Echte Helden

KurzgeschichteAllgemein / P16
Dabi
16.08.2020
16.08.2020
1
3.560
5
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
16.08.2020 3.560
 
„Ich gehe.“

Niemand aus der Liga hielt Dabi davon ab, die Runde zu verlassen. Ein jeder wusste, dass er es vorzog, alleine, ohne Partner, zu arbeiten. Sie ließen ihn gehen, weil sie wussten, dass er zurückkommen würde, ganz wie man es bei einem Freigänger-Kater tat: Man ließ ihn in den Abend hinaus, vertraute auf seine Überlebensfähigkeiten und öffnete bereitwillig die Tür, wenn er zurückkehrte.

Während Toga, Compress, Twice und Shigaraki – Kurogiri war bereits vor Dabi irgendwohin aufgebrochen – sich nicht weiter mit Dabis Abgang beschäftigten, überlegte Spinner, mit Dabi mitzugehen.

Seit einigen Tagen trug Spinner große Zweifel mit sich. Sie betrafen die Schurkenliga, insbesondere Shigaraki und seine Art und Weise, die Dinge zu regeln. Spinner gewann immer mehr den Eindruck, dass es der Liga im Kern um die Zerstörung von allem und jedem ging, während er eine reformierte Gesellschaft anstrebte. Das, was auch Stain angestrebt hatte. Außerdem quälte es ihn noch immer, dass sie sich mit der Polizei angelegt hatten, um an Overhaul heranzukommen. Shigaraki hatte gesagt, dass der Angriff auf die Polizeikräfte ein nötiges Opfer sei, und Spinner gab vor, die Erklärung geschluckt zu haben. In Wahrheit spuckte er sie wieder aus. Stain hätte die ganze Sache nicht gebilligt. Und weil Stain es nicht gebilligt hätte, billigte auch er es nicht.

Die Tür fiel hinter Dabi ins Schloss.

Spinner wollte mit ihm reden, weit weg von den anderen. Er wusste nicht, ob Dabi das zulassen würde, doch bekanntlich machte Versuch klug. Er wollte in Erfahrung bringen, wie Dabi über die Aktion dachte, wie er zur Liga stand und ob er dieselben Zweifel mit sich trug. Immerhin war auch er ein Anhänger Stains. Himiko beteuerte zwar, es ebenfalls zu sein. Mit ihr wollte sich Spinner allerdings nicht unterhalten. Himiko war eben … Himiko. Daneben war ein Gespräch unter Männern viel schöner.

Entschlossen hievte sich Spinner von dem abgewetzten Sofa hoch.

„Huh? Was ist los, Spinner-kun?“, ertönte Himikos träumerisch-quirlige Stimme. Sie stand neben Twice auf der anderen Seite des Raumes, am häuslichen Kamin, in dem schon lange kein Feuer mehr gebrannt hatte.

„Ich werde mit ihm gehen“, verkündete Spinner und sah zu Shigaraki. Der Leader saß in einem gepolsterten Stuhl, umgeben von Compress, Twice und Toga. Dabi gab wenig bis kaum Informationen über sein unabhängiges Tun und Lassen preis und niemand aus der Liga fragte nach. Spinner hoffte, dass auch bei ihm niemand nachfragen würde. Für den Fall der Fälle hätte er eine Lüge parat.

Obwohl Spinner entschlossen war, wollte er sich die Erlaubnis holen. Er hinterfragte zwar das Vorgehen der Schurkenliga, war aber nicht darauf aus, seinen Platz dort zu verlieren. Er war noch ein fester Bestandteil der Liga und das bedeutete, dass er dem Anführer nicht krumm kommen durfte. Und so wartete er, bis Shigaraki seine Zustimmung gab.

Shigaraki sah Spinner an. Ein rotes Auge erschien zwischen den Fingern der fahlen Hand, die das Gesicht des Anführers dem Anschein nach zerdrückte. Weder zuckte noch zitterte die blutige Iris, doch obwohl Shigaraki ruhig war, befürchtete Spinner, dass der Anführer eine Verschwörung roch.

„Mach das.“

Spinner blinzelte verwundert und auch Compress, Himiko und Twice reagierten mit Erstaunen auf Shigarakis Unbekümmertheit. Shigaraki vertraute ihnen allen. Für ihn waren die Mitglieder der Schurkenliga Verbündete. Früher, als die Liga ganz frisch gegründet worden war, hätte er ein solches Verhalten nicht toleriert. Mittlerweile war Shigaraki toleranter und besonnener geworden. Eine Entwicklung, die Spinner zugutekam.

Spinner nickte. In wenigen langen Schritten erreichte er den Ausgang und trat in den lauen Abend hinaus, von dem sich die Sonne noch nicht verabschiedet hatte.

„Ist das wirklich okay? Was gäb’s dran auszusetzen? Jetzt sind's zwei, nein keiner!“, ließ Twice verlauten. Es war das Letzte, was Spinner hörte, ehe er die Tür hinter sich schloss. Er sah Dabis zerfetzten Mantelsaum noch um die Ecke verschwinden und sprintete den Fußweg entlang, um seinen Schurkenkollegen einzuholen.

„Dabi, warte!“ Als Spinner abbog, wäre er beinahe in Dabi hineingestoßen.

„Was gibt’s?“, fragte er träge.

„Ich komme mit.“

Dabis Augenbrauen wanderten in die Höhe. Er verzog selten eine Miene.

„Shigaraki hat es erlaubt“, beeilte sich Spinner zu sagen.  

Dabi schnaubte durch die Nase, als würde er sämtliche Unzufriedenheit über diesen Umstand ausatmen wollen, und zog kaum merklich die Schultern hoch. „Was auch immer. Stör mich nur nicht dabei, nach geeignetem Material zu suchen. Und nicht, dass das zur Gewohnheit wird. Das hier ist ‘ne Ausnahme.“

Das reicht mir absolut. Zufrieden heftete sich Spinner an Dabis Fersen und die beiden wagten sich tiefer in die heruntergekommene Stadt, in der sie sich fürs Erste verstecken würden.

Egal wo man auch hinsah, herrschte der Verfall. Viele Häuser waren verlassen. Türen und Fenster waren eingeschlagen oder aufgebrochen worden.

Unter Dabis und Spinners Sohlen knirschte und knackte es, als sie über die Glasscherben gingen, die auf dem Bürgersteig verstreut lagen wie Kies. An den Bordstein schmiegten sich ausgeschlachtete Wracks, in der Mitte der Fahrbahn tummelten sich ausgebrannte Leichen von Kraftfahrzeugen, die einmal zum Transport von Großfamilien gedient hatten.

Die Stadt beherbergte noch Einwohner. Obdachlose, Frauen wie Männer, zogen sich für die Nacht in die Gebäude zurück, wo sie sich in abgenutzte Schlafsäcke zwängten. Wenn Dabi und Spinner Obdachlosen auf der Straße begegneten, präsentierte man ihnen entweder glasige Blicke oder Desinteresse.

Es hieß, dass die Gesellschaft, in der sie jetzt lebten, eine glorreiche war. Dass es den Menschen an nichts fehlte, weil es Helden gab. Spinner wusste, dass an dieser Gesellschaft nur weniges glorreich war, und dieser Stadtteil, der vor sich hin rottete wie ein Kadaver, war das beste Beispiel. Man versuchte nicht einmal, sie anzugreifen oder auszurauben, so apathisch waren die Menschen. Gut, sie machten nicht unbedingt den Eindruck, Geld zu haben. In der Tat sahen sie selbst aus wie Penner. Sie waren Penner, obdachlos und ohne Mittel.

Es stank hier furchtbar, nach Urin, nach Kot und nach ungewaschenen Menschen. Spinner rümpfte unweigerlich die Nase und erinnerte sich daran, dass es bereits Tage her war, dass er eine ordentliche, warme Dusche genommen hatte. Er hasste diese Art zu leben. Aber eines Tages, eines Tages würde sich das ändern. Es würden wahrhaftig glorreiche Zeiten anbrechen, Zeiten ohne falsche Helden, Zeiten, in denen niemand auf der Straße leben brauchte, in denen er sich täglich den Schmutz und die Strapazen des Tages vom Körper waschen könnte. Doch bis dahin war noch ein langer Weg.

„Dabi, hast du eigentlich eine Ahnung, wohin wir gehen?“ Dabi würdigte weder die heruntergekommenen Gebäude noch die Obdachlosen eines Blickes. Er schritt voran und wechselte die Richtungen, ohne stehen zu bleiben und sich zu orientieren, als kannte er die Stadt längst wie seine eigene Westentasche und als hätte er einen Zielort auserkoren.

„Jammer nicht“, gab Dabi zurück. „Du bist schließlich freiwillig mitgekommen.“

„Ich jammer doch gar nicht! Aber ich hab das Gefühl, wir irren ziellos umher.“

Dabi erwiderte nichts. Minuten vergingen. Gebäude und Obdachlose zogen an ihnen vorbei. Spinner wälzte die Worte lange im Mund, bevor er sich entschied, sie endlich auszusprechen. Sie hatten zwischen sich und den anderen genug Abstand gebracht. „Sag mal, Dabi … Können wir kurz reden?“

Dabi blieb stehen und drehte sich zu Spinner um. „Was gibt’s, Echse?“

Spinner verzog das Gesicht zu einer unzufriedenen Grimasse. „Nenn mich nicht Echse.“

„Ist ja gut, du Sensibelchen“, sagte Dabi schleppend. „Worüber willst du reden?“

Dabi war der Einzige, der damit durchkam, ihn so zu nennen. Während andere Menschen die Bezeichnung nutzten, um ihn abzuwerten und ihm so deutlich so machen, dass er sich von ihnen unterschied, verteilte Dabi links und rechts Spitznamen, die über physische Attribute oder Verhaltensmuster Auskunft gaben. Wenn er merkte, dass jemand besonders sensibel reagierte, nutzte Dabi jede Gelegenheit, um zu sticheln und zu triezen, und labte sich an den Reaktionen des anderen. Doch auch wenn Spinner das alles bewusst war, war es trotzdem nicht angenehm, Echse genannt zu werden.

„Hmpf“, machte Spinner und erinnerte sich daran, warum er mit Dabi überhaupt mitgekommen war. Er musste vorsichtig sein in dem, was und wie er es sagte. Dabi war Anhänger von Stains Ideologie – zumindest behauptete er das –, doch war er Shigaraki gegenüber immer loyal gewesen und hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Nach all der Zeit konnte Spinner Dabi noch immer nicht einschätzen. Das war aufgrund seiner Loyalität nicht nötig gewesen. Jetzt, da Spinner zweifelte, war genau Dabis Loyalität ein Problem.

„Findest du, dass es richtig war? Ich meine unseren Einsatz vor ein paar Tagen.“

„Bei deinen Fahrkünsten eher weniger. Mir war noch Stunden danach speiübel.“

„Hey, dafür, dass ich mir das Autofahren über Videospiele beigebracht habe, war’s verdammt gut!“, rechtfertigte sich Spinner sofort. „Aber das mein‘ ich gar nicht. Ich meine …“ Spinner presste die Lippen in den Mund. Ein Kribbeln befiel seinen Körper, das ebenso aufregend wie unangenehm war, wie ein winziger Adrenalinschub. „Ich meine: Denkst du, Stain hätte das gut gefunden?“

„Wieso sollte er das nicht gut finden?“ Dabis Brauen hoben sich in die Höhe. Er schien aufrichtig verwundert zu sein. „Wieso sollte er das nicht gut finden?“, wiederholte Dabi seine Frage, dieses Mal fordernd. Es stieß ihm sauer auf, dass Stain die Methoden der Liga nicht gut heißen könnte. Also sah sich Dabi noch immer als ein Anhänger Stains. Warum sonst sollte ihn Spinners Frage aufwühlen?

„Wir haben Polizisten angegriffen. Typen, mit denen Stain nicht zwingend aneinandergeraten wollte. Stain hat sich immer nur auf die Pro-Helden konzentriert. Auf die, die es in seinen Augen nicht wert waren.“ Spinner bemühte sich darum, ruhig zu sprechen, auch wenn er seine Gefühle am liebsten heruntergerattert hätte. „Ich meine: Worin besteht der Sinn, sich mit der Polizei anzulegen?“

Dabi schwieg. Er schwieg sehr lange. „Und wenn schon“, gab er schließlich von sich und setzte seine Füße in Bewegung. „Sie sind doch alle nichts wert.

„Alle nichts wert?“ Spinner folgte Dabi zögerlich. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet.

„Sie unterstützen alle das gleiche System“, erklärte Dabi kurz angebunden.

Nun, das war nicht falsch. Es waren nicht nur einzelne Helden, die wegen ihrer Falschheit verschwinden mussten, sondern auch das System, in dem sowohl Helden als auch Polizisten Zahnräder waren. Doch obwohl das System beschissen war, hatte es auch echte Helden hervorgebracht. Helden, die es verdienten, dass man sie Helden nannte. Ein Beispiel für diesen Schlag von Helden war All Might. Nein, nicht ein Beispiel; All Might war das Beispiel für einen echten Helden. Er war stark, selbstlos und stellte Menschenleben über alles.

Spinner wurde aus seinen Grübeleien herausgerissen, als Dabi nach einer leeren Dose trat. Sie beschrieb einen hohen Bogen in der Luft, blinkte kurz in den Strahlen der untergehenden Sonne auf und landete einige Meter weiter klirrend auf dem gepflasterten Grund. Mittig der zurückgelegten Flugbahn befand sich der Eingang zu einer Gasse, den Dabi ansteuerte.

Die schmale Straße wurde von fünfzehn Männern dominiert, die an mit Graffiti beschmierten  Häuserwänden standen, lehnten oder hockten. Dabis Schatten senkte sich auf die zwielichtigen Gestalten, die ihre Aufmerksamkeit geballt auf die Neuankömmlinge richteten.

„Oho. Wen haben wir denn da?“

Spinner sah den vierschrötigen, glatzköpfigen Mann an, der gesprochen hatte. Er lehnte an einem geschlossenen Müllcontainer und strahlte durch seinen Wuchs sowie seine grobe Gestalt die Aura eines Straßenbandenanführers aus.

„Ein schmächtiges Kerlchen und eine … Eidechse? Ihr Mutanten macht mich krank, Mann.“ Gemurmel und raues, gehässiges Lachen erhob sich.

Eine ungeheuerliche Wut erwuchs in Spinners Brust und er knirschte mit den Zähnen. „Wie hast du mich gerade genannt?!“, knurrte er und zog sein Katana, bereit, sich auf den Mann zu stürzen. „Nenn mich nicht Eidechse!“

„Unbrauchbarer Haufen“, ertönte Dabis gelangweilte Stimme. Eine Spirale aus blauem Feuer schoss aus seiner Handfläche wie eine Munition aus einem schweren Geschütz. In Lichtgeschwindigkeit fraß sich die zischende Schneckenlinie durch die Männer, die zu spät begriffen, wie ihnen geschah. Noch ehe sie ein Schmerzensschrei gen Himmel schicken konnten, erfasste sie das heiße Feuer und die Gasse füllte sich mit einer schweren Süße und dem ätzenden Gestank, den Rauch an sich hatte.

Die Backsteinmauern der Gebäude, die die Gasse bildeten, färbten sich bis in die zweite Etage pechschwarz. Hätten die Gebäude über intakte Fenster verfügt, wären sie splitternd zerplatzt. So nagte das Feuer lediglich an den Fenstersimsen, von denen die Farbe längst zum großen Teil abgesplittert war.

Das Feuer legte sich. Dabi ließ die Hand sinken und bedachte die leblosen, teils rauchenden, teils flammenden Körper mit spöttischer Verachtung. „Tss“, machte er, das tödliche Zischen imitierend, das soeben durch die Gasse gerauscht war.

Spinner schluckte. Die Luft flirrte über den verkohlten, knisternden Leichen. Ihm war heiß. Ihm war heiß, weil er zu nah an Dabi gestanden hatte und die plötzliche Hitzewelle gegen ihn geprallt war. Und ihm war heiß, weil Dabi ohne mit der Wimper zu zucken fünfzehn Menschen umgebracht hatte. Das Herz pochte in seiner Brust ob der Demonstration von Dabis Spezialität. Nun wusste Spinner den Grund, weshalb es die Schurkenliga mit dem Expandieren so schwer hatte: Dabi tötete alle, die in seinen Augen unbrauchbar waren.

Stain hasste unnötiges Blutvergießen, ging es Spinner durch den Kopf, als er zu Dabi schielte. Stain hatte die Gesellschaft von falschen Helden reinigen wollen. Nicht von irgendwelchen Gestalten, die sich in Gassen tummelten. Wiederum, das musste Spinner zugeben, war es ein gutes Gefühl zu wissen, dass sich irgendwo zwischen den verbrannten Leibern der Kerl befand, der ihn Eidechse und Mutant genannt hatte. Dennoch: Stain hätte ein solches Verhalten nicht gut geheißen.

Dabi machte auf dem Absatz kehrt, ohne ein Wort an Spinner zu richten.

Spinner trat den Rückwärtsgang ein, besah sich ein letztes Mal die Szenerie vor ihm, bevor auch er die Gasse hinter sich ließ.

Auf der anderen Straßenseite hatte sich ein alter Mann mit geschwollener roter Nase und lichtem Haar von seiner lädierten, mit gelblichen Flecken überzogenen Matratze erhoben. Spinner vermutete, dass er alles mitbekommen hatte. Doch es schien dem Mann völlig egal zu sein, was sich da vor ihm abgespielt hatte. Als wäre er nur kurz mitten in der Nacht aufgewacht, drehte sich der Mann auf die Seite, legte sich hin und stülpte einhändig die Decke über seinen Körper.

Die Sonne verschwand. Reichlich verspätet sprangen die ersten Straßenlampen an.

Spinner konnte nicht die Leichen und das Knistern aus seinem Kopf verdrängen. „Dabi.“ Er blieb stehen. Unmittelbar über seinem Kopf flackerte im ramponierten Gehäuse die LED-Leuchte. „Wir hätten vielleicht mehr Mitglieder, wenn du nicht alle abmurksen würdest.“

„Heh, wär’s dir lieber, wenn der Liga jeder Nichtsnutz beitreten würde?“

„Nein, natürlich nicht! Aber wenn du die Leute direkt abfackelst, wirst du nicht in Erfahrung bringen, ob sie vielleicht zu Stain stehen. Und somit etwas an der Gesellschaft verändern wollen. Je mehr wir sind, desto mehr können wir bewirken.“

„Bist du mitgekommen, um meine Methoden in Frage zu stellen? Ich garantiere dir, dass keine der Pfeifen es auch nur wert gewesen wäre, gefragt zu werden. Aber wenn du überzeugt bist, dass einer von innen hätte nützlich sein können, dann geh doch und red mit ihm.“ Dabi lächelte irre. Die Klammern, die seine untere und obere Gesichtshälfte zusammenhielten, klickten dabei leise.

Dabis Zynismus war nicht von dieser Welt. Die LED-Leuchte überwand ihr Flackern und ihr fahles Licht ergoss sich auf die Straße. Spinner kräuselte die Lippen. Was Dabi getan hatte, war falsch. „Dabi.“ Seine Stimme war tief, sein Blick ernst. Vielleicht würde Dabi versuchen, ihn fertigzumachen, nachdem er ihn angehört hatte. Er musste auf alles vorbereitet sein. „Folgst du noch Stains Ideologie? Oder hast du mittlerweile einen anderen Antrieb?“

„Was soll das auf einmal?“, wollte Dabi lauernd wissen.

„Ich weiß einfach nicht, ob Stain das alles gut finden würde. Er hat –“

„Die Dinge haben sich geändert, seit All Might nicht mehr die Nummer eins und das Symbol des Friedens ist. Es gibt keine echten Helden.“

„All Might war ein echter Held“, hielt Spinner dagegen. Dass es keine echten Helden gab, war eine extreme Ansicht, die Spinner nicht gefiel. Es war nicht nur extrem, sondern auch falsch.

Dabi zuckte die Achseln. „Richtig, er war ein echter Held. Das Symbol des Friedens. Der selbstlose Nummer-eins-Pro-Hero. Und jetzt?“, fragte er herausfordernd. „Wo ist er jetzt? Er hat nicht einmal einen würdigen Nachfolger. Der Held, die jetzige Nummer eins, ist meilenweit davon entfernt, der nächste All Might zu sein.“

„Falls du es vergessen haben solltest: Stain hat Midoriya Izuku verschont, weil er in ihm Potenzial gesehen hat. Midoriya könnte gut und gerne in die Fußstapfen von All Might treten. Ein echter Held werden.“  

Dabi schwieg wieder. Schwieg er, weil er erst darüber nachdenken musste, was er auf die Aussage entgegnete? Oder schwieg er, weil er dieses Gespräch lästig fand?

„Weißt du“, sagte Dabi endlich, die Stimme in eine eigenartige Ruhe getränkt, und sah in den Himmel, an dem die ersten Sterne blinkten, „wenn ich es mir richtig überlege, war auch All Might kein echter Held.“

„Was?“ Spinner runzelt die Stirn. Wenn ich es mir richtig überlege, war auch All Might kein echter Held. Er hatte sich nicht verhört. Spinner kniff die Augen zusammen und suchte in Dabis grotesker Miene nach einem Hinweis auf einen Scherz. Er fand nur Ernsthaftigkeit, kalte, ruhige Ernsthaftigkeit. All Might sollte kein echter Held sein? „Stain –“ Urplötzlich packte ihn Dabi an der Schulter und riss seine andere Hand hoch, die unmittelbar in sengenden, blauen Flammen aufging.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Spinner, dass Dabi ihn hier und jetzt einäschern würde. Dass er das Ziel der Attacke werden sollte, weil er Dabi auf die Palme gebracht hatte. Gegen Dabis Feuer hätte er keine Chance, aber ohne Kampf untergehen kam nicht Frage. Spinner griff nach seinem Katana. Anstatt auf ihn loszugehen, stieß ihn Dabi zu seiner Verblüffung grob zur Seite und schoss einen Feuerball gigantischen Ausmaßes in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Spinner stolperte über seine eigenen Füße und fiel auf seine Knie und Unterarme; die Schoner und Bandagen dämpften die Kollision und verhinderten Schürfwunden. Verwirrt schaute er zu Dabi. Von dessen linkem Arm stieg Rauch auf und Spinner verfolgte die unsichtbare Spur, die Dabis feurige Attacke in der Nacht hinterlassen hatte. Er stieß auf eine menschliche Gestalt, die völlig verkohlt war. Sie schien aus dem Boden gewachsen zu sein und nahm eine Angriffsstellung ein. Winzige blaue Flämmchen tänzelten noch hier und da herum.

Ein Mann, stellte Spinner fest. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Es war der Glatzkopf aus der Gasse, der Dabis Angriff beim ersten Mal überlebt hatte und ihnen gefolgt war. Er hatte den richtigen Moment abpassen wollen, um sich auf Spinner und Dabi zu stürzen. Dabi hatte das Nahen des Feindes gespürt. Ganz im Gegensatz zu ihm … Hätte Dabi Spinner nicht weggestoßen, hätte es ihn vielleicht erwischt. Es hätte ihn auch erwischt, wenn Dabi ihn nicht weggestoßen hätte.

Der entstellte Körper plumpste vornüber auf die Erde. Ein hässliches Knacken entstand, das Spinner erschaudern ließ. „Danke“, murmelte er, als sein Blick sich mit dem von Dabi kreuzte. Seine Lust, Dabi die Meinung zu geigen, war wegen des Zwischenfalls versiegt. Spinner hatte kein Verlangen, das Thema von vorhin aufzufangen. Der versuchte Angriff seitens des Glatzkopfes hatte es ruiniert.

Gewohnt lässig vergrub Dabi die Hände in die Hosentaschen und ging wortlos voran, als wäre nichts vorgefallen. Wenn Dabi das Gespräch jetzt nicht aufgriff, würde er es auch später nicht tun. Dabi war nicht der Typ Mensch, der solche Konflikte verschob. Über die letzte Stunde und über Spinners Zweifel würde sich der Mantel des Schweigens legen. Bis etwas geschehen würde, das Spinner dazu brachte, Shigaraki vor allen anderen zu konfrontieren.

Vielleicht ist es ganz gut, überlegte Spinner und rappelte sich auf, dass ich heute nicht alles losgeworden bin, was ich sagen wollte. Spinner hatte sich bisher nicht vorstellen können, dass Dabi, so unberechenbar er auch war, jemanden aus der Liga töten könnte. Jetzt fragte er sich, wie weit er davon entfernt gewesen war, Dabi gegen sich aufzubringen. Vielleicht ist es ganz gut.

Anfangs mochte Dabi ein Anhänger Stains gewesen sein, wie er selbst. Doch mittlerweile hatte er sich von dem Pfad, den Stain für sie geebnet hatte, entfernt und hörte das ganz und gar nicht gerne. Realisierte es vielleicht nicht einmal, weil er blind vor Hass auf das System war.

Shigarakis Aktionen und das kurze Gespräch mit Dabi zeigten: Es wäre das Beste, wenn Spinner den Weg zur idealen Gesellschaft, wie er – wie Stain! – sie anstrebte, ohne Schurkenliga ginge. Am besten allein. So, wie Stain es in die eigene Hand genommen hatte, falsche Helden auszuradieren. Der Schurkenliga hatte sich Spinner nämlich angeschlossen, weil es schwierig gewesen wäre, alleine zu agieren.

Auch jetzt könnte er nicht alleine agieren. Er wollte wie Stain sein, er hatte sich sogar eingekleidet wie sein Vorbild, aber er war nicht Stain. Er war Spinner. Nein, es war nur realistisch, dass er mit anderen kooperierte. Aber er würde sich Leute suchen, die auch tatsächlich Stain nacheiferten und seinen Willen nicht für eigene Zwecke missbrauchten.

Spinner ließ seine bisherige Aktivität bei der Schurkenliga von Anfang bis zur Gegenwart Revue passieren, sammelte Momente, Taten und Äußerungen, die gegen das verstießen, wofür sich Stain eingesetzt hatte. Über all den Ereignissen, selbst über dem Angriff auf Overhaul, schwebten nun Dabis Worte über Helden. Worte, die Spinner zuwider waren, die ihm Bauchschmerzen bereiteten und ihn mit Fassungslosigkeit füllten. Konnte man sich einen Anhänger Stains nennen, wenn man nicht an echte Helden glaubte? Stain hatte schließlich daran geglaubt, dass es echte und falsche Helden gab. Alles, was er getan hatte, beruhte auf diesem Denken.

Du hast Unrecht, Dabi, dachte Spinner bei sich, die Augen auf Dabis schmales Kreuz richtend. All Might war ein echter Held gewesen. Und Midoriya war ein würdiger Nachfolger.
Review schreiben