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Paul

von oakley
GeschichteDrama, Freundschaft / P18
OC (Own Character) Paul Richter Stephan Sindera
16.08.2020
12.09.2020
5
14.141
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
16.08.2020 1.026
 
Hallo,
schon seit einiger Zeit spiele ich mit der Idee für diese Geschichte und jetzt habe ich endlich den Mut gefasst und die Idee in Worte gefasst. Mal sehen, was Ihr davon haltet.
Viel Spaß beim Lesen.
Oakley


°Paul°

1. Kapitel: Prelude


Dichte Nebelschwaden lagen über dem Münchener Friedhof Bogenhausen und boten einen unheimlichen Tanz aus Licht und Schatten dar.
Die Kirche St. Georg, christlicher Mittelpunkt des Friedhofs stand verhüllt und war nur als graues Schemen erkennbar.
Dumpf hallte die Totenglocke über den annähernd menschenleeren Friedhof.
Nur wenige Menschen waren ihrem Ruf gefolgt und bildeten das letzte Geleit für den Verstorbenen.
Krähen stimmten in die traurige Melodie mit ein und erzeugten einen unheimlichen Kanon des Abschieds.
Der November machte seiner Bestimmung als Totenmonat alle Ehre. Kein Maler hätte die düstere Stimmung besser einfangen können, kein Dichter die passenden Worte finden können, um die Schönheit des Todes besser zu beschreiben, als die Natur selbst.

"Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben."

Gedämpfte Worte des Abschiedes erklangen, Worte der Hoffnung auf ewiges Leben, auf ein besseres Leben.

Nia lachte verbittert auf. Die junge Frau stand hinter einer Baumreihe verborgen, die Worte des Priesters aus der Distanz nur als ein Flüstern vernehmbar.
"Du hättest das beste, das hellste Leben hier auf Erden haben können, hier an meiner Seite." Wut und Enttäuschung ließen ihre Stimme beben. Ungewollte Tränen stiegen in ihre Augen. Wütend schlug sie ihre Fäuste gegen einen Baumstamm. Die knorrige Rinde der alten Buche schnitt ihre Haut auf, Blut sickerte aus dünnen Rissen und zeichnete ein Zickzack-Muster auf ihrer Hand. Fasziniert betrachtete sie, wie das Blut mehr und mehr zusammen lief und schließlich ihre gesamte Hand rot färbte.
Erinnerung erwachten in ihrem Kopf zu neuem Leben, Bilder aus besseren, schöneren Tagen. Paul und sie, immer wieder nur Paul und sie, glücklich, verliebt und voller Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Doch plötzlich legte sich ein roter Schleier über die Vergangenheit und dann sah sie nur noch Rot - Blut, aufgerissene Haut, rohes Fleisch, zerborstene Knochen und noch mehr Blut.
Nias Hände begannen zu zittern. In einem verzweifelten Versuch, sich zu kontrollieren, die Bilder zurück in die Verbannung zu schicken, ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Sie presste ihre Augen fest zu, hoffte auf die Gnade der Dunkelheit, die all ihre Taten verbergen würde.
"Nia", plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter, eine bekannte Stimme an ihrem Ohr. Diese Stimme versprach Sicherheit, Verständnis, Hoffnung und Liebe.
Die junge Frau lehnte sich in die Berührung. "Liam", hauchte sie kaum hörbar, "gut, dass du hier bist." Ihre Hand griff nach der Hand des Bruders.
"Lass uns gehen", schlug er vor. Der Mann ignorierte die Verletzungen an der Hand der Schwester. Das war nichts, ein Kratzer, er hatte schon Schlimmeres bei ihr gesehen und überhaupt, die körperlichen Wunden waren unbedeutend im Vergleich zu Nias seelischen Verletzungen.
Er wusste, was Nia war und zu was sie imstande war. Sie war ein Monster, nein, ein Monster hatte sich ihrer bemächtigt. Und eben jener böse Geist übernahm immer wieder die Kontrolle über Nias Denken und Handeln, bestimmte ihr Sein. Und dennoch war und blieb sie seine kleine Schwester, für die er alles tun würde.
Er würde sie retten und beschützen, solange es sein musste.
"Komm jetzt, der Wagen steht vor dem Tor." Der Blick des jungen Mannes wanderte über die Gräberreihen "Er ruht jetzt in Frieden." Er drückte abermals Nias Schulter. "Alles ist vergeben", hauchte er in ihr Ohr.
Ein Lächeln malte sich auf das Gesicht der Frau. Sie drehte den Kopf und blickte ihren Bruder aus ihren unbeschreiblich grünen Augen an. Sie nickte zustimmend. "Du hast recht, lass uns gehen."
Liam führte seine Schwester über den Friedhof zu einem abgelegenen Nebeneingang. Ein schwarzer Mercedes-AMG A35 stand direkt vor der Gittertür.
Liam öffnete die Hintertür der Limousine und Nia stieg an.
"Schöner Wagen", bemerkte sie, obwohl ihr diese Äußerlichkeiten völlig gleichgültig waren, doch sie wusste, dass Liam Autos und insbesondere Luxusautos liebte, und so machte sie ihm die Freude und lobte ihn für seine getroffene Wahl.
"Ja, nicht wahr, die Limousine ist der Wahnsinn, ein 2,0-Liter-4-Zylindermotor mit Turboaufladung und 225 kW, also 306 PS", geschmeidig glitt Liam auf den Fahrersitz, seine Hände glitten beinah zärtlich über das Lenkrad, "dieses Material ist extrem griffig und erinnert genau wie die 12-Uhr-Markierung an einen echten Rennwagen", erklärte er versonnen. Ein Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. "Und ..."
"Und deshalb musstest du sie einfach haben", schnitt Nia ihrem Bruder das Wort ab. Sie ließ sich tiefer in den Rücksitz gleiten und schloss ihre Augen.
Liam zuckte beleidigt die Schultern. "Sie wird dich sicher und schnell an unser nächstes Ziel bringen, Schwesterherz", konnte sich der Mann nicht verkneifen.
"Ja genau", nuschelte sie schläfrig, "was ist denn unser nächstes Ziel?" Ihre Augenlider flatterten im Kampf gegen die Müdigkeit.
"Ich denke, es ist am besten, wenn wir uns Richtung Norden aufmachen. Hier wird es langsam zu heiß."
Nia musste unwillkürlich lachen. "Im Süden wird es zu heiß, wie passend. Auch im November?"
Liam drehte sich zu seiner Schwester um. "Du weißt genau, was ich meine", brachte er harscher als beabsichtigt hervor.
"Ja, schon gut", erwiderte Nia leise. Mühsam öffnete sie ihre Augen. Die Geschwister sahen sich einen Moment an und die wenigen Sekunden reichten aus, um ihr Verhältnis zurück ins Gleichgewicht zubringen. "Richtung Norden also." Nia lächelte ihren Bruder an. Und es waren Momente, wie dieser, in denen in Liam die Hoffnung wuchs, dass er seine Schwester noch nicht endgültig verloren hatte. Noch hatten sie eine Chance, das Böse in ihr zu bezwingen.
"Genau", bestätigte Liam, "nach Köln, um genau zu sein." Der Mann drehte sich wieder nach vorne und startete den Motor.
"So sei es", stimmte Nia zu, "Köln wir kommen."

TBC ...
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