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Paul

von oakley
GeschichteDrama, Freundschaft / P18
OC (Own Character) Paul Richter Stephan Sindera
16.08.2020
12.09.2020
5
14.141
1
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6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
29.08.2020 3.781
 
Hallo,
das 3. Kapitel steht in den Startlöchern und endlich hat Paul seinen Auftritt. Ich hoffe, es gefällt euch.
Vielen Dank an alle fürs Lesen und Favorisieren.
Viel Spaß beim Lesen und einen tollen Start ins Wochenende.
Liebe Grüße,
Oakley

°Paul°

3. Kapitel: Unheilvolle Begegnung



Die beiden Polizeioberkommissare Paul Richter und Stephan Sindera waren nicht nur Kollegen, sie waren darüber hinaus gute Freunde.
Und so freuten sie sich jedes Mal, wenn sie zu gemeinsamen Streifendiensten eingeteilt wurden, selbst wenn es sich dabei um die unliebsamen Nachtdienste handelte. Die Stunden vergingen deutlich schneller mit einem Partner an der Seite, der die gleiche Art von Humor teilte. Selbst die schlimmsten Einsätze ließen sich so deutlich leichter ertragen.
"Gleich vier Uhr", bemerkte Paul nach einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr, "wie wäre es mit einem Kaffee?" Er blickte zu seinem Kollegen herüber. "Und vielleicht ein frühes Frühstück?"
Ein Grinsen zeigte sich auf Stephans Mund. "Ein frühes Frühstück? Was soll das den sein?" Er blickte seinen Freund herausfordernd an. "Ein Frühstück ist doch schon früh, steckt doch schon im Wort selbst.
"Manchmal bist du echt blöd." Paul boxte seinen Kollegen gegen den Oberarm. "Ein Croissant eben oder ein Plunderteilchen." Pauls dunkle Augen leuchteten in freudiger Erwartung.
"So, so", Stephan strich sich über seinen Bart, auch er hatte gegen eine Zuckerdosis nichts einzuwenden, wollte seinen Freund aber noch eine Weile zappeln lassen. Sein Blick wanderte unverfroren in Richtung von Pauls Bauch, der in letzter Zeit etwas an Umfang gewonnen hatte. "Denkst du, das wäre deiner Figur zuträglich", bemerkte Stephan nicht ohne ein Lachen in der Stimme.
Eine leichte Röte stieg in Pauls Gesicht. Fahrig rieb er sich über seine Körpermitte. "Ach was", erwiderte er flapsig, "dass sind die dicken Klamotten, glaub mir, unter der Jacke versteckt sich ein Waschbrettbauch."
Stephan starrte seinen Kollegen überrascht an. "W-w-w ..."
Das Wort hing noch auf Stephans Lippen, als Paul in lautes Gelächter ausbrach. "Dein Gesichtsausdruck", brachte er mühsam hervor, "einfach göttlich."
Jetzt konnte auch Stephan nicht mehr an sich halten und stimmte in das Lachen ein.
Tränen liefen über die Gesichter der Männer, als sie schließlich atemlos zur Ruhe kamen.
"Kaffee?", brachte Paul die Diskussion zurück auf den Punkt.
"Klar doch" Stephan startete den Motor des Dienstwagens. "Wohin?"
"Mmh", Paul überlegte kurz, "die Aral-Tankstelle am Verteilerkreis Westsei, eindeutig der beste Kaffee und die Teilchen sind auch nicht schlecht."
Stephan wiegte seinen Kopf "'ne ziemliche Strecke für einen Kaffee."
"Ach was, danach können wir noch eine Kontrollfahrt über die A555 machen und alles ist im grünen Bereich."
Stephan grinste breit "Ich weiß schon, warum ich so gerne mit dir auf Streife fahre."
"Na dann fahr auch." Paul stieß seinen Kollegen freundschaftlich gegen die Schulter.
Noch lag die Millionenstadt Köln unter einem dunklen Nachthimmel, zugedeckt, wie im Schlaf. Nur vereinzelt waren Fahrzeug und Personen unterwegs. Nachtschwärmer und Partygänger, Nachtschichtler und die ersten Pendler, die ihren langen Weg zur Arbeitsstelle antreten mussten. Doch die beiden Polizisten wussten, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde, in spätestens zwei Stunden würden die Straßen von Köln zu neuem lauten Leben erwachen und der Alltag das Regime über die Stadt und ihre Bewohner übernehmen. Höchste Zeit also, die Ruhe vor dem Sturm zu genießen.

Die beiden erreichten den Stadtteil Rodenkirchen im Kölner Süden, zweifelsohne eines der besseren Viertel der Großstadt. Der Stadtteil verströmt einen beinah ländlichen Charme. Alte Fachwerkhäuser bildeten den Kern des Viertels und waren ebenso sehenswert, wie die Kirche Alt St. Maternus, die auf einem Felsvorsprung direkt am Rheinufer thronte und stille Wache über die Einwohner hielt.
Paul liebte diesen Stadtteil. Es schien fast so, als tickten die Uhren hier etwas langsamer. Die Einwohner des Viertels erschienen weniger hektisch, als im Zentrum und in vielerlei Hinsicht gelassener, was wahrscheinlich an ihrem Kontostand lag. Rodenkirchen hatte sich im Laufe der Zeit zum Hotspot der Besserverdiener entwickelt, wer hier lebte, hatte es geschafft.
Unwillkürlich seufzt der Polizeioberkommissar auf, mit seinem Polizistengehalt konnte er sich höchstens eine Abstellkammer in dieser Gegend leisten.
"Ist alles klar?" Stephan sag besorgt zu seinem Freund herüber. "Du bist auf einmal so still, nur hin und wieder dieses Seufzen."
Ein verzagtes Lächeln zog an Pauls Mundwinkel. "Ich dachte nur daran, wie schön es hier ist und wie schön es wäre, hier zu wohnen. Eine Schande, dass die Mieten unbezahlbar sind."
"Ach Gott, Paul, wenn du erst mal Polizeipräsident bist, ist das ein Klacks. Dann residierst du in einer dieser Stadtvillen an der Uferstraße und ..."
"Blablabla", fiel Paul im ins Wort, "keine leeren Versprechungen." Seine Laune hatte sich schlagartig gebessert.
"Na gut, aber was ich dir versprechen kann, ist ein guter Kaffee in knapp fünf Minuten." Stephan hob die Augenbraue. "Wie hört sich das an?"
"Ziemlich gut, würde ich sagen." Paul lehnte sich in den Beifahrersitz zurück. "Dann fahr mal zu."
"Stets zu Diensten, mein Freund."

°°°


Liam geleitete seine Schwester zurück zum Wagen. "Wir müssen dich sauber machen", flüsterte er ihr ins Ohr, "das ganze Blut, wenn dich jemand sieht."
Sie nickte kaum merklich an seiner Schulter. "Ach Liam", stöhnte sie, "wenn ich dich nicht hätte. Niemand versteht mich so, wie du, niemand würde mir helfen."
Er zog seine Schwester näher an sich heran. "Ich werde dir immer helfen, verstehst du? Immer."
"Versprichst du es?" Nia blickte zu ihrem Bruder herauf, ihre grünen Augen schimmerten feucht. Liam hasste es, diesen Schmerz in den Augen seiner kleinen Schwester zu sehen.
"Ich verspreche es", schwor er und drückte seine Lippen auf ihren Kopf. Sein Magen krampfte sich zusammen, er wusste nicht, ob er diesen Schwur tatsächlich halten konnte, aber er würde alles in seiner Macht stehende tun, um seine Schwester zu beschützen. "Wir sind gleich da, noch ein paar Meter, dann kannst du dich waschen und umziehen und ich ..." Er stockte kurz, die Aufgabe, die vor ihm lag, legte sich, wie ein Gewicht auf seinen Körper.
"Paul, wir können ihn nicht zurücklassen", warf Nia plötzlich ein. Ihre Stimme klang unstet, irgendwie verwirrt, so als wäre sie gerade aus einem Traum erwacht.
"Ich weiß", der junge Mann schluckte schwer, "ich hole ihn."
Nia schmiegte sich noch enger an ihren Bruder. "Danke."

Liam führte seine Schwester zu dem Audi. Ein dichtes Wolkenband war aufgezogen und verdunkelte die letzten Stunden der Nacht. Insgeheim war der Mann für diesen Umstand dankbar. Denn somit waren nicht nur Mond und Sterne verhüllt, auch das Antlitz seiner Schwester lag im farblosen Grau, das Blut auf ihrer Kleidung und ihrer Haut nicht mehr als dunkle Schatten.
Mit einem Druck auf die Fernbedienung öffnete sich der Kofferraum des Wagens. Lautlos schwang die Tür nach oben, ein Licht an der Hecktür sprang an und beleuchtete die Szene wie ein Scheinwerfer. Wie in einer oft geprobten Choreografie setzte sich Nia auf die Ladefläche und griff mit traumtänzerischer Sicherheit nach dem Kanister mit Wasser, den Handtüchern und Seife, die für sie bereitlagen.
Liam beobachtete für ein paar Minuten, wie Nia eines der Handtücher befeuchtete und sich Pauls Blut von Gesicht und Händen rieb. Der weiße Frottee färbte sich zusehends rot. Es war ein faszinierendes Schauspiel, das Liam ungewollt in seinen Bann zog. Nur mühsam wandte er den Blick ab und trat an das Auto heran. Er griff in den Kofferraum und zog einen Leichensack heraus. "Ich bin gleich zurück", flüsterte er, sein Blick wanderte an der Gestalt seiner Schwester herab. Trotz der schwachen Beleuchtung waren die Blutspuren an ihrer Jacke, Hose und Stiefel deutlich zu erkennen. "Zieh dich um und verpack die blutigen Sachen in dem Müllbeutel", forderte er sie auf.
Nia ließ das Handtuch sinken. "Das weiß ich doch, Bruderherz", hauchte sie leise, "wie immer." Sie lächelte zaghaft.
"Ja, wie immer." Ohne ein weiteres Wort drehte Liam sich um und marschierte zurück in die Dunkelheit.
Er fand seinen Bestimmungsort ohne Schwierigkeiten, der Weg hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt.
Der Tote lag, reduziert zu einem formlosen Etwas auf der kahlen Erde unter dem Baum, wo sie ihn zurückgelassen hatten.
Ein abstoßender Geruch hing in der Luft. Liams Magen krampfte sich zusammen. Es gab Dinge, an die konnte er sich nicht gewöhnen und der süßliche Duft von Blut und Tod und einsetzender Verwesung gehörte eindeutig dazu.
Er schluckte seinen Ekel herunter, er hatte einen Job zu erledigen.
Der junge Mann streifte sich Gummihandschuhe über, legte den Leichensack am Boden aus und trat an den Leichnam heran.
Er zögerte ihn umzudrehen, seine Hände schwebten einige Sekunden über dem leblosen Körper, die Finger zuckten nervös. "Das ist alles ein Irrsinn", flüsterte er in die Dunkelheit. Mit einem tiefen Seufzer packte er den Mann an den Schultern, hievte ihn in den Plastiksack und zog den Reißverschluss zu. Er atmete hörbar aus, als sein Werk endlich vollbracht war. 'Aus den Augen, aus dem Sinn' , schoss ihm durch den Kopf, auch wenn sich dieses Sprichwort sicher nicht auf Leichen bezog, verfehlte es seine Bedeutung auch in diesem Zusammenhang nicht. Paul war außer Sicht und schon bald würde er ganz verschwunden sein und mit ihm jede Verbindung zu Nia und ihrer Tat.
Liam schulterte den Leichsack und machte sich auf den Weg zurück zum Parkplatz.
Schon aus der Entfernung konnte er das Licht im Heck des Audi ausmachen. Die Silhouette seiner Schwester zeichnete sich als schwarzer Scherenschnitt gegen den beleuchteten Kofferraum ab.
"Na endlich", konnte Nia sich nicht verkneifen, als sie ihren Bruder bemerkte, "das hat ja eine Ewigkeit gedauert."
"Bist du fertig", ignorierte Liam die Anklage seiner Schwester.
"Schon lange." Nia ließ ihre Beine auf den Boden gleiten und machte den Kofferraum frei.
"Ganz schön schwer der Kerl", bemerkte Liam, als er Pauls Überreste in den Wagen beförderte.
"Er war halt ein ganzer Mann." Nia trat an den Kofferraum heran und strich mit ihren Fingerspitzen sanft über die schwarze Plastikfolie.
"Du bist verletzt", bemerkte Liam beim Blick auf Nias Hand. Eine circa zehn Zentimeter lange Wunde zog sich über ihren Handrücken. Er ergriff ihre Hand und zog sie näher ans Licht. "Wer? Wie?", stotterte er etwas hilflos, noch nie war seine Schwester bei ihren Taten selbst zum Opfer geworden. Keiner ihrer Auserwählten hatten bisher die Chance gehabt, sie zu verletzen.
"Halb so schlimm", wehrte Nia ab und zog ihre Hand zurück, "Paul hat sich etwas gesträubt", sie zuckte abwertend die Schultern,"es blutet kaum noch und überhaupt", ein entstelltes Grinsen malte sich auf das Gesicht der Frau, "ich lebe noch."
Liam schüttelte den Kopf. "Wann hat das Alles nur ein Ende?", stieß er unbedacht hervor. Im nächsten Moment spürte er Nias Hände an seinem Hals. "Das alles hat ein Ende, wenn ich meinen Paul gefunden habe", zischte sie nah an seinem Ohr, "das weißt du doch, oder?" Ihre grünen Augen flammten zornig auf.
Liam röchelte, er bekam kaum noch Luft in seine Lungen. Dunkle Punkte tanzten vor seinen Augen. "Ja, natürlich", stieß er atemlos aus.
Der Griff um seinen Hals löste sich. Luft füllte seine Lungen und er atmete tief ein.
Nia legte ihre Hände auf Liams Arme. "Ist alles in Ordnung?", fragte sie, als hätte sie ihre Tat längst vergessen. "Alles gut", versicherte Liam, eine Diskussion mit seiner Schwester machte keinen Sinn. Er strich mit seiner Hand über ihre lockigen Haare. Sein Blick fiel zurück auf die Wunde. "Das muss versorgt werden", warf er halbherzig ein. Er kannte die Antwort seiner Schwester. Niemals würde sie zu einem Arzt, geschweige denn ins Krankenhaus gehen, niemals sich der Gefahr aussetzten, Rede und Antwort zu stehen, über die Herkunft ihrer Verletzung und sich vielleicht in einem unbedachten Moment zu verraten, dafür war sie einfach zu klug.
"Sicher nicht", kam auch prompt die erwartete Erwiderung, "lass uns fahren und den Ballast endlich loswerden." Jede Sentimentalität, die vor einer Minute noch in ihrer zärtlichen Berührung gelegen hatte, war verschwunden und hatte dem kalten Kalkül einer Mörderin Platz gemacht.

°°°



"Morgen Heinz", grüsste Paul Richter den Tankstellenpächter, als treue Stammkunden kannten sie den Vornamen des Mannes und hegten ein freundschaftliches Verhältnis,"wie schaut's?" Der junge Polizist trat grinsend an die Theke, dicht gefolgt von Stephan Sindera.
"Oha, das Dream-Team gibt sich die Ehre", der älter Mann lächelte freundlich, "Ich hab euch ja ewig nicht gesehen."
"Na, du weißt doch, wie das so ist", Stephan stützte sich auf der Theke ab, "Arbeit, Arbeit, nichts als Arbeit."
"Oh, mir kommen die Tränen."
"Bevor du hier gleich Rotz und Wasser heulst, gib uns mal lieber zwei Kaffee", lachte Stephan den Mann an.
"Und", Paul beugte sich über die Auslage der angebotenen Teilchen und Backwaren, "zwei von den Kirschplundern. Oder?" Er drehte sich fragend zu seinem Kollegen um.
"Bin ganz bei dir."
"Alles klar." Heinz machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und schon bald hing der aromatische Duft von frischgemahlenen Kaffeebohnen in der Luft.
"Ist aber ruhig bei dir", bemerkte Paul.
"Die Ruhe vor dem Sturm", Heinz Blick landete kurz auf der Wanduhr, "nicht mehr lange und die ersten Pendler fallen hier ein." Die Kaffeebecher fanden ihren Platz auf der Theke. "Schwarz war doch richtig?"
"Bingo." Paul griff seinen Becher und nahm einen Schluck. "Hier gibt es echt den besten Kaffee weit und breit."
Der Tankstellenpächter lächelte. "Das liegt an den Bohnen, eine geheime Mischung", er blinzelte verschwörerisch, "für meine Kunden nur das Beste."
"Auf dich, Heinz, weil du es so gut mit uns meinst." Stephan hob seinen Becher und prostete dem Mann zu.
Der Mann grinste breit. Er stellte die Teller mit den Teilchen gerade auf der Theke ab, als ein Auto auf die Tankstelle raste. Mit quietschenden Reifen kam der Audi Q8 vor einer der Tanksäulen zum Stehen.
"Der hat es aber eilig", bemerkte Paul mit vollem Mund.
Stephan schüttelte ob des schlechten Benehmens seines Partners den Kopf. "Schöner Wagen", bemerkte er, als erdas Gefährt näher betrachtete, "ich glaube, das ist der ganz neue Audi. Das es den schon gibt?" Er schnalzte mit der Zunge. "Ich habe erst am Wochenende einen Bericht über ihn im Fernsehen gesehen. Das Teil kostet mehr, als wir im Jahr verdienen." Sein Blick wanderte versonnen über die Edelkarosse.
"Bist du neidisch, oder was?" Pauls Hand landete freundschaftlich auf seiner Schulter. "Gefällt dir unser Streifenwagen nicht?"
"So ein Quatsch. Ist halt ein schönes Auto." Stephan konnte den Blick nicht von dem Auto lassen. "Irgendwann mal", sinnierte er.
"Ja klar, spätestens, wenn ich Polizeipräsident bin", konterte Paul die Schwärmerei seines Kollegen.
Stephan hob anerkennend den Zeigefinger. "Eins zu null für dich", erkannte er die Retourkutsche.

Die automatische Schiebetür glitt zur Seite und ein junger Mann betrat die Tankstelle.
"Morgen", grüßte Heinz den Kunden.
"Morgen", erwiderte Liam den Gruß knapp und fingerte sein Portemonnaie aus seiner Hosentasche. Er trat an die Kasse und erst jetzt bemerkte er die beiden Polizisten. Erschrocken verharrte er in seiner Bewegung.
Stephan runzelte irritiert die Stirn. Er glaubte, ein leichtes Zittern bei dem Mann zu bemerken.
"Ist alles in Ordnung?", fragte er nach, "Sie scheinen etwas verstört."
"Ich? Nein, nein", hatte Liam sich wieder unter Kontrolle, "ich war nur in Gedanken und einfach überrascht." Er zuckte die Schultern. "Alles in Ordnung." Der junge Mann trat an die Kasse.
Paul und Stephan sahen sich wissend an, sie waren lange genug im Geschäft, um zu spüren, wann etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Während Heinz den Kunden abrechnete, musterten die beiden Polizisten den Mann ganz genau. Dabei machte Paul eine folgenschwere Entdeckung. "Sagen Sie mal", er trat an den Fahrer des Audi heran, "ist das Blut auf ihrer Hose?"
"Was? Nein, also ..." stotterte der Mann etwas hilflos.
"Das sieht aus, wie Blut. Haben Sie sich verletzt? Brauchen Sie Hilfe?", mischte sich jetzt auch Stephan ein.
"Das ist nichts." Liam strich mit seiner Hand über sein Hosenbein. "Bestimmt beim Waschen nicht herausgegangen oder so", suchte er nach einem Ausweg.
"Sieht aber frisch aus", ließ sich Paul nicht täuschen. "Haben Sie mal einen Ausweis für mich?"
"Ihr Ernst?" Liams Herz begann zu rasen. "Wegen eines Flecks auf der Hose? Ich glaube, ich spinne." Der junge Mann war hin und her gerissen zwischen Wut und Panik. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, waren zwei übereifrige Dorfsheriffs.
"Wir wissen gerne, mit wem wir es zu tun haben, also bitte", ließ Stephan sich nicht aus der Ruhe bringen.
"Wenn es denn sein muss." Liam zog seinen Ausweis aus seiner Brieftasche. "Bitte schön." Er hielt Paul das Dokument entgegen.
"Also Herr Brady", las er den Namen ab, "woher kommt das Blut auf ihrer Hose?" Er reichte Stephan den Ausweis, der sich zwecks einer Personenabfrage an die Leitstelle wandte.
"Keine Ahnung" Liam zuckte die Schultern.
"Wir können dieses Spiel jetzt unendlich weiterspielen oder Sie sagen endlich, was Sache ist." Pauls Stimme hatte einen deutlich schärferen Tonfall angenommen.
Heinz beobachtete die Szene neugierig aus sichere Distanz hinter seiner Theke. Mit dieser Geschichte wäre er am Samstagabend die Hauptattraktion beim Stammtischtreffen. Wer konnte schon damit angeben, mittendrin bei einer Polizeiaktion gewesen zu sein. Er grinste zuversichtlich. Das würde ihm einige Pluspunkte bei seiner Angebeteten Lisa einbringen und vielleicht würde sie sich endlich einen Ruck geben und mit ihm ausgehen. Der Gedanke an ein Date mit Lisa ließ einen wohligen Schauer durch seinen Körper rollen.
"Ich sagte Ihnen schon, ich habe keine Ahnung, woher das Blut stammt, wennes überhaupt Blut ist." Eine nervöse Röte stieg in Liams Wangen.
Stephan trat an Paul heran. "Negativ", erklärte er leise, "EMA bestätigt die Adresse. Er lebt mit seiner Schwester zusammen."
Paul blickte seinen Kollegen überrascht an. "Okay", ließ er zögerlich verlauten, "warum auch nicht."
"Kann ich jetzt gehen", mischte sich Liam ein, "ich habe nicht ewig Zeit und ..."
Das Öffnen der Schiebetür zog die Aufmerksamkeit der Männer zum Eingang. Eine junge Frau betrat den Verkaufsraum.
Stephan Sindera zog anerkennend eine Augenbraue hoch. Ein charmantes Lächeln umspielte seine Lippen.
Liam schnaufte verächtlich angesichts der eindeutigen Reaktion. "Nicht Ihre Kragenweite", raunte er in Stephans Richtung, der im Bruchteil einer Sekunde wieder seine Professionalität erlangte.
"Nia", wandte der Mann sich an seine Schwester, "ich bin gleich fertig. Setzt dich wieder in den Wagen."
Die Angesprochene beobachtete sie Situation skeptisch. "Was ist den los Liam? Ich warte schon eine Ewigkeit."
"Nichts weiter. Setzt dich wieder in den Wagen", forderte er eindringlich.
"Nicht so schnell", übernahm Paul das Wort, "wer sind Sie?"
"Ich bin Nia ..."
"Das ist meine Schwester", schnitt Liam ihr das Wort ab. Die Blicke der Geschwister trafen sich. Unsicherheit lag in den Augen des Mannes. Nia runzelte leicht dich Stirn. Ihre Lippen zuckten schließlich nach oben. Sie nickte kaum merklich, doch Liam hatte die Geste bemerkt. Die Anspannung verließ seinen Körper.
Doch auch Paul war der wortlose Austausch der Anwesenden nicht entgangen. Skeptisch verharrte sein Blick auf der Frau. "Also", forderte er eine Erklärung.
"Wie gesagt, dies ist meine Schwester Nia Brady und ..."
"Wir sind auf dem Weg ins Krankenhaus", war es jetzt an Nia, ihren Bruder zu unterbrechen. Wie auf Kommando hob sie ihre linke Hand ein wenig an und gab den Blick auf ein blutiges Handtuch frei. "Ich habe mich geschnitten."
"Und warum sagen Sie das nicht? Das Blut an ihrer Hose kommt doch bestimmt von der Wunde ihrer Schwester." Stephan schüttelte verständnislos den Kopf. Er trat an die Frau heran. "Darf ich mal sehen? Sollen wir eine RTW holen."
"Halb so schlimm", wiederholte Nia die Worte, die sie vor wenigen Minuten ihrem Bruder entgegengeworfen hatte.
Stephan hob die Hand der Frau an und löste den provisorischen Verband. Er sog scharf die Luft ein. "Also ich weiß nicht, nach halb so schlimm sieht das nicht aus."
"Paul", wandte er sich an seinen Kollegen, "hol mal den Verbandskasten."
Nia taumelte leicht zurück. Ihr Blick heftete sich auf den dunkelhaarigen Polizisten, der nun ebenfalls an sie herantrat. "Oha, das sieht böse aus." Er lächelte die Frau aufmunternd an. "Das wird schon wieder. Ich bin gleich zurück."
Dieses Lächeln, diese Stimme, diese Augen, Nia fühlte sich, wie im Rausch. In diesem Augenblick gab es nur sie und Paul. Ihr Herz pochte laut und viel zu schnell in ihrer Brust.
Ihr Blick bohrte sich in Pauls Rücken, als dieser den Verkaufsraum der Tankstelle verließ.
"Nia", holte Liam seine Schwester zurück ins Hier und Jetzt. Seine Hand legte sich behutsam auf ihren Arm. "Das sieht wirklich böse aus, was ..."
"Das wissen sie nicht?", mischte sich Stephan vehement ein, "ihre Schwester sitzt bei ihnen im Auto, verblutet fast und sie tun so, als sähen sie die Verletzung zum ersten Mal." In seiner Stimme schwang Zweifel. Skeptisch musterte er den Mann und hob fragend eine Augenbraue.
"So schlimm sah die Wunde gar nicht aus", bemühte sich der junge Mann um Schadensbegrenzung.
"Schlimm genug", bemerkte Stephan wenig überzeugt.
"Nein schon gut", kam Nia ihrem Bruder zur Hilfe, "es ist wirklich nicht so schlimm, wie es aussieht." Sie drehte sich zur Eingangstür. "Wo ist denn ihr Kollege?", fragte sie mit bebender Stimme.
"Er holt schnell den Verbandskasten aus dem Auto. Er müsste ..." In diesem Moment glitt die Schiebetür auf.
"Paul", flüsterte Nia tonlos, "mein Paul."

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