Patronenmädchen 3 : Ein Fest der Bestien

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16
12.08.2020
27.09.2020
14
25.061
1
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
16.09.2020 1.726
 
Am nächsten Morgen wurden Magda und Lyn von einem Soldaten abgeholt und in eine große Halle geführt. Dort standen auf einem Tisch Brot, Fisch, etwas, das an Käse erinnerte, sowie ein wenig Fleisch. Am Kopfende des Tisches saß ihre Gastgeberin und gab ihnen zu verstehen, dass sie sich bedienen durften. Lyn blickte noch etwas zögernd. Rijbecca bemerkte das und lächelte aufmunternd.
„Keine Sorge, kleine Sya, es ist nicht vergiftet.“ Zum Beweis nahm sie sich etwas von allem und biss hinein. Das genügte dem Mädchen als Sicherheit, denn ihr Magen knurrte schlimmer, als ein Knurrfisch des westlichen Meeres. So zumindest hatte es Magda vor einigen Minuten formuliert.
„Ich hoffe, ihr habt wohl geschlafen, Lady Magdalena.“, wandte sie sich an das Patronenmädchen.
„Ich bin schon zu lange unterwegs, als dass ich ein Bett gewohnt wäre.“, antwortete dieses, und nahm sich auch etwas von dem Essen. An Magdas Platz lagen ihre Besitztümer. Alles war da, bis auf die Münze.
Rijbecca goss sich etwas in ihren Becher, das möglicherweise Bier war.

„Nun spannt mich aber nicht länger auf die Folter. Ich brenne förmlich darauf, eure Geschichte zu hören.“
Magda nickte, immerhin schien das Duell nun keine Rolle mehr zu spielen. Sie holte kurz Luft, und begann zu erzählen. Sie erzählte eine vereinfachte Version dessen, was sie Lyn bereits erzählt hatte. Den Kampf gegen Moloch wollte sie eigentlich auslassen, doch einige geschickte Fragen vonseiten Rijbeccas entlockten ihr die ganze Wahrheit. Einzig den Teil mit der Münze verschwieg sie.
„Ihr erzählt faszinierende Dinge, Lady Magdalena, das muss ich euch lassen. Über die Welt vor dem Feuer wissen wir hier draußen auch recht wenig, obwohl wir quasi auf deren Gebeinen Leben. Ihr müsst wissen, dass dies nicht immer ein Gebirge war. Vor dem Feuer waren das alles hier gewaltige Häuser, die Hunderte Meter in den Himmel ragten. Alle unsere Kenntnisse darüber verdanken wir dem Eisernen Volk. Einige von uns, darunter auch ich, können mit ihnen reden. Na ja, das ist vielleicht ein wenig zu viel gesagt, wir verstehen nicht die Worte, die sie sagen, aber den Inhalt, den Sinn dessen, den können wir spüren. Sie leben schon unglaublich lange hier, und sind, so glauben wir, Überbleibsel aus jener Zeit. Sie nennen sie Das Zeitalter des Wissens.“, erklärte Rijbecca nachdenklich, und betrachtete eine kleine, rote Beere, die einige Zentimeter über ihrer Handfläche schwebte.
„Ich hoffe, dass ähnliche Zeiten eines Tages wiederkehren.“, erklärte Magda und versuchte, sich diese riesigen Häuser vorzustellen. Darüber hatte sie zwar gelesen, aber es war etwas anderes, ob diese Dinge in einem alten Buch standen, oder ob man sie vor sich sah.
„Ob wir jemals wieder auf diese Weise werden bauen können?“, fragte sie. Rijbecca zuckte mit den Achseln.
„Zu etwas anderem. Ich habe gestern gesagt, ich würde euch eine Chance geben, eure Glaubwürdigkeit zu beweisen. Sollte euch das gelingen, dann werdet ihr eurer Wege ziehen können, allerdings mit allem ausgestattet, was ihr benötigen werdet, inklusive zweier Pferde.“, erklärte sie. Magda blickte auf.
„Nun, das ist sehr großzügig von euch, Lady Rijbecca.“ Sie entschied sich dafür, ihre Gastgeberin bei diesem Titel anzusprechen, als Zeichen ihres guten Willens. Diese zuckte jedoch nur erneut mit den Achseln.
„So großzügig nun auch wieder nicht. Es ermangelt uns nicht an Waffen, Ausrüstung und Nahrung. Einzig an einsatzfähigen Männern fehlt es.“
Magda erinnerte sich einmal mehr, dass der Söldner im Zug etwas von einem Krieg erzählt hatte. Rijbecca fuhr fort.
„Es sind die Stämme der Menschen der Berge und der Ufer, deren Angriffe uns von Zeit zu Zeit heimsuchen. Das war schon immer so, schon mein Vater hatte mit ihnen zu tun, sowie dessen Vater vor ihm. Sie haben sich bisher der endgültigen Niederschlagung widersetzt. Jetzt, da der Winter naht, fokussieren sie ihre Angriffe für gewöhnlich, und plündern unsere Dörfer und Höfe.“
Magda wurde das Herz schwer. Vermutlich wollte Rijbecca, dass sie für Blackstorm kämpfte, aber dieser Gedanke gefiel ihr nicht. Sie hatte in ihrem Leben einen Krieg erlebt, und legte keinen Wert auf einen zweiten.
„Und ich schätze, dass ich für euch kämpfen soll, habe ich recht?“, fragte sie leise. Rijbecca schüttelte jedoch den Kopf.
„Nein, denn hier liegt das Problem, oder nennen wir es eine Auffälligkeit.“, entgegnete sie und nahm einen Schluck aus ihrem Becher. Lyn griff währenddessen nach dem Käse. Er schmeckte sehr salzig und förderte ihren Durst.
„Die Sache ist die, dass seit etwa zwei Wochen die Angriffe ausbleiben. Kein einziger hat stattgefunden. Ich plane einen ein- bis zweitägigen Erkundungsritt, um festzustellen, was hinter der ganzen Sache steckt. Und ihr, Lady Magdalena, werdet mich dabei begleiten. Ich würde ja einen größeren Trupp mitnehmen, aber das wäre recht auffällig. Was sagt ihr dazu?“, fragte sie und musterte ihr Gegenüber neugierig. Magda war überrascht. Zwei Fragen schossen ihr durch den Kopf, die gleichzeitig um ihre Aufmerksamkeit buhlten.

„Was macht euch so sicher, dass ich euch nicht in den Rücken falle?“, fragte sie schließlich. Ihr Gegenüber lächelte dünn.
„Ich bin mir dessen eigentlich nicht sicher, halte es aber für unwahrscheinlich. Das Mädchen, Lyn, bleibt nämlich hier. Solltet ihr versuchen, mich anzugreifen, werdet ihr sie nicht wiedersehen.“
Lyn hörte auf zu kauen, und starrte die beiden Frauen erschrocken an. Magda fühlte sich, als hätte sie ein Bleigewicht verschluckt, dass nun in ihren Magen fiele.
„Ich sagte doch, ihr sollt ihr nichts tun.“, sagte Magda, wobei sich ihr Gesichtsausdruck verfinsterte. Rijbecca blieb gelassen.
„Habt ihr mir nicht zugehört? Ihr wird nichts geschehen, solange ihr mir nichts tut. Sollte mir aber etwas zustoßen, so wird sie diese Mauern nie wieder verlassen. Sie wird nicht getötet, damit wir uns da richtig verstehen. Ich habe die Mägde angewiesen, sie bei sich aufzunehmen.“
Lyn wandte sich direkt an sie.
„Was bedeutet das für mich?“, fragte sie.
„Hausarbeit für einen kargen Lohn. Wäsche waschen, putzen, aufräumen. Dein Leben lang.“, knurrte Magda. Sie fühlte Wut in sich aufsteigen. Rijbecca legte ihre Fingerspitzen aneinander.
„Das fällt mir nicht leicht. Ehrlich, ich möchte euch vertrauen, schon deshalb, weil ich mich dann auf die anderen Gefahren konzentrieren könnte, aber ich muss realistisch bleiben.“, erklärte sie, und lächelte dabei fast entschuldigend. „Was würdet ihr an meiner Stelle tun?“
Magda musste sich eingestehen, dass sie auf die Schnelle keine bessere Lösung wusste. Aus der Sicht Rijbeccas war sie eine unberechenbare Größe, gegen die es Sicherheiten zu schaffen galt.
„Ihr habt recht.“, sagte Lyn plötzlich. Magda blickte auf. Das Mädchen sah zu ihr hinüber. In Lyns Kopf mussten ähnliche Gedanken stattgefunden haben, wie in Magdas.
„Ich bin die Sicherheit, da führt kein Weg dran vorbei. Damit komme ich klar.“, sagte Lyn. Ihr Blick war entschlossen.
„Bist du sicher?“, fragte Magda.
Das Mädchen nickte und wandte sich an Rijbecca.
„Ihr habt gesagt, mir wird nichts geschehen. Ich glaube euch. Sollte mir dennoch etwas zustoßen, so werden ihr Magdas Zorn spüren.“, sagte sie mit fester Stimme.
Magda musste sich ein Lächeln verkneifen. Manchmal war es beeindruckend, wie schnell das Mädchen dazulernte. Sie war sehr stolz auf Lyn. Auch Rijbecca schien nicht unbeeindruckt zu sein. „Ich kann mich nur wiederholen, dass ihr hier in Sicherheit seid, kleine Sya.“, sagte sie. Lyn wollte soeben gegen die Verwendung des Wortes klein protestieren, unterließ es dann aber. Erstens war sie tatsächlich ziemlich klein für ihr Alter, und andererseits schien es, als seien ihre Mutreserven für heute aufgebraucht. Rasch nahm sie sich noch etwas zu Essen.

„Wenn ihr sie hierbehaltet, woher wisst ihr dann, dass ich wirklich vertrauenswürdig bin, und euch nicht nur deshalb nichts tue, weil ich sie wiedersehen will?“, fragte Magda.
„Es geht mir darum, euch besser kennenzulernen, zu verstehen, was ihr für ein Mensch seid. Ich habe gelernt, Menschen schnell richtig einzuschätzen. Ihr seid zwar ein wenig schwerer zu durchschauen, als die Leute, die mir sonst so begegnen, aber das soll mich nicht daran hindern.“, erklärte Rijbecca.
Magda betrachtete Lyn.
„Bist du sicher, dass du das tun willst? Ich meine, ich finde es mutig, aber du musst mir nichts beweisen.“, sagte sie sanft. Das Mädchen blickte ernst.
„Ich glaube, es führt wirklich kein Weg daran vorbei. Versprich mir nur, dass du zurückkommst, okay?“
„Ich verspreche es, hoch und heilig.“, sagte Magda und konnte doch nicht verhindern, dass bereits jetzt etwas Sorge in ihr aufstieg, dabei waren sie noch nicht einmal aufgebrochen.

In den Dachbalken über ihnen, wo der Schein des Feuers nicht mehr hinreichte, waren einige Schatten dunkler als die anderen. Etwas Körperloses mit alten Augen hielt sich dort verborgen. Es beobachtete. Es wartete. Es sorgte dafür, dass Magda sich an etwas erinnerte.
„Ich wollte euch noch um eine Sache bitten.“, wandte diese sich an Rijbecca. Die blickte fragend.
„Anscheinend befindet sich etwas aus meinem Besitz in eurer Obhut.“, sagte sie vorsichtig, um nicht den Eindruck zu erwecken, sie beschuldige ihr Gegenüber des Diebstahls. Die Sorge war jedoch unbegründet. Rijbecca runzelte die Stirn.
„Seid ihr sicher? Ich…“, begann sie, hielt dann jedoch inne. Wie ferngesteuert wanderte ihre Hand in ihre Hosentasche und förderte einen kleinen Gegenstand zutage. Die Münze. Verwirrung machte sich auf ihrem Gesicht breit.
„Na sowas. Ich hätte schwören können…“, murmelte sie. Der silbrige Glanz der Münze spiegelte sich unnatürlich hell in ihren Augen wider, in denen nun ein gedankenverlorener Ausdruck lag. Fast glaubte Magda, das Flüstern jener Worte zu hören, die sie beim ersten und bisher einzigen Mal vernommen hatte, da sie die Münze direkt berührt hatte. Sie konnte sie klar und deutlich vor sich sehen.

A’schas hàschásdir ye-askáharamas

A‘schas mír só smáasas


„Bitte gebt mir das.“, bat sie, doch Rijbecca schien sie nicht wahrzunehmen. Erst, als Lyn sie etwas rüttelte, blickte sie auf. Erschrocken sah sie sich um, als sei sie gerade aus einem Traum hochgeschreckt.
„Bei den Teufeln, was ist das!?“, stieß sie hervor und warf die Münze auf den Tisch. Die kleine Scheibe blieb einfach legen, ohne zu rollen oder noch einmal aufzuspringen, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Schnell bedeckte Magda das Ding mir einem Stofftuch, das als Servierte hätte dienen sollen.
„Es tut mir leid, dass ihr das gesehen habt, Lady Rijbecca. Ich fürchte fast, das ist nicht für die Augen von Sterblichen bestimmt.“, sagte Magda und steckte das kleine Stoffbündel ein. Es war ein wundervolles Gefühl, die Münze wieder bei sich zu wissen. Vielleicht ein wenig wundervoller, als es ihr lieb sein konnte. Der Schatten über ihr lächelte.
„Den Eindruck habe ich auch. Was ist das für ein Ding?“, fragte Rijbecca und genehmigte sich einen großen Schluck.
„Das ist eines der Dinge, die ich gerne wissen möchte.“, sagte Magda.
Review schreiben