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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12 / Gen
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
14.04.2021
39
75.153
17
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
04.09.2020 2.102
 
7. Schlag ins Gesicht

Der Apachenhäuptling hatte die Vorteile von Internet und Fernsehen schnell begriffen; er sog die Informationen, die er durch diese für ihn neue Medien erhielt, auf wie ein Schwamm, besonders Geschichte, fremde Länder und Naturwissenschaften hatten es ihm angetan. Stundenlang saß er vor meinem Laptop und klickte sich unermüdlich durch Google, Wikipedia und Youtube…

Da ein Feiertag war und es draußen wie aus Kübeln goß, beschloß ich, diesen mit ihm zusammen vor der Glotze zu verbringen.
ARTE sendete in dieser Woche jeden Tag Dokumentationen über ein anderes Thema, heute ging es über die europäische Geschichte seit der Völkerwanderung.
Bewaffnet mit Cola, Schokoriegeln und Chips machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich...

Zuerst war Winnetou noch voller Begeisterung und stellte Fragen, die ich nach besten Wissen beantwortete, doch von Stunde zu Stunde wurde er stiller und stiller.
Spätestens nach den Gräueln des 1. Weltkrieges hätte ich merken müssen, wie ihn das Ganze mitnahm.
Leider stand mir, wie so oft, jemand tüchtig auf dem Schlauch...
Es war schon längst wieder später am Abend und ich konnte mich kaum mehr richtig konzentrieren.
Der Fernseh-Marathon hatte mich auf's Äußerste ermüdet; wahrscheinlich entwickelte ich schon viereckige Augen...
So fragte ich Winnetou, ob er nicht noch etwas brauchen würde; dabei bemerkte ich zwar seine angespannte Haltung; und schien es mir nur so , oder war er etwas blaß um die Nase...?

Doch er schüttelte kurz den Kopf und starrte erneut gebannt auf den flimmernden Bildschirm.
Mir weitere Fragen ersparend, zog ich mich in meine Gemächer zurück, um an der Matratze zu horchen.

-,-

Ich weiß nicht, wie lange ich schon gepennt hatte, da schreckte mich ein ein Geräusch aus dem Schlaf.
Verwirrt versuchte ich mich zu orientieren, da wiederholte sich der Laut...ein abgrundtiefes Stöhnen von der Art, die einem die Haare zu Berge trieb!
Einen Augenblick war ich wie gelähmt, dann erinnerte ich mich an meinen Gast...

Normalerweise brauchte ich immer eine geraume Weile, um aus den Federn zu kommen, aber diesmal war ich wie der Blitz im Wohnzimmer, wo ich meinen roten Kumpel auf dem Sofa zusammengekrümmt vorfand.
Er hatte die Beine eng an den Körper gezogen, das Gesicht hinter seiner langen Mähne verborgen und die Arme vor den Kopf geschlagen.

Als ich näher kam, bemerkte ich, daß er seine Hände zu Fäusten ballte, die unkontrolliert zitterten.
Auf dem Bildschirm im Hintergrund lief gerade, wie gerade ein havarierter Öltanker den Meeresstrand in der Bretagne verschmutzte; Seevögel kämpften mit verklebten Flügeln ums Überleben.
Wieder entrang sich dem Indianer ein Ton, der einfach unbeschreiblich klang, irgendwie tief und doch in einer Frequenz, die wie die berüchtigte Kreide auf der Tafel auf den Nerven tanzte...

„Mein Gott, was hast Du?“, wagte ich endlich zu fragen, „Sind Dir die Chips nicht bekommen?“

Sein Haupt fuhr hoch, und ich schwöre, ich hatte noch nie in meinem Leben so ein Gesicht gesehen!
Der Häuptling war totenblaß, dunkle Ringe lagen um seine Augen, die fiebrig glänzten, und seine sonst so vollen Lippen waren nur noch ein schmaler Strich. Er schien um Jahre gealtert.
Ich konnte sehen, wie er versuchte, seine verkrampften Kinnbacken auseinander zu bringen.

„WARUM?!“, preßte er zischend heraus, „WARUM?!“

„Was Warum?“, war meine Gegenfrage.

„Ihr fliegt zu den Sternen, taucht auf den Grund der tiefsten Meere! - Ihr besitzt Waffen, die Mutter Erde mehrfach zerstören könnten, ihr vergiftet Euren Planeten, als gebe es nach Euch keine Generationen mehr! - Ihr produziert auf der einen Seite soviel Essen, daß Ihr davon platzt und auf der anderen Seite verhungern Abertausende von Kindern...“, seine Stimme brach und das blanke Entsetzen stand in seinem Gesicht, er streckte die Hände flehend wie ein Ertrinkender nach mir aus.

Ich hatte mir seine Anklage schweigend angehört, und was hätte ich dazu auch sagen können...

...daß ich grün wählte und auch schon einmal auf einer Friedensdemo gewesen war...?!
...daß ich den Müll feinsäuberlich trennte und keine argentinischen Steaks aß?!
...daß ich meine ausländischen Mitarbeiter fair behandelte?
Ich kam mir nicht zum ersten Mal ziemlich dämlich vor...

Doch der Häuptling hatte noch nicht genug, er sprang auf und stand mit weit ausgebreiteten Armen vor mir, verächtlich zischend: „Die weiße Rasse vernichtet Mutter Erde und alle Geschöpfe, die darauf leben, weil sie nicht weiß, wann genug ist!
Sie rafft und rafft, gierig, bis es nichts mehr zu raffen gibt! - Und dann ist es immer noch nicht genug!“, seine Stimme wurde lauter, sein Gesicht bekam wieder Farbe; „Und das Schlimme ist; Ihr wißt genau Bescheid, rennt dennoch, geblendet von Gier auf den Abgrund zu und reißt alles andere mit Euch!“

Winnetou trat jetzt einen Schritt näher, so daß er direkt vor mir stand und mir in die Augen starrte. Ich wollte etwas entgegnen, doch ich brachte keinen Ton heraus, öffnete und schloß nur den Mund, wie ein Fisch, der nach Luft schnappt.

„Du hast hier die Rede des Häuptling Seattle hängen...“, er reckte sein Kinn scharf zu dem gerahmten Bild, das die Wand zierte, „Erst wenn der der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, daß man Geld nicht essen kann!“, der Apache spuckte mir das Zitat förmlich ins Gesicht, „Warum handelst Du nicht danach? - Deine Wohnung quillt über von nutzlosen Sachen, die Du, wenn überhaupt, einmal im Jahr verwendest; Du besitzt so viel, daß Du vier oder fünf Apachenfamilien damit ausrüsten könntest! Lebst allein in einer Wohnung, in der bei meinem Volk gut und gerne dreißig Leute bequem Platz hätten! - WOFÜR?!“

Ich stand da wie ein begossener Pudel; wußte sehr wohl, daß ich wie ein Eichhörnchen alles sammelte, obwohl ich mit einem Zehntel davon locker auskommen hätte können.

„Ich habe Dich in dieser Sioux-Kleidung gesehen; Du willst eine Kriegerin sein?“, räsonierte er weiter, „Warum kämpfst Du dann nicht für eine bessere Welt?! - Warum imitierst Du Indianer, anstatt wirklich etwas für sie zu tun?!“
Winnetou hatte sich jetzt so in Rage geredet, daß seine Augen feurige Blitze versprühten.

Er hatte ja im Grunde genommen völlig Recht; nur, das jetzt so unvermittelt um die Ohren gehauen zu bekommen, war mir für den Moment zu viel...
Beschämt senkte ich die Augen, drehte mich wortlos um und kehrte in mein Schlafzimmer zurück, wo ich mich auf mein Bett warf und an die dunkle Decke starrte.
Schlafen konnte ich für's Erste nicht mehr, in mir drehten sich die Gedanken im Kreise...

Was konnte ich denn für den ganzen Mist, der hier in meiner Welt passierte?!
Ich hatte es mir nicht rausgesucht, weiß geboren zu sein und in verhältnismäßig guten Umständen zu leben.

Und was wußte der Häuptling schon, wie es war, sich als Frau in einer Männergesellschaft, wie es die Backstube einer Bäckerei nun mal war, durchsetzen zu müssen.
Auch wenn ich nicht, wie er, die Waffe zur Hand nahm, so kämpfte ich doch täglich einen einsamen Kampf; gegen frauenfeindliche Vorgesetzte, gegen Kollegen, die es mit der Hygiene nicht so genau nahmen, gegen den latenten Rassismus, mit dem meine Aushilfskräfte überzogen wurden und nicht zuletzt, gegen die Ausnutzung der wenigen guten Lehrlinge, die noch nicht das Handtuch geworfen hatten.
Mein ganzes Berufsleben hatte ich kämpfen müssen; selbst bei der Meisterprüfung war es nicht gerecht zugegangen! Die durchweg steinalten Prüfer hatten sich darüber mockiert, daß von fünfundzwanzig Prüflingen nur noch sechs männlichen Geschlechts waren und dementsprechend die Noten verteilt.

War es denn sooo schlimm, wenn ich da in der Freizeit einen Ausgleich in Form meines Western-Hobbys suchte?

Hatte er eine Ahnung, wie schwer es bei uns war, überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu finden, besonders, wenn man, wie ich, nur ein besseres Almosen als Lohn gezahlt bekam, gemessen an den viele unbezahlten Überstunden, die ich zu leisten hatte?
Daß meine Wohnung nur deshalb so groß war, weil ich sie von meinen Eltern übernommen hatte, als diese in eine tiefergelegene gezogen waren, da meine Mutter die schwere Einkaufstasche nicht mehr in den vierten Stock schleppen konnte!
Daß ich alles, was da an „indianischen“ Gegenständen an der Wand hing, selbst hergestellt hatte und die dazu nötigen Materialien mühsam vom Munde abgespart waren?

Er hatte gut reden, war er doch Häuptling, der einen ganzen Stamm hinter sich stehen hatte...
Hinter mir standen maximal meine Eltern und meine Freundinnen, ansonsten war Schicht im Schacht!

-,-

Ich knallte das Tablett mit dem Frühstück auf den Tisch und baute mich vor dem inzwischen wachen Apachen auf; „So, Du großer, blöder Indianer, jetzt hörst Du mir mal gut zu!“, fauchte ich ihn an, wobei meine Augen vermutlich genauso böse funkelten wie seine gestern; „Ich hab es mir nicht rausgesucht, weiß zu sein, genauso wenig wie ich es mir rausgesucht habe, eine Frau zu sein oder in meinem Zeitalter zu leben! - Und ich tu sehr wohl was, damit diese Scheiß-Welt ein bißchen besser wird...und wenn es nur ist, daß in unserem Garten nicht mehr mit Gift gespritzt wird...“, jetzt war ich diejenige, die sich in Rage redete; „Ich wünschte, ich wär so wie Du, könnte tagein, tagaus durch die Prärie zockeln und Heldentaten vollbringen! - Aber leider hab ich in der Beziehung voll die Arschkarte gezogen, ich bin bloß 'ne blöde, verfressene Konditormeisterin, die sich mit ihrem Chef wegen verrosteter Backformen zofft und ansonsten guckt, daß der verdammte Laden, der nicht mal mir gehört, einigermaßen läuft!“

Ich holte tief Luft, um mit meiner Schimpftirade fortzufahren; „Ich gebe zu, auch ich habe Fehler gemacht; Schildkrötensuppe, Haifischflossen und Froschschenkel gegessen! - Aber als ich erfahren habe, wie diese Tiere sterben müssen und was das für die Umwelt bedeutet, habe ich sofort damit aufgehört! - Ich kauf auch keine Billig-Kleidung mehr, weil die armen Leute, die das herstellen, ausgebeutet werden! Stattdessen reparier ich mein Zeug, wenn ich kann, damit nicht noch mehr Müll entsteht!“

„Ich hab Euch Indianer immer bewundert, weil ihr so cool und tapfer gewesen seid! - Aber ich mußte mit der Zeit feststellen, daß es bei Euch genauso zugeht, wie überall auf der Welt!... Ihr seid immer noch untereinander zerstritten und ganz genau solche Rassisten wie die Nazis!“, ich deutete jetzt auf sein Messer, „...und erzähl mir nix, von wegen, daß Ihr Öko-Heilige seid! - Auch Ihr seid inzwischen ein Teil des Systems, Ihr jagt mehr Tiere, als Ihr eigentlich braucht, oder woher hast Du das Messer?! - Das hast Du ja bestimmt nicht selbst hergestellt, sondern gegen Felle eingetauscht, oder? - Genauso wie den Stoff für Deinen Lendenschurz übrigens!“
Ich machte eine kurze Pause, weil mir die Luft ausging, „Das kreide ich Deinen modernen Brüdern auch an; uns kritisieren, aber dann sich wie der weiße Mann benehmen, in Jeans, T-Shirts und Sneakers mit 'nem dicken, dieselfressenden Pickup-Truck durch die Landschaft gondeln und Cola und Burger futtern!!!“

Winnetou hörte sich meinen Sermon ohne mit der Wimper zu zucken an, hielt meinem bösen Blicken ruhig stand, einen traurigen Ausdruck im Gesicht.
Dann senkte er plötzlich den Blick und sprach mit leiser Stimme: „Verzeih mir, ich hätte nicht so mit Dir reden dürfen...erstens kenne ich Dich noch nicht gut genug, um über Dich urteilen zu dürfen, denn ein altes Sprichwort meines Volkes sagt: >Ehe Du über einen Fremden urteilst, lauf erst einen ganzen Tag in seinen Mokassins!<… und zweitens habe ich grob gegen die Regeln der Gastfreundschaft verstoßen; hast Du mich doch, obwohl ich ein völlig Fremder für Dich war, einfach bei Dir aufgenommen und verpflegt! - Eigentlich hätte ich sogar diese Würmer essen müssen; es ist nämlich sehr unhöflich, eine angebotene Speise zurückzuweisen!“

Das hatte ich nicht erwartet; meine ganze in mir angestaute Wut fiel in sich zusammen wie ein Ballon, dem die Luft ausging...
Um die jetzt entstehende peinliche Pause zu unterbrechen, setzte ich mich an den Eßtisch und lud ihn mit einer entsprechenden Gebärde dazu ein, ebenfalls Platz zu nehmen; „Schon gut! Iß erstmal was!“, dann fügte ich hinzu: „Ich bin Dir nicht wirklich böse; die Situation ist für uns beide schwierig...besonders für Dich, weil Du ja hier praktisch ein Außerirdischer bist!“

Nach dem ziemlich schweigsamen Frühstück schlug ich vor, daß ich ihm die Welt draußen zeigen könne.
Ohnehin hatte ich das Gefühl, daß er ein bißchen Bewegung brauchte...







Sehr geehrte Leserschaft,

ich hoffe, meine Geschichte hat Euch trotz „Schluß mit lustig, Ernst komm her!“ gefallen….

Ich denke, ich spreche da auch für die anderen AutorInnen*, wenn ich um eine Rückmeldung bitte, insbesondere auch Kritik!

Es muß nicht gleich ein ganzer 2-seitiger Aufsatz sein, so ein kleiner Satz: „Es gefällt mir/ oder auch nicht, weil….“ oder „Die Szene XX finde ich….“ reicht vollauf….

Es ist sozusagen das Zuckerstückchen für uns, von dem wir doch ein bißchen leben…

Danke für Eure Mühe im Voraus
Euer Grashüpfer

P.S.: Falls das jetzt jemand übergriffig findet, darf er/sie/es das selbstverständlich auch zum Ausdruck bringen!
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