, nein… lass dir ruhig Zeit«, murmelte er.
»Hier ist nichts. Ist bestimmt schon auf und davon«, klang es aus dem Wald. »Bin gleich bei euch.«
Ein leises Plopp dort, ein lauteres hier und die junge Hexe apparierte genau zwischen ihnen, direkt vor dem Schlamassel auf dem Erdboden. In der einen Hand hielt sie ihren Zauberstab, in der anderen einen einzelnen Turnschuh.
»Den anderen konnte ich nirgends … « Sie sah hinab auf den Boden. »Auweia.«
Avery hielt nicht viel von ihr, aber dass sie nur zusammenzuckte und nicht loskreischte verlangte ihm widerwilligen Respekt ab.
»Du sagst es, Tilly. Hätte eben fast gekotzt.«
»Nenn mich nicht so, Volzotan.«
Sie machte nun doch einen vorsichtigen Schritt zurück, weg von dem blutigen Haufen.
»Nenn mich nicht Volzotan. Niemand nennt mich so.«
»Kriegt euch wieder ein, Mädels.« Avery fummelte wieder an seiner Kippenschachtel herum. »Es gibt 'nen Zeugen.«
Umständlich klemmte er sich den nächsten Glimmstängel zwischen die Lippen. Mit einem kurzen Fingerschnippen entzündete er die Spitze. Er nahm einen Zug, inhalierte genüsslich den Rauch und die wachsende Ungeduld und Neugierde der beiden anderen und zeigte mit ausgestrecktem Finger in die entsprechende Richtung.
»Da hinten hockt er.«
Beide drehten sich um und sahen zu der Allee. Zwischen zwei hoch aufragenden Baumstämmen konnte man ein kleines Häufchen Elend ausmachen. Die Arme um die Knie geschlungen wippte es unrhythmisch vor und zurück.
»Auweia … «, wiederholte die Hexe vom magischen Aufräumkommando, diesmal etwas leiser. »Da hab ich ja nochmal Glück gehabt, dass ich mich mit Volz- … «, sie räusperte sich, »mit Mulciber um das hier kümmern darf.«
Nicht ohne Schadenfreude wandte sie sich an Avery.
»Während das da hinten wohl eher in dein Ressort fällt, was?«
Averys Augen verengten sich. Leider hatte sie damit Recht. »Na dann … «
Er stiefelte los und ließ Mulciber und Tilly Toke – das war nicht ihr richtiger Name, aber er und Mulciber zogen sie immer damit auf – mit ihrer Aufgabe zurück. Beim Näherkommen wurde der wankende Knubbel nicht viel größer. Ein Muggel-Junge. In diesen Lichtverhältnissen schätzte Avery das Alter seines Patienten auf zehn bis zwölf Jahre. Augenscheinlich unverletzt. Äußerlich zumindest.
Als Avery näher kam, hörte das Gewippe auf und der Kleine hob langsam den Kopf. Mit zitterndem Blick schaute er zu dem Zauberer in seinem Ministeriumsumhang auf. Streifen von längst versiegten Tränenflüssen zogen sich bis zum Kinn.
Er ließ sich neben den Jungen auf den spärlich bewachsenen Boden plumpsen und lächelte ihn freundlich an. »Na du?«
Der Mund des Muggels vibrierte verdächtig. Er würde doch jetzt nicht gleich wieder losknatschen?  Mit dem Hintern über vertrocknetes Laub rutschend drehte Avery sich neben ihn und knuffte ihn kumpelhaft mit dem Ellenbogen in die Seite. Ein einziges heftiges Zucken durchlief den Leib.
»Lange Nacht gehabt, was?«
Erneut zog Avery an seiner Kippe. Den Qualm stieß er in einer langen, schmalen Wolke den Baumwipfeln entgegen. Mond und Straßenbeleuchtung stürzten sich darauf und spielten unter Zuhilfenahme der klauenhaften Schatten der Äste ihr Spiel damit.
»Ja ja … «, säuselte Avery. »Der Abend hätte so nett verlaufen können, meinst du nicht auch?« Der Stummel flog in die Nacht. »Du und deine…« Von der Seite schaute er seinen Zuhörer abschätzend an »Zwei? Oder Drei? … Freunde habt die Nacht unsicher gemacht, hattet bestimmt noch so manchen Jux auf dem Zettel, rate ich jetzt mal so.«
Endlich eine Reaktion! Die Augen des Jungen weiteten sich. Unglaube war darin zu lesen. Gleichzeitig öffneten sich seine Lippen einen Fingerbreit. »N… «
»Möchtest du mir etwas sagen, Kleiner?« Normalerweise blieben die ihm anvertrauten Muggel ganz stumm oder plapperten oder schrien an einem Streifen irgendeinen Unsinn. »Nur raus damit!«
»N… n…«
»In ganzen Sätzen, Junge. Wer von euch kam denn auf die Idee "Guck-mal-was-ich-kann" zu spielen? Würd mich wundern, wenn es noch Zweifel am Sieger gibt. Hat sein ganzes Inneres nach außen gestülpt, Mann oh Mann! Auch eine?«
Er hatte die Schachtel Moods rausgeholt und hielt sie dem Jungen hin.
»N…«
»Nein?«, Avery strahlte ihn an. »Mehr für mich.«
Zwei schnelle Handgriffe und der dritte Glimmstängel dieses noch jungen Einsatzes kam seiner einzigen Pflicht nach. Wieder schaute Avery das menschliche Wrack neben sich an, legte den Kopf schief.
»Bist du überhaupt schon alt genug zum Rauchen?«
»N… n…« Der Junge verkrampfte sich, biss sich auf die Zunge. »N…«
»Neunzehn?« Avery warf sich lachend auf den Rücken und hielt sich den Bauch. Dies war einer der Punkte, die Avery an seinem Job genoss. Wenn man sie oblivierte, erinnerten sie sich ohnehin an nichts mehr. Warum also nicht das Elend auskosten? »Du Spaßvogel, du! Mit dir hatten deine Kumpels da hinten bestimmt 'ne tolle Zeit. Witzig und schlagfertig. Klasse Typ. Wie heißt du, Kleiner?«
»N… n… no… «
»Norbert? Was 'n dämlicher Name, oder? Na ja, für seinen eigenen Namen kann man ja echt nix, hm? Den kriegt man ja von Mommy und Daddy. Find meinen auch zum Kotzen.« Er stemmte sich auf die Ellbogen hoch. »Meinst, deren Mommies«, mit der Kippe zwischen den Fingern deutete er gut sichtbar hinüber zu Mulciber und Tilly, die mit ihren Zauberstäben kreisend um den Tatort schritten, »werden dem kleinen Norbert verzeihen, dass sie ihre Sprösslinge wohl nicht mehr zum Kino oder Videoabend fahren können? Oder zum Dinner?«
Avery war sich nicht sicher, ob Muggelkinder wirklich nach auswärts fuhren, um ein Dinner zu sich zu nehmen. Aber ins Kino gingen sie. Er kam nicht dazu diesen Gedanken weiter zu vertiefen, denn nun kullerten die Tränen doch wieder.
Er hätte es wissen müssen.
Das Entsetzen stand dem Jungen ins Gesicht geschrieben. Avery war sich aber nicht mehr so sicher, ob die Erinnerung an das eben Erlebte oder er selbst die Quelle war.
»Nicht doch, nicht doch.« Grinsend holte er ein Taschentuch hervor und hielt es seinem neuen Freund mit spitzen Fingern hin. »Hier, nimm.«
Die anerzogenen Reflexe funktionierten jedenfalls noch. Mit mechanischen Bewegungen griff der Junge nach dem Tuch und hielt sich daran fest – auch nachdem Avery längst losgelassen hatte.
»N…«
»Ach, mach dir keinen Kopf. Die zwei da«, wieder deutete er zu Mulciber und Tilly, »sind richtige Zauberer, weißt du? Die kriegen das schon wieder hin.«
Norbert starrte auch zu den beiden hinüber. Eben hoben und senkten sie in gleichmäßigen Wellenbewegungen ihre Stäbe. Ein fast durchsichtiger Schleier Rot schwebte langsam vom Boden vor ihnen empor und verdünnte sich beim Aufsteigen bis er sich gänzlich auflöste.
»Na ja … wenn sie alle Teile zusammenbekommen, natürlich.«
Der Kopf des Muggels ruckte wieder zu ihm zurück. »N… n…«
»Natürlich, ja!«, Avery nickte bekräftigend, »So läuft das. Die Einzelteile können wieder zusammengesetzt werden, verstehst du? Aber wenn irgendetwas fehlt … « Avery schlug bedauernd die Augen nieder und schüttelte den Kopf. »Tja, dann sitzt du ganz schön in der Klemme.«
»No… no… «
Avery wurde nun doch ärgerlich. »Du hast einen recht beschränkten Wortschatz. Hat dir das schon mal jemand gesagt, Norbert?«
Der Junge verstummte. Unter scheinbar unendlicher Kraftanstrengung ließ seine Rechte das zerdrückte Taschentuch los und streckte den Arm auch aus, um auf das Schauspiel nahe dem Bach zu zeigen. »No…« Seine Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern. »Noch…«
»Noch mal?« Avery drückte den Stummel des Zigarillos in den Dreck. »Meinst du, wir sind hier, um dich zu bespaßen, Norbi?«
Tadelnd hob er den Zeigefinger.
Der ausgestreckte Arm des Kindes zitterte immer stärker. Sein Flüstern wurde zu einem schnappenden Krächzen. »Noch … da.«
Avery blinzelte ein paarmal. Hastig zückte er seinen Zauberstab, sprang auf und richtete ihn auf den Zeugen. »Petrificus totalus.«
Mit langen Schritten hastete er zurück zu Mulciber und Tilly, die ihr widerliches Werk fast vollendet hatten.
»He!«, rief er ihnen entgegen. »Der kleine Trottel hat was davon gestammelt, dass da noch was ist.«
Tilly stemmte entrüstet die Hände in die Seiten. »Also wirklich, Turais. Das Kind ist doch völlig trauma-«
»Halt's Maul«, unterbrach Avery sie. »Schreib doch in deinen verkackten Bericht, dass ich mich nicht ans psychologische Protokoll gehalten habe, wenn du willst. Aber ich glaube dem Hosenscheißer.«
»Na, was soll denn da noch sein, hm?«, Mulciber blieb überraschend gelassen. »Hier ist in ein paar Minuten gar nichts mehr, das auf irgendetwas hinweisen könnte.« Er trat ungeniert auf den nur noch spärlich vorhandenen Resten der Toten herum.
»Gute Frage … «, murmelte Avery. Alle drei schauten hinüber zu dem Kind. Vollkommen erstarrt hockte es da, wo Avery es zurückgelassen hatte, den Arm in ihre Richtung ausgestreckt. Avery folgte der Linie in Verlängerung des Fingers.
Auf dem Weg bis hierher war nichts als stiller Grasboden. Dann standen da zwei Zauberer und eine Hexe im Kreis. Von keinem von ihnen ging irgendeine echte Gefahr für den Kleinen aus.
Ein Laut drang aus dem Wald, auf der anderen Seite des Bachlaufs, hinter ihnen. Ein tiefer Ton, der rasch an Höhe und Lautstärke gewann. Eine Mischung aus Klagen und Euphorie lag darin und erfüllte die mondhelle Nacht mit jener Urangst, die nur das Heulen eines Wolfes in Menschen, Muggeln wie Zauberern, auslösen konnte.
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