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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
21.01.2021
27
47.161
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20.11.2020 1.859
 
18. Auge in Auge

Am Nachmittag sollte das Powwow und die Preisverleihung stattfinden.
Das Fernsehen hatte sich tatsächlich eingefunden; für ein fünfminütiges Filmchen wurden x Kameras aufgebaut und Reporter gingen herum, um Leute für ein Interview einzufangen.
Meiner Meinung nach war das ein Riesen-Aufwand für die paar popligen Minuten….

Es gelang mir, Winnetou und mich, so gut es ging, aus der ganzen Sache herauszuhalten, obwohl es schon etwas tolles gewesen wäre, sich selbst in voller Montur in der Glotze zu bewundern…..

Ich schlug dem Apachen vor, er solle doch lieber im Zelt bleiben; doch davon wollte er nichts wissen: „Schlimmer als heute morgen kann es doch nicht werden, oder?“

„Keine Ahnung!“; ich zuckte mit den Schultern; „Wir werden den Touristen etwas vortanzen müssen….und natürlich werden die Preise für`s Schießen verteilt….am Schlimmsten wird der Schluß-Tanz sein, da hampeln dann die ganzen Touries mit rum, aber so lange brauchst Du ja nicht mitzumachen!“

„Sind das wieder so Leute, wie diese weiße Squaw neben mir?“, sein Blick bekam etwas alarmiertes.

„Ich befürchte ja!“, grinste ich schief; oh Gott!, allein die Vorstellung, daß ausgerechnet diese Schreckschraube sich den armen Apachen für den Rundtanz krallte!

Offenbar hatte mein Gast denselben Gedanken, denn er schüttelte sich; dann straffte er sich plötzlich: „Man wird sehen!“

„Willkommen im meiner Welt!“, schnaufte ich, dann stürzten wir uns ins Getümmel.

-,-

Erneutes Trompeten-Geschmetter rief die Leute wieder zur Arena; und alles, was Beine hatte, strömte herbei, als gäbe es was umsonst….

Auch die Indianer-Hobbyisten nahmen Aufstellung; wobei ich Winnetou zu den Kriegern dirigierte und mich selbst direkt dahinter noch vor den Frauen einordnete.
Prächtige Federhauben, viele perlenbestickte Lederfransen-Outfits, Perücken, kiloweise Schminke, Federfächer und befiederte Tanzstäbe wetteiferten darum, wer am originalsten aussah.

Obwohl die Leute sich extra aufgeputzt hatten, um zu beeindrucken, stach Winnetou mit seiner ganzen Erscheinung heraus, wie ein Falke unter einer Schar von Tauben. Er strahlte eine solche natürliche Würde aus, die von noch so viel Schmuck, Farbe und Federn nicht übertroffen werden konnte.
Instinktiv merkten die anderen Teilnehmer, daß er etwas besonderes war und hielten dementsprechend großen Abstand.

Der Apache betrachtete seinerseits die Versammlung und meinte trocken: „Sehr viele Häuptlinge hier, und kaum Krieger!“

„Na, da träumt halt jeder davon, Häuptling sein zu dürfen….“, warf ich ein.

„Als wenn das so leicht wäre!“, stöhnte Winnetou und verdrehte seine Augen; „Das ist eine ganz schön schwere Last, so viel Verantwortung zu tragen!“

Ich wußte, was er damit sagen wollte; zum Glück hatte ich nie derlei Ambitionen gehabt; mir reichte mein Konditormeistertitel, da hatte ich genug Ärger am Hals….

-,-

Während die Trommelgruppen sich leise warmspielten, erklärte der Sprecher den ahnungslosen Touristen die Dos and Don´ts; insbesondere, daß die Tanzfläche für sie bis zum Abschlußtanz absolut gesperrt sein würde.
Beim diesem letzten Tanz dürfte dann jeder, der Lust und Laune hätte, gerne mitmachen.

Doch zunächst kam der >Grand Entry<; quasi ein Einmarsch der Nationen wie bei der Eröffnung einer Olympiade. Der Kommentator bat alle Leute, die saßen, aufzustehen und die Hüte abzunehmen; dann wurde zuerst die deutsche, dann die amerikanische Nationalhymne abgespielt.

„Müffelnder-Büffel“ lief als „Oberhäuptling“ mit der amerikanischen Flagge voraus, daneben ein anderer „Häuptling“, der die deutsche hielt, dazwischen ein dritter mit einem befiederten Coup-Stab . Dann kamen die restlichen „Häuptlinge“ und „Krieger“, gefolgt von Frauen und Kindern.

Vier Trommelgruppen, die in den Ecken der Arena verteilt waren, legten los.
Zunächst umrundeten wir in gemächlichem Tempo das Rund im Uhrzeigersinn, dann platzierten sich die Tänzer am Rand, und nur die speziell aufgerufenen traten in die Mitte, um eine flotte Sohle auf´s Parkett zu legen.

Der erste Tanz war ein sogenannter >Traditional<; was bedeutete, daß die „Squaws“ eher verhalten außen auf der Stelle wippten, während die „Krieger“ im Innern in wilden Sprüngen umhersteppten.

Als die Trommeln und der schrille Gesang einsetzten, begannen meine Füße sich von ganz alleine zu bewegen. Es passierte etwas, was mir noch nie passiert war, die Realität verschwamm vor meinen Augen und der Rhythmus durchdrang meinen Körper, wurde völlig eins mit mir….
Wieviele Minuten das ganze Spektakel dauerte, weiß ich nicht zu sagen, denn alles löste sich in einen rauschhaften Wirbel aus Farben, Bewegung und Tönen auf, in dessen Mittelpunkt ich mich befand.
Ich hatte das unheimliche Gefühl, durch Raum und Zeit zu reisen; um mich herum tanzten nicht mehr meine Hobbyisten-Kollegen, sondern völlig fremde, echte amerikanische Ureinwohner um ein riesiges Lagerfeuer…..die Funken stoben und es war Nacht….

Als schließlich der letzte starke Trommelschlag das Ende des Tanzes bedeutete, blieb ich wie betäubt stehen und brauchte eine Weile, bis ich meine Orientierung wiedererlangte.
Daß nebenher gefilmt wurde, nahm ich überhaupt nicht wahr.
Erst, als mich Winnetou und „Nackiger-Hirsch“, der sich auch eingefunden hatte, anstupsten, kam ich mit einem Ruck halbwegs zu mir.

Ersterer sah mich besorgt an, während letzterer erstaunt fragte: „Mann, >Tanzendes-Pferd<, was war das denn gerade? So hab ich Dich noch nie abrocken gesehen! Du warst total abgedreht….“

Ich blinzelte ihn nur noch völlig geflasht an: „Weiß nicht; keine Ahnung….es ist einfach über mich gekommen….“; vielleicht war vorher irgendwas psychotropes in dem Rauch gewesen….?! Was wußte ich schon, was die Apachen so alles konsumierten…..

Sicherheitshalber geleiteten meine Gefährten mich an den Rand, wo ich in relativer Ruhe meine fünf Sinne wieder einsammeln konnte.
„Nackiger-Hirsch“ entschuldigte sich dann bei uns, da er sich freiwillig zum Ordnungs-Dienst bei der Essensausgabe gemeldet hatte.
Ohnehin fand jetzt eine Vorführung der verschiedenen Powwow-Tanzstile statt, bei dem dem unwissenden Publikum die Feinheiten erklärt wurden. Nacheinander traten Gras-Tänzer, Jingle-Dress, Hoop-Dance und Traditional-Tänzer auf, dann ein Rundtanz, gefolgt von einem Adler- und einem Büffel-Tanz.

Winnetou sah sich alles mit wirklichem Interesse an, meinte aber bei den letzten zweien mit zusammengezogenen Brauen: „Das sind heilige Tänze der Hopi und der Präriestämme, man sollte sie nicht zum Spaß tanzen, oder findet hier doch noch eine große Jagd statt?“

„Nein, leider nicht….“, ich verstand aber, was er damit meinte; „Ich finde das auch nicht richtig, und ich würde da niemals mitmachen, aber andererseits, wie willst Du den Touristen beibringen, daß es noch was anderes als Kriegstänze gibt?“

Wir konnten unsere Diskussion nun leider nicht fortführen, denn der Sprecher kündigte die Preisverleihung des Vorderlader-Schießens an.
Eifrige Helfer trugen einen Tisch in die Mitte der Arena, auf dem allerhand Freß-Körbe, Pokale und Medaillen arrangiert wurden.
Dann traten die Honoratioren hinzu, mit ihnen der wieder grandios aufgetakelte Pierre Brice.

Neben mir zuckte der echte Winnetou merklich zusammen, als der Sprecher verlautbarte: „Sehr geehrtes Publikum! - Heute wird bei uns unser Ehrengast, der echte und einzige >Winnetou<, Pierre Brice, die Preise verteilen….“, der Schauspieler trat vor, machte die theatralische Film-Begrüßungs-Gebärde und begann mit einem Mikrophon bewaffnet, die Gewinner der verschiedenen Disziplinen von einer Liste vorzulesen. Die aufgerufenen traten der Reihe nach vor und holten sich ihre Preise ab, während ein Fuzzi von der örtlichen Tageszeitung eifrig Bilder knipste.

Ich sah, daß mein Gast ganz starr wurde, deshalb versuchte ich ihn aufzuheitern: „Das ist alles nur ein Spiel, so eine Art Theater, denk Dir nix dabei und spiel einfach mit….“

Seine Oberlippe kräuselte sich verächtlich, dann schüttelte er sich und raffte sich stolz auf.
Als sein gefakter Name aufgerufen wurde, gab er sich einen Ruck und schritt mit stoischem Gesicht über den Sand der Arena.

Es war ein großartiges Bild: Der eher schlicht gekleidete Apache und der Franzose in vollem Ornat, wie sie voreinander standen und sich mit den Augen maßen.
Das Publikum hielt unwillkürlich den Atem an, es wurde mucksmäuschenstill; offenbar spürten die Leute, daß hier etwas außergewöhnliches geschah, ohne, daß es aber außer mir jemand benennen konnte.

Nun hatte ich den direkten Vergleich; den Schauspieler, der das Idol meiner Kindheit verkörperte und….Winnetou!
Mir blieb schlicht die Luft weg, denn letzterer strahlte wieder diese majestätische Autorität aus, die man von Natur aus hatte, oder eben halt nicht. Erlernen konnte man so etwas auch mit noch so viel Schauspiel-Unterricht in keinster Weise!

Für einige Augenblicke war es totenstill.
Selbst der Franzose schien dem ernsten Blick des Apachen nicht standhalten zu können, er blinzelte kurz und trat einen halben Schritt zurück.
Erst als Brice seinem Gegenüber dann doch die Hand gab und gleich darauf einen Pokal und einen überdimensionalen, mit einer goldenen Schleife verzierten Freßkorb reichte, war der Bann gebrochen; das Publikum begann zu jubeln.
Jetzt machte auch der Presse-Fritze seine Fotos.

Winnetou bedankte sich mit einem winzigen Neigen seines Kopfes und schritt, beladen mit seinen Preisen zu mir her; er gab mir mit den Augen zu verstehen, daß er nun genug hatte und ins Zelt zurück wollte.
Ich folgte ihm auf dem Fuß, wobei uns die Leute achtungsvoll Platz machten.

Hinter uns ging das Powwow weiter, die Trommeln begannen wieder zu sprechen, so daß bald niemand mehr auf uns achtete.

Im Zelt angekommen, meinte der Apache mit einem halben Grinsen zu seinem Preis: „Nun habe ich wenigstens etwas zu unserer Ernährung beitragen können!“

Ich nickte: „Deine >Büffel< waren gleich tot! Die hätten Dich nicht mehr über den Haufen gerannt….“

„Alles eine Sache der Übung!“, er begann, den Freßkorb auseinanderzunehmen und ich hatte die schöne Aufgabe, ihm den Inhalt zu erklären….

-,-

Später am Abend, als wir uns an den Leckereien des Freßkorbs delektierten, kam der Sheriff ganz aufgeregt zu uns gefußelt; „Wir waren in der Landesschau! - Sie haben einen Bericht über das Powwow und den Auftritt von Pierre Brice gebracht! - Und, ob Du´s glaubst oder nicht; Ihr seid auch gezeigt worden!!!“
Jetzt klappte er seinen Laptop auf und zeigte uns die Szene…..es war ein eigenartiges Gefühl, sich selbst auf dem Bildschirm zu bewundern….und, kein Wunder, daß mich „Nackiger-Hirsch“ als „total abgedreht“ bezeichnet hatte; ich war tatsächlich wie ein außer Kontrolle geratener Derwisch umhergewirbelt…..

Winnetous Bewegungen dagegen waren von unnachahmlicher Eleganz und Leichtigkeit, eher einem Ballett-Tänzer gleich, auf jeden Fall nicht so marzialisch wie meine.

Der Sheriff war völlig begeistert; „Das bringt uns neuen Zulauf, wenn die Leute sehen, daß wir doch nicht nur waffengeile Spinner sind!“, mit diesen Worten beeilte er sich, um seine frohe Kunde ins nächste Zelt zu bringen.

Winnetou hatte sich die Vorführung schweigend angesehen; nun atmete er tief ein und meinte dann: „So sehen mich also die anderen Leute?!“

Ich nickte nur.

„Es fühlt sich seltsam an, sich selbst in Bewegung zu sehen….“, der Apache schüttelte leicht sein Haupt; „Man kennt sich ja vielleicht aus dem Spiegel, aber da sieht man sich auch nur mit den eigenen Augen! - Es ist etwas sehr merkwürdiges, sich aus der Perspektive eines anderen zu beobachten...und die Tatsache, daß das nun Menschen auf der ganzen Welt sehen können, macht es noch merkwürdiger!“, ich glaubte zu wissen, was er damit ausdrücken wollte.

„Da hast Du Recht….“, mir fehlten die rechten Worte, um es genau zu fassen, deshalb fragte ich rasch: „Und…? - Wie gefällst Du Dir selber?“

Ein feines Lächeln huschte über sein edles Antlitz: „Ich bin zufrieden!“

Ich grinste ihn an: „Na, dann ist ja alles gut!“, dann fügte ich hinzu; „Komm, laß uns uns waschen und dann schnell in die Heia; morgen ist Abbautag; da wird es nochmals so richtig stressig!“

Jetzt war er es, der nur nickte….
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