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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
21.01.2021
27
47.161
10
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Dieses Kapitel
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04.12.2020 1.874
 
20. Shopping-Queen

Irgendwann während der Heimfahrt fiel mir siedend heiß ein, daß es ja bis Weihnachten nicht mehr so irrsinnig lang hin wäre….immerhin war die erste Jahreshälfte ja schon rum….
Und da ich nicht wie viele meiner Zeitgenossen jedes Jahr erst am Morgen des vierundzwanzigsten panikartig feststellte, daß man nun dringend Geschenke für seine Lieben brauchte, sorgte ich üblicherweise schon im Frühjahr vor.
Nach Weihnachten war schließlich vor Weihnachten….

Außerdem hatte ich mal wieder so richtig Lust >shoppen< zu gehen; also verband ich das Angenehme mit dem Nützlichen und schleppte meinen nichts ahnenden Gast am nächsten Tag in eines der riesigen Einkaufszentren vor den Türen unserer Landeshauptstadt.
Das Ganze war ein Erlebnis für Winnetou, das er sicher nie vergessen würde, obwohl schon der erste Besuch des Outlets und des Supermarktes ihn nachhaltig beeindruckt hatte.

Um ihn trotzdem etwas vorzubereiten, meinte ich zu ihm: „Denk Dir einfach, Du würdest träumen…“

Der Apache verzog sein edles Gesicht zu einem schiefen Lächeln: „Das rede ich mir schon die ganze Zeit ein, sonst würde ich verrückt werden! - Hier geschehen so viele unglaubliche Dinge….das glaubt mir zuhause kein Mensch!“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Bei den Assiniboine gab es einen Häuptling namens Tauben-Ei-Kopf, der nach Washington zum großen weißen Vater eingeladen wurde. Dort zeigte man ihm die neuesten Errungenschaften der modernen Technik und kleidete ihn auch mit Frack und Zylinder ein. Als er zu seinem Volk zurückkehrte und von seinen Abenteuern erzählte, wollte ihm niemand glauben; man erklärte ihn zum Lügner. Schließlich, als er immer noch darauf bestand, nur die reine Wahrheit zu sagen, töteten ihn seine Stammesgenossen!“, bei den letzten Worten war er sehr ernst geworden.

„Weißt Du was? Das wird Dir nicht passieren! Du wirst es beweisen können! - Wir suchen ein paar schöne kleine Geschenke für Deine Lieben zuhause aus und machen ein paar Bilder, die nimmst Du mit nach drüben!“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Er nickte nur und folgte mir dann stumm zum Eingang des gewaltigen Einkaufskomplexes.

Die Komödie begann schon an der Tür, als sie sich wie von Zauberhand öffnete, da es sich um eine automatische Glas-Schiebetür handelte.
Winnetou sprang verdutzt zurück, brauchte einige Sekunden, um sich zu fassen; und gerade, als er sich wieder vorwärtsbewegte, schloß sich das Ganze wieder vor seiner Nase, nur um erneut aufzuspringen.

Der Apache blinzelte kurz, nahm sich dann ein Herz und folgte mir schnellen Schrittes, nicht aber ohne noch einen raschen Blick auf die sich wieder von selbst schließende Tür zu werfen.

Drinnen sah er sich erst einmal in der grell beleuchteten Eingangshalle um; überalll glitzerte, schillerte und blinkerte es vor lauter Lämpchen und bunter Neon-Beleuchtung; ein wahrer Augenkrebs selbst für mich, obwohl ich das ja von Kleinauf gewohnt war.
Dazu noch war es ziemlich laut, auch wenn zu dieser Zeit noch nicht der Trubel herrschte, der in den Nachmittags- und Abendstunden aufkam. Von allen Seiten wurde man von leiser, aber dennoch aufdringlicher Musik zugedudelt, so daß man sich kaum normal unterhalten konnte.
Ich kam mir vor wie ein Fremdkörper, wie mußte es dann erst recht dem Apachen gehen….

Ich beschloß, das Ganze von oben her aufzurollen, weswegen wir zuerst etliche Rolltreppen hochfahren mußten.
Nach der Erfahrung mit der Schiebetür blieb mein Gast erstmal mißtrauisch vor den sich bewegenden Stufen stehen, bevor er sich dann doch einen Ruck gab, mit einem kleinen Hopser aufsprang und hinter mir dreinfuhr. Oben angekommen, machte er wieder einen kleinen Hopser und war dann sichtlich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Ich ermutigte ihn: „Das hat ja schon ganz gut geklappt! Gleich die nächste; bis wir ganz oben sind, hast Du`s dann drauf!“

„Treppen sind mir lieber…“, grummelte er leise und fügte hinzu: „Ihr Weißen erfindet lauter Zeug, um Eure Beine nicht mehr benutzen zu müssen….“

„Na na na!“, lachte ich los, „Ihr Indianer reitet aber doch auch recht gern, oder?“

Er seufzte tief auf und ich meinte ein fast unhörbares „Iltschi“ herauszuhören, dann straffte er sich und nahm die nächste Rolltreppe in Angriff.
Tatsächlich ging es von Mal zu Mal besser und auf dem obersten Stockwerk nickte er mir zu: „Für alte oder gehbehinderte Leute ist das bestimmt eine gehörige Erleichterung; vielleicht ist es doch nicht ganz schlecht…“

Gemächlich arbeiteten wir uns Etage für Etage wieder nach unten.
Die Auswahl der Dinge, die man hier erstehen konnte, setzte Winnetou in Erstaunen: „Wozu braucht Ihr Weißen nur so viel Zeug?“, er deutete mit dem Kinn auf den bunten Auslagen eines 1-Euro-Shops.
Dann nahm er sogar mit gerunzelten Brauen eine Plastikfigur in Form eines wackelnden Penis aus einem der Körbe; sein Gesicht ein einziges Fragezeichen: „Betet ihr das an oder sind das Opfergaben?“

Ich wurde hochrot und bekam beinahe einen Lachanfall: „Nein….das ist ein Scherzartikel….vorwiegend pubertierende Jugendliche benutzen das, um ihre Lehrer auf die Palme zu bringen, weil dann die ganze Schulklasse lacht wie die Dummen! - Habt Ihr denn Eure Lehrer nie veralbert?

„Niemals!“, fuhr er empört auf und legte das wackelnde Ding wieder zurück, als hätte er sich verbrannt; „Das hätte sich niemand bei einem Älteren erlaubt!“, seinen Kopf schüttelnd ging er rasch weiter, bevor er mich unvermittelt fragte: „Was würdest Du Dir kaufen, wenn Du richtig reich wärst?“

Ich überlegte einen Moment, bevor ich zögernd mit der Antwort herausrückte: „Hmm!, auf jeden Fall nichts von all dem Zeug hier….“

„Was würdest Du Dir wünschen?“, hakte er nach.

„Ich habe schon lange aufgehört, mir etwas zu wünschen…“, seufzte ich; „Mein Leben ist kein Märchen, in dem eine Fee kommt und einem Wünsche erfüllt….“

„Jeder sollte einen Traum haben, für den er lebt!“, konterte Winnetou.

„Das ist etwas für Reiche, die sich alles leisten können, nicht für Leute wie mich!“, ein neuer Seufzer entfuhr mir, „Ich versuche bescheiden zu bleiben und mit dem, was ich schon habe, auszukommen!“

„Das ist in keinem Fall schlecht!“, der Apache neigte sein Haupt zustimmend und fügte hinzu; „Mein Sharlih lebt auch sehr bescheiden, obwohl er sich jetzt, wo er durch seine Bücher gutes Geld verdient, viel mehr leisten könnte. Er lehnt den Luxus ab und unterstützt lieber seine Eltern und Geschwister daheim in Sachsen!“

Ich war nachdenklich geworden….was würde ich mir wünschen, wenn….?
Vielleicht ein freieres Leben, ohne Zwänge…..mit Tieren….auf einem Bauernhof….
Nein, doch wohl lieber nicht, denn da war man gezwungen, sich 365 Tage im Jahr um die Tiere zu kümmern!
Dann schon eher reisen; ferne Länder sehen….Abenteuer erleben….
Ja, DAS war es!,...einmal wenigstens durch den Spiegel in den echten Wilden Westen! - Nur mal schnuppern natürlich, ein paar Runden auf Mustangs reiten, ein bißchen in der Gegend rumballern….oder, ganz aushausig: Büffel jagen….!
Aber das traute ich mir nicht zu sagen, also schwieg ich lieber; es wäre ja auch zu aufdringlich gewesen, das zuzugeben!

Da wir nun vor einem Spielwaren-Geschäft standen, lenkte ich die Aufmerksamkeit des Apatschen auf das Schaufenster, in dem eine rosabunt glitzernde Barbie-Wunderwelt mit einem riesigen Play-Mobil-Diorama darum wetteiferten, sich gegenseitig die Schau zu stehlen: „Schau, das ist der Traum aller kleinen Mädchen und Jungen!“, rasch fügte ich hinzu; „Na ja, FAST aller kleinen Mädchen!“

„Hast Du auch soviel Spielzeug gehabt?“, fragte er plötzlich.

Ich merkte, daß er sich abgestoßen fühlte von der überbordenden Pracht; deshalb verneinte ich rasch: „Nein, nicht so irre viel, ich hatte eine Baby-Puppe und eine Barbie; aber mit der habe ich nie >Prinzessin< gespielt, sondern meistens >Indianer< zusammen mit meinen Freundinnen im Park….und dann hatte ich noch einen Teddy-Bären, ein Plüsch-Pony und einen Haufen Bücher und Malstifte….“

„Meine Schwester besaß nur eine lederne Puppe zum Spielen und ich einen kleinen Bogen mit passenden Pfeilen, ansonsten haben wir uns aus Lehm, Steinen, Stöcken und Blättern unser Spielzeug selbst gemacht! Höchstens, daß einem einmal ein älterer ein Holzpferdchen schnitzte oder einen Hasenbalg mit Heu ausstopfte….“, sein Blick blieb an einem kleinen Jungen hängen, der im Cowboy-Kostüm auf einem Steckenpferd den Eingang auf- und abgaloppierte, mit einer Spielzeugpistole wild um sich >schoß< und dabei entsprechende >Peng – Peng<-Geräusche von sich gab.

Als er zu allem Überfluß noch auf Winnetou zielte und laut. „Yippieyayeh! - Nieder mit den verdammten Rothäuten, sonst holen sie sich unsere Skalps!“, wurde der Häuptling zuerst ganz still.
Dann, als der Knirps seinen eindringlichen Blick nicht als Warnung nahm, nun endlich doch besser die Klappe zu halten und erneut seine Pistole auf ihn richtete, trat ihm Winnetou blitzschnell in den Weg, nahm ihm die Waffe ab und sprach ernst: „Junge, was habe ich Dir getan, daß Du mich umbringen willst?“

Der Kleine, riß, solcherart brüsk gestoppt, die Augen weit auf, starrte sein Gegenüber an, dann die Pistole und schließlich, als könne er das Ganze nicht recht glauben, brüllte er in den höchsten Tönen los….

Keine zwei Sekunden später stand seine empörte Mutter vor uns und blaffte wütend: „Geben Sie sofort das Eigentum meines Sohnes her! - Wie können sie es wagen, mein Kind so derart zu erschrecken!“

Mein Begleiter atmete tief ein, reichte ihr das Corpus Delicti und meinte gleichmütig: „Ich mag es nicht, wenn jemand auf mich eine Waffe anlegt!“

„Das war doch bloß im Spiel!“, verteidigte die Frau ihren Sprößling, „Er hat es doch nicht ernst gemeint!“

Winnetou schüttelte den Kopf: „Eines Tages wird es vielleicht eine geladene Pistole sein, und möglicherweise richtet er sie auf Sie!“

Die Mutter schnappte sich das immer noch schnüffzende Kind, starrte uns einen Moment lang wortlos an, als wären wir Aliens, um dann sehr rasch das Lokal zu verlassen.
Ich hörte, wie sie im Davongehen leise: „Lauter Bekloppte hier!“ flüsterte.

Der Apache schaute ihr hinterher; sein Blick blieb ernst: „Das wurde uns, noch bevor wir unsere ersten Schußwaffen bekamen, beigebracht; ziele nur auf das, was Du auch treffen willst und niemals auf Stammesangehörige!“

„Nur, daß Du keine Stammesangehöriger für ihn warst…“, konnte ich nicht umhin, zu sagen; er schnaufte tief, bevor er sich wieder berappelte.
Danach betraten wir den Laden selbst.

Ich führte Winnetou, der mir mit fast ausdruckslosem Gesicht folgte, durch die Regale, währenddessen ich für Ida nach einer nicht allzu kostspieligen Kleinigkeit suchte.
Nach und nach konnte er sich wieder entspannen, ja, er fing in der Plüschtier-Abteilung sogar zu lächeln an, als er einen lebensgroßen, auf seinen Hinterbeinen aufgerichteten Bären stehen sah: „DER hätte mir als kleines Kind Alpträume verursacht!“

„Der ist auch nur zu Werbezwecken aufgestellt!“, lachte ich; „Die Kiddies kriegen seine kleineren Brüder zum Spielen…“, ich deutete auf die Vitrine mit den Steiff-Tieren in allen Größenklassen.
Ich sah dann, daß er heimlich nach den Preisen schielte und leise durch die Zähne pfiff….ja, die Preise waren gesalzen, und ihm mochte aufgehen, daß es auch hier Menschen gab, die sich solche Sachen nicht leisten konnten.

Endlich, nach längerem Umsehen hatte ich gefunden, was ich gesucht hatte; ein in zarten Pastellfarben gehaltenes Sparbüchschen in Form eines Einhorns; ich zeigte es Winnetou, der es zweifelnd musterte: „Und das gefällt diesem Mädchen?“

„Ja, Ina steht voll auf die Viecher! - Und dann kann sie auch gleichzeitig Geld ansparen und damit spielen!“, ich ging in Richtung der Kasse.

Winnetou kam aus dem Kopfschütteln heute nicht mehr heraus; „Bei Euch Weißen geht es doch immer nur ums Geld...könnt Ihr auch an etwas anderes denken?“

Ich zuckte nur mit den Achseln.



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