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Paul

von oakley
GeschichteDrama, Freundschaft / P18
OC (Own Character) Paul Richter Stephan Sindera
16.08.2020
12.09.2020
5
14.141
1
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1 Review
 
05.09.2020 3.230
 
Hallöchen,
es ist Zeit für das nächste Kapitel.
Ich hoffe, es gefällt euch.
Liebe Grüße,
Oakley


°Paul°


4. Kapitel: Liebesleid



"Mensch Nia, das war verdammt knapp", platzte es aus Liam heraus, als sie endlich wieder alleine im Auto saßen.
"Das war nicht knapp, das war Bestimmung." Der Blick der jungen Frau richtete sich sehnsüchtig in die Ferne, dem bereits weitentfernten Polizeiwagen hinterher. "Paul", hauchte sie sanft. Die Finger ihrer unverletzten Hand streichelten zärtlich den Verband, der Paul ihr angelegt hatte. "Hast du gesehen, wie liebevoll er sich um mich gekümmert hat, wie besorgt er war? So schade, dass er zu einem Einsatz gerufen wurde." Nias Augen glänzten vor Aufregung. "Er ist einfach wundervoll." Versonnen schmiegte sie sich in den Beifahrersitz. Sie seufzte leise auf.
"Nia." Liam schüttelte den Kopf. "Er ist Polizist. Er muss sich um die Leute kümmern, schon aus Berufswegen."
"Nein", stieß Nia aufgebracht aus und blickte ihren Bruder böse aus. Ein schwarzer Schatten legte sich über ihre leuchtend grünen Augen. "Er ist es, er ist mein Paul, er ist mein Ritter, ganz bestimmt."
Liam schnaufte. "Eins nach dem anderen Nia. Vielleicht sollten wir diesen Paul", er wies mit seinem Daumen in Richtung Kofferraum, "erst mal loswerden, bevor du dich auf den Nächsten stürzt."
"Ja, ja", murmelte sie halbherzig und winkte fahrig ab, "was immer du sagst."
Liam startete den Wagen. "Wie sieht es aus? Müssen wir zuerst ins Krankenhaus? Was hast du überhaupt gemacht, damit die Wunde so böse aussah? Das war doch kaum mehr als ein Kratzer." Der junge Mann schielte auf den Verband.
"Ich habe dich gerettet Bruderherz", bemerkte sie lapidar, "ein bisschen an den Wundrändern reißen und ziehen und schon verwandelt sich ein kleiner Kratzer in ein blutiges Fiasko." Nia lachte auf. "Und jetzt los zum Hafen. Ich habe noch was anderes zu tun, als mich um den Müll zu kümmern."
Liam zuckte innerlich zusammen. Er konnte sich nicht erklären, wie Nia in einer Sekunde so liebevoll und einfühlsam sein konnte und mit dem nächsten Wimpernschlag zu einem Monster mutierte. Doch wem machte er etwas vor, natürlich konnte er es erklären, er lebte schon seit Jahren mit diesen zwei Persönlichkeiten, die in Nias Körper um die Vorherrschaft kämpften. Er seufzte leise auf. Er spürte, dass sich die Schlinge enger um ihre Kehlen zog, und früher oder später würde der böse Part in Nia gewinnen und dann ... - er schluckte schwer. 'Gnade uns Gott', flehte er tonlos.

Der Audi Q8 rollte langsam von der Tankstelle. Heinz trat an die Fensterscheibe und blickte dem Wagen nach, bis die Rücklichter im Dunklen nicht mehr zu sehen waren. Er konnte es nicht erklären, aber ein Gefühl sagte ihm, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte. Er schauderte. Die Frau umgab etwas Düsteres und Kaltes und er hoffte inständig, das er sie nie mehr wiedersehen würde.

°°°


"Paul, kommst du mal?" Der Polizeioberkommissar trat aus einem der Büros.
"Was ist den Klaus? Ich ..." Sein Blick fiel auf einen riesigen Strauß roter Rosen, der auf dem Tresen lag. "Wow", bemerkte er anerkennend, "der hat sicher ein Vermögen gekostet. Was hast du angestellt?" Ein breites Grinsen zog an seinen Lippen. "Hast du mal wieder den Hochzeitstag vergessen oder ..."
"Wieso ich? Und überhaupt, ich habe noch nie den Hochzeitstag vergessen", setzte sich der Dienstältere mit gespielter Entrüstung zur Wehr. "Der Strauß ist für dich. Hast wohl eine heimliche Verehrerin." Jetzt war es an Klaus breit zu grinsen, während Paul fassungslos auf das Blumenarrangement starrte.
"Echt jetzt?" Der junge Polizist konnte es einfach nicht fassen. "Gibt es eine Karte? Von wem ist er denn überhaupt?"
"Du musst doch wissen, wer dir so einen Strauß schicken könnte, der kostet doch mindestens zweihundert Euro. Die Dame oder Herr", Klaus Wiebel zog amüsiert die Augenbraue nach oben, "muss ja ganz schön liquide sein." Er streckte Paul die Blumen entgegen. "Hier und jetzt weg damit aus dem Empfangsbereich, das ist eine Polizeiwache und kein Blumengeschäft." Das Lachen in seiner Stimme war deutlich zu hören.
"Danke", maulte Paul und verschwand mit seinen Blumen wieder im Büro.
"Was war denn?" Stephan Sindera schaute von seiner Arbeit auf und sah zunächst nur einen riesigen Blumenstrauß mit Beinen. Er zog überrascht die Augenbraue hoch. "Hab ich was verpasst? Hast du Geburtstag oder ..." Ein süffisantes Grinsen malte sich auf seine Lippen. "Hast du mal wieder was am Start?" Er musterte den Strauß genauer. "Da hast du dich aber ganz schön ins Zeug gelegt, der hat doch mindestens einhundert Flocken gekostete."
"Zwei", kam die knappe Erwiderung aus den Blumen hindurch.
"Wat? Zwei Mädels?" Ein Hauch von Bewunderung lag in Stephans Stimme.
"Red doch keinen Quatsch", erwiderte Paul genervt, "Klaus schätzt mindestens zweihundert Euro und nein, ich habe nichts Neues am Start, weder eine, geschweige denn zwei", eine leichte Röte kroch auf Pauls Wangen, "die Blumen sind für mich."
"Echt jetzt?" Stephan sprang von seinem Stuhl auf und trat an Paul heran. Theatralisch roch er an den Blüten. "Nicht schlecht." Er stieß einen leisen Pfiff aus. "Und von wem sind die? Ich meine, da musst du ja einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben."
"Keine Ahnung". Paul knallte den Blumenstrauß achtlos auf die Schreibtischplatte. Einige der Blütenblätter lösten sich von den Blüten und segelten, roten Tränen gleich, zu Boden.
"Sei doch vorsichtig, die Blumen können doch wirklich nichts dafür." Stephan schüttelte verständnislos den Kopf. "Was bist du überhaupt so stinkig? Manch einer würde sich freuen. Aber du?"
"Na toll, dann nimm du sie doch." Der junge Polizist schob den Strauß zu seinem Kollegen herüber. "Schenk sie Miriam."
"Echt jetzt?" Skeptisch runzelte Stephan die Stirn. "Die sind doch für dich."
"Rote Rosen und ich weiß nicht mal von wem", Paul schürzte die Lippen, "kein Bedarf. Miriam freut sich sicher mehr als ich."
"Na, wenn du meinst." Stephan zögert unschlüssig, zog den Strauß dann schließlich doch auf seinen Schreibtisch. Er lächelte zufrieden. "Ich werde mal sehen, ob ich eine passende Vase finde." Der Polizeioberkommissar wandte sich zur Tür. "Im Zweifelsfall muss es wohl ein Eimer tun", überlegte er beim Rausgehen.
"Mach mal." Paul ließ sich auf seinem Schreibtischstuhl fallen. Fahrig rieb er sich mit seiner rechten Hand über die Stirn. Das war nicht das erste Mal, dass er in den letzten Tagen rote Rosen bekommen hatte. Zweimal hatte eine einzelne Rose unter dem Scheibenwischer seines Autos gesteckt und gestern lag ein kleines Bouquet vor der Eingangstür des Mehrfamilienhauses, in dem er wohnte. Alles Ereignisse, die er als Scherz oder Missverständnis abgetan hatte, aber dieser Strauß jetzt war explizit für ihn abgegeben worden. Müde rieb er mit den Handballen über seine Augen. "Scheiße", murmelte er leise. Seit Tagen quälte ihn dieses unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Doch bisher hatte er keine konkrete Bedrohung oder Beobachter ausmachen können. Die Zwischenfälle mit den Blumen hatten seine Nerven nicht gerade beruhigt, auch wenn er sich eingeredet hatte, die Rosen seinen nicht für ihn, hatte er doch genau gespürt, dass er der rechtmäßige Empfänger war. "Gott", fluchte er leise, "ein Stalker hat mir gerade noch gefehlt."
Just in diesem Moment schwang die Bürotür auf und Stephan stand im Raum, einen blauen Putzeimer, wie eine Trophäe, im Arm. "Was? Ein Stalker?" Der Polizist stellte den Eimer ab und stellte die Rosen in das Wasser. Aus den Augenwinkeln beobachtete er seinen Freund, der nervös mit seinen Fingern auf der Schreibtischplatte trommelte. Erst jetzt fielen ihm die dunklen Schatten unter Pauls Augen auf. Seine Unachtsamkeit verfluchend trat er an den Schreibtisch und setzte sich auf die Tischkante. "Hast du mir nichts zu erzählen?" Er blickte seinen Freund durchdringend an.
Paul atmete hörbar aus. "Nicht wirklich." Er blickte zu seinem Kollegen auf und zuckte die Schultern. "Wahrscheinlich ist es gar nichts und ich bilde mir nur was ein und ..."
"Red keinen Unsinn", fiel Stephan ihm ins Wort, "du bist zu lange bei der Truppe, als das dir deine Einbildung den Schlaf raubt."
"Wie kommst du denn darauf?", brauste Paul ungewohnt harsch auf.
"Hast du kürzlich mal in den Spiegel gesehen?" Stephan legte eine Hand auf Pauls Schulter. "Du siehst ziemlich fertig aus. Was ist los?"
"Eigentlich nichts", Paul seufzte leise, "nur so ein Gefühl und die ganzen Blumen und ..."
"Die ganzen Blumen?" Stephan wurde hellhörig. "Was meinst du? Diesen Strauß?"
"Nicht nur", gab Paul zu, "vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal eine rote Rose an meinem Auto gefunden, am nächsten Tag wieder und gestern lag ein Rosenstrauß vor der Haustür und ..."
"Und heute bekommst du Blumen an deinen Arbeitsplatz geliefert", beendete Stephan die Ausführung in bester Sherlock Holmes Manier. "Und du hast wirklich keine Ahnung, von wem die Blumen sein könnten? Keine neue Nachbarin oder so?"
"Nein", Paul zuckte die Schultern, "wahrscheinlich ist es gar nichts und ich bin einfach paranoid."
Stephan zwang ein Lächeln auf seine Lippen, so ganz konnte und wollte er seinem Freund nicht zustimmen, beschloss aber, die Sache fürs Erste ruhen zu lassen. "Kann schon sein, aber sei achtsam, okay?" Er klopfte seinem Freund auf die Schultern. "Und wenn irgendwas ist, melde dich sofort."
"Na klar doch", stimmte Paul übertrieben lässig zu, doch seine dunklen Augen straften seine Zuversicht Lüge. Er räusperte sich kurz. "Komm, lass uns die Berichte fertigmachen und dann nichts, wie raus hier."
"Nichts dagegen." Stephan wechselte an seinen Schreibtisch und kurze Zeit später waren beide Polizisten wieder in ihre Schreibarbeit vertieft.

"Geschafft", verkündete Stephan eine Stunde später triumphal. Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr zauberte ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. "Und sogar pünktlich."
Paul fuhr seinen Computer herunter. "Dieto", stieß er erleichtert aus. "Ich hasse diesen Schreibkram." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. "Und, was haben Miriam und du heute Schönes vor?"
Der groß gewachsene Polizist neigte seinen Kopf. "Nichts besonderes, mal abwarten, was passiert, wenn Miriam die Rosen sieht." Er lächelte süffisant.
"Wahrscheinlich denkt sie, du hast Scheiße gebaut und knallt dir eine", holte Paul seinen Freund in die Realität zurück.
"Oder sie ist überwältigt von dem Beweis meiner endlosen Liebe und ..."
"Träum weiter", stoppte Paul die romantischen Ausführungen und lachte auf.
"Wir werden ja sehen", hielt Stephan an seiner Version fest. "Und du? Was steht bei dir an?"
Unliebsam verzog Paul sein Gesicht und hievte sich aus seinem Stuhl. "Ich für meinen Teil muss heute endlich mal meine Bude putzen und dann früh schlafen." Er rümpfte die Nase. "Nicht gerade aufregend."
"Das haben wir bestimmt nicht vor." Stephan schnappte sich den Blumenstrauß. "Nochmals danke hierfür."
"Danke mir nicht zu früh, wenn Miriam dir doch eine knallt, bin ich nicht schuld." Abwehrend hob er seine Hände.
"Mach dir mal keine Sorgen, Kleiner."
Lachend verließen die Kollegen die Wache.

°°°


Am gegenüberliegenden Straßenrand parkte ein silberfarbener Jaguar F-Type, die neuste Errungenschaft im Fuhrpark von Liam Brady.
Nia konnte die Vorliebe ihres Bruders für schöne, schnelle Autos zwar nicht teilen, doch hatte sie nichts dagegen, in einer Luxuskarosse herumzufahren.
Ihr Blick war auf den Eingang der Polizeiwache in Köln Mühlheim gerichtet. Jeden Augenblick musste Paul, ihr Paul, die Wache verlassen. Die Angaben ihres privaten Ermittlers waren sehr detailliert und präzise. Schon seit Jahren arbeitet Lucas Volkmann für sie, um genau zu sein arbeitete er für Liam und war darüber hinaus der beste und älteste Freund ihres Bruders.
Lucas hatte jede Sekunde von Nias Suche nach ihrem Traummann miterlebt und war im Laufe der Zeit ein wichtiger Part von ihr geworden. Er versorgte Nia mit allen Informationen über ihren aktuellen Traummann, lieferte Hintergrundinformationen und stand ihr bei allen Fragen mit Rat und Tat zur Seite. Er war ein Verbündeter geworden, eine Art Komplize. Nia wusste, dass Lucas eine kleine Schwäche für sie hegte und nutzte diesen Umstand schamlos aus. Lucas war unumstritten ein attraktiver Mann mit seinen dunklen Locken, seinen eisblauen Augen und durchtrainiertem Körper. Jede andere Frau hätte sich geschmeichelt gefühlt und hätte seine Avancen mit Freuden akzeptiert, doch nicht sie, sie suchte ihren Paul und nichts und niemand konnte sie von ihrem Ziel ablenken.

In diesem Moment trat Paul in Begleitung eines Kollegen aus der Wache.
Nia erinnerte sich an den Mann, er war auch bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Paul dabei. Doch er mutierte zur Randfigur, als Nia ihren Paul erkannte. Sie schnaufte verächtlich. Ihre grüne Augen verfinsterten sich, während sich die Szene in ihr Gedächtnis fraß. Die junge Frau umklammerte das lederbezogene Lenkrad. Ihre Fingernägel gruben sich in den schwarzen Bezug und hinterließen tiefe Rillen.
"Nein, nein, nein" stieß sie keuchend aus, "wieso hat der andere deine Blumen." Tränen der Wut sammelten sich in ihren Augen. Warum hatte Paul seine Blumen verschenkt, ihre Blumen.
Ihr Kopf fiel haltlos gegen die Kopfstütze. "So undankbar", fluchte sie laut, "ich werde dich lehren, ich werde dich lehren, meine Geschenke zu achten." Ihre Hände lösten sich vom Lenkrad und verkrampften sich zu Fäusten. Wie von Sinnen schlug sie mit den geballten Händen gegen ihren Kopf. Ein dumpfer Schmerz erwachte zum Leben und überschwemmte schließlich ihren gesamten Körper. "Warum tust du mir das an?", schluchzte sie auf. "Wie kannst du nur so grausam sein?"
Dunkle Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen, bewegten sich im Einklang mit den Schlägen, die, wie eine Trommel den Takt zu dem grausamen Tanz, vorgaben.
Der Schmerz raubte ihr mehr und mehr die Kraft. Kraftlos und zittern sanken ihre Arme in ihren Schoss.
Das Zittern erfasste schließlich ihren gesamten Körper. Nia kniff ihre Augen zu in dem verzweifelten Versuch, den Verrat ihres Geliebten auszublenden. Tränen sickerten unter ihren Augenlidern hervor. "Paul", wisperte sie leise, "Paul." Ihr Kopf fiel haltlos auf ihre Brust.
So saß sie für unendliche Minuten, gefangen in der Erinnerung des Verrates.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, war Paul und sein Kollege verschwunden.
Rabiat rieb sie sich die Tränen von ihren Wangen und mit ihnen die stillen Zeugen ihres Zusammenbruchs.
"Du wirst mich lieben", stieß sie mit bebender Stimme aus. Ein neuer Plan nahm in ihrem Kopf Gestalt an und das Geschehene nur noch ein Schatten der Vergangenheit.

°°°



"Liam, Liam!"
Die Haustür fiel krachend hinter Nia ins Schloss. Sie stürmte durch den Flur ins Wohnzimmer, auf der Suche nach ihrem Bruder.
Hektische rote Flecken lagen auf ihren Wagen und gaben ihr das Antlitz eines kleinen Mädchens, das voller Vorfreude auf den Weihnachtsmann wartete.
Doch Liam ließ sich von dem Erscheinungsbild nicht täuschen, er kannte den aufgebrachten Unterton in der Stimme seiner Schwester nur zu gut und wusste, dass sie alles andere als ein kleines Mädchen war.
"Was ist denn geschehen?", fragte er besorgt, als er die Treppen ins Erdgeschoss herunter kam und die aufgelöste Gestalt seiner Schwester bemerkte.
"Er hat meine Blumen verschenkt, einfach so." Nia lief, wie eine eingesperrte Tigerin, in ihrem Käfig auf und ab, ihre Hände wirbelten aufgeregt durch die Luft. "Er ist so undankbar", stieß sie aus. "Weißt du überhaupt, wie teuer diese Scheißblumen waren?"
Liam verdrehte die Augen. "Ist das ein Witz?" Er stellte sich seiner Schwester in den Weg. "Ich habe die Blumen schließlich bezahlt."
"Ach Liam", maulte die Frau und boxte ihren Bruder gegen die Schulter, "du weißt genau, was ich meine." Nia ließ sich auf die Ledercouch fallen. "Du immer mit deinem Geld", klagte sie, "ich rede von dem emotionalen Wert, aber du ..." Sie wandte sich schmollend ab.
Ein kleines Lächeln lag auf Liams Lippen, als er sich neben Nia auf die Couch fallen ließ. In Momenten, wie diesen, kam seine kleine Schwester wieder zum Vorschein und nährte seine Hoffnung, dass Nia noch nicht verloren war."Ich habe dir gleich gesagt, dass das eine blöde Idee ist." Er schüttelte den Kopf. "Blumen an der Windschutzscheibe, ein Strauß vor der Haustür und dann dieser Megastrauß und das alles ohne Karte oder Hinweis auf den Absender."
Nia blickte ihren Bruder aus großen Augen an. "Aber er ist doch Paul. Er muss doch wissen, dass die Blumen von mir sind. Er ist schließlich für mich bestimmt und ich für ihn, er ..." Tränen wallten erneut in ihren grünen Augen auf.
"Nia" Liam ergriff die Hände seiner Schwester und drückte sie fest gegen seine Brust. "Er kann es nicht wissen, er kennt dich nicht."
"Aber ja doch." Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle. "Er hat mir geholfen, mir die Hand verbunden, er muss es doch gespürt haben, dieses Band zwischen uns." Ihr Kopf sank auf die Brust ihres Bruders. "Warum tut er mir so weh?"
Behutsam strich Liam seiner Schwester über die Haare. "Alles wird gut werden", raunte er leise und hoffte sie zu beruhigen.
Doch sein Vorhaben war nicht von Erfolg gekrönt.
Unvermittelt schnellte ihr Kopf nach oben. Ein dunkler Schatten lag über ihren Augen und raubte ihnen den Glanz.
Liam wich leicht zurück. "Nia", versuchte er zu seiner Schwester durchzudringen, "bitte, lass gut sein. Ich ..."
"Ich werde ihn lehren", fuhr sie unbeeindruckt vor. Es war fast so, als existierte Liam gar nicht mehr. Ihr grausiger Monolog erfüllte den Raum. "Eine Lektion in Sachen Schmerz", ihre Hände lösten sich aus dem Griff des Bruders und ballten sich zu Fäusten, "damit er spürt, wie ich mich fühle. Damit er weiß, was es heißt zu leiden."
"Was hast du vor? Sei doch vernünftig." Liam starrte seine Schwester mit angsterfüllten Augen an.
Nia lachte bitter auf. "Mach dich nicht lächerlich", spie sie ihrem Bruder entgegen, "hier geht es um Liebe und nicht um Vernunft." Sie sprang von der Couch auf. "Wo ist Lucas Bericht? Ich muss alles über Paul wissen, einfach alles." Wie in Trance stürmte sie aus dem Zimmer und die Treppen hinauf in Liams Arbeitszimmer. Sie wusste genau, wo sie das Gesuchte finden würde und was sie mit diesen Informationen anfangen würde.
Liam sank in sich zusammen. Seine Schwester entglitt ihm mehr und mehr. Die dunkle Seite in ihr wurde mit jedem Tag stärker und ihr wahres Wesen verschwand zusehends. "Verdammt", fluchte er leise, "verdammt." Er schlug die Hände vor sein Gesicht, wie sollte er seine Schwester noch schützen? Was konnte er jetzt noch tun?"

TBC ...
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