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Ich suchte einst…- One-Shots, Vignettes und Post Scripts

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Alucard Integra Wingates Hellsing OC (Own Character) Pip Bernadotte Seras Victoria Walter C. Dolneaz
09.08.2020
09.08.2020
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Hallo ihr Lieben,

Ich begrüße euch zu einem kleinen Projekt, das ich aus verschiedenen Gründen anfangen will:

Meine Fanfiction „Ich suchte einst Vergebung und träumte einen Traum…“ hat mittlerweile eine ungeplante Länge angenommen, mit der ich zu Beginn nie gerechnet hätte. ಠ_ಠ

Und da das Ende der Story für mich zumindest schon in sichtbarer Entfernung liegt, man es bei einer realistischen Einschätzung meiner Schreiberei jedoch höchstens (metaphorisch ausgedrückt) mit dem Hubble-Teleskop erblicken könnte, möchte ich gerne ein wenig penibler als bisher auf die Länge achten und unnötige Szenen weitestgehend vermeiden. Aus diesem Grund habe ich schon in der Vergangenheit einige viele Szenen rausgenommen, die nichts zum Plot beitragen, die Story unnötig behindern oder einfach mal wieder aus einer depressiven/sentimentalen Laune und/oder Schreiblust heraus entstanden sind. Dann wiederrum gibt es hier und da immer mal wieder tolle Requests von wunderbaren Lesern, Fans und Freunden, denen ich nur zu gerne nachkomme.
Ich habe duzender solcher Fragmente auf meiner Festplatte und weiß von ein paar Lesern zufällig, dass sie sie gerne lesen würden. Also habe ich mir überlegt, hier Platz zu schaffen für relativ kurze Storys, die nicht gelesen werden müssen, um meine Fanfiction zu verstehen. Das hier wird also nur ein „Zusatz“, manchmal vielleicht sogar ein One-Shot ganz abseits meiner Story ;-) Das Hellsing Universum ist groß und ich bin für so ziemlich jede Hellsing bezogene Idee offen.

Jetzt will ich nicht behaupten, dass alle meine geistigen und zu digitalen Papiere gebrachten Ergüsse pures Gold oder veröffentlichungswürdig sind – manche sind auch einfach große Scheiße und existieren nur noch, weil ich ein digitaler Messie bin. Aber ich habe mich dafür entschieden, es mal zu versuchen und letztlich die Leser entscheiden zu lassen, ob es gefällt oder nicht. Ich bin natürlich auch weiterhin offen & würde mich sehr über Requests oder Ideen freuen. Also wenn ihr schon immer mal eine gewisse Szene, eine bisher nur angedeutete Geschichte, einen Dialog oder sonst was verschriftlicht sehen wolltet, dann schreibt mir gerne PN  ;) Frei nach dem Motto: Nur her damit und ich gucke, ob ich den Ansprüchen gerecht werden kann.

Für diejenigen von euch, die gerne mal was Schönes, Trauriges, Lustiges oder einfach nur Stuff für „Zwischendurch“ lesen wollen.  Los geht’s.  


Ich suchte einst….

….nichts und fand dich (Teil I)

Sie waren schön.

Das musste er zugeben: Die Frauen, die er sich als Gesellschaft nahm, waren schon als Menschen durchaus nett anzusehen. Allesamt jung und voll von…Leben. Ihr Rücken war noch nicht von der jahrzehntelangen Quälerei auf dem Feld oder im Haus bucklig und gebeugt, die Beine waren gerade und lang, die Haut hatte noch keine Ekzeme oder Narben, die Taille schlank mit ausladenden Hüften und vollen Brüsten. Sie rochen gut, nein sogar unwiderstehlich, wenn sie noch unberührt waren. Desto süßer der Geruch, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, auf eine Jungfrau gestoßen zu sein. Jedoch war die Chance, dass eine Frau einigermaßen ansehnlich und gleichzeitig unberührt war, erfahrungsgemäß eher gering. Doch wenn er Glück hatte und ein geschicktes Händchen bewies, konnte er sich ganz unterhaltsame Gesellschaft wie aus Ton und Lehm formen.

Und wie sie erblühten für ihn: Einmal gebissen und verwandelt, einmal ein Kind der Nacht und jeder Mensch würde behaupten, er habe niemals solch eine makellose Schönheit gesehen. Und das waren sie wirklich …Alle Vampire waren schön. Doch was war dieses Attribut schon wert? Kreaturen, schöner als Gott sie je hätte erschaffen können. Manchmal hatte er das Bedürfnis, etwas so Schönes zu zerstören. Doch jedes Mal, wenn der Kieferknochen von Marcus, der makellose Hals einer Draculina oder sein eigener Kopf unter seiner Gewalt nachgaben, spürte er danach nur noch mehr Frust. In solchen Fällen gab es dann nichts Besseres als ein ordentliches Massaker oder ein gerade beginnender Krieg, in welchen er sich einmischen konnte, um seinen Frust rauszulassen. Es sei ihm selbst und seinen unendlich dummen Kindern gedankt, dass es immer genug untote Idioten gab und geben würde, die meinten, sich mit ihm anlegen zu müssen und deren mehr oder weniger perfekten Gesichter er unter seinem Stiefel zu blutigem Brei verarbeiten konnte.

Perfekt. Wie er dieses Wort verabscheute. Was brachte es außer, dass sich sein Abendessen vielleicht davon angezogen fühlte?  Das nahm der ganzen Sache den Spaß und machte es zu einfach. Wenn sich eine Frau durchaus freiwillig von ihm leer saugen lies weil sie so entzückt von ihm war, schmeckte es nur halb so gut wie als wenn ihre angsterfüllten Schreie die Nacht zum Singen brachten. Doch sie waren nun mal alle so konstruiert, dass sie von Natur aus anziehend wirkten, zumindest auf die Menschen.
Er sah hinter diese ganze Scharade. Er sah nicht nur jeden einzelnen Makel auf der Haut seiner Schöpfungen, jedes falsch sitzende Haar, jede seltsam anmutende Gestik oder Mimik, die aus der Ungewohntheit des Todes resultierte. Es war seltsam, nicht mehr atmen zu müssen. Manchmal vergaß der Körper, dass er tot war. Er sah die Irritation in ihren Blicken, das obligatorische Fassen ans Herz. Das Schlucken, wenn sie sich über diese sinnlose Panik bewusst wurden.

Doch es war nicht nur die Hülle, die seine Augen zu durchschauen vermochten…Es waren ihre Gedanken, ihr Innerstes, ihre verdammten Seelen. Die meisten Frauen, die er sich ins Bett holte, waren liebliche, hübsche und junge Mädchen, rein und voller Liebe, die sie ihm bereitwillig schenkten. Doch nach ein paar Jahren veränderten sie sich meistens und das nicht zum Positiven hin. Würden sie bösartig, machthungrig oder zornig werden, könnte er damit umgehen. Seine Dominanz wurde nie in Frage gestellt. Und wenn doch dann nie für lange. Er könnte und würde sie zügeln, züchtigen, zähmen und entfesseln. Ihnen die Macht geben, nach der sie sich sehnten, auch wenn sie selbst noch nichts davon wussten. Es würde ihn in Ekstase versetzten, eine gelungene Schöpfung zu sehen, doch vor allem würde es ihm Beschäftigung geben. Was war das Leben ohne richtige Herausforderungen? Genau: Das was er jetzt hatte.

Doch sie wurden nicht so. Sie wurden…eifersüchtig, traurig und melancholisch, weil er ihre Liebe nicht erwiderte und sie sich weigerten, ein eigenständiges Leben als Draculina zu führen. Irgendwann langweilte es ihn. Dann nervte es ihn und irgendwann tötete er sie. Natürlich nicht alle auf einmal, nein.  Würde er alle auf einmal töten, würde das viel mehr lästige Arbeit bedeuten. So hatte er immer mindestens eine Braut, die den anderen die Grundlagen ihres Lebens beibringen konnte damit er sich nicht mit solchen Belangen rumschlagen musste. Die meisten hatten am Anfang Probleme damit, Blut zu trinken. Zumindest so lange, bis ihre Instinkte übernahmen und der erste Rausch einsetzte. Doch wie lange das dauerte war von Vampir zu Vampir individuell und er hatte oftmals nicht die Nerven dafür, sich dieses Gejammer vorher lange anzuhören. Dafür waren dann die Älteren da, die dafür sorgten, dass die frisch erschaffenen Vampirinnen bei Kräften blieben, wenn nötig mit Gewalt. Schwäche widerte ihn an, das wussten sie und fürchteten sich davor.

Er blickte sich um. Mit seinen jetzigen vier Frauen hatte er ausnahmsweise mal mehr Glück. Nach über zwei Jahren waren sie immer noch harmonisch und behandelten sich untereinander wie Schwestern. Sie waren zwar sehr unterschiedlich im Temperament, doch jede einzelne von ihnen war auf ihre ganz eigene Art leidenschaftlich und aufregend, sodass er immer noch nicht genug von ihnen hatte. Ein durch und durch harmonisches Trüppchen. Nach so unendlich vielen Versuchen hatte er sich das auch endlich mal verdient. Er wurde aus einen Gedanken gerissen als er eine Bewegung wahrnahm.

Reveka richtete ihren Kopf, der bis gerade auf seinem Oberschenkel gelegen hatte, auf und blickte ihn mit einer Mischung aus Müdigkeit und Zuneigung an, um dann vorsichtig zu ihm hoch zu grabbeln. Ihr sandfarbenes Haar strich sanft über seinen Bauch und versperrte ihm die Sicht auf ihre vollen Brüste, die sanft mit ihren Bewegungen mitschwangen. Mit einer Hand strich er es ihr die lange glatte Haarpracht hinter das Ohr und zog sie dann am Hinterkopf zu einem kurzen, verlangenden Kuss zu sich. Sie grinste und legte sich wieder auf ihn, strich mit den Fingerspitzen über seine Brust, hin zu seinem rechten Arm, auf dem Aurica sanft vor sich hindöste. Sie begann, mit einer der braunen Strähnen ihrer halb komatösen Schwester zu spielen und zeichnete damit sinnlose Symbole und Buchstaben auf seiner Brust nach.

„Was denkst du, Meister?“

Sein Blick glitt unfokussiert durch den großen Raum während er mit seiner freien Hand ihren Arm streichelte. „Ich denke über den Gebrauch und Verbrauch meiner Frauen nach.“

Neugierig hob sie den Kopf und bereute es noch im gleichen Moment. Ihre Hand flog automatisch zu ihrem Hals, wo sich die klaffende Wunde, die er ihr rausgebissen hatte, nur langsam wieder verschloss. Es war anscheinend mal wieder Zeit für ihn, Essen zu besorgen. Sie legte eine Handfläche flach auf seine Brust, stützte ihr Kinn darauf ab und blickte ihn erwartungsvoll an, „Wieso? Langweilen wir dich? Wir könnten,“

Mit einer kurzen Handbewegung unterbrach er sie und schüttelte den Kopf, „Nein. Das ist es nicht. Ihr seid durchaus… zufriedenstellend.“

Er senkte den Kopf und blickte in ihre roten Augen, die ihn so huldigend ansahen. Sie war noch nicht ganz drei Jahre hier, war selbst gerade so 20 Jahre alt aber er konnte schon sagen, dass sie ihn bedingungslos anbeten würde und das für garantiert weitere zwei oder drei Jahre. So lange bis der Schleier fiel und sie sah, was und wie er wirklich war.

Er wusste nicht mal, warum er die folgende Frage laut formulierte. Letztlich war es ihm aber auch egal. Er kannte die Antwort ohnehin schon. „Sag mir, Mädchen: Was ist Schönheit für dich?“

Er konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Wenn sie vorm Spiegel stand, sah sie Schönheit. Ebenso wenn sie ihre Schwestern ansah. Wenn sie ihn ansah, verblasste alles andere und war nur noch halb so schön, immerhin war er ihr Meister, das Zentrum ihres kleinen beschränkten Universums. Dummes Mädchen. Als würde dieses Gesicht, dieser Körper irgendetwas bedeuten. Für ihn hatte seine eigene Gestalt schon vor langer Zeit an Bedeutung verloren.

Plötzlich fing es an, ihn ihm zu rumoren, zu rebellieren. Es schrie und tobte, riss von innen an ihm. Er schloss genervt die Augen und lehnte den Kopf zurück.

Sie interpretierte seinen Gesichtsausdruck falsch  und bemühte sich, ihm eine Antwort zu geben. Doch noch bevor sie den Mund aufmachen konnte, öffnete sich quietschend die schwere Holztür und ließ das Licht der im Flur stehenden großen Kerzenständer in den komplett verdunkelten Raum. Er zog den Arm unter Aurica hervor, die sich müde aufrichtete und verwirrt umblickte. Das Licht störte ihn gerade jetzt enorm und er hielt sich die Hand vor die Augen.

Marcus ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Ohne auch nur einen Blick auf das gigantische Bett und seine fünf komplett nackten Bewohner zu werfen, durchquerte er den Raum und riss an den schweren dunklen Vorhängen, die jedes Licht von draußen abschirmten.

Vlad rechnete schon damit, gleich mit vier hysterisch herumspringenden, vor Schmerzen schreienden Vampirinnen konfrontiert zu werden und so wie die vier sich mit ihren bloßen Armen versuchten, zu schützen, gingen sie von einem ähnlichen Szenario aus. Umso überraschter war er als kein Sonnenlicht den Raum flutete. Stattdessen blickte er einen prächtigen Vollmond an, der gerade im Begriff war, aufzugehen. Verwirrt blickte er seinen Zweiterschaffenen an, der sich mit verschränkten Armen in seiner ganzen wuchtigen Pracht vor ihnen aufbaute. Sein langes blondes Haar war standardmäßig zu einem hohen Zopf zusammengebunden und wie immer, wenn er sich so erwartungsvoll vor ihm aufbaute, musste es etwas Ernstes sein - dem Blick seiner rot aufleuchtenden ernsten Augen nach, lag der Grund für seinen Missmut direkt vor ihm, „Hat Eure Majestät vor, ihren königlichen Arsch jemals wieder zu bewegen und diesen Raum zu verlassen?“

Er schenkte seinem Freund ein süffisantes Grinsen und schob Maria von seinen Beinen runter, um sich weit genug Richtung des kleinen goldverziehrten Tisches, der neben dem Bett stand, drehen zu können. „Warum sollte ich? Gibt es einen Grund, aufzustehen?“ Er griff nach der immer bereitstehenden Karaffe doch tastete ins Nichts. Der Jüngere war schneller gewesen und hielt die goldene Karaffe über seinen Kopf in einer Hand, drehte sie um und offenbarte ihren nicht vorhandenen Inhalt. „Das könnte ein Grund sein.“

Er knurrte missmutig, lies sich unbeeindruckt wieder zurück auf das Bett fallen und sprach bewusst lauter zur Decke gewandt, „Soweit ich mich erinnere, habe ich zwei Jünglinge hier irgendwo rumlungern, deren einzige Aufgabe anscheinend schon zu viel verlangt ist.“ Wie auf Befehl kam einer der schlaksigen Halbwüchsigen mit eiligen Schritten in den Raum und nahm die Karaffe an sich ehe er, so schnell ihn seine menschlichen dürren Stelzen tragen konnten, raus rannte, um seine Aufgabe zu erfüllen. Marcus schüttelte nur den Kopf und blickte die nackten Frauen an, die sich vollkommen ungeniert vor ihm auf dem Bett räkelten. „Wenn du deinen Schwanz für ein paar Minuten aus diesen Grotten fernhalten würdest, könnte sich dein Kopf vielleicht mal wieder einschalten und etwas…anspruchsvollere Beschäftigung fordern.“

Er spürte aggressive Schwingungen in der Luft, guckte zum Fußende und musste grinsen. Seine Frauen fühlten sich verständlicherweise persönlich beleidigt und angegriffen. Sie richteten sich auf und funkelten Marcus vom Bett aus gefährlich an. Wie Raubtiere, die auf der Pirsch lagen und im Rudel ihre Beute ausspähten, fixierten sich ihre Augen, die Pupillen zu Schlitzen verengt, auf ihr Ziel. Doch anstatt ihn anzugreifen, fauchten sie ihn warnend und instinktiv mit bedrohlichen, unmenschlich klingenden Lauten an. Er konnte ihren Missmut verstehen, erst so rüde aus dem Schlaf geweckt und dann als Objekte degradiert zu werden, würde auch nicht zu seinen liebsten Beschäftigungen gehören.
Die Drohgebärden schienen den Vampir nur noch mehr zu nerven. Er fletschte die Zähne und präsentierte seine perlweißen Reißzähne. Ein tiefes Knurren entkam ihm, was die Frauen nur noch mehr aufstachelte. Das Fauchen wurde lauter, ihre Augen leuchteten auf und suggerierten eindeutig Gefahr im Verzug.

Dann schien Marcus doch plötzlich genug zu haben: Er ließ die Arme sinken und machte einen leichten Schritt nach vorne, seine Augen leuchteten auf und er fauchte die Draculinas mit einer Aggressivität und Dominanz an, die eindeutig keinen Widerspruch zu lies. Die Damen wussten durchaus, wo im Ernstfall ihr Platz in der Hierarchie war und so quietschten sie panisch auf, sprangen zur Decke und blieben dort verängstigt und dicht aneinandergedrückt hängen. Streit unter nicht gleichberechtigten Geschwistern führte zwangsläufig zu tiefgreifenden sozialen Differenzen, das wusste er noch aus eigener Erfahrung.

„Verschwindet endlich. Eure ‚Dienste‘ werden gerade ausnahmsweise mal nicht benötigt.“ In seiner Stimme schwang so viel Missgunst und Abscheu mit, dass Vlad sich fragte, ob er einfach nur eifersüchtig war und Druck hatte. Doch der Gedanke verschwand schnell wieder, als sie endlich alleine waren und sein Freund ihn vorwurfsvoll aber wesentlich entspannter anblickte.

Sich keiner Schuld bewusst, zuckte er nur gelassen mit den Schultern, „Was ist?“

Der Blonde seufzte entnervt auf, strich sich mit einer Hand nachdenklich durch den länger gewordenen Ziegenbart, dessen Enden sich nach unten hin schon kräuselten, und ging zu dem Schreibtisch rüber, der vor dem Fenster stand und nun vom sanften Mondlicht beleuchtet wurde, „Findest du das nicht auch langsam ein bisschen lächerlich? Du hast dieses Zimmer seit Tagen nicht mehr verlassen. Und davor auch nur immer mal wieder kurz. Insgesamt bist du wahrscheinlich schon seit letztem Jahr durchgehend hier drin. Und bald beginnt der Sommer. Du solltest etwas tun.“

Er zuckte mit den Schultern. Die Weinkaraffe kam zurück in den Raum gelaufen und er nahm sie direkt an sich, ohne dem ängstlich dreinblickenden Jüngling auch nur einen weiteren Blick zu schenken. Nach einem großen Schluck Wein ließen sich solche Moralpredigten doch immer viel einfacher ertragen. Er streckte sich wieder quer über das Bett, um nach dem Kelch, der ebenfalls auf dem Tisch stand, zu greifen. Während er sich einschüttete, sprach er, „Und was soll ich deiner Meinung nach tun? Wenn ich dich noch einmal im Schach, mit dem Schwert oder meiner linken Hand besiege, fürchte ich, dass du bei mir in Leibeigenschaft gehen musst. Ich habe jedes Buch, jedes Pergament, jede Schriftrolle, jede Aufzeichnung hier im Schloss mindestens fünf Mal gelesen. Ich habe gefühlt jeden sehenswerten Flecken auf diesem Kontinent gesehen und glaub mir: Keiner davon wäre den Weg ein zweites Mal wert. Krieg darf auch kei-,“

Wütend drehte der Jüngere sich um und unterbrach seinen Meister rüde, „Ich habe es dir schon tausend Mal gesagt und ich weiß, dass du es durchaus verstehst, ansonsten könnte ich dich wohl kaum davon abhalten. Die Menschheit muss sich erst wieder erholen und reproduzieren. Wo willst du ein Massaker anrichten oder Krieg spielen, wenn es keine lebende Seele mehr gibt? Die letzten Jahrzehnte waren extrem belastend und bevölkerungsdezimierend für das Land, wo wir auch nicht ganz unschuldig dran sind.“ Der Blonde griff nach unten, hob etwas hoch und warf es ihm im Reden zu, was auf seinem Kopf landete, ihm die Sicht versperrte und sich letztlich als Hose offenbarte. Noch schlimmer: Eins der Hosenbeine landete auch noch in seinem Kelch, womit er noch viel weniger einverstanden war. Er zog die Hose langsam runter, legte sie neben sich und setzte sich auf den Bettrand, „Ich habe den Priester und seine Sippe weggeschickt, was willst du, das ich mehr zum Erhalt der Menschen tue?“ Marcus verdrehte die Augen und wandte sich wieder dem Schreibtisch zu, auf dessen Fläche er die duzenden Papiere anscheinend nach irgendwas Bestimmten durchwühlte, „Ja, Super gemacht. Wanderprediger Victor und seine Schafherde ziehen durch ganz Europa und machen wer weiß was. Sie sind wie eine Heuschreckenplage und fressen einfach ganze Landstriche leer, du musstest sie wegschicken. Aber wahrscheinlich erschafft er sich gerade sein eigenes Königreich aus den letzten verbleibenden Jungfrauen in Europa. Erinnerst du dich noch an das letzte Mal, als du ihn rausgeschmissen hast vor 50 Jahren? Damals wurden verdächtig viele Klöster und Kirchen überfallen und vernichtet. Wer holt sich schon Nonnen als Dienerinnen?“

Es stimmte, dass Victor mit einer Sippe von gut 40 Vampiren durch die Lande zog. Seine Jünger waren allesamt entweder von ihm verwandelt worden oder warteten noch darauf und dienten letztlich nur als mitlaufende Snacks. Doch was kümmerte es ihn, wenn der Priester meinte, Gotteshäuser zu überrennen? Er war immerhin Priester und hatte damit wohl noch am ehesten das „Recht“ darauf. Er würde schon früh genug mitbekommen, wenn seine Schöpfung etwas wirklich Gravierendes plante oder machte. Er zog die ihm zugeworfene Hose langsam an, rang das von Wein und Blut durchtränkte Stück Stoff aus und stellte sich anschließend streckend und gähnend hin, „Von mir aus kann er den Papst verwandeln und mit sich schleppen…oder zum Guhl verwandeln. Es ist mir egal solange er es nicht in meinem Sichtfeld macht und mich damit nervt.“ Irritiert sah er dem Jüngeren zu, der ihm gar nicht wirklich zuzuhören schien und vielmehr damit beschäftigt war, seinen Schreibtisch zu durchsuchen, „Was suchst du überhaupt?“ Der Angesprochene ging auf die Frage nicht ein und wendete weiter jedes Papier von links nach rechts während er unbeirrt weitersprach, „Ok. Vergessen wir den Hurensohn und kommen zu dir zurück: Ich mache mir Sorgen um dich. Von mir aus könntest du hundert Frauen hier halten und ficken wie du willst, wenn es dein…Problem nicht nur noch verschlimmern würde und das so subtil, dass du es selbst wahrscheinlich nicht merkst.“

Er zog fragend die Augenbrauen nach oben und sah seinem Freund dabei zu, wie er ein noch viel größeres Chaos auf seinem Tisch anrichtete, als es ohnehin schon war, aber ging nicht weiter darauf ein, „Mein Problem?“ Gespannt und gleichzeitig belustigt verschränkte er die Arme vor der Brust. Da war er aber jetzt mal gespannt, wie der Bub sein „Problem“ kategorisierte. Er war um einiges gescheiter als sein Vater, der treue Holzkopf. Aber wenn er dachte, er würde ihn tatsächlich so leicht durchschauen können, dann irrte er sich gewaltig.  

Marcus hob kurz den Blick und schaute ihn an, als wäre es wohl das offensichtlichste der Welt, „Ja. Dein Kopf,“ ehe er sich wieder abwendete und beim Suchen weitersprach, „Du fickst diese Weiber, schlachtest und führst Kriege aus ein und demselben Grund: Es gibt dir verstandslose Beschäftigung: Gehirn aus, Instinkt ein. Doch das funktioniert nur bedingt und momentan eben nicht mehr, auch wenn du das selbst nicht sehen willst. Du langweilst dich. Das macht dich zu einer noch größeren Gefahr als du es ohnehin schon- aha.“ Er zog ein Pergament hervor und wedelte damit vor seiner Nase rum.

Verwirrt folgte er dem Gewedel vor ihm mit den Augen, ehe er sich auf die geschwungene, scharfe Schrift fokussierte, die er sein eigenen nannte. Als er begriff, um was für ein Schriftstück es sich handelte, wurde ihm bewusst was das hier sollte und er wurde wütend. Der Kleine hatte also nur nach etwas gesucht, um seine Spionage zu rechtfertigen und wollte ihm das jetzt auch noch allen Ernstes vorhalten. Schnell entriss er ihm das Papier und ließ es in schwarzen Flammen aufgehen, „Das ist privat. Gehe ich einfach so in dein Zimmer und lese alles, was das du schreibst? Zugegeben, es dürfte nicht viel und verhältnismäßig kleingeistig sein aber…“

Der Blonde schenke ihm einen entnervten Blick ehe er seufzte und sich zum Fenster umdrehte, „Du hast einen…nennen wir es mal außergewöhnlichen Verstand. Dass er mit dieser Last in sich überhaupt klar kommt, ist ein Wunder. Aber was du ihm mit deiner Bockigkeit zumutest, wäre selbst für einen unbeschädigten Geist zu viel.“

Er wollte gerade etwas auf diese subtile Beleidigung erwidern, als Marcus schnell weitersprach, „Du schläfst nicht mehr. Schon seit mindestens zwei Wochen nicht mehr. Woher ich das weiß? Weil du mich davor regelmäßig tagsüber versehentlich geweckt hast. Selbst in meinem Kopf klingt es noch stundenlang nach wenn dein Geist und seine Seelen tagsüber Wellen schlagen. Du machst es mit deinem ignoranten Verhalten nicht besser und wenn ich lese, was du so zu Papier bringst, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter.“
Entnervt drehte er sich ab und zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. Durch ihre Verbindung als Meister und Schüler waren ihre Köpfe nun mal miteinander verbunden, auch nachdem er sein Blut getrunken hatte. Sie würden immer diese Art von Verbindung haben, solange er es nicht bewusst unterdrücken oder kappen würde. Er würde es zwar niemals laut zugeben, doch es schenke ihm einen gewissen Trost zu wissen, so nicht alleine sein zu müssen. Auch wenn es nur gezwungenermaßen war.

Er war währenddessen wieder zum Bett gegangen, hatte sich eines der Bänder seiner Draculinas genommen und sich die schweren Haare damit hoch zu einem Zopf gebunden, „Und dein Vorschlag ist welcher? Soll ich nach Rom pilgern und beim Papst persönlich um Absolution bitten? Soll ich mir ein Schiff in den Häfen von Spanien kapern, den Ozean überqueren und dieses…wie heißt es? America* erobern? Was soll ich deiner Meinung nach tun? Ich würde fast alles tun, um dieses Gespräch zu beenden.“

Als er seinen Freund wieder anblickte, flog ihm einer seiner eigenen Stiefel ins Gesicht, gefolgt von dem zweiten, der neben ihm auf dem Bett landete.

„Nun, bevor du zurück zu Gott findest oder beginnst, die Welt zu erobern, solltest du dich erst mal um deine eigenen Ländereien kümmern. Knapp eine halbe Stunde nördlich von hier treiben sich zwei Lykaner rum und machen sich über die Menschen dort her. Du gehst dich jetzt erst mal ein bisschen austoben, jag dir den Frust von der Seele und wenn du wieder da bist, suchen wir dir eine Beschäftigung, die dich davon abhält, deine…Hirngespinste in die Tat umzusetzen.“

Er schnaufte entnervt auf, machte sich aber gleichzeitig dran, die Stiefel anzuziehen und zuzuschnüren, „Ich hasse diese stinkenden Bestien.“

Vielleicht würde dieser Tag doch interessanter werden als er vorhin noch gedacht hatte.



* Fun Fact: Damals tatsächlich noch unter der Schreibweise „America“ bekannt: Als der Kartograph Martin Waldseemüller und der Dichter Matthias Ringmann an der Neuausgabe der Geographia des Ptolemäus arbeiten, las Ringmann die Reiseberichte des Italieners Amerigo Vespucci und hielt diesen daraufhin fälschlicherweise für den Entdecker der Neuen Welt.

„Ich sehe nicht ein, warum nicht (dieser Teil) nach dem Entdecker Amerigo, einem Mann von klugem Geist, ‚Amerige‘, also das Land des Americus oder ‚America‘ genannt werden soll: denn sowohl Europa als auch Asia sind Namen, die sich von Frauen ableiten.“

– Matthias Ringmann: Cosmographiae Introductio. 25. April 1507.



Sooo, das war Teil I von insgesamt zwei, vielleicht drei Teilen, von denen ihr aber garantiert schon erahnen könnt, von was sie handeln ;-)  

Eure Meinung? Interesse am zweiten Teil? Kritik? Wünsche? Wie immer bin ich für alles offen und freue mich über jede Reaktion und jedes Feedback :)

Liebe Grüße

Cellar Door
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