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Alca - Blut und Erbe

GeschichteAllgemein / P12
12.08.2020
21.11.2020
9
19.392
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26.10.2020 2.008
 
Hey!
Ich kann Termine einhalten. Schon zu spät. Ich hatte die letzten Wochen ordentlich zu tun, aber (vorausgesetzt, ich erlerne die Kunst des vernünftigen Zeitmanagements) den nächsten Termin sollte ich einhalten. Das war es eigentlich schon, viel Spaß noch beim Lesen!
LG, Taura Maril

Was war denn das? Man sollte doch meinen, dass die Hüterin von Licht und Schatten mehr wert war als ein abwertendes Naserümpfen.
Ich musste meinen Unterkiefer mit aller Macht davon abhalten, mir zu entgleiten. Stattdessen presste ich meine Zähne so hart aufeinander, dass sie schmerzten.
Aber nichts an mir schmerzte mehr als der klopfende Klumpen in meiner Brust, zu dem Haldir mein Herz so eben zerquetscht hatte, mit nichts als nebensächlicher Ignoranz. Sogar Glorfindel schob den Kiefer auf eine Art und Weise vor, wie es der Nachbarshund manchmal machte, bevor er Curan todeswütend ankläffte. Dieser hüstelte elegant, um Haldir auf uns aufmerksam zu machen, doch der nickte dem Kater nur freundlich zu und hob dann sein Kinn gerade so hoch, dass er mich nicht mehr sehen konnte.
Ich biss mir auf die Unterlippe, damit sie nicht begann, zu zittern.
„Sei gegrüßt, Haldir“, brummte Gimli ironisch, „Freut uns aus, dich wiederzusehen. Danke, es geht uns gut. Und dir? Ach, nichts Spannendes passiert in der Zwischenzeit. Außer vielleicht bei Alca und uns. Wie, was da vorgefallen ist? Frag sie doch. Sie kann dir das am besten erzählen.“ Der Zwerg verschränkte bedeutungsschwanger die Arme vor dem Bart. Sogar Doron blickte nochmal ein wenig missgelaunter als sonst drein. Jeder andere wäre erzittert bei dem Blick, den er Haldir zuwarf, doch nicht dieser. Und schon gar nicht Livion, dessen Gesicht zu Stahl erstarrt schien. Der Anblick seines Wirst-du-wohl?!-Gesichtes bestärkte mich soweit, dass meine Knie für einen Augenblick von geschmolzener Butter zu Kühlschrank-Butter wurde. Ihr wisst schon, die Butter, die härter war als das Toast, sodass sie, versuchte man sie mit dem Butterdolch zu verschmieren, es ganz in der Mitte zerriss… was mich an mein Herz just in diesem Moment erinnerte. Was war das denn für eine Aktion?
Meine Knie, sie waren wieder geschmolzene Butter. Bevor sie jedoch unter mir nachgeben konnten, erbarmte sich Lindir meiner. „Wenn ihr Alca und mich jetzt einmal entschuldigen würdet, ich muss ihr dringend zeigen, worüber ich vorhin geredet habe. Alca?“ Er bot mir den Arm an.
Ich nickte stumm und ergriff den Anker.
Es mochte wie eine Geste der Höflichkeit gewirkt haben, doch Lindirs stützender Arm war absolut notwendig. Nach gerademal drei Ecken gaben meine Beine endgültig nach und ich kippte beinahe in einige Büsche. Erschrocken richtete er mich wieder auf. „So schlimm, Alca?“
„Oh Eru“, presste ich heraus, „Ich glaube, ich muss mich übergeben.“
„So schlimm“, stellte Lindir fest. Bevor ich mich oral in die wohlgehütete Bepflanzung entleeren konnte, schob er mich in Richtung des Waldes.

Einige Minuten später lehnte ich am Stamm einer großen Buche mit ausladenden Ästen und versuchte, in aller erster Linie erstmal zu atmen. Und das war gar nicht so einfach, denn im Minutentakt krampfte sich meine gesamte Brustregion auf eine Art und Weise zusammen, dass es schmerzhaft war. Unter den kritisch-besorgten Blicken meines persönlichen Lieblingsmusikers versuchte ich dann verzweifelt, wieder Luft zu bekommen, gegen die sich mein ganzer Körper zu sträuben schien.
Lindir verschränkte nachdenklich die Arme. „Alca… war in letzter Zeit irgendetwas los?“
„Faran“, krächzte ich nach Luft schnappend. Selbst ein Fisch auf dem Trockenen hätte sich für mich geschämt. „Aber sonst – das übliche Chaos.“
„Mhm… wieso weinst du dann?“
„Tue ich nicht.“ Energisch kopfschüttelnd klammerte ich mich wieder an den Baum. Keine gute Idee, denn nun begann die Welt auch schon, sich zu drehen. Schön. Passte sich meine Wahrnehmung wohl endlich der Realität an.
„Doch, genau das tust du.“ Während ich noch mit Atmen beschäftigt war, hatte Lindir offenbar schon den Psychologenmodus eingeschaltet. Problemfindung im Dunkeln, denn inzwischen pendelte sich die Welt zwar wieder ein, wurde aber zusehends schwärzer.
„Alles…“, ich würgte, „…alles nicht so einfach zur Zeit.“ Wie aufs Stichwort verabschiedete sich meine Sicht völlig, sodass ich, an einen Baum geklammert, versuchte, einfach nicht zusammenzubrechen. Erbärmlich, selbst das schlug fehl. Ich spürte den schmerzhaften Kuss des steinigen Bodens an meiner Schläfe, aber auch, wie sich in mir die Verhältnisse klärten. Zwar sah ich nichts, war aber auch nicht Herrin der Elemente ohne Grund. Ein wenig unanständig fluchend drückte ich mich wieder hoch, die Sinne ausgebreitet. Von irgendwo drang Lindirs Stimme durch die Watte in meinem Kopf. „Alca, alles gut? Alca?!“
„Alles gut“, log ich, „Verdammt.“ Irgendwas brannte auf meiner Haut, ehe ich erkannte, dass es nur eine Hand war. „Du fühlst dich an wie eine Leiche“, stellte Lindir fest, „Willst du nicht vielleicht in die Häuser der Heilung? So schlimm ist das Problem mit den Kakerlaken da wirklich nicht. Alca!“
Inzwischen hatte ich mich wieder soweit aufgerichtet, dass mein Gesicht nicht mehr im mittelerdischen Dreck schwebte, sondern oben, als höchster Punkt meines Körpers. So sollte das sein.
Langsam klärte sich auch die Welt vor meinen Augen, sodass ich Lindirs blasses Gesicht erkannte. Irgendwie brachte mich der Gedanke, dass ich vermutlich um Einiges schlimmer aussah, zum Lachen. Vollkommen verwirrt und vielleicht auch besorgt, ich hätte den Verstand verloren, packte und schüttelte er mich, wie ein Kind, das herausfinden will, was in seinem Weihnachtsgeschenk drin ist. „Alca?“
„Alles… nein. Nicht alles gut. Aber… aushaltbar. Ich… nein, aber… zu tun. Ich muss…“ Wieder musste er mich stützen, weil ich taumelte, aber immerhin sah und atmete ich wieder. Das war eine signifikante Verbesserung. Oder?
Lindir seufzte leise. „Und du schaffst das? Sicher? Eben lagst du noch im Dreck.“
„Ja… fühlt sich auch immer noch so an. Aber… jetzt bekommt das Leben zurück auf die Nase!“, verkündete ich, nur, um im nächsten Augenblick beinahe über meine Füße zu stolpern. Die Erschütterung brachte meinen Magen in Aufruhr und ich übergab mich ins nächstbeste Gebüsch. Wovon es in einem Wald eine Menge gab, wohlgemerkt.
Kopfschüttelnd sammelte er mich wieder ein, wie Marlon es tun würde. „Ja, sicher Alca. Auf die Nase. Erst mal brauchst du einen Tee.“

Offenbar lebte im Herzen Lindirs ein Klischee-Brite, so, wie er mir eine Tasse Tee über den Tisch schob. Durch den Dampf angeregt überlegte mein Gehirn, ob er sich wohl auch von Fish&Chips ernährte. Wohl eher Salat, ging man nach dem Elbenklischee.
Genug Klischees für einen Absatz.
Es war ein Pfefferminztee, nur zur Info. Lindir meinte, bei seinem Praktikum in den Häusern der Heilung hätte man das auch so gemacht. „Also…“, murmelte er leise, ehe er sich ebenfalls eine Tasse einfüllte und zu mir setzte. Seniorenheimfeeling in Imladris.
„Ich bin erstaunt, dass man dich so leicht aus der Bahn werfen kann“, stellte er vorsichtig fest, „Ich meine, irgendwie…“
„Ach… alles nicht so einfach.“
„Mhm.“
Unser Moment der trauten Zweisamkeit zog sich ein wenig in die Länge, doch das war kein Problem. Zu mehr war ich gerade sowieso nicht in der Lage. Plötzlich klopfte es.
„Alca? Lindir? Wollt ihr mir vielleicht die Tür öffnen?“
„Curan?“ Ich wollte aufspringen, aber mein Körper wollte anders, also musste Lindir die Tür aufmachen. Was war ich doch für eine unglaubliche Weltenspringerin!
Kaum war die Klinke unten, stand mein nicht-so-felliger Freund bereits im Raum. „Du hast Dreck in deinem Gesicht“, stellte er mit dieser ihm eigenen Sicherheit fest, die einen zur Weißglut treiben konnte.
„Du bist der unsensibelste Kater, den ich kenne!“, zischte Lindir böse, ehe er die Tür schloss. „Und unhöflich noch dazu!“
Curan, der noch seine menschliche Gestalt ausschüttelte, in die er wohl soeben gewechselt war, grinste. „Findest du? Danke!“ Dann ließ er sich vollkommen ungefragt neben Lindir nieder, um dann ziemlich Dumbledore-mäßig die Fingerspitzen zusammenzulegen. „Tja, Alca. Hast du deinen Schock verdaut? So wie du aussiehst, verdaut der Schock nämlich gerade dich.“
Oh, schön. So schlimm?
„Danke, es geht.“
Auffällig unauffällig schüttelte Lindir seinen Kopf und gestikulierte mit der Hand vor seiner Kehle herum. Doch Curan, an den das eigentlich gerichtet war, bekam das wohl leider nicht mit, denn im nächsten Moment stand er wieder auf, klopfte mir auf die Schulter und meinte: „Das ist meine Alca. Denk daran, alles, was du weißt, weißt du von mir. Trinkt ihr Hobby-Großmütter mal euren Tee aus, ich gehe schon mal dahin, wo es spannend ist. Passt aber auf, vor der Tür ist eine Stufe.“
„Hobby-Großmütter?!“, empörte Lindir sich noch, da war er schon nicht mehr da, „Dieser Kater!“
„Wenn Curan herumhetzt, dann ist geht es entweder um Thunfisch oder es ist wirklich etwas, was wir uns ansehen sollten.“ Ein wenig genervt wischte ich mir mit dem Ärmel Dreck aus dem Gesicht, aber ich hatte das Gefühl, dass es nur verschmierte. „Vermutlich sollten wir seiner Aufforderung nachkommen.“
Und das taten wir dann auch. Nachdem wir brav unseren Tee getrunken hatten, machten wir uns auf die Suche nach den anderen. Nach wem genau? Keine Ahnung, aber irgendwen würden wir schon finden.
In der Zwischenzeit ärgerte ich mich über mich selbst. Alca Validi, standfest und selbstsicher wie ein verwelktes Gänseblümchen in einer zerbrochenen Vase. Was würde ich tun, wenn hier tatsächlich etwas schiefging? Ohnmächtig umfallen? Mich in Wackelpudding verwandeln? Ein kleiner Teil von mir fragte sich, welche Art von Wackelpudding ich wohl wäre. Vielleicht Waldmeister?
Aber Wackelpudding hin oder her, so etwas wie eben durfte nicht vorkommen. Wer sollte mich denn so ernstnehmen?
Für Validus und Faran hat es gereicht.
Für mich aber nicht. Vorsichtshalber schob ich schonmal den Unterkiefer vor, für den Fall, dass ich gleich trotzig sein musste.
Kein Gänseblümchen, sondern das nervige Moos, das zwischen den Steinen unserer Auffahrt wuchs. Fantastischer Vergleich. Das Moos bekam man auch nicht weg.
„Sieh! Dein Stiefvater.“
Lindirs vager Gestik folgend, erblickte ich tatsächlich König Thranduil. Er war wohl in ein Gespräch mit Legolas vertieft. Beide hatten sie die Stirn in Falten gezogen, als rechneten sie eine besonders eklige Matheaufgabe. Da sah man die Familienähnlichkeit erst richtig, fand ich.
„Ich finde, wir sollten zumindest grüßen“, befand Lindir, der wohl bemerkt hatte, dass ich mich unauffällig davonstehlen wollte.
„Sicher, dass wir nicht stören?“
„Wir doch sowieso immer“, kam es vergnügt zurück, „Also können wir wenigstens freundlich sein.“
Ja, sicher. Das konnten wir. Da wir außerdem nicht unauffällig sein konnten, dauerte es nicht lange, bis man uns bemerkte.
„Ah, ihr!“, stellte mein Halbbruder treffenderweise fest, „Ich nehme mal an, dass ihr noch nicht wisst, dass der Rat direkt morgen stattfindet.“
„Jetzt schon“, entgegnete ich, „Ist es so ernst?“
„Anscheinend. Man munkelt etwas von einem Handel…“
Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Ein Handel…? Was gäbe es denn zu handeln, das unsere derzeitigen Probleme löst?“
Neben mir räusperte sich Lindir geräuschvoll.
Legolas tauschte einen Blick mit diesem, ehe er einen Arm um meine Schultern legte und betont unbesorgt meinte: „Ach, Geld vermutlich, so wie immer. Mir fällt gerade ein, Gandalf wollte dich treffen, kann das sein? Naja, irgendwer will das ja immer. Am besten gehen wir direkt alle zu ihm.“
Aber so schnell bekam er mich nicht. „Jaja, sicher. Was denn für ein Handel?“
„Ach“, jetzt kam Lindir von der anderen Seite mit einem Grinsen, das irgendwie unelbisch und komisch wirkte, „Was weiß ich, was die sich mal wieder ausbaldowert haben.“
„Ausbaldowert?“, wollte ich jetzt wissen, „Wie lange hast du das Wort denn bitte nicht benutzt?“ Erfolglos versuchte ich, mich aus dem Griff meines Halbbruders zu befreien. „Ehrlich, wenn ich etwas nicht wissen soll, sagt es mir doch. Das ist wirklich unauffälliger als das, was ihr hier gerade abzieht. Was denn für ein Handel?“
Keine Antwort. Keine ertappten Blicke. Für wie blöd hielten die mich?
„Ehrlich jetzt, was wollt ihr denn handeln? Babyrobben? Bartextensions? Orks? Drogen? Babyrobben?“ Ich hielt inne. „Das hatte ich schon, oder?“
Immer noch warfen Lindir und Legolas sich sehr elterliche Blicke zu. „Geheime Dokumente bezüglich illegaler Teepartys im Auenland? Hallo? Hört ihr mir überhaupt zu?“
„Dich.“ Was, Thranduil war ja auch noch da? Verständnislos starrte ich ihn an. "Ich höre mich selbst zu klingt aber falsch.“
„Nein.“
„Nicht? Aber…“
Mit einer abrupten Bewegung brachte er mich zum Schweigen. „Nein, Alca! Mit deinem… Satzbau war alles in Ordnung! Wir handeln dich!“
Es dauerte ein bisschen, aber dann sickerte es durch. „Oh… scheiße.“
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