Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Alca - Blut und Erbe

GeschichteAllgemein / P12
12.08.2020
21.11.2020
9
19.392
3
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
19.08.2020 2.083
 
Schwarze Federn und rotes Blut regnete vom Himmel und landete in der Asche. Die Luft war schwer und klebrig, gleichzeitig aber warm und trocken, viel zu trocken. Meine Kehle brannte vom Atmen, meine Lunge vom Ersticken. Vor dem roten Horizont zeichnete sich Farans Gestalt ab, sein Lachen trug bis zu mir. Nefarios wahnsinniges Lachen, Pheonas leeres Lachen. „Dein Erbe, Alca! Das ist dein Erbe!“
Ein Windhauch ließ ihn zu Asche zerstieben, der gleichen Asche, die aufwirbelte, während ich versuchte, mich durch die meterhohen Berge aus grauer Schuld und roter Erinnerung zu kämpfen. „Alca!“, schrie jemand, doch ich war viel zu sehr damit beschäftigt, dass Hände aus Asche mich nach unten zogen.
„Alca!“
Während Wellen aus Asche drohten, über meinem Kopf zusammenzuschlagen realisierte ich, dass niemand schrie. Es war eher ein Rufen…
„Alca! Heiliger Thunfisch, Alca, wach doch auf!“
Über der leeren Landschaft tauchte blass und schläfrig Curans Gesicht wie auf Mond auf. „Kater an Alca! Jemand zuhause?“
Die Asche verwandelte sich in einen bekannten Ort, mein Zimmer, wie mir im nächsten Moment aufging.
Ich hatte wieder geträumt. Kopfschüttelnd ragte Curan in seiner menschlichen Gestalt über mir auf. „Du bist ja schon wieder schweißgebadet, Leuchtemädchen. Ab unter die Dusche, du weißt doch, wir haben heute Großes vor!“
Grummelnd kämpfte ich mich unter meiner Bettdecke hervor, die nach wenigen unruhigen Nächten wohl auch in die Wäsche sollte. Zumindest roch sie wie die Gästeklos im Erebor.
Während ich meinen verrutschten Pyjama richtete, scannte Curan mich kritisch. Er wusste von meinen nächtlichen Episoden, wie auch nicht, immerhin schliefen wir manchmal im selben Zimmer. Stirnrunzelnd fühlte er nun, ehe ich meine Hand zurückziehen konnte, meinen Puls. Er beruhigte sich langsam wieder. Bevor ich irgendeinen Kommentar zu hören bekam, schnappte ich mir meine Kleidung und verzog mich ins leere Bad. Nachdem ich den Schlüssel im Schloss umgedreht hatte, inspizierte ich im Spiegel meine Augenringe.
„Dunkler als das dunkelste Loch Mordors“, stellte ich fest. Keine Chance, dass meine adleräugigen Freunde das übersehen würden. „Elben…“
Da ich immer noch nicht ganz wach war, stellte ich das Duschwasser auf kalt, bevor ich den Pyjama abstreifte.
„Auch in die Wäsche“, brummte ich leise, bevor ich eilig unter die eisige Dusche sprang. Japsend und nach Luft schnappend seifte ich mich so schnell wie möglich ein, die hellen Narben weitestgehend ignorierend.
Es waren überwiegend Verbrennungen, die nur dank den überdurchschnittlich guten regenerativen Fähigkeiten der Weltenspringer keine größeren Spuren hinterlassen hatten. Trotzdem trug ich nur ungern Bikinis.
Natürlich lief mir Shampoo ins Auge, sodass ich, mit einem geschlossenen Auge und eiskalt erst einmal auf dem nassen Boden vor der Dusche ausrutschte. Klar, wer benutzte auch Duschvorleger. Hatte ich vergessen.
Immerhin roch ich nicht mehr so schlimm, trotzdem hielt ich eine extra große Sprühladung Deo für angemessen. Noch mit angehaltener Luft in der Wolke stehend, kämpfte ich mich mit Emelies Minihaarbürste durch meine verknotete, hellblonde Mähne, denn die große Bürste lag noch bei Tina.
Zweimal, wohlgemerkt, denn ich musste auch noch Föhnen.
Ich würde mich nicht direkt am Anfang meiner Reise erkälten!
Es folgte der nächste Teil, sprich mir, wie ich mit meinem Gürtel rang, bis ich ihn ohne Verdrehungen gerichtete hatte. Bluse drauf, fertig war die unausgeschlafene Weltenspringerin ohne Socken.
Die hatte ich auch vergessen. Reibungslos wechselten mein großer (Adoptiv-)Bruder Marlon und ich, selbstverständlich nicht ohne das obligatorische, genuschelte „Guten Morgen.“
Unten am Küchentisch war bereits der ganze Haufen versammelt, abzüglich Marlon, der der letzte im Bad war. Da waren die inzwischen siebenjährige Emelie, ein kleiner, hellblonder Hüpferling. Sie strahlte mich durch ihre Schokocremeflecken im Gesicht an und grüßte mich mit vollem Mund.
Daneben saß Curan, der, seinem Atem nach zu urteilen, sein Thunfischbrot bereits gegessen hatte. Der Gestaltwandler war nicht nur mein Begleiter auf der folgenden Reise, sondern auch mein engster Freund. Während ich Tochter eines Weltenspringers von Licht und Schatten und einer Weltenspringerin der Elemente war, war er sowohl Weltenspringer als auch ein Mondwandler. Uns verbanden nicht nur die zahlreichen Abenteuer, die wir gemeinsam er- und überlebt hatten, sondern auch die Gemeinsamkeit, dass wir beide ursprünglich ungewollte Mischwesen waren.
Und nun beide fester Bestandteil der weltenspringerischen Gemeinschaft.
Zu der auch die inzwischen siebzehnjährige Tina zählte. Sie trank gerade noch ihren furchtbaren Tee (Dass er furchtbar war, sahen alle außer ihr so) und widmete ihre Aufmerksamkeit der Zeitung. Mochte man sie aufgrund ihres freundlichen Aussehens, das sie einem allzeit präsenten Lächeln verdankte, zunächst unterschätzt werden, so wusste ich doch, dass sich hinter diesen rötlich funkelnden Augen und kurzen, braunen Haaren eine wütende und mächtige Herrin der Träume verbarg.
Abgesehen von Thomas, meinem Adoptivvater, waren alle in unserer verrückten Familie Weltenspringer und davon alle außer Curan und mir Weltenspringer der Träume.
Auch Nadja, ebenfalls allzeit strahlend, die Mutter der Bande. Bereits jetzt saß sie im gebügelten Flanellhemd und überaus wach, mochte es auch an der großen Tasse Kaffee liegen, am Frühstückstisch. Während ich mir mit einem Butterdolch (einfach besser nicht fragen) mein Marmeladenbrot schmierte, wobei ich nur teilweise auch das Brot traf, trottete Marlon die Treppe herunter.
Seines Zeichens großer Bruder mit Beschützerinstinkt und ein überausbegnadeter Schwertkämpfer, was zahlreiche blaue Flecken, die ich im Laufe unseres gemeinsamen Trainings einstecken musste, schmerzhafterweise bezeugten. Auch er hatte kurze braune Haare und grünlich-braune Augen.
„Na“, brach er die morgendliche Stille, „Ihr springt heute?“
„Ja!“, verkündete Curan, wobei er seinen Thunfischatem im ganzen Raum verteilte, „Das tun wir, nicht wahr, Alca?“
„Mach deine Haare zusammen“, riet mir Thomas, „Solltest du direkt in eine Kampfsituation landen, willst du bestimmt etwas sehen.“
„Oder ich komme mit der Schere“, witzelte Curan, dessen letzte Frisur ich ihm verpasst hatte, mit der Bastelschere wohlgemerkt und einem der unvermeidlichen Tutorials. Er wollte es so. („Alca, glaub mir, mein angeborenes unglaubliches Aussehen mindert nichts so einfach. Du solltest dankbar sein, deine Zeit mit mir verbringen zu dürfen.“ Da schien doch noch sein innerer Kater durch.)
Jetzt sahen zwei erstaunlich symmetrische Strähnen an den Seiten seines Kopfes ein wenig wie die mit schwarzem Fell bedeckten Ohren seiner Katzengestalt aus. Wie bei diesen stilisierten Comic- oder Manga-Frisuren.
„Hast du deinen Dolch?“, fragte nun Nadja besorgt, „Vergiss nicht die Metallringe, um deine Gummizopfbänder zu verbergen. Ein Messer wäre auch nicht schlecht, nimm dir eines aus der Schublade. Und nimm dir ein erste Hilfe-Pack mit. Hast du deinen Beinwickel?“
Entschuldigend hob ich die Hände. „Bis jetzt habe ich mich gerade so angezogen. Keine Sorge, ich nehme das alles mit.“
„Ein Lederwams!“, rief Emelie von der anderen Seite des runden Tisches laut. Aus irgendeinem Grund mochte sie das Wort Wams sehr gerne, vermutlich, weil es wie WAMMS klang.
„Ich darf euch daran erinnert, dass ich…“, wollte ich beginnen, wurde aber von Marlon unterbrochen: „… eine Hüterin von Licht und Schatten und eine Herrin der Elemente bin und auf mich aufpassen kann.“ Während er sprach, verstellte er seine Stimme, bis er quietschte wie eine Maus. Hinter meiner Tasse streckte ich ihm die Zunge heraus.
Emelie kicherte.
Plötzlich begann Tina mit den Fingern zu schnipsen. „Ähm… hier… Dings… vergesst nicht, Ersatzwindeln mitzunehmen.“
Angewidert verzog Curan das Gesicht, als Nadja bereits in Richtung eines gestapelten Haufens Stoffwindeln nickte. „Dürfen wir uns ein Kindermädchen engagieren? Wir werden bestimmt zu beschäftigt sein. Ihr wisst schon, mit… Sachen und so.“
„Mitgefangen, mitgehangen“, entgegnete Marlon, „Viel Spaß beim Wickeln.“
Wir verdrehten synchron die Augen, ehe Nadja aufstand und das Frühstück somit für beendet erklärte.
„Komm, Alca. Machen wir uns fertig.“
Habe ich mal erwähnt, dass Ärger mein zweiter Vorname sein könnte?
Nicht mal eine Dreiviertelstunde später, schwebten wir, vor den Augen ganz Imladris, zu Boden, unser blickdichter Schirm löste sich auf… nur, damit wir uns in einer wütenden Horde Orks wiederfanden!
„Sirion!“  
Die Verwirrung rettete uns wohl das Leben.
Zur Aufklärung: Mein letztes Abenteuer in Mittelerde hatte ich mit zwar funktionellen, aber minderwertigen Waffen aus dem Theaterclub bestritten. Damit musste nun Schluss sein, hatte mein Großvater Livion beschlossen, der meiner Affinität zur Improvisation sowieso skeptisch gegenüberstand und mir jenen Gegenstand überreicht, den eine junge Erbin eines allgemein anerkannten Schurken wie Validus es gewesen war am wenigsten haben wollte – sein Schwert.
Das besondere an Sirion war, dass er (er ist definitiv männlich, hatte man mir versichert) nicht zwingend ein Schwert war, denn wie sein Name, der Elbisch für Fluss war, bereits andeutete, wechselte er die Gestalt.
Was ganz nett war, fand ich. So konnte ich endlich mit einem Schwert über öffentliche Plätze gehen, ohne von dem nächstbesten Auror schräg angesehen zu werden.
Als ich damals ein Schwert in der Bank – ist ja auch egal.
Der unvermeidliche Haken an der ganzen Sache war, dass Sirion nur auf seinen Namen reagierte, ansonsten würde er bleiben, was auch immer er gerade war – was sich leider auch nur auf andere Waffen beschränkte.
Und das auch nur, wenn keine Lichtmagie im Spiel war.
Als Hüterin des Lichts war das eine suboptimale Sache, aber besser eine launische Waffe als gar keine, befand ich, als der erste Ork sich aus seiner Starre löste und zur Axt griff.
Im selben Moment, in dem Curan die Gestalt eines übergroßen, schwarzen Großkaters annahm, manifestierte sich Sirion – in Gestalt einer Schere.
Das mit der Kontrolle musste ich noch üben.
Die schartige Klinge des Orks rauschte an meinem Kopf vorbei, als ich frustriert aufstöhnte. Von dem Lärm und dem Geschrei aufgeweckt hörte ich Validion, den Curan mir in weiser Voraussicht anvertraut hatte, weinen.
Als ob ich nicht genug Probleme hätte.
In einem kläglichen Versuch, irgendetwas auszurichten, schleuderte ich Sirion dem angreifenden Ork entgegen. Die Schattenmagie tat ihr Übriges und die Schere versank bis zum Griff.
Ich war beeindruckt.
Trotzdem war es gut, dass meine Fähigkeiten bereits warmgelaufen waren, denn so musste ich nur die Hand in Richtung Himmel heben und a la Sauron die Menge beiseite zu katapultieren. Brav kehrte Sirion in meine andere Hand zurück, um dann eine weitere Runde zu fliegen.
Legt euch nicht mit zwei Weltenspringern an, Kinder! Unvorbereitet sind wir am Gefährlichsten.
Ich wich einer weiteren Attacke aus, erinnerte mich an das Kind in der Seitentasche, fluchte und katapultierte mich in die relative Sicherheit der Luft.
Spätestens jetzt hatten auch die Orks bemerkt, mit wem sie es zu tun hatten. Vollkommen verschreckt wichen sie aus der Reichweite von Curans riesigen Pranken. Der fauchte aufgebracht, sein Schwanz schlug aggressiv hin und her.
„Wie kommen wir hier weg?“, fragte er in dem kurzen, stillen Moment, der sich ergab. „Das dürfte kein Problem sein“, erwiderte ich vage. Von hier oben konnte ich sehen, was Curan eventuell riechen konnte: Alte Freunde.
Wenn man genau war, waren es grimmige Waldlandelben, zu erkennen an zwei Gestalten, die mitten im Gewimmel waren: Einem bärtigen Zwerg und einem überaus blonden Prinzen.
Abgelenkt, wie ich war, sah ich den Pfeil erst, als er mich an der Schulter streifte. Erschrocken verlor ich die Kontrolle und stürzte zurück ins Chaos.
Doch immerhin meine Reflexe funktionierten noch einwandfrei, sodass ich zumindest einen transparent-goldenen Schutzschild um mich errichtete, bevor ich meinen Fall abfing. Die schillernde Blase um mich herum zerplatzte in einem Inferno aus Licht und Schatten, im selben Moment als Sirion zu mir zurückkehrte. „Sirion!“, rief ich (Ich würde nicht mit einer Schere in der Hand herumstehen, wenn ich meinen Halbbruder wiedersah), prompt hielt ich einen langen, schwarzen Metallstab in der Hand.
Naja. Was sollte man sagen.
Sobald meine Füße wieder festen Boden spürten, wirbelte ich Sirion herum, um einen Feind, der mir gefährlich nah gekommen war, zurückzutreiben. Gegen die Schatten, die sich aus meinem eigenen lösten, hatte er keine Chance. Sie fingen ihn ein, zogen ihn zu Boden und hielten alle anderen auf Abstand. Schwarz wie die Nacht und kalt wie Eis – Schatten kannte keine Gnade. Aus Angst, Elben zu verletzten, hatte ich die Elemente noch nicht gerufen, doch ich spürte in der direkten Nähe niemanden, so hob ich die Hände und formte einen Strudel aus Flammen, einem kleinen Tornado nicht unähnlich, der die letzten, verängstigten Reste verstreute und zu Flucht trieb.
Auf meinen Befehl hin endete das Chaos.
Schatten zogen sich zurück, Flammen erloschen in der Luft und das Licht sammelte sich zu einer einzigen, heißen Kugel in meiner Hand. Herausfordernd sah ich mich um, doch da war niemand mehr, der eine Reaktion provozierte.
Nur Curan, der seine menschliche Gestalt wiederangenommen hatte. Und Validion, der leise vor sich hin gackerte, bald aber verstummte. Wir zuckten angesichts dieses Verhaltens die Schultern. Darum würden sich hoffentlich erfahrenen Pädagogen kümmern.
Nein, es war etwas anderes, das unsere Aufmerksamkeit auf uns zog, nämlich die zwei ungleichen Reiter, die im Gegensatz zu ihren Reisegefährten erkannt hatten, wen sie vor sich sahen.
Erfreut lächelte Legolas mich von seinem Pferd herunter an. „Mae govannen, thêl nin.“
„Ja… Moin auch.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast