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Zwischen den Sternen

von Luth
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16 / Gen
11.08.2020
25.11.2021
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25.11.2021 3.563
 
Wasilav schloss für einen Moment erleichtert seine Glupschaugen, als er die Nachricht an alle Gnemy abgesendet hatte. Er hatte sie an jede mögliche Kontaktadresse, die von ihnen genutzt wurde, gesendet, und obwohl es keine Übersetzung für Mandalayanisch gab, hatte er die Nachricht verschlüsselt.
Die Botschaft dahinter war für seine Leute jedoch klar: Eine Erleuchtete hatte sie um Hilfe ersucht und ihre Bedürfnisse standen über denen der Ghôgs, die Ghôgs wiederum waren jetzt Feinde und mussten aufgehalten werden. Was für die Gnemy dabei heraussprang? Vielleicht eine Begnadigung und die Rückkehr in die alte Heimat. Ein besseres Leben aber allemal, dazu ein erleichtertes Gewissen.
Wasilav hatte das unbestimmte Gefühl, dass die junge Luthondal sich so oder so für ihre Hilfe erkenntlich zeigen und sich um sie kümmern würde, selbst wenn sie die Königin des Lichtes nicht dazu bringen konnte, dem Volk der Gnemy zu vergeben. Er selbst wollte so dringend wie möglich weg von diesem Planeten, von den Ghôgs und ihren Untaten. Jedes Mal, wenn er zu den Kindern hatte hineingehen müssen, hatte alles in ihm aufgeschrien. Es hatte ihm in der Seele wehgetan, diese armen Geschöpfe zu sehen, ängstlich und alleine, ohne, dass sie überhaupt wussten, welches grausige Schicksal auf sie wartete.
Wasilav hatte schon die Rolle seines Volkes im Kampf um die Herrschaft um Mandalay nicht gut geheißen, und eigentlich war er nach ihrer Verbannung davon ausgegangen, dass die Gnemy sich ändern und nie wieder anderen Wesen etwas antun würden. Innerlich war er hin- und hergerissen und von der Entscheidung des Ältesten, sie auf Thion zu behalten, zutiefst angewidert.
Was er wollte, war ein Neuanfang ohne Gewalt, in dem er die Vergangenheit endlich hinter sich lassen konnte. Wenn möglich, wollte er das für sein ganzes Volk, aber Wasilav sah dieses Ziel weder durch den Ältesten verwirklicht noch in der Rückkehr nach Mandalay. Wer waren sie dort schon? Verräter und Mörder!
„Wasilav!“, holte Slanka ihn in das Hier und Jetzt zurück. „Was nun?“
„Verschwinden wir!“, schlug Kamesz vor.
„Was?!“, entfuhr es Javesch.
„Er hat recht, verschwinden wir zu den Kindern!“, rief Wasilav. „Nutzen wir die Verwirrung und bringen sie weg.“
„Aber wenn uns nun jemand begegnet?“, fragte Slanka.
„Wir laufen doch nicht“, erwiderte Wasilav und hob die Arme. Die Ärmel seiner Kutte rutschten hinunter und man sah viele kleine Schnitte auf seinen Unterarmen. Magie funktioniert nicht bei allen Spezies gleich, und von den Gnemy verlangt sie immer ein Opfer.
Mit dem Daumennagel der linken Hand ritzte Wasilav sich tief in den rechten Arm, sodass die pergamentartige Haut aufplatzte und grünes Blut an seinem Daumen hinablief, sich auf der Hand verteilte und schließlich auf den Boden tropfte.
Die Tropfen flammten grünlich auf und aus dem Feuer bildeten sich Rauchschwaden, die aufstiegen und sich um die Arme des Gnemy wanden wie durchsichtige Schlangen. Wasilav legte die Fingerkuppen aufeinander und formte mit den Händen ein Dreieck.
Der Rauch begann sich bläulich zu verfärben, formte einen Strudel und floss durch Wasilavs Hände hindurch genau vor ihn. Dort baute er sich zu dem bläulich weiß leuchtenden Portalstrudel auf.
„Los!“, forderte er die anderen auf, ließ die Arme sinken und presste den Ärmel auf die Wunde. „Die Blutmarkierung reicht nur für eine Minute!“
Eilig marschierten die sechs durch die helle Öffnung im Raum.
Die Kinder auf der anderen Seite des Durchgangs hatten sich alle in der anderen Ecke der Zelle zusammengekauert, wahrscheinlich als das Portal aufgetaucht war. Wasilav konnte es ihnen nicht verdenken. Als sie das Magiegebilde das letzte Mal gesehen hatten, hatten grobschlächtige, unbarmherzige Arme jedes von ihnen dadurch aus ihrer Welt gestohlen.
Er sah auch sofort, dass wieder ein gutes Dutzend von ihnen fehlten.
„Wie sollen wir ihnen begreiflich machen, dass wir helfen wollen?“, fragte Slanka mit wenig Hoffnung in der Stimme. Mutlos musterte sie die Eingangstür der Zelle.
Die Kinder wechselten verängstigte Blicke. Es war noch immer eine bunt gemischte Scharr und die Gnemy hatten Schwierigkeiten überhaupt auszumachen, wer ein Junge oder ein Mädchen war, oder wie alt die Kinder waren.
„Wir öffnen erst das Portal! Dann machen wir uns darüber Gedanken!“, wies Wasilav sie an, gerade als sich der Durchgang hinter ihnen wieder verschloss. Die Minute war vorbei.
„Die Erleuchtete sagte, sie sei auf dem Planeten Shaolîv zu Hause. Schicken wir alle dort hin?“, fragte Witek.
„Die Distanz ist zu groß, um das Tor lange genug aufrecht zu erhalten. Wir könnten jemanden verlieren!“, erwiderte Wasilav und schauderte bei dem Gedanken, auch nur eines der Kinder mitten im Weltraum schwebend zurücklassen zu müssen. „Wir bringen die Kinder auf die Estel!“
„Auf das Schiff? Aber was, wenn es sich bewegt?“
„Finden wir es erstmal! Luthondal sagte, es befände sich ein Energiekristall an Bord. Den können wir leicht ausmachen, wenn das Schiff noch in der Nähe des Planeten ist!“, warf Javesch ein und krempelte ungeduldig die Ärmel hoch.
Für ein Portal von Ort zu Ort auf demselben Planeten brauchte es häufig nur das kleine Opfer eines Gnemy an die Magie. Für größere Distanzen zwischen Planeten, oder anderen sich bewegenden Objekten im Weltall, brauchte es mindestens fünf der besten. Aus diesem Grund waren sechs von ihnen hier auf Thion, einer als Ersatz.
Wasilav und seine Leute stellten sich in einem großen Kreis auf und vollführten das Blutritual. Es dauerte deutlich länger, die Estel zu finden, aber auf die Magie war dennoch Verlass. Sie fand den magischen Kristall an Bord der Estel und verankerte sich in ihm. Das Portal öffnete sich.
Wasilav drehte sich zu den Kindern und winkte ihnen zu. „Kommt! Wir wollen helfen. Ihr müsst nur dort hindurchgehen!“
Die Kinder blieben jedoch verängstigt sitzen. Keines von ihnen traute sich näher an diese Komplizen der Ghôgs heran.
„Nun kommt schon!“, rief Kamesz ungeduldig. Der harsche Tonfall seiner Stimme machte die Situation jedoch nicht besser, im Gegenteil, die Kinder rutschten noch weiter zurück an die Wand.
„Einer von uns muss vorgehen“, sagte Javesch.
Wasilav wollte gerade nicken und sagen, dass es einen Versuch wert war, als vor der Tür zu seiner Linken, eine Explosion ertönte. Die Wand um die Tür wurde pulverisiert, staubend und bröckeln flog es durch die Zelle zu allen Seiten davon. Die Tür fiel krachend aus den Angeln. Die Kinder schrien, die Gnemy wichen zurück.
Hustend kam eine Gestalt durch den Staub gehastet. Sie war kaum so groß wie ein Ghôg.
`Die hätten schließlich auch nicht ihre Tür zerstören müssen´, schoss es Wasilav durch den Kopf.
Noch während der Staub sich legte, erkannten die Gnemy eine menschlich aussehende Frau mit langen grauen Haaren in der Türöffnung. Sie trug eine schwer aussehende Feuerwaffe mit einem runden dicken Lauf, ein Granatwerfer. Ihr folgte ein Junge mit blauer Haut.
Abrupt blieben Vinyata und Lûpoldin stehen, als sie sahen, was vor ihnen war.
Vinyata musterte zuerst die Kinder. „Behalte diese da im Auge!“, wies sie Lûpoldin mit einem Nicken auf die kleinen fremden Wesen vor dem Portal an. Dann ging sie zu den Kindern und betrachtete sie, redete beruhigend auf sie ein. „Keine Sorge, wir kommen, um zu helfen.“
Sie konnte sehen, was Ondal gemeint hatte. Jedes der Kinder hatte seinen Heimatplaneten im Dreier-Sonnensystem, jedoch konnte Vinyata die meisten Sprachen von dort nicht fließend.
Zwei der Kinder erhoben sich jedoch und stolperten auf sie zu, als sie hörten, dass sie Shaolîv sprach. Es waren ein Mädchen und ein Junge von Shaolîv. Das Mädchen fiel Vinyata schluchzend um den Hals.
„Ist ja gut“, sagte Vinyata und umfing sie mit den Armen. Der kleine Körper zitterte wie Laub im Wind.
„Ihr seid es, oder? Ihr seid mit dieser Luthondal hier“, fragte der Junge.
Vinyata nickte. „Wir holen euch alle hier raus!“
Das erleichterte Weinen und die zusichernde Stimme der Frau schienen auch die anderen Kinder wieder Zuversicht schöpfen zu lassen. Sie drängten sich alle um sie, mit hoffnungsvollen Blicken.
„Hey, du! Keine Bewegung!“, rief Lûpoldin, als sich eines der kleinen hässlichen Wesen auf ihn zu bewegte. Es hatte beschwichtigend die Arme gehoben und begann zu sprechen, die fremden Worte klangen seltsam schön und melodiös aus dem hässlichen Mund, aber Lûpoldin hob die Arme zur Kampfhaltung. „Ich warne dich! Deine Zauberei macht mir gar nichts aus!“
Vinyatas Kommunikator sprang plötzlich an und Elian rief nach ihr. „Vinyata? Hallo? Irgendjemand? Hier ist plötzlich so ein großes Leuchtding aufgetaucht. So eines, wie Lûpoldin es eschrieben hat!“
Wasilav wandte sich von dem Jungen ab, als er diese Stimme hörte, die aus einem kleinen Metallstecker an dem Revers der Frau zu kommen schien. Sie hatte diesen Namen gesagt. Vinyata. Luthondal hatte ihnen diesen Namen auch genannt, und damit ihre Lehrerin gemeint.
„Hallo?“, wiederholte die Stimme. „Da ist so ein Portalding auf der Estel!“
Noch ein Wort, das die Gnemy kannten!
„Elian, ich höre dich! Haltet euch davon fern, hört ihr? Versteckt-“
„Estel!“, rief Wasilav und deutete mit einem Fuchteln auf das Portal. „Da geht es zur Estel! Da bringen wir euch hin, in Sicherheit!“
Er war sich im Klaren darüber, dass sie nichts von dem verstanden, was er sagte und schaute sich hilfesuchend nach seinen Kameraden um, doch die wussten auch nicht, was sie tun sollten.
„Rayth, was tust du?! Nein, geh da nicht rein!“, hörte Vinyata Elians Stimme erneut über den Kommunikator, während sie noch versucht zu verstehen, was das ulkige Wesen vor ihr von ihr wollte.
Sie wusste nicht mal, was die sechs Wesen vor dem Portal waren, aber die Panik in Elians Stimme war wichtiger.
„Was? Was ist da los? Elian!“, rief sie, die Augen noch immer auf jede Bewegung des grünen Männleins gerichtet. In ihrem Gehirn ratterten die Informationen der letzten Stunden herunter. Hatte Ondal nicht gesagt, dass sie Verbündete gefunden hatte?
„Elian?“, wiederholte Vinyata, bekam aber keine Antwort.
Elian und Alenia erzählten später, dass sie sich am liebsten an ihre Freundin hatten hängen wollen, um zu verhindern, was Rayth als nächstes tat, aber die Mandrull ließ sich nicht beirren. Seit das Portal mitten an der Wand der Brücke, wo der Kristall in seinem Behälter steckte, aufgetaucht war, konnte sie alles intensiv spüren. Den Energiefluss, so als stöbe er neben ihr durch sein Bett, und Luthondals Nähe, die ihr entgegenleuchtete wie eine Signalfackel aus dem Dunkeln. Auch ihre Mentorin hatte sie gespürt, und dann waren auch Lûpoldin und Vinyata in diesem unsichtbaren Gefühlsspektrum aufgetaucht. Elian hatte den Kommunikationskanal eingeschaltet gelassen, und Vinyatas letzte Worte hatten bestätigt, was sie dachte: Dass sie auf der anderen Seite des Portals waren, das sich auf der Brücke aufgetan hatte.
Rayth streckte den Arm aus und stieß ihn mitten durch den Durchgang.
Der Arm und das Gesicht der Mandrull kamen durch das Portal und sie grinste in die Runde. „Hallo! Es ist ein bisschen kühl, wenn man direkt in dem Ding hier steht, aber hier geht es direkt auf die Estel!“
Vinyata wusste nicht, ob sie das Mädchen einfach packen und schütteln sollte für so viel dumme Kühnheit, aber sie bewunderte sie auch für ihren Mut. Jedoch war weder für Lob noch Tadel Zeit, denn Lantana und Rashura waren nicht hier, geschweige denn Ondal und Rés.
„Ihr“, wandte sie sich an das kleine Wesen. „Ihr seid Luthondal begegnet, oder? Luthondal?“ Sie sprach langsam und hoffte, dass es so irgendetwas verstand und ihr bestätigen würde, dass sie ihnen keinen Hinterhalt legten.
Der kleine Kerl sprang aufgeregt auf und ab.
„Luthondal! Ja, ja!“, rief Wasilav. „Du bist Vinyata, oder? Vinyata?“ Dabei deutete er mit dem Finger auf sie. Zu seiner Erleichterung nickte die Frau.
„Gut, gut! Luthondal hat uns alles gesagt. Wir“, er deutete auf sich und seine Kameraden, „wir wollen helfen. Wir wollen die Kinder“, er machte eine ausladende Geste, „auf die Estel bringen! Estel, das Schiff, verstehst du?“
Hektisch fuchtelnd deutete der grüne, faltige Zwerg auf das strudelnde Portal, das mitten im Raum schwebte und aus dem noch immer Rayth blickte.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass der nur das sagt, was wir schon wissen“, meinte diese. „Hier geht es zur Estel. Die da möchten uns sicher helfen, wenn sie wirklich Ondal getroffen haben!“
„Wir sollen dort durchgehen?“, fragte das Shaolîvmädchen, das noch immer Vinyatas Arm festhielt.
„Ja. Rayth und Lûpoldin werden bei euch sein. Ihr kommt dadurch direkt auf mein Schiff!“, antwortete Vinyata hastig und stand auf. „Ihr müsst jetzt alle ganz tapfer sein, vor allem du, kleines. Du musst den anderen Kindern helfen.“
Lûpoldin trat zu ihr. „Ich soll auch bei ihnen bleiben?“
„Ja, du musst die Kinder sicher von hier fortbringen. Ich mache mich auf die Suche nach den anderen.“
„Aber dort draußen sind doch noch mehr Ghôgs!“, begehrte der Junge auf.
„Genau deswegen ja!“ Vinyata legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte sanft zu und schaute ihm in die Augen. „Du hast Tapferkeit bewiesen und Mut! Aber wir sind hergekommen, um die Kinder zu retten. Vergiss das nicht. Das war die Mission, also konzentriere dich und bringe die Kinder in Sicherheit! Elian und du, ihr könnt die Estel fliegen. Ihr könnt das System mit den geretteten verlassen, sollten wir nicht zurückkommen, verstanden?! An Bord hast du jetzt das Kommando!“
Lûpoldin schluckte schwer, als er das hörte, und dann nickte er langsam. „Okay… Ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen.“
„Nicht versuchen, Lû.“ Ein angedeutetes Lächeln huschte über Vinyatas Gesicht, aber das kühle Licht des Weltentors unterstrich ihre weiterhin ernste Miene. „Ich bin froh, dass du mitgekommen bist. Es war die richtige Entscheidung von dir!“
Ehe Lûpoldin etwas sagen konnte, wandte sie sich zu den Kindern um und sprach laut zu ihnen. „Also gut, ihr alle! Ja, ihr alle!“ Ihre Hände beschrieben einen Kreis, der die gesamte Gruppe einschloss. „Folgt Rayth durch das Portal! Jetzt!“
Mit einem letzten Blick auf ihre tapferen Helfer sagte sie: „Ihr könnt das. Ich vertraue euch!“
Dann eilte sie, die Waffe im Anschlag, zurück in den Gang, aus dem sie und Lûpoldin eben gekommen waren.
„Ok, ok!“, stieß Lûpoldin aus und versuchte, seiner Stimme einen kräftigen Klang zu geben. „Wer versteht mich?“
Er und Rayth machten sich daran, die Kinder in Zweierreihen aufzustellen und dann lief Rayth an den Anfang der Schlange und führte sie durch das Portal, ein Pärchen nach dem anderen. Jedes Mal, wenn jemand durch die magische Tür ging, zuckten ein paar Blitze auf, aber Lûpoldin ermutigte die Kinder weiter, einfach hindurchzulaufen.
Die beiden Ef’eans-Zwillinge auf der Brücke der Estel staunten nicht schlecht, als Rayth ein Paar Kinder nach dem anderen durch das Portal führte. Sie übernahmen schnell die Führung und brachten sie zum anderen Ende der Brücke. Immer wieder drehten sie sich um und hielten nach Rés Ausschau, aber ihr Freund war nicht unter den Kindern.
„Slanka, Javesch, Witek“, befahl unterdessen Wasilav den anderen Gnemy, „ihr geht schon hindurch! Haltet dort die Stellung. Wir sehen zu, dass alle durchkommen!“
„Warum sie?“, fragte Kamesz missmutig, als die anderen sich auf den Weg machten.
„Weil wir drei die stärksten Kampfzauber draufhaben.“
„Es sind nur noch ein paar“, meinte Oswit, der die Augen auf die zerstörte Zellentür gerichtet hielt. „Hoffen wir, dass wir gleich mit verschwinden können, bevor jemand die Flucht bemerkt.“
Als Lûpoldin sich gerade anschickte, die letzten vier Kinder durch das Portal zu schieben, ging plötzlich ein Ruck durch den Boden und fegte sie allesamt von den Füßen. Die Erde krachte lautstark auf.
Lûpoldin rappelte sich hoch, ignorierte den schmerzenden Kratzer an seinem Unterarm und half dem Mädchen mit den vier Augen, das zu seiner Linken lag, aufzustehen.
„Lû!“ Rayth schaute aus dem Portal. „Was war das? Ich habe eine gewaltige magische Erschütterung gespürt!“
„Keine Ahnung! Los, zieh sie durch!“, rief der Sherlax und reichte ihr die kleine.
Auch die Gnemy hatte es von den Füßen gerissen.
„Spürst du das auch?“, fragte Oswit kreidebleich, als Wasilav ihm aufhalf.
„Oh ja“, antwortete er und ein mächtiger Schauer lief seinen Rücken hinab. Er drehte sich zu den Kindern um und begann zu kreischen. „Los! Los! Los! Wir müssen weg! Hier bricht gleich alles auseinander!“
Er zog Oswit und eines der übrigen Kinder hinter sich her und stieß sie durch das rettende Portal. Der blaue Junge tauchte mit dem dritten Kind neben ihm auf. Das letzte war alleine auf die sichere Seite gelaufen.
„Wasilav!“
Kamesz!
Mit hin und her kullernden Augen suchte Wasilav nach seinem Kameraden. Er lag ein paar Meter entfernt auf dem Boden, begraben unter Geröll und konnte sich nicht befreien. Wasilav stolperte auf ihn zu.
Der blaue Junge war schneller. Er hopste behände über den zitternden und bebenden Untergrund und rief etwas Unverständliches.
„Geh schon, ich mach das!“ Lûpoldin aktivierte die höchste Stufe des Powerhandschuhs. Er fegte das Geröll mit Leichtigkeit von dem kleinen Körper herunter und hob die vor Schmerzen kreischende Kreatur auf. Wahrscheinlich hatte sie sich etwas gebrochen.
Der andere, der vor dem Portal stehen geblieben war, winkte und hüpfte außer sich auf und ab, bis Lûpoldin bei ihm war, dann warfen sie sich beide durch das Portal.
„Was ist passiert?“, empfing Slanka Wasilav. Ihr Blick fiel sofort auf Kameszs gebrochene Beine. Sie war die beste Heilerin unter ihnen und bedeutete Lûpoldin, den verletzten langsam abzulegen.
„Schnell! Das Portal!“, forderte Wasilav die anderen auf. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Wir müssen es schließen und dann weg hier!“
Elian und Alenia bemerkten die sechs fremden Gestalten erst jetzt, nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte und nicht mehr alle durcheinander plapperten.
„Was sind das denn für welche?“, fragte Alenia ihren Bruder.
Der Shaolîvjunge Kantos, der neben ihnen stand, hatte sie gehört. Er strich sich über die kleinen Stoßzähne und dachte scharf nach. „Diese Freundin von Rés“, sagte er leise, „die, die bei uns in der Zelle aufgetaucht ist, nannte sie Gnemy.“
„Gnemy“, wiederholte Elian stirnrunzelnd. „Ich versuche mal, die im Computer zu finden. Zu verstehen scheinen sie uns nicht, aber vielleicht kann das Bordsystem uns da behilflich sein.“
Eilfertig rannte Elian an die Konsole, die er inzwischen fast so gut kannte, wie seine eigenen Erfindungen zu Hause. Die geheimnisvollen grünen Wesen schlossen in dem Augenblick das Weltentor. Für einen Moment überkam Elian Angst davor, dass die Magier das so geplant hatten und sie nun als Geißeln nehmen würden, aber er drängte den Gedanken beiseite.
Dann fiel sein Blick auf Rayth, die wie angewurzelt in der Mitte der Brücke stand und aus dem ovalen Frontfenster der Estel starrte.
„Hey, Rayth!“
„Elian… Ich glaube, wir sollten hier weg!“, antwortete sie. „Schaut doch nur!“
Elian und ein paar andere, alarmiert von Rayths unheilvoller Stimme, schauten aus dem Fenster, wohin sie zeigte. Langsam verstummten alle. Thion stand ihnen dort dunkel gegenüber und eine eiskalte Hand umfasste Elians Herz. Die Angst, dass die Gnemy das alles geplant hatten, war schlagartig vergessen. Elian war sicher, sie hatten einfach nur fliehen wollen, denn von Nord nach Süd zog sich plötzlich ein gigantischer Riss über das Gebirge und der Planet öffnete sich langsam.

Vinyata war den langen dunklen Gang, der nur nachlässig und schroff in den Berg gehauen war, zurückgerannt, ohne irgendwem zu begegnen. Auch auf dem Hauptweg, auf dem sie sich nach links wendete, um Lantana und Rashura zu folgen, war niemand. Die restlichen Gefangenen schienen für niemanden mehr von Bedeutung zu sein.
Tote Ghôgs lagen in dem Gang. Auf zwei Gruppen war Vinyata schon gestoßen, die erste niedergeschossen, bei der zweiten sah sie einige Nahkampfverletzungen. Der Nacken der Ghôgs war durch den Reptilienpanzer geschützt, aber die Kehle und die Achseln waren Schwachstellen, nur durch eine weiche Membran bedeckt. Rashura war flink und zielsicher gewesen – und hatte genau gewusst, was sie tat.
„Sie könnte auch eine hervorragende Assassinin sein“, murmelte Vinyata und bog um die nächste Ecke. Beinahe wäre sie direkt in Rashuras Messer gelaufen, denn die Kriegerin lehnte hinter der Kurve an der Wand und hatte ihre Schritt gehört. Als sie sie erkannte, zog sie die Klinge blitzschnell zurück und ließ sich dann mit knirschenden Zähnen an der Wand hinabrutschen. Sie blutete aus einer Wunde am rechten Bein.
Vinyata schob ihre Waffe auf den Rücken und kniete sich zu ihr. „Ist es gebrochen?“
„Nein“, antwortete Rashura und hob ruckartig den Kopf, als aus der Ferne mehrere Schüsse tönten.
„Du gehst auf die Estel!“, beschloss Vinyata.
„Nein, ich kann-“
„Nein! Auf der Estel sind die Kinder aus der Zelle! Du musst dich um sie kümmern, das ist die Mission! Außerdem kannst du dich dort verarzten!“ Vinyata erlaubte keinen Widerspruch. „Das ist ein Befehl deines Captains, unter dem du dich für diese Reise verpflichtet hast!
„Aye, aye, Sir!“, presste Rashura hervor.
Keine von ihnen kam dazu etwas zu tun. Plötzlich war es still, so still. Dann schien etwas den Minengang in helles Licht zu tauchen – nein, der Stein selbst leuchtete auf.
Und dann stand Lantana wie aus dem Nichts vor ihnen.
„Weg!“, schrie sie sie an, die Haut weißer als weiß. „Wir müssen weg, sofort!“
„Was heißt das? Wo sind Ondal und Rés?“, entgegnete Vinyata und stand so schnell auf, dass ihr kurz schwindlig wurde. Unter ihren Füßen und über ihrem Kopf hörte sie es laut krachen.
„Verloren! Hörst du? Wir müssen jetzt sofort von hier weg!“
„Ich lasse sie nicht zurück!“, schrie Vinyata sie an, warf den schweren Granatenwerfer zu Boden und rannte an Lantana vorbei.
Lantana schrie ihrem ersten Offizier hinterher, aber sie wusste, dass sie nicht auf sie hören würde. Es war zu spät.
„Gib mir deine Hand!“, schrie sie Rashura an, die noch immer mit völlig entgeisterter Miene den Gang hinab Vinyata hinterher sah. Sie bekam kaum mit, wie Lantana ihre Hand packte, ihren Kommunikator aktivierte und die Estel anfunkte.
„Elian! Zwei zum Beamen! Drückt den gelb leuchtenden Knopf! Jetzt!“
Eine Sekunde später spürte sie das Kribbeln auf der Haut und der Tunnel verschwand. Lantana atmete erleichtert auf. Wenigstens sie beide hatten es geschafft.
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