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Alca - Blut und Erbe

GeschichteAllgemein / P12
12.08.2020
21.11.2020
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Gandalf und ich machten tatsächlich einen keinen Nachtspaziergang, die verwirrten Blicke der elbischen Wachen ignorierend. Waren sie vor einem Jahr auch schon so zahlreich gewesen?
„Alca Validi, pardon, wir dürfen dich ja jetzt Alca Lasgalen nennen, während deiner Abwesenheit ist so einiges passiert. Ich fürchte, die mitteilen zu müssen, dass nicht alle Völker Mittelerdes deiner Spezies sonderlich freundlich gesinnt sind. Validus hat Spuren hinterlassen. Mit Weltenspringern kommt Ärger, das ist in den Köpfen hängengeblieben. Bei Eru, Eltern erzählen ihren Kindern im Süden Gondors, wenn sie nicht ins Bett gingen, kämen die bösen Weltenspringer und verwandeln sie in Schatten!“ Der weiße Zauberer fuchtelte erbost mit seinem Stab herum. Ich wusste, dass er selbst nicht besonders begeistert von uns war, eher im Gegenteil. Je weniger Weltenspringer, desto besser. Und meine Güte, ich konnte es ja vollkommen verstehen. Ich würde mich und Meinesgleichen auch gerne so weit wie möglich von mir entfernen, wäre ich lediglich ein Normalsterblicher irgendwo in Gondor. Aber ohne uns ging es dann doch nicht, so sah die Realität eben aus. Schluss, aus, Punkt, Satzende.
Schweigend richtete ich den Blick hinauf zu den Sternen, die nirgendwo zwischen allen Welten so strahlten wir hier in Imladris, und lauschte den nächsten Worten.
„Alca, diese Welt spinnt. Und uns gehen leider die qualifizierten Kräfte aus, um dieses Chaos zu beseitigen.“ Er klang wie unser ehemaliger Schulleiter, wenn er über den chronischen Putzkräftemangel sprach. Damals, in einem anderen Leben. Den Blick zurück auf das Hier und Jetzt richtend fragte ich mich, was wohl geschehen wäre, wenn nichts von alledem passiert wäre. Wenn mein Leben in normalen Bahnen verlaufen wäre. „Nichts für ungut“, fügte Gandalf hinzu, „Aber viele der erfahrenen, älteren Weltenspringer sind tot. Und niemand kann sich ernsthaft auf eine Fünfzehnjährige und ihren gestörten Kater verlassen. Nein, bitte, widersprich mir nicht. Wir wissen beide, das Curan schon seit Längerem nicht mehr richtig tickt.“
Ich schloss meinen Mund wieder. Es war ja nichts Neues, dass keiner von uns ohne Spuren mit seiner Existenz als Weltenspringer klarkam. Es war eben alles nicht so einfach.
„Und jetzt erhebt sich die Bevölkerung Gondors – hast du schon davon gehört?“ Als ich nickte, fuhr er fort. „Wir haben niemanden, der dagegenhalten könnte. König Aragorn arbeitet mit einem verstörten Volk und mit Unterstützung aus Rohan wird er nicht rechnen können, denn dort schlägt man sich seit Validus mit Unmengen von Orks herum und es wird immer schlimmer. Kein Elb würde freiwillig das Leben der seinen riskieren, wo es doch sowieso schon mit ihnen bergabgeht. Hobbits mögen furios und loyal sein, aber… sie sind Hobbits. Und nach der Attacke auf den Erebor hat Dain ganz andere Probleme. Alca, wir haben ein Problem.“
Unter der Brücke, über die wir schritten, floss ein kleiner Bach, der leise wie der Strom der Zeit vor sich hinplätscherte. Das Wasser wand und bog und wellte sich durch die Form, die die Erde ihm vorgab. Beizeiten schwappte eine im Mondschein glänzende Welle über die Grenze, fiel aber bald wieder zurück und löste sich auf, um etwas Neues zu bilden.
Wir waren stehen geblieben, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Der Lauf der Ereignisse waren so unausweichlich wie der Fluss des Wassers, begriff ich. Egal, welche Steine wir in seinen Weg legten, es würde sich teilen und um sie herum fließen. Das Holz würde es wegtreiben und egal, wie groß die Dämme waren, die wir bauten, der Fluss würde seine Kraft sammeln und ihn sprengen, um mit einer nie zuvor dagewesenen Gewalt alles aus dem Weg zu spülen. Man müsste ein neues Bachbett bauen, um das zu ändern, doch das dauerte eben seine Zeit und musste vernünftig erledigt werden.
Oder man ließ sich mit dem Wasser treiben, badete aus, was kam.
Gandalfs Monolog war zu Ende, er wartete nun, was ich dazu zu sagen hatte. Doch mir fiel nichts ein.
Ich hatte gedacht, wenn wir nach Mittelerde zurückkehrten, würde der ewige Sturm, der in mir tobte, endlich aufhören. Ich hatte erwartet, dass diese Welt mir meinen Frieden wiedergeben würde, den ich scheinbar verloren hatte. Sicher, es war auch vor Validus alles nicht immer lustig gewesen, aber immerhin hatte auf meinen Schultern nur die Verantwortung für mich selbst gelastet. Nächte durchschlafen, keine Albträume. Tage leben, keine Vorwürfe. Aber selbst nachdem wir Faran besiegt hatten, als wir alle uns langsam wieder aufrichteten kam das Leben und schleuderte mir Validion vor die Füße und befahl mir, ihn zu den anderen Lasten auf meinem Rücken zu heben. Ich trug ein Erbe und einen Erben mit mir herum, hatte beides mit ordentlich Blut besudelt und versuchte, bildlich gesprochen, mit einem Teelöffel einen Graben auszuheben, um das Meer umzuleiten.
„Alca?“
Seufzend legte ich mir meine Worte zurecht, doch als ich den Mund öffnete, sprudelte etwas ganz Anderes heraus. „Ich bin müde, Gandalf. Eben sollten wir den Tod selbst besiegen, davor meinen Vater und jetzt das Schicksal selbst, scheint es mir. Ich bin leider nur eine Fünfzehnjährige mit einem verrückten Kater und soll jetzt mit der gesamten Welt armdrücken, während das Leben mir Dolche in den Rücken sticht. Ich kann nicht mehr schlafen, geschweige denn wachen. Mein Kopf ist eine einzige Eistundra, es tut mir leid. Ich weiß nicht, was zu tun ist.“
Daraufhin folgte Schweigen. Nachdenklich starrte Gandalf auf die glitzernde Oberfläche des Wassers. Vermutlich versuchte er die zahlreichen, sehr kryptischen Bilder zu entschlüsseln, die ich wohl der Müdigkeit zu verdanken hatte. „Alca… niemand erwartet von dir, mit der gesamten Welt armzudrücken. Ich will nicht bestreiten, dass uns Probleme erwarten, die zu groß sind für die meisten von uns und dass wir deswegen deine Hilfe brauchen werden. Was auch immer dort geschehen ist, wo du warst… nein, was auch immer hier geschehen wird, du wirst es nicht allein regeln müssen.“
Jetzt war es an mir, zu schweigen. Es war beruhigend, zu wissen, dass nicht genau das Gandalfs Plan gewesen war. Dennoch… irgendwie gefiel mir das alles nicht. Hier braute sich etwas zusammen, keine Frage.
„Du darfst deinen Gefährten außerdem nicht böse sein“, fuhr er plötzlich fort, „Es ist alles eine komplizierte Situation.“ Als er bemerkte, wie überrascht ich war, fügte er erklärend hinzu: „Glorfindel hat mir erzählt, wie… empfindlich du heute auf seine Worte reagiert hast.“
Empfindlich… pfft. Großväterlich lächelte der Zauberer nun auf mich herab. „Du solltest jetzt schlafen gehen, Alca. Morgen wird mit Sicherheit ein anspruchsvoller Tag.“

Tatsächlich hatte der Spaziergang meine Sinne ein wenig beruhigt, sodass ich am nächsten Morgen doch einigermaßen ausgeschlafen aufwachte. Zu meiner Verwunderung konnte ich Curan nirgendwo entdecken, doch der Kater hatte sicherlich auch Dinge zu erledigen, dementsprechend machte mir das keine größeren Sorgen.
Vielleicht war das auch seine Bestrafung dafür, dass er in der letzten Nacht erwacht war und erschrocken feststellen musste, dass ich fehlte. Nachdenklich öffnete ich die Tür, die auf einen längeren Flur führte, bei dem man die Wände aus Materialmangel scheinbar durch Säulen ersetzt hatte. Damals, noch bevor unser erster Versuch, Faran in die Knie zu zwingen, fehlgeschlagen war, da hatte er sich vor lauter Wahnsinn bis nach Askaban gebracht – und das nur, wegen einigen Dienern Farans, die mich überrumpelt hatten. In der Folge hatte man ihn erst in Hogwarts weggesperrt und dann, nachdem wir uns Faran gegenüberstellten, wo er angeblich vollkommen durchdrehte, nach Askaban verfrachtet.  Bis heute war ich nicht sicher, wie er von den Ereignissen weit außerhalb des Schulgebäudes mitbekommen hatte.
Seltsamer Kater.
Ohne mich weiter mit den vorgegebenen Wegen zu befassen, sprang ich über das den Gang säumende Blumenbeet in den Kies. Bevor ich Curan gefunden hatte, lief hier gar nichts.
Damals, als man ihn in Hogwarts einsperrte, hatte mir meine Intuition dankenswerterweise den Weg zu ihm gewiesen, doch hier draußen, wo ich ständig in einem unfreiwilligen, elbischen Small-Talk verwickelt werden konnte, würde ich wohl ein wenig strategischer vorgehen müssen, wenn ich Zeit sparen wollte.
Also, wo würde ich hingehen, wenn ich Curan wäre… Wie allseits bekannt war, fand er große Freude daran, Personen, vor denen ein jedermann Respekt haben sollte, eben jenen nicht zu zollen. Ich würde also vorerst nach Bekannten Ausschau halten. Vorausschauend, wie ich manchmal war, hatte ich mir meinem Umhang mitgenommen, obwohl das Wetter immer noch sehr spätsommerlich war. Aber mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze wäre die Wahrscheinlichkeit, erkannt zu werden, sicher geringer.
„Alca!“, schallte es just in diesem Moment von hinten. Mein Glück war doch wirklich fantastisch.
Als ich mich umdrehte, stand Lindir im Prinzip schon in meinem verhüllten Gesicht. Aus irgendeinem Grund schien er sehr amüsiert.
„Guten Morgen“, brummte ich verärgert, während der Elb mich musterte, als hätte ich etwas sehr Dummes getan.
„Alca, dachtest du wirklich, man würde dich so übersehen?“ Missbilligend schnalzend hob Lindir meine Kapuze an. „So fällst du erst recht auf. Außerdem trägst du die Innenseite deines Umhangs außen.“
Ah… das war also das Problem. Wie peinlich. Hoffentlich hatte das keiner gesehen.
Wobei, wenn ich tatsächlich so auffällig war, wusste es jetzt ganz Imladris.
Wortlos drehte ich die richtige Seite nach außen.
„Eigentlich war ich auf der Suche nach Curan“, versuchte ich zu erklären, „Du hast ihn nicht zufällig gesehen?“
Lindir nickte. „Doch zufälligerweise ja. Er ist vor etwa einer halben Stunde vorbeigekommen. Er meinte, er wolle zu Livion.“
Vor Schreck verschluckte ich mich an meinem Speichel. Wenn Imladris meine Anwesenheit bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, dann spätestens, als ich hustend und gebückt in seinen Gärten stand.
Als ich schließlich „Livion?“ krächzte, hatte ich meinen alten Gefährten vermutlich schon längst von meiner Unzurechnungsfähigkeit überzeugt.  
„Ja. Wusstest du das nicht?“
Wieso war ich eigentlich immer die Letzte, die irgendwas mitbekam? „Ich dachte…“ Ja, was dachte ich eigentlich? „Wieso?“
„Was, wieso? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nicht weißt, warum Livion hier ist.“ Stirnrunzelnd, als fragte er sich, ob man wirklich so unwissend sein konnte, winkte Lindir mich mit. „Er geht in den Ruhestand. Ins Exil. In den Exil-Ruhestand. Machen Weltenspringer das nicht so?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich dachte eigentlich, dass wir irgendwann einfach umgebracht werden…“
„Ja, oder so.“
Ruhestand? Erfuhr ich nicht einmal mehr, wenn mein eigener Großvater in Rente ging? Natürlich, in der letzten Zeit war er immer seltener zum Training erschienen, aber wieso auch? Meine Ausbildung war vorbei und meine Geschwister hatten mit den Elementen nicht viel am Hut. Und wieso wusste Curan das?
Hm. Sachen gab’s.
„Auf zu Livion, würde ich dann mal sagen“, meinte ich, „Mir erzählt wirklich niemand was!“

Nein, wirklich niemand. Und offenbar war das auch so gewollt, nach den erschrockenen Blicken zu urteilen, als ich mit verschränkten Armen und Lindir im Gepäck, der in Richtung Lord Elronds entschuldigend die Schultern hochzog, den Raum betrat.
Mein Großvater blickte ausdruckslos an mir vorbei.
„Guten Morgen“, begrüßte ich die Runde in einem Ton, der verdeutlichte, dass ich keinen besonders „Guten Morgen“ gehabt hatte. Curan war der Erste, der abgesehen von einer hochgezogenen Augenbraue – der extremsten Mimik Livions – tatsächlich auch anderweitig auf mein ungewolltes Erscheinen reagierte.
„Hallo Alca“, er strahlte unverschämt, „Hast du gut geschlafen?“
„Ganz fantastisch“, log ich, ehe ich mich anschickte, mir Livion vorzuknöpfen. Zu seinem Glück war Lindir schneller. „Lord Elrond, ich glaube, sie sollten sich da etwas dringend ansehen. Eine Horde Kakerlaken hat die Häuser der Heilung gestürmt.“
Wenngleich ich einräumen musste, dass er große Fortschritte im Lügen gemacht hatte, überzeugend war sein Vorwand trotzdem nicht. Vor lauter Verwirrung vergaß ich, verärgert zu sein.
Dafür war es Lord Elrond nun. Er legte die Stirn in Falten, was Lindir mehrere Dezimeter zusammenschrumpfen ließ. „Dabei haben wir doch erst neulich einen Kammerjäger engagiert…“
Zog also doch. Na, wenn das so war…
Nun, da das geklärt war, sah Curan sich zu einer Rechtfertigung gezwungen, wofür er doch tatsächlich seine leise Tuschelei mit Gandalf und Erestor beendete. Fröhlich trat er auf mich zu und zog mich an den Schultern von der Tür weg. „Gut, dass du da bist, Leuchtemädchen. Es wird dich freuen zu hören, dass ich mich heute schon um Validion gekümmert habe. Deswegen habe ich mir die Freiheit genommen, mit den hier Anwesenden schon einmal zu erörtern, wo genau wir den kleinen Todesbringer denn nun unterbringen.“
Das war ja harmlos. Trotzdem verzog Erestor das Gesicht, als missfiel es ihm, dass eine kleine fünfzehnjährige Weltenspringerin nun mitdiskutieren durfte. „Ach, na dann…“
„Und wir sind noch zu keinem Ergebnis gekommen“, verkündete Curan nun laut, „Ist das nicht großartig?“
„Äh… wenn du das sagst.“
Gandalf räusperte sich laut, vermutlich um zu verhindern, dass mein kleiner, felliger Freund fortfuhr. „Zur Auswahl standen aber unter Anderem bereits das Auenland, der Erebor und Rohan.“
Sicher. Wir hatten schon einmal zwei Waisen im Auenland ausgesetzt, wir konnten nicht einfach alle dort abgeben. „Der Erebor?“ Kritisch runzelte ich die Stirn. „Ich glaube nicht, dass die ein Jahr nach Validus einen Waisen mit seinem Namen aufnehmen werden.“
Finster dreinblickend verschränkte Erestor die Arme vor der Brust. „Wieso nennen wir ihn nicht einfach um?“
Noch finsterer guckend versteifte Livion sich. Offenbar war er von dieser Idee nicht unbedingt begeistert. „Das wäre eine posthume Kapitulation. Wollen wir uns gerade jetzt vor Farans und Validus‘ Erbe beugen?“ Eilig tauschten Curan und ich einen Blick, immerhin hatte ich gerade einen neuen Nachnamen erhalten.
Daran schien wohl auch Erestor zu denken, als er die Schultern straffte und seinen allseits bekannten Todesblick aufsetzte. „Selbstverständlich nicht, wir wollen dieses Kind aber auch nicht mit diesem Erbe belasten.“
„Sicher. Das wäre ja fatal“, kommentierte ich, „Ich stimme Euch vollkommen zu, insbesondere jemand wie Validion sollte in einem freundlichen Umfeld aufwachsen. Aber sich vor seinem Erbe verstecken?“
Zufrieden nickte mein Großvater. „Da hört Ihr es. Aber wo wir gerade von einem freundlichen Umfeld sprachen… Rohan ist vielleicht auch nicht die beste Wahl. Die Orks…“
„Die Blauen Berge wären sicherlich eine be…“ Gandalfs Worte wurden verschluckt von einem unheimlich lauten Mehrklang, der sogar den Boden zum Vibrieren brachte. Erschrocken fiel mir ein, dass ich Sirion nicht bei mir trug.
Curan, der im Gegensatz zu mir nicht zu Stein erstarrt war, schritt hastig zur Tür und öffnete sie. Jetzt erst hörte ich Pferdehufe und raunende Elben, gepaart mit etwas, das klang wir das Flattern von Fahnen.
Spätestens, als Erestor die Augen verdrehte, erkannte ich, was dieser Lärm ankündigte: Die Gesandtschaft Lothloriens war angekommen.

Im Gegensatz zu Elrond, der sich gezwungen sah, die Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen, ließen Curan und ich uns Zeit. Auch, weil ich noch einmal kurz mit meinem werten Großvater reden wollte. Gerade, als er ohne ein Wort der Erklärung verschwinden wollte, hefteten wir uns wie zwei nervige Kletten an ihn.
„Livion, ich muss sagen, ich wusste gar nicht, dass du hier bist.“ Das gespielte Lächeln sparte ich mir, denn er würde durch Fassaden sowieso durchgucken. Nun, da mein Ärger abgeflaut war, bemerkte ich jedoch, dass ein kleiner Teil von mir wirklich froh war, ihn zu sehen. Weniger alleine war schon einmal gut. Und er brachte auch unseren Plan, Validion sicher unterzubringen, weiter.
Mein Großvater nickte lediglich. „Ich weiß, Alca.“
Verwirrt legte ich den Kopf schief. Implizierte das nicht, dass er mir absichtlich verschwiegen hatte, dass er sich in den Ruhestand begeben würde? Ein Tschüss wäre ja wohl nicht zu viel verlangt gewesen.
Offenbar schien er meine Gedanken zu erraten. „Lass uns darüber später sprechen. Ich habe das Gefühl, dass uns nichts Gutes erwartet, da müssen wir uns nicht auch noch streiten.“
Überrascht, aber auch ein wenig beschwichtigt nahm ich sein äußerst seltenes Angebot zum Waffenstillstand gerne an. „Natürlich.“
Grinsend boxte Curan mir gegen die Schulter, er hatte wohl erwartet, dass ich ein wenig länger böse wäre. Ich, wenn ich ehrlich war auch…
Vor uns tauchten die Ankömmlinge auf, samt Pferden und natürlich Galadriel und Celeborn, die einige Worte mit Lord Elrond wechselten. Sie schienen sich tatsächlich zu freuen, hier zu sein. Noch mehr als sie freute ich mich allerdings, weil ich unsere alte Gemeinschaft an der Seite stehen sah. Es fehlten nur noch Haldir und Doron, nach denen sie scheinbar Ausschau hielten.
Wie selbstverständlich gesellten wir uns zu ihnen.
„Ach, Alca, guten Morgen“, grüßte mich Glorfindel freundlich, „Ich habe mich schon gefragt, wo ihr beide bleibt. Für gewöhnlich seid ihr doch immer da, wenn etwas passiert.“
Wieder grinste Curan fröhlich. „Wir? Sicher doch. Seht ihr sie schon?“
„Ja… das da hinten ist unverkennbar Doron“, meinte Legolas und deutete in die betreffende Richtung. Und tatsächlich: Auffällig stach Dorons wie immer schlecht gelauntes Gesicht aus der Masse der lächelnden oder zumindest neutral blickenden Elben heraus. Er schien sich mit einem anderen Elben zu unterhalten, der aufgeregt auf seinen Füßen wippte. Aber Haldir war nirgendwo zu entdecken.
Nun, wenn wir ihn nicht sahen, dann müsste zumindest er uns erkennen, denn als die Menge zerlief, standen wir immer noch in derselben Ecke wie vorher, in angeregte Gespräche vertieft. Und tatsächlich, bald sahen wir Doron und auch ihn auf uns zukommen.
Erstgenannter bedachte uns alle mit einem schlecht gelaunten Blick. Als er Curan sah, runzelte er die Stirn. „Dich kenne ich nicht.“
Kein Wie heißt du? oder gar ein Hallo. Meine Güte, das hatte ich schon ein wenig vermisst. „Doch, nur noch nicht in dieser Gestalt. Ich bin’s, Curan.“
Doron nickte, er hatte das zur Kenntnis genommen. „Tja… Alca, bist du gewachsen? Ohne deine Sprüche konnte ich bis jetzt fantastisch leben.“
„Aber selbst“, entgegnete ich, „Du guckst immer noch, als hättest du direkt nach dem Aufstehen einen Misthaufen gesehen. Im Spiegel zum Beispiel.“
Das konnte er natürlich nicht so stehen lassen. „Nein, aber eben Glorfindel. Hallo, Blondie. Du bist nicht gewachsen.“
„Das hast du scharfsinnig erkannt“, entgegneter der, ehe Doron fortfuhr. „Ah, Gimli. Ich habe dich direkt am Geruch erkannt, da hatten wir unseren Wald noch nicht einmal ganz verlassen. Kann das sein, dass dein Bart größer und du kleiner geworden bist?“
„Würde mich mal interessieren, was bei dir so kleiner geworden ist“, brummte der Zwerg, „Da fallen mir einige Varianten ein.“
Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen grüßte Haldir freundlich, dann ließ er seinen Blick über uns schweifen, bis seine Augen an mir hängen blieben.
Kontrolliere deinen Puls, Alca.
Sonst explodiert gleich dein Brustkorb.
Während unseres kurzen Blickkontakts ignorierte ich Licht und Schatten komplett. Haldir lächelte freundlich – und schritt wortlos an mir vorbei.
Was hatte ich denn sonst noch so verpasst?
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