Ambermoon  -  Das große Abenteuer von Lunselin

von Arnold
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
13.08.2020
28.09.2020
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13.08.2020 4.075
 
Disclaimer

Ambermoon ist ein Computerspiel der Firma „Thalion Software GmbH“ und wurde 1993 veröffentlicht. Ein Großteil der erwähnten Charaktere, sämtliche Orte sowie die Haupthandlung stammen aus dem Spiel und wurden damit nicht von mir erfunden. Aus meiner Feder stammt der Hauptcharakter Lunselin, die Persönlichkeiten seiner Freunde und Gefährten, die Interaktionen innerhalb der Gruppe, einige Nebenhandlungen sowie der Einblick in die Gefühlswelten. Die Geschichte dient reinen Unterhaltungszwecken und ich verdiene keinerlei Geld damit.


Spielbeschreibung

Bei Ambermoon handelt es sich um ein Fantasy-Rollenspiel. Man erstellt einen Helden und startet mit ihm ins Abenteuer, steuert ihn durch die Welt der Lyramionischen Inseln. Dort muss er Aufgaben erledigen, sogenannte Quests, die ihn dem Ziel des Spiels immer näherbringen. Hierfür, sowie für das Besiegen von Gegnern, gibt es Erfahrungspunkte, mit deren Hilfe man Stufen aufsteigen und mehr Lebenspunkte und Trainingspunkte sammeln kann. So verbessert man seinen Helden Schritt für Schritt in allen Fähigkeiten. Im Laufe der Zeit trifft der Held auf interessierte Leute, die sich seiner Gruppe anschließen möchten. Aus neun möglichen Gefährten kann man sich fünf Mitstreiter aussuchen, die man mitnimmt. Während man sich im Spiel genau überlegen muss, wen man mitnimmt und wen nicht, je nachdem welche Fähigkeiten man einsetzen möchte, gibt es diese Beschränkungen in meiner Geschichte natürlich nicht...


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TAG 1:  Ein Leben ändert sich

Hallo! Mein Name ist Lunselin. Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt: Der Name ist sehr... ungewöhnlich, aber meine lieben Eltern haben sich bestimmt etwas dabei gedacht, als sie mich so nannten. Es gibt sicher schlimmere Namen und ich habe mich inzwischen an ihn gewöhnt. Außerdem ist dieser Name während der letzten zwei Jahre auf den Lyramionischen Inseln bekannt geworden, und die Geschichte davon würde ich euch nun gern erzählen. Es ist die Geschichte meines Lebens, das so völlig anders verlaufen ist, als ich es erhofft hatte.

Alles begann an einem ganz gewöhnlichen Tag. Draußen entluden sich wie so oft die Wolken über der Spannenberger Insel, es war kalt und ungemütlich, und ich saß warm eingepackt in meinem Sessel, vertieft in eines der Bücher. Es hieß „Wunder unserer schönen Welt", und ich hatte es sicher schon ein halbes Dutzend Mal gelesen, doch war es noch immer eine faszinierende und lohnenswerte Lektüre. Alles war eigentlich wie immer, als sich von einem Moment auf den nächsten mein Leben komplett veränderte.

Ein schwacher Ruf ließ mich aufhorchen, also legte ich das Buch fort und ging ins Wohnzimmer. Dort stand das Krankenbett meines Großvaters, und er war es, der mich gerufen hatte. In den vergangenen Tagen hatte sich sein Zustand leider merklich verschlechtert, und wenn kein Wunder geschah, dann würde mein geliebter Großvater schon bald in Balas Reich des ewigen Schlafes eingehen. Qualvoll langsam hob und senkte sich seine Brust mit einem schauderhaften Röcheln, und seine Augen starrten ausdruckslos an die Decke.

Als er mich bemerkte, kehrte ein wenig Leben in die Augen zurück, doch der Versuch ein Lächeln auf seine Lippen zu bringen endete mit einem Hustenkrampf. Nachdem er sich halbwegs davon erholt hatte, flüsterte er leise: »Mein geliebtes Enkelkind Lunselin, tritt bitte näher und höre mir genau zu! Ich habe noch etwas, das ich dir erzählen muss, bevor ich in Balas Reich eintrete...« Erschöpft senkte er die Lider, bevor er hinzufügte: »Ich möchte dir eine Geschichte erzählen und dir danach eine Queste überantworten.«

Ich trat näher ans Bett, um meinen Großvater besser zu verstehen, und sah wie sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte. Seine Wangen waren aschfahl und eingefallen, die Lider seiner Augen waren zu einem engen Schlitz zusammengepresst und zuckten leicht im Schein des Kaminfeuers. Sein Atem ging rasselnd und stoßweise und ich glaubte fast, über seinem Kopf bereits den gnädigen Schatten von Bala zu sehen.

Dann begann er zu erzählen: »Als ich so alt war wie du, habe ich eine große und schwere Queste zu bestehen gehabt. Deine Urgroßeltern waren kurz zuvor von marodierenden Orks getötet worden. Ein paar Tage nach der Beerdigung traf ich die Entscheidung auf Abenteuer zu gehen. Meine erste Aufgabe hatte ich mir beim Lordkanzler in Twinlake geholt, der ein kleines Problem in seinem Kanalisationssystem hatte. Als die Aufgabe erfolgreich abgeschlossen war, erzählte mir Karwain, der Lordkanzler, dass der graue Magier Shandra eine Aufgabe hätte und eine Gruppe von mutigen Leuten suche. Noch am gleichen Abend machte ich mich auf und ging zu Shandra. Was dann geschah, hast du sicher schon in den Geschichten und Liedern der Barden gehört. Nur dass ich der große Held war, habe ich dir nie erzählt, denn ich finde, dass man mit seinen Taten nicht prahlen soll. Der Grund, warum ich dir dieses jetzt erzähle ist, dass mir letzte Nacht in meinen Fieberträumen Shandra erschien. Die nebelhafte Erscheinung sagte mir, dass sich erneut eine dunkle Macht über das Land ausbreitet, die die Vernichtung Lyramions herbeiführen will.«

Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn zu einer Pause. Schließlich fuhr er fort: »Als ob der Absturz des dritten Mondes nicht schon genug Qualen und Elend über Lyramion gebracht hätte! Deine geliebten Eltern starben in dieser schrecklichen Katastrophe. Nur dich konnte ich gerade noch aus dem Feuermeer retten. Mein geliebtes Twinlake ging unter in Feuer und Wasser. Aber ich merke, dass ich abschweife, und ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Deshalb will ich mich beeilen, dir den Rest zu erzählen. Also, Shandra sagte, dass das Gute in unserer Familie stark sei und er dich ausgesucht habe, um Lyramion erneut zu retten. Du sollst dich auf den Weg machen und nach Newlake reisen, um mit ihm zu sprechen. Das Seltsame ist nur, dass Shandra vor über fünfzehn Jahren gestorben ist! Bei meiner Flucht aus Twinlake habe ich noch gesehen, wie er eine große Zahl von Leuten in Sicherheit teleportierte. Danach brach er dann völlig erschöpft zusammen. Entweder hat ihn diese Anstrengung getötet, oder aber der Mond, als er kurze Zeit später auf Twinlake stürzte. Aber offenbar kann auch der Tod seinem Wirken kein Ende setzen.

Ich glaube, dass dies kein Traum im üblichen Sinn war und ich glaube auch, dass etwas Fürchterliches im Gange ist. Daher bitte ich dich, diese Queste zu übernehmen und Shandra aufzusuchen. Geh nach Newlake und versuche dort mit ihm Kontakt aufzunehmen. Doch du sollst nicht unvorbereitet gehen! Merk dir das Wort „Wein“, und geh hinunter in den Keller. Das Wort brauchst du, um an dem alten Steinkopf vorbei in den Weinkeller zu kommen. Im Weinkeller befindet sich ein Schalter, der einen Zugang zu der Höhle in den Nordbergen öffnet. In den Tiefen dieser Höhle habe ich meine alte Ausrüstung versteckt. Alles, was du dort findest, kannst du für deine Queste benutzen. Nur ein kleines Stück Bernstein, das Shandra mir mit den Worten der ewigen Verbindung gab, das bringst du zu mir! Nun geh, und spute dich, denn ich sehe Balas Reich schon deutlich vor mir und kann nicht mehr allzu lange warten! Ach ja, nimm ein Messer aus der Küche mit, wer weiß, was sich mittlerweile in der Höhle eingenistet hat! Lunselin, bitte beeil dich, denn meine Zeit auf Lyramion neigt sich dem Ende zu! Ich werde dir nicht mehr helfen können, wenn ich in Balas Reich eintrete. Sei bitte hier, wenn es so weit ist!«

Ich schwöre euch, dass mir während seiner Rede heiß und kalt geworden ist. ICH sollte auf Abenteuer gehen? ICH sollte Lyramion retten? Na klar... Aber sicher... Meine gesamte, kleine, völlig unwichtige Welt war gerade zusammengebrochen, und ich war mal eben zum Retter von ganz Lyramion und all seiner Völker auserwählt und vorherbestimmt worden... Um zu erklären, warum das für mich so völlig unmöglich schien, muss ich seeehr weit ausholen. Also schnappt euch ausreichend Proviant, erledigt noch einmal sämtliche Bedürfnisse eures Körpers, und bereitet euch seelisch und moralisch darauf vor alle meine Geheimnisse zu erfahren.

Dass mein Name Lunselin ist, sagte ich bereits. Ich bin heute neunzehn Jahre alt, doch als mein lieber Großvater mich auf die Reise schicken wollte, da war ich gerade mal zarte siebzehn und ein kleiner, schmächtiger Junge. Während andere Kinder in meinem Alter draußen herumtollten, auf den Feldern halfen, mit Übungsschwertern fochten, sich einen Freund oder eine Freundin suchten oder sich anderweitig nützlich machten, war ich immer ein Bücherwurm und Außenseiter gewesen. Meine Tage bestanden für gewöhnlich daraus, in einem der vielen herrlichen Bücher aus unserem gut sortierten Bücherregal zu blättern, den Inhalt zu studieren und mir das Wichtigste daraus zu merken. Nicht mal für Mädchen interessierte ich mich, denn mein äußerst geringes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein flüsterte mir ständig zu, dass ich ohnehin keine Chance hätte. Es war ein reichlich trostloses und einsames Leben, wenn ich heute darüber nachdenke.

Vor allem einsam... Meine Eltern hatte ich bereits kurz nach der Geburt verloren. Sie hatten in Twinlake gelebt, jenem Ort, der vor knapp siebzehn Jahren vollständig von der zweitgrößten Katastrophe in der Geschichte Lyramions vernichtet worden war. Auch diese Geschichte möchte ich kurz erzählen, denn nach den gerade gehörten Eröffnungen meines Großvaters sah ich sämtliche Ereignisse, von denen ich selbstverständlich ausführlich in den Geschichtsbüchern gelesen hatte, in einem völlig neuen Licht.

Es war einmal ein kleiner, schwarzhaariger, böser Bube namens Tar. Das mit den schwarzen Haaren ist insofern erwähnenswert, als das wir Lyramioner zumeist blond sind oder zumindest andere helle Haarfarben haben, und auch Tars Eltern blonde Haare hatten. So war er früh zum Außenseiter geworden, noch schlimmer als ich es jemals war. Im Gegensatz zu mir verfügte Tar aber über ein unglaubliches magisches Talent, das sich schon sehr früh zeigte. Zwar wurde auch ich mit der Macht geboren, doch war ich zu Beginn meines Abenteuers überaus schwächlich und kannte noch nicht einmal einen einzigen Zauberspruch. Tar hingegen schien schon früh ein bedeutsamer Schwarzmagier werden zu können.

Tar wurde ausgebildet und durchlief sämtliche Prüfungen ohne Probleme. Als er jedoch einen mächtigen Dämon rufen und kontrollieren sollte, erschien der große Erzdämon Thornahuun und teilte ihm mit, dass niemand Geringerer als er Tars Vater sei. Zu Beginn glaubte der Junge ihm nicht, auch wenn es eindeutige Indizien dafür gab, wie beispielsweise die schwarzen Haare oder die gewaltige Zauberkraft, doch nachdem sich immer mehr Menschen von ihm abgewandt hatten, seine Lehrmeister ihn nicht mehr ausbilden wollten, sogar seine Freundin Mylneh nichts mehr mit dem abgehobenen und zunehmend größenwahnsinnigen Jungen zu tun haben wollte, da traf Tar die Entscheidung, seinem „Vater“ mal ordentlich in den Hintern zu treten. Der Kampf tobte lange, keiner von beiden erwies sich als stärker, bis sich Thornahuun schließlich aufgab und mit Tar zu einer einzigen Kreatur verband. So entstand Lord Tarbos, und seine erste Amtshandlung war es, sich zum neuen Gott des Chaos auszurufen.

Natürlich gab es Widerstand gegen diese Bedrohung: Zwölf mächtige Großmeister der Magie wollten Lord Tarbos vernichten und stellten sich ihm mutig in den Weg. Sie wurden zerschmettert… Das Land wurde zerstört, es gab Massaker in nie dagewesener Stärke und Grausamkeit. Der König Lyramions entschloss sich zu einer beispiellosen Gegenmaßnahme und entsandte seine dreizehn besten, noch verfügbaren Magier in die Feste Godsbane. An diesem heiligen Ort sollte, von den dort ansässigen Paladinen bewacht, mit Hilfe der Königstochter Mylneh ein mächtiges Ritual der Verbannung durchgeführt werden. Tarbos musste verschwinden, und der kleine rote Mond Lyramions schien als sein neues Zuhause bestens geeignet.

Natürlich bekam Lord Tarbos Wind von dem Plan, und so zog er gen Godsbane um ihn zu verhindern und ein Exempel zu statuieren. Eine Schneise der Verwüstung durchzog das Land, das damals noch nicht aus einer Vielzahl von Inseln bestand, sondern ein zusammenhängendes Festland war. Sämtliche Paladine wurden getötet, oder eher zerfetzt, bevor Tarbos schließlich Godsbane erreichte. Nichts schien ihn aufhalten zu können. Und dann geschah das Unfassbare: Als sich die verzweifelte Mylneh ihm in den Weg stellte, konnte Tar sie nicht umbringen, zu groß war die Liebe in seinem Herzen. Nur so konnte das Ritual vollendet werden, und der Gott des Chaos wurde mit Hilfe eines Artefakts in Sternform, dem zwölfzackigen Amberstar, tatsächlich in das Innere des roten Mondes verbannt. Der Amberstar wurde anschließend in seine dreizehn Bestandteile zerlegt und quer über Lyramion verteilt und verstreut. Das ist inzwischen einige hundert Jahre her und gilt als die größte Katastrophe, die unsere Welt jemals ereilt hat.

So weit, so gut? Leider nein, denn vor ungefähr 60 Jahren meldete sich Thornahuuns höllischer Dämonenbruder Bralkur bei einem mächtigen Magier namens Marmion. Bralkur hatte den Plan gefasst, Lord Tarbos aus seinem Kerker zu befreien und Marmion sollte sein Schwert sein, das sämtliche seiner Feinde auf Lyramion hinwegfegt. Zum Glück hatte der graue Magier Shandra von diesen Plänen erfahren und sich einen Helden ausgesucht, der zusammen mit seinen Freunden die wichtige Aufgabe bekam, Marmion zu stoppen und Bralkurs Pläne zu vereiteln. Zu diesem Zweck musste der große Held, dessen Name Thalion gewesen war, die dreizehn in alle Winde verstreuten Teile des Amberstar zusammensuchen und sich damit Bralkur entgegenstellen. Wer sonst sollte das tun, denn Marmion hatte inzwischen mit Sir Marillion auch den letzten Paladin vom Angesicht der Welt getilgt. Ja, es schien ganz so als wäre Bralkur unbesiegbar, und wenn er es wirklich geschafft hätte Tarbos zu befreien, dann hätte ich sicherlich niemals das Licht unserer schönen Sonne gesehen...

Doch zum Glück war jener Thalion ein sehr pfiffiger Held gewesen. Er hatte gute Freunde und tapfere Streiter um sich gescharrt, hatte ganz Lyramion bereist und ein Stück Amberstar nach dem anderen aufgetrieben. Da er die letzten Stücke nicht mehr finden konnte, musste er sich sogar in den großen Wasserstrudel westlich von Godsbane stürzen und sich die beiden fehlenden Teile aus dem unter der Oberfläche liegenden Reich von Vielauge holen. Von dort aus war noch nie zuvor ein Held zurückgekehrt und Thalion war der Erste, dem das gelang. Schließlich hatte er alle Teile gefunden, und es war ihm gelungen, erst Marmion und dann Bralkur zu bezwingen, und damit die Welt vor dem neuerlichen Sturz ins Chaos zu retten. Ganz Lyramion feierte Thalion und seine Gefährten als die größten Helden, die jemals auf unserer schönen Welt gelebt hatten.

Leider stellte sich später heraus, dass Bralkur mit seinen Forschungen und Ritualen bereits Schaden angerichtet hatte. Der rote Mond, das Gefängnis von Lord Tarbos, war durch Bralkurs Einfluss instabil geworden und näherte sich Lyramion mehr und mehr an. Und schließlich zerbrach er und stürzte auf den Planeten. Genau das war vor siebzehn Jahren passiert, als Twinlake so vollständig ausgelöscht wurde. Und das war längst nicht alles gewesen: Durch die unglaublichen Energien des Aufpralls war der gesamte Kontinent Lyramion zerschmettert und in viele Bruchstücke aufgeteilt worden, die regelrecht voneinander weggesprengt wurden. Es erschien wie das Ende der Welt, und für viele Menschen, Elfen und Monster war es das Ende ihres Lebens. Wenigstens hatte man sich vielerorts halbwegs darauf vorbereiten können. Nur Twinlake konnte nicht gerettet werden, weil ausgerechnet dort der größte Brocken des zerbrochenen Mondes niederging. Shandra konnte noch viele Menschen retten, doch meine Eltern gehörten leider nicht dazu. In den folgenden Jahren wurden die Bruchstücke des alten Kontinents zu den heute bekannten Lyramionischen Inseln, und das Leben wurde Stück für Stück wieder aufgebaut. Die Seefahrt gewann stark an Bedeutung, denn wenn man nun auf eine andere Insel reisen wollte, dann musste man wohl oder übel ein Schiff benutzen. Jede Insel musste sich selbst versorgen, die ganze Landwirtschaft wieder aufgebaut und Städte wieder hergestellt werden. Viele Orte wie Twinlake, Crystal oder Jasmins Gärten waren leider vollständig verloren, ihre Existenz für immer ausgelöscht. Es war eine traurige und arbeitsreiche Zeit für alle Menschen und menschenähnlichen Völker unserer Welt.

So viel zur Vergangenheit, so viel zur Ausgangssituation. Doch nun wieder zurück zu meinem Problem und zu dem Schrecken, den die gerade gehörten Worte verbreiteten. Da hatte mir doch tatsächlich mein Großvater in einem Nebensatz offenbart, dass er... Thalion war! Er war der Held, der den Amberstar zusammengesucht hatte? Er war der viel umjubelte und gefeierte Recke? Wieso hatte ich nie etwas gemerkt? Wie hatte mir das nur entgehen können? Wieso war ich so blind gewesen? Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass mein Großvater in all den Jahren unseres Zusammenseins ein sehr zurückgezogenes Leben geführt hatte. Mit den Abenteuern hatte er spätestens seit dem Tod meiner Eltern abgeschlossen. Von seinen Gefährten aus der gemeinsamen Zeit war meines Wissens niemand mehr am Leben, und erzählt hatte er auch nie von seinen Erlebnissen. Wozu auch? Immerhin konnte ich lesen seit ich sechs Jahre alt war und ich kannte die ganzen Geschichten längst auswendig. Noch nicht einmal seinen wahren Namen hatte er mir genannt. Ich hatte ihn „Großvater“ genannt seit ich denken konnte.

Thalion war der Held meiner Kindheit gewesen! Einer recht guten Kindheit, möchte ich hinzufügen, denn einmal abgesehen von Eltern hatte es mir nie an etwas gefehlt. Mein Großvater hatte sich um mich so gut es ging gekümmert. Alles was mir fehlte war der Mut, das Selbstvertrauen und die nötigen Freunde. Für mich hatte immer zweifelsfrei festgestanden, dass ich Thalion zwar verehrte, dass ich ihm jedoch niemals nacheifern, es nicht einmal in Erwägung ziehen würde. Seit damals hatte sich viel verändert. Lyramion gab es nicht mehr, es waren nun die Lyramionischen Inseln. Es war keine Zeit für Helden! Helden hatten heutzutage keine lange Lebenserwartung mehr. Und so gab es einfach keine… Alle Hände wurden gebraucht um die Welt wieder aufzubauen, die durch den Absturz des Mondes ausgelöscht worden war. Nur die Monster waren noch da draußen, und zwar mehr denn je. Sie hatten sich in Höhlen versteckt oder im Boden eingebuddelt, sich so in Sicherheit gebracht und die Katastrophe überlebt. Nun, nicht alle, denn Arten wie Blutstachler, Schleime, Pflanzenhulks, Ektoplasmen oder auch die Riesenkraken waren ausgestorben oder wurden zumindest nicht mehr gesehen. Dafür tauchten ständig neue Wesenheiten auf, die durch die Katastrophe aufgescheucht worden waren: Feuerriesen, Feuerdrachen, Gargyle, Imps oder Sandechsen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Unbedarfte Helden, die nicht einmal ein Schwert richtig halten konnten und denen zu nahe kamen, durften wirklich nicht auf Gnade hoffen. Und ich sollte nun da raus...?

Nun, völlig unvorbereitet war ich auch nicht, denn ich war ja schließlich ein Bücherwurm. Zum Glück hatte ich mich nicht nur mit phantastischen Geschichten und Abenteuern beschäftigt, sondern ich hatte auch alles Wissenswerte über unsere neue Welt aufgesaugt. Ich hatte zahlreiche Berichte gelesen über die vielen Monster und Kreaturen auf den Inseln. Wo Menschen mit ihnen zusammengetroffen waren und es überlebt hatten, da wurden die Erfahrungen weitergegeben und niedergeschrieben. Bibliotheken waren sehr gefragt, Bücher wurden weiträumig verteilt, und so kam auch ich ständig an neuen Lesestoff heran, den ich genüsslich verschlang. Oft hatte ich mit meinem Großvater über die Vergangenheit Lyramions oder über die neuen Rassen diskutiert, hin und wieder hatten wir uns sogar gemeinsam überlegt, ob sie wohl Schwächen hätten, die per Waffe oder Magie ausgenützt werden könnten… Ich bewunderte meinen Großvater stets für seine kreativen Ideen... Ach verdammt, er WAR ein Teil dieser kreativen Ideen, weil er sein halbes Leben mit Monsterjagd und Heldentaten verbracht hatte. Nun wusste ich endlich, warum er sich so gut damit auskannte. Leider wurde er vor wenigen Wochen mehr und mehr krank, und inzwischen reichte seine Kraft kaum noch aus um sein Krankenbett zu verlassen.

Jemand musste sein Erbe antreten... ICH musste sein Erbe antreten... Es gab niemanden sonst, der das tun konnte. Doch war ich dafür bereit? Ich war ein Mann der Theorie oder der Wissenschaft und kein Mann der Tat. Genau genommen war ich bisher nicht einmal ein Mann… Ich war doch schon zu feige gewesen, um mal alleine nach Spannenberg zu laufen und dort mit ein paar Einwohnern zu sprechen. Ja, richtig gehört! Was das anging, so war ich wahrlich ein Schisshase. Als kleiner Junge war ich noch gerne zur Schule gegangen, doch das hatte sich schnell geändert. Ich war eben für die anderen Kinder nur ein Bücherwurm mit einem lustigen Namen gewesen, was zu viel Hohn und Spott geführt hatte. …hin und wieder leider auch zu blauen Flecken, Kratzern oder Prellungen. Ich war kein Schläger, doch alles gefallen lassen wollte ich mir auch nicht. Dummerweise hatte ich meistens den Kürzeren gezogen, und so wurde mein Selbstvertrauen kleiner und kleiner. War ich alleine, so konnte mich niemand hänseln. War ich alleine, so konnte ich keine Prügel beziehen. Aber war ich alleine, so konnte ich natürlich auch keine Freunde finden. Freunde... Was hätte ich in diesem Augenblick für einen Freund gegeben, mit dem ich über mein komplett ungerechtes Schicksal hätte sprechen können. Über meine sogenannte Queste...

Den ganzen Tag lang dachte ich darüber nach, was ich jetzt machen sollte. Weglaufen? Vor meinem Schicksal? Keine Option, denn wohin sollte ich schon gehen? Doch sollte ich es ernsthaft versuchen? Sollte ich die Queste annehmen? Durfte ich meinem geliebten Großvater Thalion seinen vielleicht letzten Wunsch einfach so abschlagen? Ich hatte mich inzwischen in mein Zimmer zurückgezogen und schaute aus dem Fenster, während ich über alles nachdachte, was ich vor einigen Stunden gehört hatte. Inzwischen hatte es aufgeklart und ich sah durch das Fenster einen schönen Sternenhimmel. In der Nähe des Horizonts sah ich einen der beiden verbliebenen Monde Lyramions kurz nach seinem Aufgang. Was hätte ich in diesem Moment dafür gegeben, wenn ich den roten Mond hätte sehen können, doch leider war er auf unsere schöne Welt geknallt und hatte mir meine Eltern genommen... Stattdessen war es der gelbe Mond, der kleinere von den beiden, der dafür aber heller strahlte als der grüne Mond, der am Himmel eine größere Fläche einnahm und aussah wie ein Smaragd.

Ablenkung! … ich versuchte es mit Ablenkung, doch nichts half dabei, die Worte meines Großvaters zu verdrängen. Es hämmerte mir immer und immer wieder in den Kopf: ICH... SOLL... LYRAMION... RETTEN! Ja wie denn? Natürlich trug ich die Gabe der Magie in mir, doch sie war unausgereift und vollkommen ungeschult. Spruchrollen zum Lernen von Zaubersprüchen kosteten Gold. Das Training der Zauberfähigkeiten kostete Gold. Ausrüstung kostete Gold, und meine geringen Ersparnisse reichten weder für das eine noch für das andere. Okay, Ausrüstung wäre das geringste Problem, denn immerhin hatte mein Großvater für mich seine alte Ausrüstung vorgesehen. Und wenn diese in den vergangenen Jahrzehnten nicht völlig schartig und rostig geworden war, dann würde sie sicherlich für meine Zwecke ausreichen. Aber was war mit dem Training? Ich konnte weder ein Schwert schwingen noch eine Fernwaffe nutzbringend führen. Die aufkommende Panik konnte ich so gerade noch mit einigen sinnigen Floskeln abschwächen, in etwa „Auch der große Thalion hat mal klein angefangen!“, „Gold kann man sich ja auch verdienen!“, „Ich muss das ja nicht alles alleine machen!“, auch wenn letzteres Argument gleich wieder von der kreischenden Stimme übertönt wurde, dass ich dafür ja Kontakte knüpfen müsste, und das sei auch nicht gerade eine meiner herausragenden Fähigkeiten...

So ging es die ganze Zeit in meinem armen Schädel hin und her. Doch wozu das alles? Hatte ich überhaupt eine Wahl? Ich durfte meinen Großvater nicht im Stich lassen, erst recht nicht nachdem er mir offenbart hatte, dass er früher ein großer Held, ja mein Vorbild, gewesen war. Doch was hatte es überhaupt mit dieser Queste auf sich? Shandra hatte sich ihm im Traum offenbart... Ein undankbarer Bengel hätte vermutlich gesagt: „Jep, so weit sind wir jetzt mit diesem senilen, alten Sack gekommen, dass er schon von verstorbenen Magiern träumt, seinen alten Zeiten hinterhertrauert und seinen Enkel in Gefahr bringt.“ Doch selbst in meiner Wut über das ungerechte Schicksal, das mir aufgebürdet wurde, kam mir ein solcher Gedanke nicht in den Sinn. Über Shandra stand ebenfalls eine Menge in den Büchern, und er war einer der größten und mächtigsten Magier gewesen. Shandra war es, der Thalion auf seine Reise geschickt hatte, um die Welt zu retten. Und wer wusste schon, ob für so jemanden der Tod überhaupt das Ende bedeutete? Und wenn Shandra ausgerechnet mich für diese Aufgabe auserwählt hatte, wer war ich dann mich zu widersetzen? Das Gute war schließlich stark in meiner Familie, so hatte er gesagt… Möge die Macht mit mir sein! Ich würde jede Menge davon brauchen...

Je länger die Nacht andauerte, desto mehr Mut versuchte ich mir einzureden. Natürlich war ich noch nicht völlig überzeugt von meiner sogenannten Queste. Doch stand mehr und mehr fest, dass ich es zumindest versuchen musste. Wer sonst wenn nicht ich? Ich musste es einfach riskieren... oder beim Versuch sterben. Doch war ich trotz aller Scheu doch eigentlich ein pfiffiges Kerlchen. Ich müsste mir eben was einfallen lassen. Schließlich war noch kein Meister vom Himmel gefallen und jeder hat mal klein angefangen. Selbst Helden wie Thalion oder Mylneh kamen als Babys zur Welt! Also warum nicht? Entweder würde ich es schaffen und Ruhm ernten, oder ich würde ein namenloses Grab finden und keine Seele jemals wieder an mich denken. Da ich aber ohnehin völlig unbekannt war auf den Lyramionischen Inseln, hatte ich doch eigentlich nichts zu verlieren, nicht wahr? Die Welt sollte Lunselin endlich kennenlernen…
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