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Die Höhlen

KurzgeschichteFantasy / P12 / Gen
13.08.2020
13.08.2020
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Tief unten im Stein, fernab des Sonnenlichts, lebt seit Anbeginn der Zeit ein besonderes Volk aus Blut und Lehm und Haar. Sie alle kamen aus dem Stein, wurden aus ihm geboren und lebten in ihm. Weil irgendwann der Platz nicht mehr für alle reichte, bauten sie Tunnel in den Stein. Nach links und rechts und vorn und hinten. Dann fingen sie an auch nach unten und oben zu bauen, Treppen und sogar steinerne Leitern in ihr Heim zu bauen und Möbel zu errichten. Das Volk aus Lehm und Blut und Haar war klug und wuchs noch weiter heran. Doch eines Tages hatten sie aufgehört zu bauen, hatten genug gebaut für alle. Sie fanden Ruhe; unerträgliche Stille. Während die einen ängstlich im Angesicht von Stille und Dunkelheit versuchten in großen Gruppen Schutz zu finden, stürzten sich andere hinein in die erschreckende Finsternis und Stille, die sich in ihren Höhlen ausbreiteten wie eine Seuche.
Ein paar wenige kluge Wesen aus Haar und Blut und Lehm schlossen sich zusammen und beratschlagten sich. Es dauerte sehr sehr lange bis sie auf ihre Idee kamen; die Lösung für ihr großes Problem. Denn das Volk aus Haar und Lehm und Blut hatte gar keinen Anführer. Niemanden, der es schützte und führte. Was also sollten sie tun? Wie sollten sie entscheiden, wer diese schwere Aufgabe übernehmen und sie führen und schützen sollte?
Das Leid der übrigen Wesen aus Blut und Lehm und Haar war immer größer geworden und wuchs immer weiter heran. Die ersten starben bereits aus Angst und Verzweiflung und Einsamkeit, denn sie waren viele, doch nie wirklich gemeinsam. Die Gruppe der klugen Menschlein aus Haar und Lehm und Blut sah all dieses Leid. Die Situation wurde immer ernster und sie mussten jemanden finden mit einem guten Herzen, einem klaren Verstand und großer Kraft. Aber wo sollten sie so jemanden finden?
Die acht klugen Menschlein durchsuchten die unzähligen Höhlen und Gänge ihres Heims, auf der Suche nach diesem einen Jemand, dessen Herz rein und gut, dessen Verstand klar und dessen Kraft groß ist.
Mehrfach verliefen sie sich in den ewig gleichen Gängen und Höhlen, doch fanden stets wieder den Weg zurück. Doch gefunden hatten sie diesen Jemand nicht. Sie waren alt geworden und als sie die erste Höhle wieder erreichten, fanden sie niemanden mehr. Alle waren fort. Niemand außer ihnen war geblieben. Die klugen Menschlein des Volks aus Lehm und Blut und Haar verstanden nicht, was passiert war, kannten sie doch nicht den Tod, der jedes Leben begleitet. Nicht einmal als die ersten ihrer Art starben, verstanden sie, was geschehen war. Doch das war nun auch egal, denn waren sie allein. Noch viel einsamer als je zuvor. Und ihr Leid wuchs in der Einsamkeit und Stille und Finsternis ihrer Höhlen und Gänge.
Jedoch wussten sie nicht, dass sie gar nicht allein waren. In ihrer Abwesenheit war ein besonderes Menschlein aus Haar und Lehm und Blut geboren worden, das ein Herz besaß; ein kleines Herz aus rotem Kupferstein.
Dieses kleine Menschlein aus Lehm und Haar und Blut und mit dem kupfernen Herzen hatte sich kurz vor ihrer Ankunft auf den Weg gemacht, um alles zu sammeln was es brauchte, um einen Anführer zu bauen.
So kam es, dass das kleine Menschlein mit dem kupfernen Herzen mit all diesen Sachen wieder in die Erste der Höhlen trat. Die acht klugen Menschlein schauten erstaunt auf das kleine Menschlein und der Älteste der acht Klugen fragte es: "Was tust du mit all diesen Dingen, Knabe?"
Der Zweitälteste stand auch auf und fragte nun das kleine Menschlein mit dem Kupferherzen: "Was ist das alles, Kind?"
Das kleine Menschlein aus Blut und Haar und Lehm lächelte ganz ruhig und fing an die Dinge, die es gesammelt hatte, auf einen steinernen Tisch zu legen, wobei es immer sagte, was es ist und wozu es gedacht ist. Zuerst legte das kleine Menschlein ein schweres Stück Stein auf den Tisch. Es war ganz schwarz und hatte spitze Ecken.
"Das hier ist schwarzes Granitgestein. Das wird die große Kraft sein, die unsere Herrin braucht."
Als nächstes legte  das kleine Menschlein etwas auf den steinernen Tisch, das die achte Klugen nicht sehen konnten in der Finsternis der Höhlen. Aber sie hörten, dass das kleine Menschlein etwas dort drauflegte. Eine Frau der achte Klugen des verschwundenen Volkes aus Lehm und Blut und Haar fragte deshalb: "Was ist das? Ich sehe es nicht, aber ich kann es hören."
Das kleine Menschlein lächelte freundlich als es antwortete: "Das, was ihr nicht sehen, aber hören könnte, ist Glas. Dieses hier wird der klare Verstand unserer Herrin sein."
Zu guterletzt legte das kleine Menschlein den staunenden und klugen Acht einen kleinen weißlichen Kristall auf den Tisch, wobei es sagte: "Und das hier ist ein Bergkristall. Er wird das reine und gute Herz unserer Herrin sein. Damit müssen wir aber besonders vorsichtig sein, denn wenn es zerbricht, wird auch unsere Herrin zerbrechen."
Die acht Klugen jubelten und machten sich mit dem kleinen Menschlein sogleich ans Werk, eine Hülle für die Herrin zu bauen. Sie wurde mehrere Meter hoch aus Lehm und Blut und Haar gebaut. So wie sie selbst aus Lehm und Blut und Haar geschaffen waren.
Als sie nach langer Zeit der schweren Arbeit endlich fertig waren, setzte das kleine Menschlein noch die letzten drei besonderen Stücke in den Lehm der Herrin ein: der harte Granit als große Kraft der Herrin in den rechten Arm, das unsichtbare Glas als klarer Verstand der Herrin in ihren Kopf und der weißliche Bergkristall als reines und gutes Herz der Herrin in ihre Brust. Und so war sie geboren; die Herrin tief unten im Stein, die Herrin des Volkes aus Lehm und Blut und Haar. Und von diesem Tage an litt kein Menschlein des Volkes unter dem Stein mehr an Einsamkeit und das Reich tief unten im Stein wuchs zu großem Glanz heran.
 
 
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