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Patchworkfamilie

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18
Till Lindemann
15.08.2020
05.09.2020
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6.319
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05.09.2020 4.841
 
„Und dann macht es so richtig Rumms!“ Zoran schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte, sodass ich zusammenzuckte. Peter neben mir blieb allerdings ruhig und beobachtete interessiert das Gesicht unseres Regisseurs. „Ich will, dass du leidest, Till“ Grinsend wies sein ausgestreckter Finger auf mich, „Ich hätte da eine Idee von Stuntmännern und einer Drohne im Kopf. Das sollten wir uns für ein zukünftiges Projekt vormerken.“
Peter gluckste. „Reizende Aussichten, Zoran, wirklich. Entweder du lässt Till von jemandem schlagen oder ihn sterben.“
„Anderes gibt’s in seiner und meiner Welt nicht“ In der Hosentasche summte das Handy, „Entweder Schmerzen oder Tod.“ Und während ich weiter über absurde Ideen nachdachte, sahen Peter und Zoran mich an. „Was?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Willst du nicht wissen, wer dich innerhalb von einer Stunde drei Mal anruft?“ Zoran klang leicht genervt, „Vielleicht ist es wichtig. Andererseits würde ich sagen du schaltest dieses verdammte Telefon auf stumm und wir widmen uns wieder der Arbeit.“
„Ich habe nachgeschaut, als es das erste Mal geklingelt hat“, erwiderte ich, „Es war eine ukrainische Nummer. Nichts weiter und wahrscheinlich ist es nichts Wichtiges.“ Vielleicht ein Reporter, der auf Umwegen an meine Nummer gelangt war und eine Exklusivstory wollte. Nicht mit mir.
„Jetzt geh‘ schon dran, verdammt, dann haben wir immerhin Ruhe“ Zoran rieb sich die Stirn und stieß ein Seufzen aus, das erneut reichlich genervt klang. Der unbekannte Anrufer hatte soeben schon wieder mein Telefon in Beschlag genommen, jetzt zum vierten Mal innerhalb einer Stunde.
„Bin sofort wieder da“ Ich erhob mich und ging nach draußen auf den Flur, wo ich das summende Ding aus der Tasche nahm. Vorwahl +380. Erneut die diffuse Nummer aus der Ukraine. Ich überlegte kurz. Anar konnte das nicht sein, der war vor ein paar Monaten mit seiner Familie nach Heiligendamm umgezogen, sozusagen praktisch in die Nähe meiner Mecklenburgischen Heimat.
Ich drückte auf den grünen Hörer und hob das Telefon ans Ohr. „Hallo?“
„Ist da…Herr…“ Ein Rascheln, als suche jemand einen Zettel, „Lindemann? Ist da Herr Lindemann?“ Eine schnarrende Stimme, nicht besonders freundlich.
„Sie sind auf meinem Handy rausgekommen, also Ja“ Innerlich wappnete ich mich für unangenehme Fragen aller Art, „Dürfte ich erfahren mit wem ich spreche?“
„Sie sprechen mit dem Isida Hospital. In Kiew.“, schnappte die Frau, als hätte mir das klar sein müssen. Kiew also. Lag ja in der Ukraine.
„Und was kann ich tun?“ Warum rief mich ein Krankenhaus in Kiew an, wozu ich keinerlei Verbindung hatte?
„Nun, mitgekriegt, dass Ihre Frau gestern eingeliefert wurde? Mit Geburtskomplikationen?“
Was? Und, der zweite Gedanke war, wie diese Person da am anderen Ende nur den Job bekommen hatte, den Leuten schlechte Nachrichten zu überbringen und anzurufen. So gefühlskalt und offenbar emotionslos wie sie war.
„Von wem sprechen Sie?“
Am anderen Ende wurde im Kiewer Isida Hospital scharf Luft geholt. „Svetlana Loboda. Ihrer Frau. Eine der Ärztinnen bat mich Sie anzurufen, auf Frau Lobodas ausdrücklichen Wunsch hin.“
Das Fragezeichen in meinem Kopf wurde immer größer, gleichzeitig spürte ich ein unangenehmes Gefühl im Magen. Was war passiert?
Ich setzte wieder zum Sprechen an und lehnte mich gegen die Wand, da ich auf einmal eine gewisse Vorahnung hatte. „Moment, sie ist schwanger? Svetlana?“
„Frau Loboda ist so schwanger wie man nur schwanger sein kann, in der Tat“ Ich merkte es ihr an, dass sie mich am liebsten mit ein paar wüsten Ausdrücken bedacht hätte, aber das ihre gute Erziehung verbot.
„Und was habe ich bitte damit zu tun?“
„Soweit ich weiß sind Sie der Vater, der Ehemann, nicht wahr?“ Jetzt klang sie erstaunt. Ich musste sie aufklären.
„Tut mir wirklich leid, aber ich fürchte, das ist nicht so ganz-“, setzte ich an, wurde aber unterbrochen.
„Und es wurde ausdrücklich nach Ihnen verlangt! Hören Sie? Ausdrücklich!“
Aha. So langsam kam ich wieder dazu klarer zu denken. „Und wenn ich mich weigere, weil ich hier unmöglich weder Vater, noch Ehemann oder sonst was bin? Gut, ich kenne Frau Loboda. Wir sind befreundet.“ Und hatten Sex, am Abend des letzten Eurovision Song Contests. Aber das war Privatsache.
„Hören Sie“ Und mit einem Mal klang die Stimme der Frau doch überraschend sanft, „Ihre Partnerin, oder meinetwegen auch Ihre Freundin braucht jetzt eine starke Persönlichkeit an Ihrer Seite. Jemanden, der sie unterstützt. Wie schnell können Sie hier sein?“
„Ich…“ Hilflos hielt ich inne. Das war wohl Taktik. Erst die Leute anschreien und dann einen auf die weiche Tour machen. „Ich bin im Moment in Berlin. Wenn ich den nächsten Flieger nehme, kann ich wahrscheinlich gegen Nachmittag da sein. Wenn Sie das glücklich macht. Ja?“
„Dann gebe ich das so weiter. Wir erwarten Sie.“ Bevor sie auflegte und ich nicht mal die Chance hatte mich zu verabschieden.
Für einen Moment hielt ich ratlos inne. Vielleicht verarschte mich hier jemand ganz gewaltig. Svetlana war nicht schwanger, wir hatten doch verhütet, obwohl ich mich da längst nicht mehr dran erinnern konnte. Die vielen Monate waren so rasch an einem vorbeigerauscht, dass mir der Abend beim ESC nur noch wie eine kleine Erinnerung erschien.
Für eine Weile strich ich mir durch die Haare, dachte nach. Svetlana und schwanger. Ich war mir nicht sicher, aber hatte sie nicht bereits ein Kind? Und wenn schon, was hatte ich bitte damit zu tun? Dachte sie etwa, ich käme als möglicher Vater in Frage?
Und trotzdem…Das ungute Gefühl nahm zu. Nur mal „kurz“ vorbeischauen, dachte ich. Eine Nacht in Kiew bleiben und dann wieder zurück. Da würde schon alles in Ordnung sein. Die nette Frau vom Krankenhaus hatte vielleicht übertrieben, als sie von „Schwangerschaftskomplikationen“ sprach.
Ich schob das Handy in die Tasche zurück und stieß mich von der Wand ab. Draußen fiel eine angenehme Maisonne durchs Fenster. Wollte ich wirklich diesen schönen Tag in einem Flugzeug verbringen?
Zurück bei Peter und Zoran wurde ich fragend gemustert. „Tut mir leid, ihr Zwei“ Ich nahm die Jacke von der Stuhllehne und schlüpfte hinein, „Aber ich muss weg.“
„Weg?“ Zoran verzog die Mundwinkel, „Das ist jetzt nicht dein Ernst? Wohin weg?“
„Nach Kiew“ Worauf das Gesicht meines Lieblingsregisseurs nur noch verständnisloser guckte. Peter währenddessen hob die Schultern. „Tu was du tun musst, Till. Auch, wenn die Umstände etwas plötzlich sind.“ Nach den Umständen würde er mich wohl später löchern, das sah ich ihm an.
„Versteh‘ dich einer“ Zoran machte eine Handbewegung, die signalisieren sollte, dass ich also abhauen durfte, „Dann machen wir eben ohne dich weiter. Hast du wenigstens nachher im Flieger Zeit dir erste Entwürfe anzusehen?“ Ich nickte knapp, obwohl mir der Kopf gerade ganz woanders stand, als bei Musikvideoideen für Lindemann.
„Also, wir sehen uns“ Ich winkte den beiden zu und verließ das Gebäude, wo wir uns für heute ein Tagesbüro gemietet hatten. Was für ein verdammtes Schlamassel.

Über die Fluege.de-App war auch schnell ein relativ zeitnaher Flug gefunden. Ich fuhr zuerst nachhause, holte den Koffer aus der Ecke im Abstellraum und ging ins Schlafzimmer. Nahm die erstbesten paar T-Shirts, Pullover und eine Hose heraus, die ich in die Finger bekam. Dann dasselbe im Bad.
Aber wozu eigentlich der ganze Aufwand? Hinterher ging es Svetlana blendend und sie brauchte mich gar nicht. Es würde sich zeigen, wenn ich dort war.
Als ich schließlich im Taxi saß, quatschte der Fahrer mich voll. Ich lehnte nur den Kopf gegen die Scheibe und schwieg. Währenddessen fiel mir ein, dass ich ja auch noch ein Hotel brauchte. Also auch hier wurde das erste Hotel genommen, was mir angezeigt wurde, eines, wo ich schon mehrere Male gewesen war.

Am Flughafen kam mir dann wieder die Beklopptheit meiner Idee in den Sinn. Die Schlange vor der Gepäckabgabe und den Sicherheitskontrollen war lang und sowas hasste ich bekanntermaßen. Volle Flughäfen waren mir immer ein Graus und allein schon durch das Warten verschleuderte man wertvolle Lebenszeit.
Zumindest wurde man in der Business Class nicht angequatscht. Die Stewardessen in ihren schicken Uniformen waren professionell zurückhaltend und fragten lediglich nach Essens- und Getränkewünschen.
Und wenig später verließen wir auch schon den Boden. Zwei Stunden Flug. Und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde.

In Kiew gelandet wollte ich mir eigentlich Zeit lassen. Ich fuhr zuerst ins Hotel, lud die Sachen ab und ließ mich dann auf das Bett sinken, um eine Weile an die Decke zu starren. Ich könnte ein verspätetes Mittagessen im Hotelrestaurant zu mir nehmen und dann einen Spaziergang machen. Kiew war kulturell ja nicht uninteressant.
Allerdings meldete sich augenblicklich das schlechte Gewissen. Svetlana war schwanger, von wem auch immer. Sie hatte nach mir verlangt, ausdrücklich. Das hatte die nette Empfangsdame gesagt. Und ich würde gerne wissen, was zum Teufel da schlussendlich los war.
Also hieß es wohl mir ein Taxi zum Isida Hospital zu nehmen.

„Welcome to the largest private woman's health and family planning center in Ukraine” stand in großen Druckbuchstaben auf einem edel wirkenden Schild gleich vorne am Eingang. Eine Privatklinik, die also auf Geburten spezialisiert war. Das ganze Ding sah schon vom Äußerlichen aus als sei es furchtbar exklusiv und edel. Wie passend für eine Geburt. Trugen die Neugeborenen wohl goldene Windeln?
Im Eingangsbereich plätscherte munter ein Springbrunnen und ein riesiger LCD-Bildschirm informierte mit bunten Bildchen von lächelnden Müttern und kurzen Texten über die Klinik. Ich bewegte mich auf den Empfang zu.
„Hallo“ Ich räusperte mich, damit die Frau hinter dem Empfang von ihrer Tastatur aufsah. Sie hatte viel zu viel Make-Up im Gesicht und trug riesige tellerförmige goldene Ohrringe. War sie es wohl gewesen, die mich quasi hierher gezwungen hatte?
„Hatten Sie einen Termin?“, fragte sie und lächelte freundlich. Nein, die Frau vom Telefon war das sicher nicht.
„Sozusagen“ Ich wurde herbeordert, „Eine Ihrer Kolleginnen hat mich informiert, dass Frau Svetlana Loboda mich sehen möchte. Sie wurde wohl hier eingeliefert und ist schwanger.“ Ging es noch bekloppter?
Das schien die Frau auch zu denken. Ihre Brauen wanderten minimal in Richtung Haaransatz und sie spitzte die Lippen. „Sind Sie ein Reporter? Ihnen ist klar, dass ich Ihnen keine Auskunft erteilen darf, nicht ohne Zustimmung. Sowas kann ja jeder behaupten, wissen Sie?“ Natürlich.
Aber so kamen wir ja nicht weiter. „Dann fragen Sie auf der Station nach. Bitte. Ich bin nicht den ganzen Weg von Berlin hierhergekommen, um jetzt wieder umzudrehen. Immerhin geht es hier ein Kind.“ So. Fuhr man eben mal die Mitleidstour. Obwohl ich gerne wieder umgedreht wäre.
„Berlin also. Soso.“ Ein weiterer skeptischer Blick. Dann griff die Frau doch zum Telefon. Wechselte vom Englischen ins Ukrainische, während sie mit jemandem sprach, wartete und dann weitersprach. Dann sah sie mich wieder an.
„Dritter Stock, die Fahrstühle finden Sie weiter durch die Eingangshalle. Klingeln Sie bei der Station, die zeigen Ihnen den Weg. Ihr Name war Lindemann, ist das richtig?“
„Ja“ Ich wandte mich zum Gehen, „Danke.“ Und machte mich auf den Weg.
Also vorbei an einem kleinen Bistro und Wartegelegenheiten. Im Fahrstuhl drückte ich den Knopf für die Drei und stand wenig später in einem Flur an dessen Ende nur eine geschlossene Tür war. „Kreißsaal“ stand da, in Ukrainisch und Englisch. Na dann. Ich wurde immer nervöser.
An der Seite drückte ich die Klingel und musste nicht lange warten. Eine ältere Krankenschwester öffnete, musterte mich kurz, bevor sie offenbar begriff. „Sie sehen aus wie ein Herr Lindemann den wir erwarten. Kommen Sie durch.“ Sie trat zur Seite. Offenbar war sie Fan. Die Aussage „Sie sehen aus wie ein Herr Lindemann“ hatte mich stutzig gemacht.
Während wir den Flur hinabgingen bemühte ich mich um ein wenig Interesse an dieser seltsamen Situation. „Wie geht es Frau Loboda? Ich habe tatsächlich erst heute von der Schwangerschaft erfahren…und es hat mich überrascht.“ Was die totale Untertreibung war.
„Oh, sie ist stabil. Im Großen und Ganzen.“, erklärte die Krankenschwester, „Näheres kann Ihnen der Arzt und auch Frau Loboda selber sagen.“ Wir blieben stehen und sie deutete auf die Tür. „Sie können einfach reingehen.“ Ein letztes aufmunterndes Nicken. Dann ging sie und ließ mich da stehen.
Ich achtete auf meine gute Erziehung und klopfte erst. Als keine Reaktion kam, drückte ich die Klinke doch herunter und betrat das Zimmer.
Drinnen blickte man zuerst auf ein Bett mit zur Seite geschobener Decke. Ich ließ den Blick weiter schweifen, eine Badewanne und ein Waschbecken. Außerdem hing von der Decke über dem Bett ein langes Stoffband, wahrscheinlich zum Festkrallen, um die Wehen irgendwie aushalten zu können. Die Geburten meiner Mädchen lagen ja schon zurück und ich erinnerte mich nicht mehr ganz an das Drumherum.
Svetlana stand am Fenster, ich sah nur ihre Haare, die leicht unordentlich herunterhingen. Sie steckte in einem Krankenhauskittel. Sie hatte mir den Rücken zugewandt und ich trat näher.
„Du wolltest, dass ich herkomme?“, fragte ich. Okay, nicht ganz eine freundliche Begrüßung, aber die Situation empfand ich immer noch als zu absurd.
„Till“ Da wandte sie mir den Kopf zu. Das Gesicht sah abgekämpft aus. So müde. Augenblicklich bekam ich ein schlechtes Gewissen. „Hi“ Ich nickte ihr rasch zu. Dann ein „Wie geht es?“ hinterher, obwohl ich mir das eigentlich sparen konnte. Ich sah es ja.
„Danke, kann mich nicht beklagen“ Sie strich über den Bauch, der wirkte, als hätte sie einen Medizinball verschluckt. Ein schiefes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, dann wurde die Miene wieder ernst. „Die Kleine liegt nur falsch. Ich mache mir Sorgen, Till.“, flüsterte sie. Verdammt.
„Wie weit bist du?“ Im Kopf rechnete ich zurück zu dem Abend, an dem wir Sex gehabt hatten. Sieben, acht Monate. So ungefähr.
Doch da sprach Svetlana schon das aus, was ich mir gedacht hatte. „Achter Monat. Das Baby ist zu früh.“ Wieder dieser sorgenvolle Ausdruck, aber ich verstand sie vollkommen.
Ich überdachte meine nächsten Worte und wollte auf gar keinen Fall gemein klingen. „Aber…du bist hier in guten Händen, wie es scheint. Warum brauchst du mich dann hier?“
„Du warst der erste, der mir noch eingefallen ist. Immerhin kenne ich dich nicht erst seit gestern.“, sagte sie. Na dann. Dass ich hier Geburtshelfer spielen sollte, war aber vielleicht ein wenig zu viel verlangt. Und genau das wollte ich ihr auch gerade klarmachen, aber stattdessen sah ich, wie sie sich schwer atmend mit den Händen auf die Fensterbank abstützte. Ich sah mich bereits nach dem Knopf um, mit dem man die Schwestern rufen konnte, aber Svetlana hielt mich zurück. „Keine Sorge. Nur eine Wehe. Nichts weiter.“ Nichts weiter? Wollte sie mich verarschen?
„Wann war denn die letzte? Die letzte Wehe, meine ich.“ Vielleicht stand sie schon so gut es ging in den Startlöchern, „Seit wann bist du überhaupt hier?“
„Seit gestern Abend“ Inzwischen war sie wieder zu Atem gekommen und sah mich an, „Die letzte Wehe müsste…vor einer halben Stunde gewesen sein.“ Das würde dauern. Mist.
„Und da brauchst du allen Ernstes mich?“, rutschte es mir raus, „Hör zu, gut ich habe auch zwei Geburten miterlebt. Das ist aber schon ein wenig her, okay? Also, was soll der Mist? Denkst du womöglich, ich käme auch noch als Vater infrage? Hm?!“
„Schrei nicht so, Till, bitte“ Sie rieb sich über den Bauch, dann über das Gesicht. Ihre Stimme zitterte leicht. „Meine Mutter ist auf den Malediven. Meine Schwester…schwer beschäftigt mit Arbeit. Da fiel mir nur noch du ein.“ Ihre Stimme sagte ein deutliches „Enttäusche auch du mich nicht“, obwohl sie das nicht aussprach.
„Na gut“ Ich gab es hiermit offiziell auf, „Dann bleibe ich eben. Äh…brauchst du was? Was zu trinken, eine Rückenmassage…Okay, vergiss das letzte.“ Worauf sie nur lachte. Oh Mann.
„Aber, wenn es dir nichts ausmacht…Dann gehe ich rasch runter, um mir etwas als verspätetes Mittagessen zu holen. Und einen Kaffee.“ Sowas konnte ich sicher gebrauchen.
Svetlana schaute skeptisch. Als wäge sie ab, ob sie mir glauben sollte und ich nicht in Wahrheit abhaute. „Ich komm‘ wieder, keine Sorge“, setzte ich hinterher.
„Dann nur zu“ Sie stieß sich vom Platz am Fenster ab und ging zum Bett, um sich zu setzen.
Ich trat also wieder nach draußen, durch die Glastür und nach unten mit dem Fahrstuhl. In dem Bistro holte ich mir einen Kaffee und zwei Brötchen, bevor ich mich auf den Rückweg machte.
Zurück im Zimmer war eine der Ärztinnen wieder zugange. Offenbar wurden die Herztöne des noch ungeborenen Babys überprüft und ein Ultraschall gemacht. Ich setzte mich auf den Sessel abseits vom Bett.
„Wie sieht es aus?“, hörte ich Svetlana leise fragen, „Liegt sie noch falsch?“ Dabei klang sie mehr als besorgt. In mir regte sich augenblicklich das Mitgefühl und der Drang hier abzuhauen wurde ein wenig schwächer.
Die Ärztin gab darauf ein paar beruhigende Sätze von sich, bevor ihr Blick auf mich fiel. „Ihr Mann kann Sie da sicher auch unterstützen“, sagte sie. Ein weiterer Blick zu mir und ein Lächeln. „Nicht wahr? Sie helfen Ihrer Frau wo es nur geht, nicht?“
Ich wollte den Mund aufmachen, überlegte, ob sich das wirklich lohnte. „Eigentlich sind wir nicht verheiratet“, sagte ich dann doch. Egal, ob das Svetlana gefallen würde oder nicht, ich musste das richtigstellen. „Svetlana und ich sind befreundet. Nichts weiter. Sie…wollte nur, dass ich komme. Als…Unterstützung.“
Die Ärztin lächelte. „Das ist noch besser. Solche Freunde braucht man.“ Sachte drückte sie Svetlanas Hand, „Wenn etwas sein sollte sagen Sie bitte Bescheid. Ich werde Ihnen später noch einmal die Hebamme vorbeischicken.“ Knapp verabschiedete sie sich auch von mir, bevor sie aus dem Zimmer ging.
Ich schluckte den Bissen des Brötchens im Mund herunter. „Alles okay? Was macht das Baby?“
„Liegt noch falsch, aber das könnte sich noch ändern. Wenn nicht, wird nachgeholfen.“ Sie stand auf, „Ich soll ein wenig laufen, um die Wehen zu fördern. Würdest du mitkommen?“ Meinetwegen. Ein wenig Bewegung brachte mich nicht um und ehrlichgesagt war ich auch froh dieses Zimmer kurz verlassen zu können.

Wir liefen ein paar Runden über den Flur, besahen uns die Bilder der Neugeborenen an den Wänden und kehrten zurück ins Zimmer. Wo Svetlana eine erneute Wehe überrollte und sie sich schwer atmend wieder aufs Bett setzte.
Ich beschloss, sie eine Weile in Ruhe zu lassen und widmete mich den zwei Brötchen. Inzwischen knurrte der Magen wirklich vor Hunger und ich ahnte, dass ich hier noch ein paar Stunden zubringen musste.
Die Zeit verstrich. Ich checkte meine Mails. Zoran hatte mir tatsächlich eine Liste von Ideen für mögliche Lindemann-Videos geschickt, die er wohl mit Peter ausgearbeitet hatte. Dafür hatte ich jetzt am wenigsten Nerven und demzufolge erhielt er darauf heute eben keine Antwort. Morgen vielleicht. Wenn das mit der Geburt sich nicht noch länger hinzog.
Zwischenzeitlich schaute die Hebamme immer mal wieder nach uns, eine freundliche, ruhige Frau mit angenehmer Stimme. Mir war sie sofort sympathisch, auch, wenn die Nachricht, dass ich nicht der Ehemann sei, nicht bei ihr angekommen zu sein schien. Ich verzichtete angesichts der Umstände sie deswegen zu korrigieren.
„Sie können auch etwas tun“, meinte die Hebamme, als es nach drei weiteren Stunden langsam auf den Abend zuging, „Entspannung ist wichtig. Eine Massage oder vielleicht gibt es Musik, die Sie beide oft zuhause gehört haben? Das kann helfen. Oder auch Singen.“
Ich sah Svetlana lächeln und ahnte bereits was ihr da im Kopf schwebte. Oh nein, ganz bestimmt nicht. „Das trifft sich gut“, meinte sie in Richtung Hebamme, „Till und ich sind zufälligerweise beide Berufssänger.“
„Noch besser“, freute sich die Hebamme, „Sicher fällt Ihnen da ein schönes Stück ein.“
„Ich singe hier bestimmt nicht was von meinen Sachen, das kannst du vergessen“, zischte ich, als wir alleine waren, „Willst du wirklich, dass dein Kind mit solchen Liedern wie Bück dich aus deinem Bauch flutscht?“ Nicht, dass ich ernsthaft in Betracht gezogen hätte das jetzt zu singen.
Sie lachte nur. „Das nicht, bloß nicht“ Ein weiteres amüsiertes Glucksen folgte, „Wir könnten auch nur summen, was hältst du davon?“ Meinetwegen.
Mir fiel dann auch prompt eine einfache Abfolge von gesummten Tönen ein, die ich jedes Mal mit meinem Vocalcoach bei den Gesangsstunden absolvierte.
„Komm ein wenig näher an den Bauch, damit die Kleine dich hört“, meinte Svetlana behutsam. „Schau an“, flüsterte sie da, als ich also ein Stück näher gerückt war, „Sie bewegt sich. Sie mag es, wenn du summst, Till.“ Ohne Vorwarnung fasste sie nach meiner Hand und platzierte sie auf ihrem nackten Bauch. „Kannst du es fühlen?“
Total überrumpelt wollte ich die Hand schon wieder wegziehen, aber hielt inne, als ich den Tritt spürte. Das Baby trat und tobte um sich und war offenbar bestens gelaunt. Was für ein Moment und kurz fühlte ich mich zurückversetzt in die Zeit wo meine beiden Töchter geboren wurden. War das nicht mindestens genauso magisch gewesen?
„Sieht so aus als hättest du eine kleine Musikerin im Bauch“ Ich nahm die Hand jetzt doch wieder weg, „Singst du ihr oft vor?“ Svetlana nickte knapp und streichelte den Bauch.
„Und…es wird also ein kleines Mädchen?“, fragte ich, rein aus Höflichkeit und vielleicht interessierte es mich auch ein wenig, „Hast du schon einen Namen?“
„Zwei sind in die engere Auswahl gekommen. Allerdings möchte ich mich erst endgültig festlegen, wenn ich die Kleine sehe. Entweder soll sie Raisa heißen. Oder Tilda, das steht noch nicht fest.“ Tilda? Ich runzelte die Stirn.
„Tilda?“, fragte ich nach, „Du willst deine Tochter also vielleicht Tilda nennen? Nach mir?“ Konnte das wirklich sein?
Svetlana schüttelte den Kopf. „Ich mag den Namen“, meinte sie bloß, „Mit dir hat das nichts zu tun.“ Na dann. Glaubte ich ihr das mal, obwohl mir das schwerfiel.
Ich streckte die Arme lang und unterdrückte ein Gähnen. Inzwischen war es fast elf und ich war geschlaucht von dem Tag.
„Bist du müde?“, hörte ich es von Richtung Bett fragen. Svetlana hatte sich ein Kissen in den Rücken gestopft, damit sie aufrechter saß und blätterte eine Zeitschrift durch. An der Art, wie sie schaute befürchtete sie offenbar, dass ich sagte ich würde jetzt zurück ins Hotel fahren und erst morgen wiederkommen. Halb wollte ich das ja auch.
„Es geht“ Ich rieb mir die Schläfen, „Eine Runde Schlaf täte gut. Es war ein langer Tag.“ Das Bett im Hotel war so weich gewesen, die Laken so sauber und nach frischer Wäsche duftend. Der Drang sich in eben diese Laken fallen zu lassen und die Augen zu schließen war fast zu groß.
Trotzdem wollte ich Svetlana nicht alleine lassen, obwohl sie hier wohl in einer der besten Geburtskliniken des Landes war. Und vielleicht brauchte man mich doch nochmal. Ja, vielleicht wurde mir die Ehre zuteil nach der Geburt die Nabelschnur durchzuschneiden. Bei dem Gedanken wurde mir schlagartig ganz anders.
Wieder rieb ich mir über die Schläfen und die Augen. „Ich bleibe aber hier, okay? Notfalls schlafe ich eine Runde im Sessel. Ist ja nicht das erste Mal, dass ich in sitzender Position schlafe.“
„Danke“ Ein erleichterter Ausdruck glitt über ihr Gesicht und sie vergrub die Nase wieder in der Zeitschrift.

Die Hebamme war so nett gewesen mir eine Decke zu organisieren, als sie mich in offensichtlicher Schlafposition im Sessel vorgefunden hatte. Eines der Elternschlafzimmer für die werdenden Väter war leider nicht mehr frei, ansonsten hätte ich auch problemlos dorthin umziehen können. Allerdings sah ich es Svetlana auch an, dass es ihr lieber war, wenn ich hierbliebe.
So versuchte ich mich in einer halbwegs bequemen Position und dämmerte langsam weg. Als ich wieder wach wurde, durch Geräusche und hektische Schritte im Zimmer, zog ein unangenehmer Schmerz durch meinen Nacken.
Mir den Nacken reibend drehte ich den Kopf. Am Kopfende des Bettes stand die Hebamme, zusammen mit der Ärztin. Ich warf einen Blick auf die Funkuhr an der Wand. 03:40 Uhr. Ein paar Stunden Schlaf hatte ich geschafft.
„Ist alles in Ordnung?“ Langsam kam ich auf die Füße und trat in Richtung Bett. Svetlana atmete schwer und schien allgemein wohl gerade mit sich selbst beschäftigt, weswegen ich meinen Blick auf Ärztin und Hebamme richtete.
„Oh, wir können zufrieden sein“ Die Ärztin schaute auch so und nickte mir zu, „Das Baby liegt inzwischen richtig und die Fruchtblase ist geplatzt. Das heißt…“
„Es geht los“, beendete ich ihren Satz. Oh Gott. Verspürte ich da etwa Angst? Und war es nicht Svetlana die Angst haben musste, nicht ich?
Ich spürte, wie mir am Körper der Schweiß ausbrach und das wurde nicht besser, als uns die Ärztin alleine ließ. Jetzt lag offenbar alles nur noch in den Händen der Hebamme. Und, scheiße, aber womöglich auch in meinen.
Denn die gute Frau Geburtshelferin wollte mich wieder zum Mithelfen animieren. „Vielleicht wechseln wir erstmal die Position. Auf die Seite, was halten Sie davon?“, fragte sie Svetlana, der es wahrscheinlich egal zu sein schien, aber sie half mit sich auf die Seite zu drehen. „Soll ihr Partner vielleicht ein wenig massieren? Das entspannt, Sie werden sehen.“ Natürlich nickte Svetlana, als hätte ich es geahnt.
Ich setzte mich also hinter sie auf die Bettkante und fing an, sachte über ihren nackten Rücken zu fahren. „Ist es…so gut?“, fragte ich zögerlich und kam mir dabei unglaublich bescheuert vor. Allgemein war mir die ganze Rolle als Geburtshelfer eher zuwider, aber da musste ich durch.
„Danke“, kam es da leise von ihr und tatsächlich rutschte sie noch ein Stück in meine Richtung, um meinen Händedruck stärker an ihrem Rücken zu spüren, „Das tut sehr gut.“
Ich machte also weiter. Massierte eine ganze Weile kreisend und mit mehr oder weniger Druck ihren Rücken und die Schultern. Kam mir dabei immer noch bescheuert vor, aber es schien ihr zu helfen. Das ein oder andere Mal entlockten ihr die Streicheleinheiten sogar ein erleichtertes Ausatmen.
Doch irgendwann halfen selbst die lieb gemeintesten Streicheleinheiten nicht weiter. Offenbar rollte erneut eine Wehe über Svetlana hinweg, denn sie verkrampfte sich und fauchte mich dann an ich solle sie in Ruhe lassen. Rasch zog ich mich also zurück.
„Das ist normal bei der Übergangsphase“, bemerkte die Hebamme fachmännisch und es gelang ihr sogar noch, mir einen beruhigenden Blick zu zuwerfen, „Ihre Frau ist nun gefühlt fertig mit der Welt. Wundern Sie sich nicht, wenn sie ausfallend wird.“
Gegen Wut und Beschimpfung gab es offenbar auch noch ein Heilmittel, denn die Hebamme begann die Wanne in der gegenüberliegenden Zimmerecke zu befüllen.
Ich wandte den Blick ab, als Svetlana begann sich das Krankenhaushemd und die Unterwäsche auszuziehen. Die Hebamme schien das zu verwundern. „Als hätten Sie Ihre Frau noch nie nackt gesehen“, meinte sie halb im Scherz. Dass sie fast richtig damit lag konnte sie ja nicht ahnen.
Wir halfen Svetlana in die Wanne und ich versuchte wieder nicht so offensichtlich zu starren, sondern mich nur auf ihr Gesicht zu konzentrieren, das von gequält zu entspannt und wieder zurück wechselte.
So verharrte ich einige Zeit, vor der Wanne sitzend, bis auch das Svetlana zu reichen schien. Es würde zurück auf die Matratze gehen, denn so wie sie sich anhörte ging es nun tatsächlich los.
Und das zerrte auch an meinen Nerven. Wenn sie sich wenigstens für eine Position entschieden hätte, dann hätte ich das vielleicht locker mit ihr durchgestanden. Aber nein. Das Liegen war ihr erneut zuwider. Vom Liegen ging es ins Stehen, wo sie die Finger in meinen Arm krallte, schön in die vernarbte Haut und das tat weh. Zwischendurch versuchte die Hebamme ihr die richtige Atmung vorzumachen. Wundersamer Weise war ich hier mal wieder der Schlüssel zur Besserung, denn als sie wieder lag und ich meine Hände auf ihrem Bauch platzierte und anfing mit ihr gemeinsam zu atmen, klappte es besser.
Unter Schreien und Beschimpfungen von Svetlanas Seite aus kamen wir vorwärts. Immer, wenn sie mir eine erneute Beleidigung an den Kopf warf verfluchte ich insgeheim ihre Familie und Verwandte, dass keiner von ihnen heute meinen Platz einnehmen konnte. Die würden was von mir zu hören kriegen, sollten wir je einmal aufeinandertreffen.
„Oh, ich kann ihn schon sehen…Den Kopf! Das kleine Köpfchen guckt schon raus!“, ereiferte sich die Hebamme da und riss mich aus meiner Schockstarre. Waren das nicht fantastische Neuigkeiten?
Svetlana schien das egal zu sein, vielleicht hatte sie die Worte auch nicht gehört. Ihre Hand grub sich ein weiteres Mal in meine Handfläche und ich drückte zurück, so ermutigend und kräftig wie ich konnte.
Am Bettende feuerte die Hebamme die werdende Mutter weiter an, während Svetlana keuchte, atmete und weiter fluchte.
Dann trat Stille ein. Die Hand, die mich noch bis eben umklammert hatte ließ mich los. Ein Ausatmen folgte und es klang, als fiele die Anspannung im Raum schlagartig ab.
Der Schrei des neugeborenen Babys zerriss die Luft, ich zuckte zusammen. Die Hebamme kümmerte sich am Bettende um das Neugeborene, das schrie und schrie. „Was für eine Stimme!“ Die Hebamme lachte und wickelte das Baby vorsichtig in ein Tuch, „Und meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum Mädchen!“ Damit überreichte sie Svetlana vorsichtig das Baby-Bündel in ihren Armen.
Mein Blick streifte Baby und frischgebackene Mutter nur kurz. Und während die Hebamme sich daran machte während der Nachgeburt Unterstützung zu leisten, stand ich auf. Das Herz pochte, gleichzeitig war ich mit den Nerven am Ende und das Adrenalin flaute ab. Ich brauchte eine Zigarette.
Rasch schnappte ich mir meine Jacke. Und tat das für mich im Moment einzig richtige: Ich haute ab.
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Und hier Prolog Nummer 2, obwohl es für einen Prolog vielleicht schon ein wenig zu lang ist. :D
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen. Wahrscheinlich werde ich ab jetzt im Zwei-Wochen-Rythmus updaten, damit ich zwischendurch weiter Kapitel vorschreiben kann und es nicht zwischendrin stockt.
Bis dann.
 
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