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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
21.01.2021
27
47.161
10
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27.11.2020 1.523
 
19. Zurück in die Zukunft

Am nächsten Morgen, die Nacht war unerwartet ruhig verlaufen, weckte uns in aller Herrgotts-Frühe ein wahrhaft infernalischer Lärm; es klang, als würde jemand einem Rudel rolliger Katzen bei lebendigem Leib die Haut abziehen.
Winnetou zischte unter den Decken hervor wie ein geölter Blitz.
Ich konnte ihn gerade in letzter Sekunde noch davon abhalten, bewaffnet mit Bogen und Tomahawk nach draußen zu stürmen: „HALT! WARTE! - Keine Gefahr!“

Mittlerweile hatte sich der Lärm in eine Melodie verwandelt; jemand spielte draußen Dudelsack und das nun wirklich virtuos!

„Was war das?!“, der Apache sah mich bestürzt an.

„Nur ein kleiner Scherz!“, ich stand auf und schlug die Zelttür zurück; dann gab ich meinem Gast mit der Hand das Zeichen, mir zu folgen, bevor ich selbst nach draußen trat.
Dort stand ein Schotten-Hobbyist, komplett kariert von Kopf bis Fuß; mit Käppi, schwarzem Zauselbart, Kilt, Sporran und Skean-dhu. Er spielte auf seinem Dudelsack.
Ich mußte unwillkürlich grinsen, als ich das Gesicht Winnetous sah, der nun neben mir stand und ungläubig den Mann im Rock anstaunte.

Der >Schotte< beendete das Musikstück und fiel mir dann um den Hals; „>Hottehüh<! - Schön, daß Du da bist!“, er nannte mich so, weil wir uns seit langen Jahren gegenseitig frotzelten.

„Ronni, Du alter Schafsbalg-Vergewaltiger! Die Freude ist ganz auf meiner Seite!“, ich klopfte ihm den Rücken; „Du hast meinem Gast einen Heidenschrecken eingejagt!“

„Ja, das tut mir leid; ich wußte nicht, daß Du seit neuestem nicht mehr solo bist…“, er gab nun Winnetou die Hand und entschuldigte sich; „Sorry, Kumpel, aber seitdem unser >Hottehüh< hier mir beinahe mal einen zweiten Scheitel mit dem Beil verpaßt hat, weil sie dachte, ich würde ein Tier quälen, mach ich mir jedes Jahr einmal den Spaß und hol sie so aus dem Bett!“

Ganz am Anfang meiner Hobbyisten-Karriere hatte Ronni >MacDonald< mit seinem damals noch brandneuen Dudelsack die ersten Töne geübt; ich hatte das schrille Gequieke für den Hilfeschrei eines mißhandelten Tieres gehalten und war mit gezücktem Tomahawk herbeigeeilt, sehr zur Freude aller Umstehenden….Auf den Schrecken hin hatten mir die Schotten einen Humpen Whisky spendiert und wir waren die besten Freunde geworden.

Nachdem ich Winnetou und Ronni einander bekannt gemacht hatte, lud ich letzteren zum Frühstück ein, doch er lehnte dankend ab: „Ich will jetzt noch unseren >Abstürzenden-Geier< aus den Federn holen! Der Kerl hat sich heute Nacht wieder ordentlich zugedröhnt und liegt sicherlich noch im Koma...“

Oh! Wie ich das dem >Weitblickenden-Adler< gönnte, denn den meinte Ronni; den großen Medizinmann spielen und sich dann die Kante geben, das ging ja gar nicht!!!
Nachdem der Schotte sich verkrümelt hatte, bereitete ich ein Frühstück, das wir vor dem Zelt zu uns nahmen.

-,-

Ich mußte so lachen, als Raffi, seine kleinen Schwestern im Schlepptau, mit wichtiger Miene mehrfach an uns vorbeijoggte, dann vor Winnetou zum Stehen kam, einen Schwall Wasser ausspuckte und stolz meinte: „Wir machen das jetzt jeden Morgen!“

Winnetou nickte dem kleinen Mann zu: „Jeder große Krieger war einmal ein kleiner Junge! - Wenn Du fleißig übst, wirst Du es in Deinem Leben zu etwas bringen!“

„Ich will mal so wie Du werden!“, Raffi knetete verlegen seinen Lendenschurz, dann drehte er sich unvermittelt um, rief „Tschühüs!“ und schwirrte, gefolgt von seinen winkenden Geschwistern davon.

„Ha ha ha!“, ich mußte lauthals lachen, „Einige Fans hast Du jetzt auch schon! Vielleicht solltest Du ernsthaft ins Filmbusiness einsteigen; als Schauspieler könntest Du locker Deinen Lebensunterhalt bestreiten…Man stelle sich nur vor, Winnetou spielt sich selber….und keiner würde es wissen, außer uns!“

Die eine Augenbraue des Apachen ruckte kurz empor, doch dann kroch ein leises Lächeln über sein Gesicht: „Man wird sehen!“

-,-

Nach dem Frühstück kam die überaus lästige Arbeit des Abbaus auf mich zu, die ich zugegebenermaßen noch mehr haßte wie den nervigen Aufbau.

Um Winnetou nicht mit meiner schlechten Laune zu belästigen, setzte ich ihn wieder auf den Trapperstuhl unter den Birnbaum. Dann warf ich kurzerhand die Inneneinrichtung ungeordnet in meinen Twingo, verabschiedete mich bei dem Indianer mit den Worten: „Ich fahr schnell heim, und räum das auch gleich auf; Du kannst den anderen derweil beim Abbauen zugucken, oder einen Spaziergang machen, wie Du willst. - Wenn ich zum Mittagessen noch nicht zurück bin, hol Dir halt was beim Schützenhaus….“ Ich gab ihm noch einen 10-Euro-Schein in die Hand und düste im Eiltempo nachhause.

Daheim schuftete ich etwas mehr als zwei Stunden wie gestört, bis alles wieder halbwegs ordentlich an seinem Platz war.
Meine Meerschweinchen rüttelten frenetisch quiekend an den Käfigstäben und bekamen natürlich sofort ein paar Salatblätter. Und weil ich schon beim Saubermachen war, richtete ich gleich noch ihr ziemlich verschissenes Käfig….Ordnung mußte schließlich sein!
Danach schaltete ich den Boiler im Bad auf Volllast und sah noch rasch bei meinen Eltern vorbei.
Sie begrüßten mich freudig mit der Zeitung wedelnd: „Du bist im Quellstadter Boten und im Fernsehen waren Dein Indianer und Du gestern Abend auch; die ganze Bembelei war deshalb in hellem Aufruhr!“

Das konnte ich mir nur zu gut vorstellen; da hatten wahrscheinlich die Telefondrähte wieder geglüht, weil das natürlich die gesamte weit verstreute Verwandtschaft brennend interessierte….beim nächsten Familien-Treffen würde ich einiges zu hören bekommen, das wußte ich jetzt schon... Meine erweiterte Familie nahm da kein Blatt vor den Mund!

Den Zeitungsausschnitt steckte ich gleich ein; meine Hobbyisten-Kollegen würden sich sicher darüber freuen.
Nachdem ich noch an der nächsten Tanke mein Blech-Pony >gefüttert< hatte, fuhr ich im Tiefflug zurück nach Meersheim.
Dort auf dem Zeltplatz herrschte inzwischen, wie immer am Abbau-Tag, das absolute Chaos; Autos in allen Größenklassen standen kreuz und quer; Leute suchten fluchend nach ihren abhandengekommenen Kindern oder Ehepartnern und überall rannten mit Stangen schwer beladene Hobbyisten umher.

Es brauchte geraume Zeit, bis ich mich mit meinem Twingo durch das wirre Getümmel geschlängelt hatte.
An meinem Tipi erwartete mich eine Riesen-Überraschung: Mein Zelt stand nicht mehr, sondern war bereits abgebaut; die Stangen aufgeräumt und die Leinwand sorgfältig zusammengefaltet und auf einer Plastikplane aufgestapelt. Selbst der Müllbeutel hatte offenbar seinen Weg zu den Abfallbehältern gefunden, denn ich sah ihn nirgends herumliegen.

Winnetou saß gemütlich auf dem Stapel und verzehrte in aller Ruhe einen Steak-Wecken, in der anderen Hand hatte er eine Flasche Bier, am der er angelegentlich nippte.
Als ich aus meiner Karre ausstieg, meinte er zufrieden schauend zu mir: „Ich habe mir erlaubt, Dir ein bißchen unter die Arme zu greifen….“, dann griff er neben sich nach einer Tüte und reichte sie zu mir herüber. Darin befand sich ein zweiter Steak-Weck und eine weitere Flasche Bier.

„Oooh!“, ich stand nur da und wußte nicht recht, was ich dazu sagen sollte; „...Danke!!! - Aber das hättest Du doch nicht machen müssen!“

„Der Mann, der sich >Nackiger-Hirsch< nennt, war so nett, uns ein Mittagessen zu spendieren.“, der Apache biß wieder in sein Brötchen.

„Das meinte ich nicht…“, ich wies auf seinen Sitzplatz; „Der Abbau wäre eigentlich meine Aufgabe gewesen…“

„Mir war langweilig, bei den anderen hätte ich nur im Weg gestanden.“, er zuckte mit den Schultern; „...und außerdem brauchte ich ein wenig Bewegung….“

„Na dann trotzdem vielen Dank!“, erst jetzt merkte ich, wie hungrig ich auch war. Mit großem Appetit mampfte ich mein Essen hinunter.

Nebenher zeigte ich Winnetou den Zeitungsausschnitt, den er sorgfältig las.
Er gab ihn mir gequält lächelnd zurück: „Gut, daß die Leute meinen richtigen Namen nicht kennen…..sonst würden mir hier auch so kreischende Squaws hinterherrennen….“

Ich mußte so lachen, daß ich beinahe meinen Schluck Bier, den ich soeben trinken wollte, prustend wieder von mir gab. Mit Mühe und Not konnte ich das gerade noch einmal verhindern.
Ich entschuldigte mich bei meinem Gast: „Sorry, ich lache nicht über Dich, sondern über die Situation!“
Die Vorstellung, wie der Apache eiligen Fußes vor so einer Horde hysterischer Fans flüchtete, war aber auch zu grotesk! Ich hätte zu gern in sein Gehirn gesehen, was er über uns bekloppte Deutsche wirklich dachte….

-,-

Als ich gerade am letzten Bissen kaute, kam „Nackiger-Hirsch“ herbeigeschlendert, um sich zu verabschieden: „Schade, daß das Treffen schon wieder vorbei ist; dieses Jahr war´s irgendwie besonders….“, da hatte er zweifelsohne Recht; wenn man bedachte, daß bei mir ein waschechter Indianer im Zelt gelebt hatte….der reine Wahnsinn!
Der blonde >Indianer< umarmte mich herzlich; „Bis zum Herbst-Flohmarkt, und bring Deinen indianischen Kumpel ruhig auch wieder mit, und wenn es bloß dazu wäre, diesem bescheuerten Hämmerle den Tag so richtig zu vermiesen!“
Dann schüttelte er Winnetou die Hand; „Machs gut, mein Freund, und recht viel Spaß an der Uni!“

Der lächelte fein; „Es war mir eine Ehre, Dich kennengelernt zu haben; ich wünsche Dir eine gute Jagd!“

>Nackiger-Hirsch< grinste fröhlich: „Ich Dir auch! - Bis zum nächsten Mal!“, dann war er auch schon weg, noch bevor ich mich für´s Essen bedanken und ihm den Zeitungsausschnitt zeigen konnte.

-,-

Ich haßte eigentlich lange Abschiede, deshalb belud ich ganz rasch das Auto, stieg mit Winnetou hinein und winkte im Vorbeifahren nur noch den anderen Hobbyisten zu; morgen würden wir alle wieder im Alltag ganz normale Leute sein...zumindest die meisten von uns...






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