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Like a streetlight

von Yueliang
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Seo Changbin
09.08.2020
06.09.2020
3
6.923
7
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18.08.2020 2.203
 
Was würde passieren, wenn ich meine Gedanken ehrlich anspreche? Würde es die anderen verletzen? Würden sie anders von mir denken? Was würden sie tun, wenn sie wüssten, dass ich mich oft alleine fühle, obwohl sie um mich herum sind? Natürlich habe ich sie gern, diese Jungs sind ein Teil von mir geworden. Und genau deswegen sollte ich meine Gedanken nicht offenbaren. „Worüber denkst du nach?“, will Chan wissen, der sich neben mich an die verspiegelte Wand setzt. Die letzten zwei Stunden sind wir unsere Choreografien durchgegangen, bis Jisung und Seungmin eine Pause angeordnet haben. „Lyrics“, antworte ich nur und lasse den Blick über die anderen schweifen. Felix und Minho liegen auf dem kühlen Fußboden, Hyunjin macht Dehnübungen, Seungmin versucht die Aufmerksamkeit von Jeongin zu bekommen und Jisung ist nach draußen gegangen, um etwas zum Trinken holen. „Erfahren wir irgendwann auch mal, an was du so intensiv arbeitest?“, hakt Chan nach und ich hebe nur die Schulter und zupfe an meinen Schnürsenkeln. „Vielleicht“, entgegne ich, worauf der Ältere mir kurz über den Kopf streicht und wieder aufsteht.

Ich bin ihm dankbar, dass er mich nicht zum Reden zwingt. Normalerweise bin ich einer der energiegeladenen Member, die selten still sind. Aber in letzter Zeit habe ich keine Lust dazu, was wohl auch die anderen verwirrt. Jedenfalls wandert Felix‘ forschender Blick des Öfteren zu mir. Plötzlich spüre ich etwas Eiskaltes an meiner Wange und ich fahre erschrocken zusammen. Aber es ist nur Jisung, der mir eine Wasserflasche hinhält. „Sorry, die Gelegenheit war einfach zu günstig“, grinst er und atme tief durch. „Mach das nie wieder!“, weise ich den Jüngeren zurecht und der legt nur den Kopf schief. „Mal schauen!“, erwidert er und hüpft fröhlich durch den Raum. Für gewöhnlich wäre ich jetzt aufgesprungen und hätte dieses Eichhörnchen gejagt. Doch wie gesagt, in letzter Zeit bin ich zu vielem nicht mehr aufgelegt. „Wer sind Sie und was haben Sie mit Seo Changbin gemacht?“, fragt Jisung jetzt ernst und hält mir seine Wasserflasche als Mikrophon hin. Leicht genervt stoße ich diese weg. „Lass es sein“, brumme ich und verdrehe die Augen. Überraschung legt sich auf das Gesicht des Jüngeren und ich verschränke die Arme vor der Brust.

Jisung schaut zu Felix und dieser hebt nur die Schultern. Hyunjin und Seungmin scheinen die Situation ebenfalls gemerkt zu haben, denn auch sie wechseln einen verblüfften Blick miteinander. Diese wortlose Kommunikation unserer 2000er Line ist jedes Mal wieder beeindruckend. Ich lehne den Kopf an die Wand hinter mich und schließe die Augen. „Notiz an alle, Changbin-hyung in Ruhe lassen, sonst frisst er uns“, kichert Seungmin leise vor sich hin. Leider laut genug für mich, um es zu hören. Ich weiß, dass er nur Spaß macht, aber ich bin einfach nicht in Stimmung, um darauf einzugehen. „Wenn du was Vernünftiges beizutragen hast, Kim Seungmin, lass es uns wissen!“, rufe ich verstimmt und die Gespräche der anderen verstummen abrupt. Der Jüngere blinzelt mich perplex an und kratzt sich verlegen am Kopf. „Ich hab doch nur einen Witz gemacht, Hyung“, verteidigt er sich und ich schnaube nur auf. „Alles okay zwischen euch beiden?“, will Chan besorgt wissen und runzelt die Stirn.

Ich seufze laut auf und lächele Seungmin entschuldigend an. „Tut mir leid, ich bin heute einfach ein wenig gereizt.“ Ich rappele mich auf und wende mich an den Leader. „Kann ich gehen?“, frage ich offen und werde verwirrt von ihm angesehen. „Ich würde gerne an meinem Projekt arbeiten. Dann lasse ich meine Laune nicht an euch aus“, erkläre ich und Chans Miene wird sanfter. „Okay, komm zurück, wenn du uns wieder ertragen kannst“, lächelt er und ich atme auf. Eigentlich habe ich damit gerechnet, dass er Nein sagt. Aber offenbar merkt er meine Anspannung, sonst würde er mich wohl nicht gehen lassen. Zurück in meinem Raum, breite ich die Zettel vor mir aus und zücke meinen Stift. Einige Sätze streiche ich, andere schreibe ich um. Irgendwann allerdings werde ich immer müder und ich reibe mir über die Augen. Das ist wohl das Resultat einer fast schlaflosen Nacht. Gähnend bette ich meinen Kopf auf die Tischplatte und meine Augen fallen fast augenblicklich zu. Nur fünf Minuten kurz ausruhen…

Wach werde ich von einem leichten Windhauch und dem Rascheln von Papier. Verschlafen öffne ich die Augen und brauche ein paar Sekunden um zu realisieren, wo ich bin. Und auch, das ich nicht mehr alleine bin. Chan steht neben mir, hält ein Blatt in der Hand und scheint etwas zu lesen. Mein schlaftrunkenes Hirn realisiert in diesem Zustand überraschend schnell, dass es sich nur um meine Lyrics handeln kann. Entschlossen schnappe ich ihm das Blatt aus der Hand und lege es umgedreht vor mich auf den Tisch. Ich räuspere mich leicht und fahre mir durch die Haare. Chan redet gar nicht erst großartig Drumherum, sondern kommt auf den Punkt: „Hast du das geschrieben?“ „Wer denn sonst?“, brumme ich und sammele die Blätter wieder ein. „Ich meine, das ist wirklich gut“, sagt der Ältere zögernd und ich ahne, was jetzt gleich folgt. „Aber was hat dich veranlasst solche Dinge zu schreiben? Geht das in dir vor?“ Ich zucke nur mit den Schultern und weiche seinem forschenden Blick aus.

„Changbin, schau mich an!“, verlangt Chan aufgebracht und ich hebe den Kopf. Sorge liegt in den dunklen Augen des Älteren. „Wenn du dich so fühlen solltest, dann weißt du, dass du nicht alleine bist“, stellt er klar und ich lächele bitter. „Ich kann euch nicht immer alles sagen“, entgegne ich und stehe auf. „Soll ich zurück kommen?“, frage ich gelassen und der Ältere nickt perplex. Offenbar kann er nicht glauben, dass ich ganz normal zum Tagesgeschehen übergehen will. „Ja, ich wollte dich holen kommen. Wir gehen die Choreografien mit allen Membern nochmal durch“, erklärt er, sein forschender Blick liegt immer noch auf mir. „Hey, Seo Changbin is back!“, ruft Felix lachend, als ich den Raum betrete und er applaudiert. „Und, was macht dein Projekt? Bist du vorangekommen? Können wir es irgendwann mal anhören?“, bestürmt der jüngere Australier mich mit gleich Fragen und ich mache einen Schritt zurück. Diese Art von Überfall ist eigentlich untypisch für Felix.

Chan schiebt mich nach drinnen und lächelt vor sich hin. „Es ist immer gut zu wissen, dass man auch Fans innerhalb der eigenen Gruppe hat“, grinst er und Felix schmollt. „Ich bin nicht Changbin-hyungs Fan. Ich bin nur neugierig“, stellt er klar. „Ach, wirklich?“, entgegnet Hyunjin gespielt überrascht. „Wer wollte denn immer einen Kuss von Changbinnie abstauben?“ „Hey, das war mal. Mittlerweile sind wir erwachsener geworden“, ruft Felix, während sich seine Wangen röten. „Du vielleicht, aber Changbin ist kein Stück erwachsener geworden“, mischt Minho sich mit einem frechen Grinsen auf den Lippen ein. Manchmal will ich diesem Hyung echt den Mund zu nähen. „Das will ich sehen, dafür würde ich sogar bezahlen!“, lacht Jisung laut auf, während Minho die Augenbrauen hebt. Anscheinend habe ich meine Gedanken doch laut ausgesprochen. „Leute, wir haben was zu tun!“, ruft Chan in das allgemeine Chaos und wir stellen uns in unsere Positionen. Minho knufft mir freundschaftlich in die Seite und lächelt. Ich schüttele nur den Kopf und verdrehe die Augen. Da war schließlich was Wahres an meiner Aussage dran.

Wir kommen gut voran, trotz dass ich erst nicht mit dabei gewesen bin. „Hast du heimlich geübt?“, fragt Hyunjin mich verwirrt und ich schüttele nur den Kopf. „Changbin-hyung kann halt zu Höchstformen auffahren“, stellt Seungmin beeindruckt fest. „Das war in der Tat wirklich gut“, sagt Minho, der uns dieses Mal beobachtet hat. „Sicher, das du nicht heimlich trainiert hast?“, wendet er sich an mich und grinst. Ich stöhne leise auf. „Nein, habe ich nicht. Ich habe mir einfach die Schritte eingeprägt. Unterstellt ihr mir jetzt etwa, dass ich nichts kann?“, frage ich ärgerlich. Hyunjin wuschelt mir durch die Haare. „Hyung, nicht böse werden! Wir machen doch nur Spaß“, kichert er und ich schiebe den Größeren von mir weg. „Puh, entweder schweigst du vor dich hin oder du bist mies gelaunt. Würde ich es nicht besser wissen, tippe ich auf die Pubertät“, meint Hyunjin und ich funkele ihn aufgebracht an. „Was soll das denn jetzt wieder heißen?“, rufe ich wütend und der Jüngere scheint über die Wirkung seiner Worte überrascht. „Tut mir leid, wenn ich aus meiner gewöhnlichen Rolle falle. Dir passiert das ja nie, oder?“, zische ich.

„Okay, genug jetzt!“, mischt Chan sich entschlossen ein und zieht mich von Hyunjin weg. Dieser schaut mich total verwundert an. „Er hat doch angefangen“, murre ich und verschränke die Arme vor der Brust. Und irgendwie hat er einen wunden Punkt bei mir getroffen. Es nervt mich ja selbst, dass ich so drauf bin, aber ich kann es leider nicht abstellen. „Changbin, ich sage es noch einmal: Wenn du ein Problem hast, dann kannst du mit uns reden“, sagt Chan ernst und die anderen sehen mich eingehend an. Unruhe macht sich in mir breit. Diese enttäuschten, verwirrten und fragenden Blicke meiner Freunde sind nur schwer zu ertragen. „Ihr hört mir doch nie zu!“, platzt es aus mir heraus und sofort erklingt entrüstetes Gemurmel. „Wie kommst du denn darauf?“, fragt Jisung stirnrunzelnd. Aber ich drehe mich abrupt um und will den Raum verlassen. Allerdings werde ich kurz vor der Tür aufgehalten. Widerwillig bleibe ich stehen und sehe in Felix‘ ernstes Gesicht. „Wann haben wir dir jemals Unrecht getan?“, will er wissen und irgendwie klingt seine Stimme eine Nuance tiefer. Ist er so verärgert? „Dann denkt mal darüber nach“, murmele ich und verschwinde durch die Tür. „Seo Changbin!“, ruft Felix mir ärgerlich nach, doch er folgt mir nicht.

Ein Glück, denn ich will alleine sein. Ich weiß, es ist falsch einfach so abzuhauen, aber sonst wird es unerträglich für mich. Erneut verkrümele ich mich in mein kleines Studio und als ich die Tür hinter mir zugezogen habe, atme ich tief durch. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Es ist nicht fair, sie ohne Erklärung zurück zu lassen. Aber wie soll ich etwas erklären, was ich selbst nicht genau weiß? Ich stöhne frustriert auf und suche meine Lyrics zusammen. Zu meiner großen Überraschung kommt mir keiner der anderen nach. Entweder, weil ich es mir gerade mit ihnen verscherzt habe oder weil Chan es so angeordnet hat. Vielleicht ist es wirklich besser, alleine zu sein. Dann muss man es niemanden recht machen. Konzentriert arbeite ich an meinem Projekt weiter und es nimmt immer mehr und mehr Formen an. Nach einer Weile öffnet sich die Tür und Chan schaut herein.

„Wir hören für heute mit trainieren auf. Gehst du auch mit zum Dorm, oder bleibst du hier?“, fragt er und versucht unbefangen zu klingen. Die Situation von erst scheint ihm sicher auch noch präsent zu sein. „Ich bleibe hier“, murmele ich, ohne ihn anzusehen. „Okay, wenn was ist, dann bin ich in meinem Studio“, erwidert der Ältere und versucht zu lächeln. Dann bin ich wieder alleine und die Stille umfängt mich. Wieso bin ich so, wie ich bin? , denke ich erschöpft. Irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr weiter komme und ich beschließe für heute aufzuhören. Doch irgendwas fehlt mir, dass spüre ich. Wenn die anderen bereits im Dorm sind, habe ich unser Tanzstudio für mich. Tatsächlich ist hinter der Tür alles dunkel und ich schalte das Licht an. Gewissenhaft beginne ich mich zu dehnen und beginne dann einfach zu tanzen. Auch wenn ich kein Teil unserer Dance Unit bin, so tanze ich mittlerweile recht gerne. Felix meinte mal zu mir, es gäbe nichts besseres, um seinen Kopf frei zu bekommen. Diese Tatsache habe ich auch festgestellt. Ich muss mich zu sehr auf die Musik und meine Bewegungen konzentrieren, um überhaupt an was anderes denken zu können.

Nur heute erzielt es nicht ganz die Wirkung, die ich gerne hätte. Und so vergeht die Zeit, bis ich irgendwann völlig außer Atem und schweißüberströmt bin. Plötzlich wird die Musik leiser gestellt und ich drehe mich erschrocken um. Fast rechne ich mit Chan, doch es ist Minho, der neben der Anlage steht. Er mustert mich mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen. „Also trainierst du doch heimlich“, stellt er zufrieden fest und ich gebe keine Antwort, sondern versuche zu Atem zu kommen. „Ich wusste nicht, dass du auf einmal so gut bist“, sagt der Ältere unvermittelt und in seiner Stimme schwingt Überraschung mit. „Wenn man jahrelang trainiert, musst doch mal was hängen bleiben“, brumme ich und Minho schüttelt den Kopf. „Das meine ich nicht und das weißt du auch. Es hat gerade einfach alles gestimmt. Deine Bewegungen, deine Körperspannung, dein Gesichtsausdruck. Alles. Vielleicht solltest du 3Racha verlassen und Dance Racha beitreten“, grinst er und ich verdrehe nur die Augen.

„Träum weiter, Hyung“, murmele ich und blicke ihn fragend an. „Was machst du eigentlich noch hier?“ „Ich war ein Stockwerk unten und habe an einer neuen Choreografie gebastelt“, antwortet Minho schulterzuckend. Dann legt er den Kopf schief. „Wie sieht’s aus? Machst du wieder einen auf Chan-hyung und verbringst die Nacht hier oder begleitest du deinen Hyung zum Dorm?“ Es wäre verlockend hier zu bleiben und einfach weiter zu arbeiten. Doch die Müdigkeit kann ich nicht verleugnen und so sammele ich meine Sachen zusammen. „Gute Wahl, Changbinnie“, lächelt Minho und gibt mir einen sanften Stoß in die Seite. Jetzt fühle ich mich wieder seltsam entspannt und gelöst. Das sind die Momente dazwischen. Die anderen sind dafür unerträglich.
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