Patchworkfamilie

GeschichteRomanze, Familie / P18
Till Lindemann
15.08.2020
05.09.2020
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15.08.2020 1.478
 
Die Ukraine hatte nicht gewonnen.
Svetlana war genau elf Plätze an Platz eins beim diesjährigen Eurovision-Song-Contest vorbeigeschrammt. Aber nichts für ungut. Mir kam der Gedanke, dass es wirklich schlechteres geben konnte als einen zwölften Platz, mit 76 Punkten.
Feiern allerdings konnte man das allemal.
Und mit Feiern schien das Gewinnerland Norwegen schon gut losgelegt zu haben. Als ich zusammen mit Anar und einem Pulk anderer feierwütiger Gäste das Moskauer Kempinski-Hotel betrat flutete einem bereits Lärm entgegen und sogar die Deko war bereits auf das Siegerland abgestimmt. Große Banner der Norwegischen Flagge an den Wänden. Sicher hatten die auch das Büffet mit so kleinen Fähnchen zugeflastert.
„Auch was zu saufen, Till?“ Anar stupste mich in die Seite, „Und dann würde ich sagen wir stoßen an, was? Auf einen guten zwölften Platz der ukrainischen Nachbarn.“
Ich hob zustimmend einen Daumen und spürte wie ich mich langsam aber sicher entspannte. Man sollte kurz vor einem Abflug keinen Streit mit seiner jüngsten Tochter anfangen, da fühlte man sich gleich extra mies bei. Ich würde Marie Louise nachher einfach schreiben. Vielleicht nahm sie ja dann ihre Androhung, zu ihrer Mutter zu ziehen, doch wieder zurück. Junge Heranwachsende waren manchmal eben stimmungstechnisch wie ein Fähnchen im Wind. Und ich wollte nicht zugeben, dass ihre Worte und Beleidigungen, die sie mir heute Morgen vor dem Flug nach Moskau an den Kopf geworfen hatte, mich verletzten. Niemand hörte so etwas gerne von den eigenen Kindern.
Ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit tauchte in meinem Blickfeld auf und ich nahm es Anar ab. Trank einen Schluck, auf dem Weg zu noch mehr Entspannt- und Gelassenheit. Und beschloss, den Streit mit meiner Tochter nicht mehr zu eng zu sehen. Sie würde sich wieder einkriegen. Ganz sicher.
Ich schickte einen weiteren Schluck Alkohol die Kehle hinunter und folgte Anar, der begann sich durch die Menschen zu schieben. Immerhin suchten wir ja unsere Zwölftplatzierte.
Suchen brauchten wir wenigstens nicht lange. Svetlana tauchte aus einer Traube von Menschen auf und wirkte erfreut, als sie uns sah. „Meine zwei Supporter Nummer eins, was?“ Sie lächelte uns zu.
„Stets zu Diensten“ Anar lachte, bevor er sie kurz in die Arme schloss, „Ein zwölfter Platz ist gut. Nächstes Mal fegst du sie alle weg.“
Ihr Blick richtete sich jetzt auf mich. „Schön, dass du es doch noch geschafft hast, Till. Das wirklich.“ Sie schien sich wirklich zu freuen, dass ich hier war und ihren Auftritt für ihr Heimatland mitangeschaut hatte.
„Gerne doch. Man muss dich als ein jahrelanger Freund doch unterstützen.“ Wie schön, dass man nicht von allen Frauen in seinem Umkreis gehasst wurde, obwohl ich sicher überreagierte. Wie gesagt, Marie Louise würde sich schon wieder einkriegen.
Zum zweiten Mal an diesem Abend spukte mir der Streit mit meiner Tochter im Kopf herum und ich hob rasch das Glas in meiner Hand hoch. „Also, stoßen wir an?“
Die Versorgung mit weiterem Alkohol war rasch gesichert und das Anstoßen ging genauso schnell vonstatten. Anar hatte in der Menge irgendwelche Bekannte entdeckt und verzog sich nach einer Weile. Gut, das überraschte mich nicht, so viele Leute wie der Typ kannte.
Ich blieb mit Svetlana also allein zurück. Und auf dem Büfett fanden sich tatsächlich einige norwegische Fähnchen, wer hätte das gedacht. Ich nahm einen weiteren Schluck Alkohol.
Und so langsam aber sicher legte sich eine gewisse Gleichgültigkeit über die Dinge. Der Streit mit Marie Louise beherrschte nicht länger meinen Kopf und irgendwie war mir im Moment also alles egal. Die Musik war erträglich. Svetlana hatte sich in meine Richtung gebeugt und ich spürte ihren Atem an meinem Ohr, nur den Inhalt verstehen wollte mein Gehirn dann doch nicht. Hatte sie überhaupt etwas gesagt? Auf jeden Fall fiel mir auf, dass sie einen angenehmen Geruch verströmte. Ich war mit Sicherheit schon zu besoffen, ansonsten wäre mir das bestimmt nicht aufgefallen. Sah ihr entgegen und stellte mir vor, wie sich meine Hände an ihre Seiten schmiegen würden, mein Mund sich einen Weg über ihr Kinn und zu den Brüsten bahnen würde. Ich war definitiv zu besoffen.
Oder war es nur das Verlangen nach Ablenkung und sinnlosem Vögeln, weshalb ich auf einmal an Sex dachte? Irgendwie bekam mein Kopf gerade nichts mehr vernünftig auf die Reihe.
Ich sah, wie Svetlana mich musterte. Wie ihr Blick zu meinem Gesicht glitt. Und dann streiften ihre Finger kurz meine Hand. „Wollen wir uns verziehen?“, fragte ich zögerlich. Vielleicht hatte sie keinen Bock auf einen One-Night-Stand. Schon gar nicht mit mir.
Sie umschloss jetzt wieder meine Hand. „Ich muss das Adrenalin von vorhin loswerden“ Sie lächelte mir zu und ich war ehrlichgesagt überrascht, dass wir offenbar ausgerechnet jetzt in die gleiche Richtung dachten. In meinem Bauch machte sich ein ungutes Gefühl breit, aber ich ignorierte es. Wir würden Sex haben und danach weitermachen wie bisher auch. Außerdem, was gab es schöneres als einen zwölften Platz zu feiern?

Den Lärm und die Partygäste ließen wir also hinter uns. Stiegen in den Fahrstuhl und augenblicklich breitete sich die Stille aus. Keine Fahrstuhlmusik als Untermalung.
Stumm liefen wir auch nebeneinander her, als wir aus dem Fahrstuhl gestiegen waren und den Flur entlanggingen.
Im Zimmer schob ich die Tür zu und drehte mich wieder um. Sah Svetlana entgegen, nicht sicher, wie sich das ganze nun gestalten sollte. Sie war mitgekommen. Mein besoffenes Gehirn wollte mit ihr schlafen, Ende der Diskussion. Und all meine letzten Zweifel verschwanden. Ich überbrückte die letzten Meter. Ließ eine Hand an ihren Hinterkopf gleiten. Merkte, wie sie bereitwillig den Mund öffnete, mich küsste. Dann schlang sie die Arme um meinen Hals.
Vielleicht hätte ich mir Zeit nehmen sollen, um all das hier vernünftig zu genießen. Einen Moment innehalten, nachdem wir unsere Sachen losgeworden waren. Ihren Blick beobachten, wie die dunklen Augen über meine Brust wanderten, jede Schramme, jede Narbe registrierten. Die Hände, die über meine Schultern strichen.
All das nahm ich zugegebenermaßen nur am Rande war. Dafür registrierte ich den leichten Geschmack nach Alkohol auf ihren Lippen, küsste ihr Kinn, wanderte den Hals hinunter bis zum Schlüsselbein. Keuchend vergrub sie nur fester die Finger in meinen Haaren.
Ich wanderte weiter, nahm eine der Brustwarzen zwischen die Lippen, die sich steif gegen meine Finger reckten. Gott. Spürte, wie sie ihr Becken anhob und für einen weiteren kurzen Moment bedauerte ich es wirklich, dass das hier wahrscheinlich relativ schnell wieder vorbei sein würde.
Und ich sollte recht behalten. Sekunden später hatte sie mich in sich aufgenommen, warf den Kopf in den Nacken. Und kam.
Ich kurz danach. Bevor ich mich rasch von ihr herunterrollte und Luft holte. Vielleicht wäre ich gerne noch ein paar Worte losgeworden, aber neben mir richtete sich Svetlana bereits auf und fing an ihre Sachen einzusammeln. Ohne ein Wort verschwand sie ins Bad, wahrscheinlich um sich den Sex notdürftig vom Körper zu waschen.
Ich rieb mir das Gesicht und setzte mich dann ebenfalls auf. Das Wasserrauschen setzte aus und ich sah Svetlana aus dem Bad kommen. Sie steckte wieder in ihren Sachen, auch wenn ihr Erscheinungsbild nicht mehr so ganz akkurat und zurechtgemacht aussah wie vorhin.
„Willst du ein Glas Wasser, oder so?“, fragte ich, „Du kannst noch hierbleiben, wenn du magst.“ Das entsprach wahrscheinlich nicht ganz den Regeln eines One-Night-Stands, aber irgendwie wollte ich sie noch nicht ganz gehen lassen. Ja, vielleicht schwebte mir sogar noch eine Runde zwei vor. Das hier war viel zu schnell vorbei gewesen.
Sie legte leicht den Kopf schief. Musterte mich, sah mir eine Weile stumm in die Augen. „Danke für deine Fürsorge, Till, aber ich denke ich verzichte. Genauso wie auf eine zweite Runde, weil du schon wieder so schaust, als könntest du nicht genug kriegen.“ Sie lächelte. Als blicke sie spielend leicht in meinen Kopf, an den verzweigten Gehirnwindungen vorbei. Sicher. Man sah es mir wohl an, dass ich an eine Runde zwei gedacht hatte.
Dann ging sie. Blieb an der Tür nochmal stehen, strich sich eine blonde Haarsträhne hinter die Ohren und warf mir einen letzten Blick über die Schulter zu. Bevor sie endgültig weg war.

Ich ging ins Bad. Wusch mir das Gesicht, putzte die Zähne. Dann schlüpfte ich in meine Schlafsachen, schob mich unter die Bettdecke und dämmerte weg. Träumte nichts, auch nicht von Svetlanas nacktem Körper an meinem, obwohl das sicher Potenzial für einen erotischen Traum gehabt hätte.
Der Nachrichtenton weckte mich. Langsam richtete ich mich auf, griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und brauchte einige Zeit, bis ich die Uhrzeit lesen konnte, die mir das Display entgegenleuchtete. 10:03 Uhr. Meine Güte. Ich hatte ewig nicht mehr so lange geschlafen.
Dann die eingegangene Nachricht. Ein schlichtes „Es tut mir leid, Papa. Können wir reden?“ von Marie Louise.
Wenigstens etwas Positives.
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Hallo und Willkommen zu meiner nun bereits dritten Till Lindemann-FF, die sich dieses Mal neben Till mit der ukrainischen Sängerin Svetlana Loboda befasst. Ich hoffe, das erste Kapitel hat euch gefallen und ich freue mich über Rückmeldung.