Lost

KurzgeschichteFantasy / P12
Azriel Cassian Feyre Archeron Morrigan (Mor) Rhysand
14.08.2020
14.08.2020
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Blut klebte an meinen Händen. Der Schrecken kroch durch meine Glieder als ich ihn dort hängen sah.
Sie hatten uns vom Himmel geschossen und wir waren gefallen, so tief gefallen. Doch er hatte einen Käfig um mich gebildet, einen Schutzwall aus seinem Körper, der alle Pfeile abfing, die auf uns niederregneten. Nachdem er mich in Sicherheit gebracht hatte und es in unserer Verbindung still geworden war, hatte ich mit seinem Tod gerechnet und war losgestürmt, um ihn zu suchen. Ich hatte von einem Ort zum nächsten den Wind geteilt bis ich ihn endlich in einer Höhle erreicht hatte. Seine Entführer tötete ich, schnell und ohne Reue, denn dieses Mal waren sie nicht unschuldig; dieses Mal hatten es alle verdient zu sterben.
Doch ich war zu spät, zu untrainiert. Ich hatte einen übersehen und dieser stand nun bei ihm mit einem Schwert in der Hand und einem teuflischen Grinsen auf den Lippen. Ich war wie gelähmt. Der Angreifer hob das Schwert und ließ es auf den wehrlosen Körper niedersausen. Das Geräusch von reißendem Gewebe und Sehnen, die sich gegen das Geschehen wehrten, erfüllte meine Ohren. Es geschah wie in Zeitlupe, doch in Wirklichkeit vergingen nur Sekunden. Schreckliche Sekunden, die mein Blut in den Adern gefrieren ließen. Als der dumpfe Aufprall ertönte, kam wieder Leben in meinen Körper; er reagierte wie ferngesteuert. Ich teilte den Wind und metzelte den Angreifer nieder.
Mit zitterndem Atem drehte ich mich um. Meine Schritte erzeugten ein platschendes Geräusch in dem Blut in dem ich stand; in seinem Blut. Ohne wirkliche Kontrolle über meinen Körper begann ich die Fesseln aus dem sich so falsch anfühlenden Material zu lösen. Die Last seines bewusstlosen Körpers drohte mich niederzudrücken als er schlussendlich frei in meine Arme fiel. Ich schaffte es, ihn zu halten. Ich wusste wir mussten so schnell wie möglich fliehen, zurück zum Camp, wo die anderen auf uns warteten. Doch der Weg war so weit und die Suche nach ihm hatte schon an meinen Kräften gezehrt. Aber ich war unsere einzige Möglichkeit hier raus zu kommen; er konnte uns nicht zurückbringen. Also riss ich mich zusammen. Ich teilte den Wind. Stück für Stück brachte ich uns näher zum Camp. Mit jedem Stück fiel es mit schwerer, doch irgendwoher nahm  ich die Kraft uns in das Haus im Camp zu bringen, wo wir unsanft gegen den Tisch stießen als ich bei der Ankunft unter seinem Gewicht zusammenbrach.

„Was?“, stieß Mor aus als sie von ihrem Stuhl aufsprang und unsere blutüberströmten Körper betrachtete. „Oh mein Gott.“, flüsterte Cass, der die Situation mit einem Blick erfasst hatte. Mor atmete zischend ein, als auch sie bemerkte, was geschehen war. „Wir wurden vom Himmel geschossen. Sie nahmen ihn mit und...“, meine Stimme brach. Ich konnte es nicht aussprechen. „Ich bringe ihn ins Schlafzimmer. Holt einen Heiler. Sofort.“ Cassian wechselte in den Kriegermodus und hob Rhys hoch. Vorsichtig und doch voller Entschlossenheit. Mor verschwand in sekundenschnelle und war genauso schnell wieder da. „Die Heilerin ist in fünf Minuten hier.“, sagte sie und folgte Cass ins Schlafzimmer. Ich traute mich kaum auch dort hin zu gehen, doch seine Stimme brachte meine Beine zum Laufen.
„Feyre.“, hauchte er mit geschlossenen Augen: „Wo?“ „Ich bin hier. Ich bin bei dir.“, sagte ich schnell und nahm seine Hand in meine. Ein zartes lächeln stahl sich auf sein Gesicht, bevor sein Kopf wieder zur Seite fiel und er erneut bewusstlos wurde. Cassian fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare, lief auf und ab und verzog schmerzerfüllt jedes Mal sein Gesicht, wenn er auf den Körper auf dem Bett schaute. Mor, die auf der anderen Seite des Bettes stand, war kreidebleich im Gesicht.

Keine fünf Minuten später kam eine kleine Frau ins Zimmer geeilt. Allerhand Utensilien hatte sie sich unter ihre Arme geklemmt. Sie breitete alles auf dem Boden neben Mor aus und schaute dann erst ihren Patienten an. Die Gesichtszüge entglitten ihr kurz, doch nach einem kurzen Räuspern brachte sie sich wieder unter Kontrolle und begann ihre Arbeit. Zunächst machte sie sich an die verbliebenen Pfeile, die noch in Oberkörper und Armen steckten. Ohne Umschweife zog sie sie heraus, was beim ersten Mal einen Aufschrei meinerseits verursachte. „Keine Sorge. Im Moment spürt er nichts und je schneller die Pfeile draußen sind, desto besser.“ Ich nickte ihr zu, auch wenn sie mich nicht anschaute, sondern einfach mit dem weiter machte, wofür sie hier war. Az traf ein als sie den letzten, der vier Pfeile aus seinem Körper zog. Ein kurzer Blick reichte und auch Azriel schien alle Farbe zu verlieren. Cass trat zu ihm und beide sahen sich einen kurzen Moment lang an. Ein Kopfschütteln von Cassian folgte und ihre sorgenvollen Blicke wandten sich wieder dem Bett zu. „An den Pfeilen ist Gift.“, murmelte die Heilerin und roch kurzerhand an einer der Pfeilspitzen. Wissen leuchtete in ihren Augen auf und nur kurze Zeit später hatte sie eine Spritze in der Hand. „Was ist das?“, fragte ich erschrocken und wollte sie schon aufhalten. „Das Gegenmittel.“, sie schien die unausgesprochene Frage in meinem Gesicht zu lesen: „Nach ein paar Jahren lernt man, wie verschiedene Gifte riechen.“ Sie machte weiter und kurz bewunderte ich sie für ihr Wissen. Gleichzeitig fragte ich mich aber auch, wie viele Male sie Gift behandeln musste, wenn sie so schnell ein Urteil fällen konnte. Ein Stöhnen erklang und sofort war meine Konzentration wieder bei Rhys, der langsam wieder zu Bewusstsein kam. „Ich werde ihm ein starkes Schmerzmittel geben. Dann kann ich ihn weiter untersuchen und er schläft währenddessen.“ Wir alle nickten. Es war wohl besser, wenn er erst einmal nichts mitbekam. Nach einer weiteren Spritze lag Rhys so ruhig wie vorher da. „Könnten Sie ihn drehen? Ich muss es mir angucken.“, sagte die Heilerin leise und blickte Cassian und Azriel an. Beide nickten und traten vor. Sie fassten ihn einer an den Schultern und einer an der Hüfte. Langsam drehten sie ihn auf die Seite und hielten ihn dort fest. Beide schienen den Atem anzuhalten bei dem Blick, der sich ihnen bot. Mir drehte sich der Magen um und ich musste meinen Blick senken. Zwei schwarze kurze Stümpfe ragten nur wenige Zentimeter aus Rhys Rücken, dort wo vorher noch seine Flügel gewesen waren. Diese mächtigen fledermausartigen Flügel waren jetzt fort. Abgeschnitten mit einem Schwert. „Weiß jemand, wo sie sind?“, fragte die Heilerin und ich horchte auf. Ich nickte. „Holt sie. Ich kümmere mich um die Wunden in der Zeit.“ Mit einem Blick zu Mor stand ich auf. Gab es vielleicht doch noch Hoffnung?

Mor folgt mir aus dem Zimmer. Ich erklärte ihr ungefähr wo wir gewesen waren und sie schien augenblicklich zu wissen, um welche Höhle es sich handelte. Ich griff ihre Hand und sie teilte den Wind, schaffte es mit einem Schritt uns dorthin zu bringen.
Wir beide lauschten angestrengt auf unsere Umgebung als wir uns Schritt für Schritt in die Höhle vorwagten. Nichts war zu hören. Ein Blick reichte, um zu sehen, dass niemand hier gewesen war. Die Leichen lagen noch so da, wie ich sie zurückgelassen hatte und ganz hinten in der Höhle fanden wir, was wir suchten. Mor erschauderte bei dem Anblick der zwei mächtigen Flügel auf dem Boden und dem vielen Blut, dass sich rundherum gesammelt hatte. Ohne zu zögern nahm jeder von uns einen Flügel und Mor teilte sofort den Wind, um zurück ins Camp zu gelangen.

Dort angekommen geschah etwas, das ich nie für möglich gehalten hatte. Als wir in Zimmer schritten, jeder einen Flügel auf dem Arm, ließ Cass schlagartig Rhys los und eilte in die Ecke, ums sich dort in einen Mülleimer zu übergeben. Az schien noch blasser zu werden als er eh schon war und seine Flügel zuckten kurz hinter seinem Rücken.
„Legen Sie sie da hinten hin.“, kam von der Heilerin. Als sie die Hoffnung in meinem Blick sah, schüttelte sie aber den Kopf: „Ich kann sie nicht wieder anbringen.“ „Aber warum?“. Ich verstand nicht wieso wir sie dann holen sollten. „Flügel sind etwas Besonderes. Sie sollten nicht irgendwo vergessen herum liegen. So gern ich sie wieder anbringen würde, aber das übersteigt alles Mögliche. Im Normalfall ist es schon unmöglich, aber das Schwert war auch noch mit Gift getränkt.“ Sie machte eine kurze Pause: „Ich will ehrlich sein... Ich habe noch nie solche Wunden gesehen und ich sehe hier oft geschnittene Flügel.“ Klar, die Frauen bekamen die Flügel gestutzt. „Das Gift hat ganze Arbeit geleistet in solch großen Wunden. Etwas später und ich hätte auch mit keinem Gegenmittel mehr etwas tun können. Ein Pfeil kann nur eine kleine Menge in den Körper bringen, aber über solch eine große Fläche...“ Es war knapp gewesen, wurde mir klar, sehr knapp. Hätte mich meine Kraft verlassen, wäre er gestorben. Mir wurde wieder schlecht. „Ich verbinde jetzt alles und lasse Sie dann allein.“, erklärte sie und ergänzte: „Ich werde ein Beruhigungsmittel hier lassen. Ich denke es wird nötig sein, wenn er aufwacht und erkennt...“ Sie ließ den Satz verklingen, denn jeder verstand.

Kurze Zeit später verdeckte ein großer Verband große Teile seines Oberkörpers. Zumindest hatte die Blutung durch Gabe des Gegenmittels aufgehört. Zusammen hatten wir das Bettzeug gewechselt und ihn dann anschließend wieder daraufgelegt. Er lag nun auf dem Bauch, die grausamen Zeichen seiner Verletzung zu uns zeigend. Es war still seit die Heilerin gegangen war und wir die Flügel mit einer Decke abgedeckt hatten. Wortlos hatten wir gearbeitet und auf sein leises Atmen gelauscht. Dieses Atmen kam nun ins Stocken. Ein leises Stöhnen und er öffnete langsam blinzelnd die Augen.
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