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GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12 / Gen
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
14.04.2021
39
75.153
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
08.04.2021 3.752
 
38. Brenntenjoch

Ich blieb allein zurück.
Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?
Vier lange Tage und Nächte nahezu ungeschützt im Freien! Das konnte ja heiter werden!
Was wäre, wenn ein Wetterumschwung drohen würde?
Wenn mir das Essen oder das Wasser ausging?
Unsere >Tarnung< aufflog?

Wie immer, wenn mir die Ideen ausgingen, griff ich nach dem einzigen, was mir blieb, das Essen. Obwohl ich keinen rechten Hunger hatte, wollte ich mir einen weiteren Müsliriegel einverleiben.
Doch dann fiel mir ein, daß ich ja noch vier ganze Tage vor mir hatte, und es wohl besser wäre, wenigstens ein bißchen mit den Vorräten zu haushalten.

Ich war ehrlich gesagt froh, daß es hier wenigstens keine wilden Tiere gab; Wölfe, Pumas oder gar Bären!
Trotzdem wäre ich vor Schreck beinahe über die Felskante gehüpft, als es hinter mir in den Latschen plötzlich raschelte…

….und….

….eine neugierige Gemse keine drei Meter von mir ihre behaarte Schnauze zwischen den Ästen herausschob.
Sie beäugte mich kurz, befand mich wohl für völlig harmlos und trollte sich dann den Pfad, den wir heraufgekommen waren mit geradezu aufreizender Langsamkeit hinunter.
Fasziniert blickte ich ihr hinterher; so nahe hatte ich noch nie eines der eigentlich scheuen Tiere gesehen.

Jetzt fiel mir ein, daß ich ja noch eine weitere Aufgabe zu verrichten hatte. Aufseufzend packte ich den Rest des Flatterbandes und das zweite Schild und machte mich daran, am Rand das Latschenkiefern-Feldes entlang die andere Seite des Berges zu erreichen, wo der Gipfelsteig wieder ins Tal führte. Eigentlich kam dort nie jemand hoch, aber wußte man's?
Ich brauchte eine volle Stunde, bis ich die Stelle fand, dann kehrte ich auf eben demselben Weg zurück, jetzt immer wieder pausierend, um seltene Blumen zu bestaunen.
Zu meinem Entzücken gab es hier außer tiefblauem Enzian und rotem Almrausch ganze Büschel von samtigen Edelweiß und dunkelviolette, nach Schokolade duftende Kohlröschen. Arnikablüten streckten ihre goldgelben Körbchen der Sonne entgegen und wurden von Schmetterlingen, Käfern und anderen Insekten besucht.

Unterdessen war es Mittag geworden und das Tagesgestirn stach. Das Latschenfeld heizte sich auf. Der Geruch war ja ganz angenehm, um nicht zu sagen balsamisch, aber die die Temperatur stieg und stieg.
Mir wurde ausgesprochen heiß; trotz der Höhe fing ich erneut an, gewaltig zu schwitzen.
Ohne gescheiten Schatten würde ich bald einen Sonnenstich kriegen, gar nicht zu reden von einem Sonnenbrand! Schon jetzt spannte die Haut auf Nase und Wangen unangenehm.
Und natürlich hatte ich doch nicht an alles gedacht; die Sonnencreme hatte ich zuhause vergessen!
Da war guter Rat teuer!
Ich überlegte hin und her, bis mir plötzlich die rettende Idee kam; ich breitete meine Wolldecke über einen Latschenbusch und kroch unter den dadurch entstehenden Schatten. Das versperrte mir zwar ziemlich die schöne Aussicht, aber besser als bei lebendigem Leib im eigenen Saft gekocht zu werden war es allemal...

Es war warm, es war totenstill. Ich versuchte trotzdem wachsam zu bleiben, man konnte nicht wissen, ob sich nicht doch jemand hier herauf verlief…
Doch es kam, wie es kommen mußte: Ohne es zu verhindern zu können, fielen mir dann unversehens die Äuglein zu...

Als ich wieder zu mir kam, war es finster, meine Beine waren eingeschlafen und die Temperatur fiel rasch ins für mich Bodenlose. Ich fror wie ein Schneider, fing gar mit den Zähnen zu klappern an. Ein Blick auf mein Handy zeigte mir, daß es kurz vor 1 Uhr war.
Ich hatte also schlappe 12 Stunden geschlafen!
Und ich würde mindestens noch weitere 5 Stunden bis zum nächsten Sonnenaufgang ausharren müssen!
Verdrossen schüttelte ich meine steifen Beine aus, wobei ich bemerkte, daß sich der befürchtete Muskelkater einzusetzen begann. Für den eigentlich wunderschönen Sternenhimmel und den silbern leuchtenden, zunehmenden Mond hatte ich keinen rechten Blick. Ich hüllte mich in die zu allem Unglück auch noch klamm gewordene Wolldecke und versuchte auf dem unebenen Untergrund eine einigermaßen bequeme Position zu finden, was mir allerdings nicht so recht gelang. Die Isomatte half nur wenig. Die Kälte nahm weiter zu. Kleine Reifkristalle begannen sich auf meiner Decke zu bilden, die im Licht des Mondes schimmerten.

Die Stunden zogen sich jetzt quälend lang hin. Längst verfluchte ich die ganze Geschichte aus vollem Herzen samt seinem >Verursacher<. Mochte der Häuptling am Gipfelkreuz allein schmoren, erfrieren, verhungern, verschmachten, oder vom Blitz in ein überdimensionales Brathähnchen verwandelt werden; es war mir jetzt sowas von schnurzpiepegal!!!

Endlich, ich hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, erbleichte der östliche Horizont in zartestem Rosa, das sich rasch über den gesamten Himmel ausbreitete und einem strahlenden Gold wich. Die Sonne schickte bald ihre gleißenden Strahlen hinterher.
Ich streckte ihr meine froststarren Finger entgegen.
Oben am Gipfel stand Winnetou und hatte beide Arme weit ausgebreitet. Er schien völlig unbeeindruckt von der Kälte zu sein. Der Wind trug mir einzelne Laute zu, offenbar sang der Apache lauthals ein Gebet.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis es wieder erträglich warm wurde. Doch gegen Mittag ging dasselbe Spiel vom Vortag los, die Temperatur stieg in tropische Höhen.
Ich verkroch mich erneut unter meine Decke und verbrachte meine Zeit damit, ins Tal zu starren, wo winzig klein die normalen Leute ihr stinknormales Leben lebten, weit, weit weg, wie auf einem anderen Planeten in einer fremden Galaxis.

Meinen Groll vergessend, hoffte ich dann doch inständig, daß mein Begleiter einen Weg in seine Welt zurück finden würde.

Gegen Nachmittag, als sich an dem Berghang ein kräftiger Aufwind bildete, bemerkte ich einen großen Vogel, der über uns einsam seine Kreise zog.
>Hach!<, dachte ich bedauernd; >Wenn man doch nur Flügel hätte...<

Mit den Augen folgte ich der Flugbahn des Gefiederten durch die makellose Bläue des Himmels.
Ich hielt das Tier für einen Bussard, wurde aber bald eines besseren belehrt, als sich zwei schwarze Schatten aus dem Bergwald unter mir lösten und die Verfolgung aufnahmen.
Ein Kolkrabenpärchen flog zu dem Raubvogel auf, die typischen tiefen, rauen >Korrrk< und >Kronk<-Laute ausstoßend.

Ein regelrechter Luftkrieg brach aus!
Die viel kleineren Raben bemühten sich, über den Räuber, von dem ich jetzt an der Größe erkannte, daß es ein Adler sein mußte, zu kommen. Dann stürzten sie sich todesmutig auf ihren Gegner, versuchten ihn von hinten in den Kopf zu hacken, oder an den Schwanzfedern zu packen, um ihn zur Aufgabe zu zwingen.

Das gewaltige Tier ließ sich nur mäßig beeindrucken, schraubte sich, manchmal kurz mit den Flügel rudernd, weiter in den Himmel.
Irgendwann war er nur noch ein winziger, kaum noch zu erkennender Punkt.
Die Kolkraben gaben auf und kehrten unter Triumph-Geschrei in ihren Horst zurück.
Wow! - Gab es hier also noch – oder wieder – Adler! Ich war ehrlich beeindruckt und nahm das für ein gutes Zeichen.

Der Tag neigte sich rasch dem Ende zu; es rumpumpelte ganz unverschämt in meinem Bauch. Also holte ich mir ein paar Landjäger und ein mittlerweile altbackenes Weckchen aus meinem Vorrat.
Während ich es verspeiste, mußte ich wieder an den Indianer denken, knurrte ihm auch so der Magen?! Wie zum Teufel hielt er das nur aus?
Ich beschloß, einen kleinen Versuch zu wagen: Heute Nacht würde ich nicht schlafen und morgen den ganzen Tag nichts essen und trinken. 24 Stunden mußten doch auch für eine Stadtpomeranze wie mich zu schaffen sein!

Die Sonne ging an diesem Abend wie ein riesiger, feuriger Ball hinter den westlichen Gipfeln unter. Ein Schauspiel, das ich noch nie in einer so derartig starken Intensität erlebt hatte. Mir traten unwillkürlich Tränen in die Augen.
Mit verschleiertem Blick linste ich nach meinem Gast. Wieder stand er wie eine Statue, diesmal allerdings eine aus Kupfer und Stahl. Er regte sich nicht, bis auch der letzte Rest der blutroten Scheibe hinter dem Horizont verschwunden war, dann erst setzte er sich wieder auf seine Decke, seine selbstauferlegte Wache unbeirrt fortsetzend.
Ich hingegen nahm ein paar Reinigungstücher und gab mich der allernötigsten Hygiene hin; viel half das sicher nicht, aber >watt mutt, datt mutt<! Dabei stellte ich zu meinem Bedauern fest, daß auch mein Deoroller fehlte...

Da ich nicht noch einmal einschlafen wollte, setzte ich mich auf einen unbequemen Astknorren.
Die Dunkelheit kroch wie ein unheimliches Tier aus den Tälern empor, wo die Straßenbeleuchtung langsam anging und die Lichter der Autos umher flitzten, winzige Augen in der Nacht.
Wie bereits am Vorabend griff die Kälte nach mir. Sehr bald mußte ich mich in die Decke wickeln, was aber nicht wirklich half. Mir war kalt, einfach nur kalt!
Um das und die einsetzende Müdigkeit zu überwinden, stand ich auf und stellte mir ein Powwow mit Trommelmusik vor, zu dessen Takt ich tanzte. Erst leise, dann immer lauter sang ich mit Leidenschaft das einzige indianische Lied, das ich auswendig kannte...

„Heya heya heh...Yaha heya heh...

Mitakuye Oyasin,
Lila Wakan! (Alle meine Verwandten, sehr heilig!)…Heya heya heh...Yaha heya heh….

Tatanka oyate,
Lila Wakan! (Büffelvolk, sehr heilig!)...Heya heya heh...Yaha heya heh...“

Leider gelang es mir trotzdem nicht, die Atmosphäre von Meersheim wieder heraufzubeschwören, obwohl ich fast die Trommeln hören konnte...

„Pteh ska win,
Lila wakan! (Weiße Büffelfrau, sehr heilig!)...Heya heya heh...Yaha heya heh...

Mitakuye oyasin,
Lila waste! (Alle meine Verwandten, sehr gut! - Lakota)...Heya heya heh...Yaha heya hah...“

Trotzdem sang ich weiter, bis mir siedend heiß einfiel, wie das wohl auf Winnetou wirken mußte...
Ich brach unvermittelt ab, hoffend, daß ich ihn damit nicht belästigt hatte, er sich nicht vergackeiert fühlte! Mir kam mein Verhalten plötzlich lächerlich vor, also setzte ich mich wieder still auf den Knorren.

Der Mond ging auf, jetzt voll und rund wie ein verirrtes Ufo. Allerdings hatte er einen Hof, was auf einen baldigen Wetterwechsel hindeutete. Ein leichter Nebel stieg aus dem Tal herauf.
Wieder begannen sich kleine Eiskristalle auf allen Oberflächen zu bilden.
Die Stunden zogen sich für mich quälend endlos hin. Nachdem ich zweimal weggenickt und recht unsanft von meinem Sitz gekippt war, stand ich auf und trampelte auf der Stelle.
Ich bekam auch wieder Hunger und Durst. Doch dem widerstand ich eisern, ich wollte ja schließlich nicht für ein Weichei gelten.
Bibbernd und elend verbrachte ich den Rest der Nacht. Als endlich die Sonne aufging, war es fast wie Weihnachten; ich freute mich wie ein kleines Kind.

Heute war der Himmel nicht mehr ganz so klar, feine Zirruswolken legten sich wie Spinnfäden darüber. Trotzdem wurde es rasch erneut warm, später sogar regelrecht schwül.
Aus dem Wald stieg ein Dunst empor, der nach und nach die Fernsicht trübte und das Licht milchig werden ließ. Die Schwüle wurde unerträglich, sie waberte über den Latschen wie feurige Lohe, der ich auch unter meinem notdürftigen Dach nicht entkam.

Mit Wehmut dachte ich an meinen Vorrat von Sprudel und Cola, gar nicht zu reden von Eßbarem. Meine Phantasie trieb wilde Blasen....ein kühles Bier...dazu ein saftiges Schnitzel mit knusprigen Pommes und Salat...und hinterher ein Eis mit Schlagsahne...
Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Sehr bald rumorte es in meinen Innereien und ich bekam Magenschmerzen.
Sehnsüchtig glitt mein Blick zur nächsten Hütte, die in etwa einer halben Wegstunde Entfernung lag, und deren rotweiße Fahnen einladend zu mir herauf winkten.

Aber Nein! Ich wollte so schnell nicht aufgeben; verzweifelt versuchte ich an etwas anderes zu denken. Doch es war zum Verrücktwerden, mein überreiztes Gehirn gaukelte mir immer leckerere Gerichte und Getränke vor.

Aus lauter Verzweiflung brach ich mir einen kleinen Latschenzweig ab, auf dem ich herumkaute. Der bittere, harzige Geschmack auf meiner Zunge half ein wenig.

Im Westen baute sich jetzt eine tiefdunkle, massive Wolkenwand auf, die sich unablässig näher schob. Darunter stoben aus den Wäldern feine Nebelfähnchen hoch, die wie Rauch von unzähligen Lagerfeuern aussahen.
Mir wurde unheimlich. Wenn es das war, was ich vermutete, dann stand uns nicht gutes bevor!

Besorgt schielte ich zu Winnetou hinauf. Der saß jedoch reglos wie ein Bronze-Buddha auf seiner Decke und muckste sich nicht.

Noch schien die Sonne, doch je näher das Wolkenungetüm kroch, desto merkwürdiger wurde das Licht. Kein noch so leises Lüftchen regte sich mehr. Die Vögel stellten ihren Gesang ein.
Ich sah, daß unten bei der Hütte die Leute eilig ins Tal aufbrachen und der Wirt die ausgelegten Kissen einsammelte.

Es schien, als würde die Natur den Atem anhalten.

Danach ging alles ganz schnell; die Sonne wurde von der aufquellenden, blauschwarzen Wolke verschluckt, was die Temperatur gleich ein paar Grad sinken ließ. Ein plötzlicher Windstoß machte die Latschen erzittern.

Für ein paar Augenblicke herrschte atemlose Stille, so lautlos, daß ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte...

Dann fuhr eine gleißende Schlange aus der Wolke und schlug mit einem ohrenbetäubenden Donnerschlag direkt unterhalb von uns in den Bergwald.

Total geblendet und momentan taub stand ich wie gelähmt.

Als ich mich wieder rühren konnte, fuhr ich, mich in meine Decke wickelnd kopfüber in den nächstbesten Latschenbusch, wo ich für's erste bibbernd niederkauerte, jeden Moment erwartend, von einem Blitz erschlagen zu werden.

Die Hölle brach los, Blitze hagelten so dicht herunter, daß man die einzelnen Donnerschläge nicht mehr voneinander unterscheiden konnte. Ich kam mir vor wie im Krieg! - So ähnlich mußte sich ein Soldat unter Beschuß fühlen...
Seltsamerweise regnete es nicht einen Tropfen, was mich wunderte, konnte man im Gebirge durchaus auch mitten im Sommer mit Hagel und sogar Schnee rechnen.

Mir wurde angst und bange um Winnetou, der ja in noch exponierterer Lage direkt am Gipfel saß.

In einem kurzen Augenblick der relativen Ruhe wagte ich, ein halbes Auge nach dem Apachen zu werfen.
...doch was war denn das?!
...hatte der nicht mehr alle Tassen im Schrank?!
Er stand hoch aufgerichtet, die Arme empor geworfen, die lange Mähne wild im Wind flatternd und bot seine Brust den Elementen dar!!!

Ein erneuter Ansturm der feurigen Himmelsboten ließ mich wieder zusammenfahren. Ich wagte es nicht wieder, aus der Versenkung aufzutauchen, solange das Bombardement andauerte.

Erst, als bereits die Sonne am westlichen Horizont unterging, verzog sich das Wetter das Filstal entlang nach Österreich, wo es noch die ganze Nacht über wetterleuchtete.
Mein >Experiment< wäre jetzt eigentlich zu Ende gewesen. Aber die überstandene Angst hatte mir gründlich den Appetit verhagelt.
Nun, morgen würde der Tag anders aussehen...

Winnetou verabschiedete ungerührt die nun wieder scheinende Sonne und nahm, wie gewohnt seinen Platz auf der Decke ein.

Eigentlich war ich nun todmüde, doch schlafen konnte ich nicht ums Verrecken. Also beobachtete ich das abziehende Gewitter, bis mir tief in der Nacht dann doch die Augen zufielen.

Am nächsten Morgen – daß es mir wieder eiskalt war, brauche ich wohl nicht mehr extra zu erwähnen – hatte sich mein Hunger erneut eingestellt, diesmal mit Macht!
Ich delektierte mich an einem Apfel, einer Banane und dem allfälligen Müsliriegel, den ich mit meiner letzten Cola hinunterspülte. Zum Nachtisch und auf den erlittenen Schrecken hin naschte ich eine kleine Tüte Gummibärchen.

Die Sonne schien jetzt wieder vom wolkenlosen Himmel, der so freundlich lächelte, als könne er kein Wässerchen trüben.

Um die Mittagszeit sah ich, wie ein einsamer Wanderer, der eine auffällige neonrote Jacke trug, mit geübten Schritt den Pfad von der Hütte herüberkam.

Uh-oh! Jetzt war Kacke am Dampfen!
Schnell kontrollierte ich meinen Lagerplatz, ob nicht etwa irgendwo Müll herumlag.
Aber das war nicht der Fall; so legte ich noch die vorbereiteten Bestimmungsbücher gut sichtbar aus, sowie einen Block, auf dem ostentativ Diagramme und Listen etwas vorspiegelten, was nach einer Artenzähl-Aktion aussah.

Inzwischen war der Fremde so nahe gekommen, daß ich Einzelheiten an ihm ausmachen konnte. Er mochte so um die 25-30 Jahre alt sein, trug die übliche Kleidung gut ausgerüsteter Bergwanderer, die er durch einen grauen Filzhut ergänzt hatte und, wie gesagt, eine rote Jacke, auf der das Abzeichen der Bergwacht angebracht war. In der Hand hatte er einen starken, geschnitzten und mit einem eisernen Schuh versehenen Knüttel, der ihm als Aufstiegshilfe diente. Die Füßen steckten in dick profilierten Bergstiefeln. Seine Ausrüstung wurde durch ein Funkgerät und einen schwarzen Trekking-Rucksack, an dem ein orangenes Kletterseil, ein Helm und etliche Haken hingen, komplettiert.

Bei mir angekommen, grüßte er höflich, „Servus.“

Ich grüßte fröhlich lächelnd zurück: „Grüß Gott, schönes Wetter bringen Sie heute mit aus dem Tal herauf!“

Jetzt lächelte er: „Ja, besser als gestern....aber, was machen Sie hier so allein? Der Waste, der Wirt von der Kissinger Hütte hat mir berichtet, daß sich hier seit ein paar Tagen Leute am Berg befinden, die auch bei Gewitter nicht absteigen!“

Ich wies auf das Schild: „Wir sind hier, um im Abstand von einigen Jahren die hier vorkommenden Arten zu zählen, um den Klimawandel zu dokumentieren...“

Der Mann verzog das Gesicht und schimpfte im Allgäuer Dialekt: „Ah! Ja, der vermalefitzte Klimawandel!“, er deutete ins Tal, „Die da unten haben ja keine Ahnung, was hier oben abgeht! Herrschaftszeiten! - Über den Klimawandel jammern, aber frische Erdbeeren mitten im Winter wollen...und die Alpen bis ins hinterste Eck erschließen, daß auch der letzte depperte Tourist auf jeden Gipfel mit der Seilbahn fahren kann...“, er schüttelte erbost den Kopf, „...und wir dürfen die damischen Herrschaften dann wieder aus der Scheiße klauben, wenn sie sich mit Flipflops und Shorts im Gelände verirren und die Hax'n brechen!“

Ich nickte weise, darauf hoffend, daß er nicht allzu genau hinschaute, „Da haben Sie nur zu recht, die nerven auch uns!“, ich zeigte zu Winnetou hinauf, „Mein Kumpel versucht mit der Landschaft zu verschmelzen....und dann kommen wieder so ein paar Bekloppte und vertreiben die Tiere mit ihrem Radau...“

„Hm, dann will ich Sie mal nicht weiter stören.“, der Bergwachtler wendete sich zum Gehen, „Ich sag dem Wastl Bescheid, dann hält er die Leute zurück!“

„Ja, Danke, nett von Ihnen, wir sind ohnehin bloß noch bis morgen da.“ Ich winkte ihm hinterdrein, „...und nächstes Jahr melden wir uns vorher....“, mir fiel ein halber Bergsturz vom Herzen; das war ja gerade noch mal gut gegangen...

Nun galt es noch, die letzte Nacht unbeschadet zu überstehen. Doch da offenbar kein neues Gewitter drohte, machte ich mir da keine Sorgen mehr.
Der folgende Nachmittag verging mit dem Aufessen der Nahrung, die ich am Vortag >eingespart< hatte, wollte ich doch das Zeug nicht wieder ins Tal hinunterschleifen.
In der Nacht schlief ich verhältnismäßig gut, nichts störte meinen Schlaf.

-,-

Am Morgen des vierten Tages war es dann soweit, ich wurde durch ein sanftes Stupsen an der Schulter geweckt. Es brauchte geraume Zeit, bis ich wußte, wo ich war und wer sich da neben mir befand.
Der Häuptling hatte seinen Lendenschurz angelegt, die Decke um die Schultern geschlungen und saß auf einem Wurzelknorren. Er sah erschöpft aus, um die Augen dunkle Ringe, die Wangen etwas eingefallen und die Lippen spröde und aufgerissen. Doch gleichzeitig schien er irgendwie zufrieden zu sein, zumindest interpretierte ich seinen entspannten Gesichtsausdruck so.

So schnell ich konnte, rappelte ich mich hoch, fischte die letzte Sprudel-Flasche aus meinem Rucksack und reichte sie ihm. Der Apache nahm sie ohne Hast und trank dann in tiefen Schlucken.

Natürlich zerriß mich schier die Neugier; was hatte er erlebt?

Er mochte es mir an der Nasenspitze anmerken, aber er schüttelte nur den Kopf und sah mich mit seinen nachtdunklen, tiefen Brunnen gleichenden Augen an, ein langer, durchdringender Blick.
Dann sprach er mit einer Stimme, die nicht von ihm zu stammen schien, sondern aus der Tiefe der Zeit: „Die Ahnen sprachen zu Winnetou, daß er wieder zu seinem Volk zurückkehren werde...“, sein Blick glitt in die Unendlichkeit, „...er wird in zwei Welten leben und beiden Heilung bringen...“

Seine Stimme wurde wieder normal: „Mehr ist mir nicht erlaubt, Dir mitzuteilen...“; er grinste mich schief an, „Laß mich eine Stunde ruhen, dann werden wir hinunter an die Quelle gehen, und uns waschen...“

„WAS?! - Ich glaub, Du hast sie nicht mehr alle!“ Ich hatte keineswegs vor, mich zu entblößen, und in dem Eiswasser zu baden! Was dachte er sich denn dabei?

Winnetous Grinsen verstärkte sich, „Das mußt Du selbst wissen, aber die Luft hier oben ist so schön frisch, und ihr Weißen seid doch sonst so darauf bedacht, daß Ihr möglichst gut riecht....“

Wie bitte meinte er denn das jetzt?
Verstohlen schnüffelte ich in Richtung meiner Achseln...oooh-kayyy! - Daher wehte der Wind!
Unwillkürlich wurde ich puterrot, wie hatte ich das nur vergessen können!
Hastig packte ich mein Zeug zusammen, „Ich gehe voraus, Du schläfst hier ein Stündchen oder zwei und kommst dann nach!“, ich buckelte mir meinen Rucksack auf, der sehr viel von seinem Gewicht verloren hatte, und stiefelte los; „Aber komm bloß nicht früher!“, rief ich zurück.

So schnell es meine Beine zuließen, galoppierte ich den steilen Pfad hinunter zur Quelle, wo wieder die Kühe warteten.
Ohne mich um deren verwundertes Geglotze zu kümmern, warf ich alles von mir, nahm eine Blitzreinigung der wichtigsten Stellen vor und wollte mich gerade mit meinem Unterhemd abtrocknen, da kam mit strammen Schritt ein junger Jägersmann, komplett mit grüner Lodenjacke, Lederhosen, Bergstock und Gewehr, den Weg von der Bergbahn herüber geschritten.
Noch hatte er mich nicht bemerkt; also schnappte ich das ganze Geraffel und warf mich hinter einem Wachholdergesträuch auf den Boden.

Das war nicht wirklich eine gute Idee, denn dort wimmelte es von großen, roten Waldameisen, die sich prompt so belästigt fühlten, daß sie mich wütend anfielen und überall kniffen. Die Zähne zusammenbeißend wartete ich, bis der fesche Bursche im Wald verschwunden war, dann schlüpfte ich schnell in meine Kleider, was mir ob der immer noch kneifenden Insekten hin und wieder ein deftiges Fluchen entlockte.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein leises Lachen...da stand Winnetou und hielt sich die Seiten...
Hatte er mich etwa beobachtet...?

Er hatte offensichtlich!!!

„Meine weiße Schwester Una mag froh sein, daß wir uns hier nicht in meiner Heimat befinden, sie wäre schon längst gefangen oder gar tot!“, er kam vollends herbei und warf mir die beiden nun obsolet gewordenen Schilder und das fein säuberlich wieder aufgerollte Flatterband vor die Füße: „Du hast da was vergessen!“

Während ich die Dinger verstaute, begab sich der Apache zu der Quelle, wo er, ohne lange zu fackeln, komplett untertauchte, sich mit einem Grasbüschel abschrubbte, wieder herausstieg und tropfnaß, wie er war, um seine restliche Kleidung bat.
Nachdem er das ganze Gerödel angelegt hatte, zog er sein Bowiemesser und schnitt den Rest seines Pemmikan in kleine Stückchen, die er langsam und genußvoll hinunterkaute.
Ich nahm mir ein Beispiel an ihm und aß meinen letzten Müsliriegel, dann brachen wir auf und kehrten auf demselben Weg, den wir gekommen waren, ans Auto zurück.

Der Häuptling saß kaum in seinem Sitz, da war er auch schon im Land der Träume. Er wachte erst wieder auf, als ich vor meinem Haus einparkte.
Mir ging es nicht so gut, ich mußte ja noch die ganze Strecke zurückfahren, was mir, da ich auch ziemlich müde war, nicht leicht fiel, zumal ich unterwegs noch meine Vorräte für zuhause aufzustocken hatte.
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