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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
21.01.2021
27
47.161
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13.11.2020 1.803
 
17. Winnetou meets Winnetou

Tags darauf rödelte ich mich schon in aller Frühe auf, schmierte mir sogar Kriegsbemalung ins Gesicht; heute würden wegen der Western-Show und dem Powwow, die im Reitstadion gleich neben dem Schützenhaus stattfinden sollten, die ganzen Touristen in Scharen herbeiströmen, da wollte ich ordentlich Eindruck schinden.
Selbst die Presse hatte sich angesagt, und hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, daß auch das Fernsehen möglicherweise ein Team vorbeischicken würde. Da galt es in erster Linie, gut auszusehen!

Nun, ich war gut vorbereitet; keiner, der mich nicht kannte, hätte mich hinter der grandiosen Maskerade vermutet.
Als ich aus meinem Tipi herauskam, stand Winnetou schon davor. Er stutzte einen Augenblick, dann zuckten seine Mundwinkel: „Du hast Dich verändert….jetzt wirkst Du wirklich, als könntest Du kämpfen wie ein Krieger!“

„Oh Danke! - Wenn Du das sagst, dann ist ja noch Hoffnung für mich!“, das Lob freute mich natürlich; gut gelaunt schlug ich ihm vor: „Wenn Du Lust hast, ich hab noch Schminke, Schmuck und Federn übrig….bedien Dich nur!“

Der Häuptling schüttelte den Kopf: „Mir liegt es nicht, mich zu schmücken; und Kriegsbemalung lege ich niemals mehr an!“

„Ich mach das auch bloß, um die Touristen zu beeindrucken!“, lachte ich fröhlich; „Es ist so lustig, wenn man ums Hauseck biegt und die Leute spritzen erschrocken auseinander!“

In diesem Moment kam „Nackiger-Hirsch“ ganz aufgeregt angefußelt; „Stell Dir vor, heute zur Show kommt sogar Pierre Brice vorbei!“, der blonde „Indianer“ schlug mir vor Freude auf die Schulter, daß ich beinahe in die Knie ging; „In >Winnetou< warst Du doch sicher auch total verschossen!“

Ich wurde dunkelrot unter meiner Bemalung, gab dann aber doch hysterisch kichernd zu: „Ja klar, wer von uns Mädels war das nicht… wer wäre nicht gerne mit ihm über die Prärie geritten und hätte spannende Abenteuer erlebt?!“

Der echte Winnetou starrte mich seltsam an.

„Mein Gott!“, ich verdrehte die Augen, „Ich war da noch ein ganz junges Mädchen, ...und die schwärmen halt nun mal für gutaussehende, exotische Männer…auch wenn das in Wirklichkeit nur Schauspieler sind! Ich hab seine ganzen Filme angeguckt, war ein richtiger Fan von ihm!“ Innerlich kringelte ich mich, zuckte dann aber mit den Schultern; „Wahrscheinlich rennt Dir zuhause auch ein ganzer Rattenschwanz von jungen Damen hinterher,….“

Der Gesichtsausdruck des Apachen war unbeschreiblich, es wirkte unfreiwillig komisch, eine Mischung aus Abscheu, Verzweiflung und Resignation…

-,-

Noch vor dem Mittag begann der erste Teil der Show; alles, was Füße hatte und krabbeln konnte, versammelte sich um das Reitstadion, so daß kaum mehr ein Durchkommen war.
Nur unter großem körperlichen Einsatz und strengen Blicken, die die gewöhnlichen Besucher auseinandertrieben, konnte ich einen Platz für mich und meinen Gast vorne an der Absperrung ergattern. Um uns drängte sich eine erwartungsvolle, bunte Menge.

Als ersten Programm-Punkt kamen unsere „Südstaatler“, die ein kleines Manöver veranstalteten; inklusive mehrerer Gewehrsalven und dem Abfeuern ihrer blindgeladenen Kanonen.
Bei jedem Schuß bebte der Boden und ich machte meinem Namen mal wieder alle Ehre, weil ich jedesmal ordentlich zusammenzuckte und einen kleinen Hopser machte; was Winnetou zu der Bemerkung veranlasste: „Du scheinst nicht schußfest zu sein…“

Schief grinsend gab ich zurück: „Na, jetzt rate mal, warum man mich >Tanzendes-Pferd< nennt!“
Seine Mundwinkel zuckten wieder belustigt, was mich ein ganz klein wenig ärgerte.

Doch nach den nächsten vier Programm-Punkten, die aus einer Square-Dance-Truppe, einer Lasso-Wurf-Vorführung, einem Western-Reiter auf seinem muskulösen Quarter-Horse und den Can-Can-Girls bestanden, drehte sich der Wind; jetzt bekam ich was zu Schmunzeln….

Unter großem Tam-Tam, Trompeten-Geschmetter und dem Abspielen der Winnetou-Melodie wurde die Haupt-Attraktion angekündigt: Pierre Brice, wie er leibte und lebte….

Der Schauspieler saß, gekleidet in sein blitzsauberes Winnetou-Kostüm, die „Silberbüchse“ locker im linken Arm, im Sattel eines lackschwarzen Friesenhengstes, dessen Fell man auf Hochglanz poliert hatte. Das prächtig aufgezäumte Tier war derlei Auftritte gewöhnt und schritt seelenruhig über den Sand der Arena.
Das Publikum folgte ihm atemlos mit weit aufgerissenen Augen.
Brice ritt einmal im leichten Galopp um die ganze Bahn.
Als er bei uns vorbeikam, und ich ihn deshalb ganz aus der Nähe betrachten konnte, stellte ich fest, daß ihm die Falten im Gesicht standen und er mehr denn je wie ein echter Indianer aussah.

In der Mitte brachte der Franzose seinen Rappen zum Stehen und grüßte mit einer ausschweifenden Geste seiner rechten Hand; Jubel brandete auf.
Dann begann er mit seinem typischen Akzent zu sprechen; „Winnetou grüßt seine weißen Brüder und Schwestern, daß sie sich hier so zahlreich versammelt haben! Er freut sich vor allem auch, seine kleinen Freunde wiederzusehen….“

Neben mir zuckte mein indianischer Begleiter merklich zusammen, als er seinen Namen genannt hörte.
Einigermaßen verstört sah er sich um, weil rund um ihn die Leute vor lauter Begeisterung förmlich ausflippten.

Um dem Ganzen noch mehr Drama zu geben, trieb man jetzt eine freilaufende Herde Pferde herein; echte, wilde Mustangs aus Montana, prächtige Exemplare in allen Schattierungen.

Doch, obwohl die wehenden Mähnen und Schweife ein herrliches Bild abgaben, hatte mein Begleiter keinen Blick für die Tiere, er blinzelte nur hilflos und schüttelte wiederholt den Kopf.
Ich versuchte ihn vergeblich zu beruhigen: „Er ist ein Schauspieler; die Leute lieben ihn…“

Neben Winnetou kreischte urplötzlich eine erwachsene Frau, die sich in ein sehr knapp bemessenes Squaw-Kostüm gequetscht hatte, lauthals los: „Oh Winnetou, mein Darling! - Ich möcht in Deinen Armen sterben….“

Mein Gast starrte sie an, als könne er nicht glauben, was er da vernahm.
Ich spürte, daß es ihn vor Grauen schüttelte. Der Ärmste versuchte verzweifelt, sich umzudrehen und nach hinten der rasenden Menge zu entkommen, doch er hatte keine Chance…zu dicht standen die Menschen!
Schließlich trat er die Flucht nach vorne an; bevor ich ihn zurückhalten konnte, schwang er seine langen Beine elegant über die Absperrung, schnappte sich eines der im Kreis galoppierenden Pferde an der Mähne, zog sich auf dessen Rücken und ritt an dem erstaunt glotzenden „Winnetou“ vorbei durch den Gott sei Dank freien Ausgang der Arena.

Diejenigen, die die Aktion des Apachen gesehen hatten, klatschten frenetisch Beifall, weil sie glaubten, es gehöre zur Show.

Leider hatte ich alle Mühe, mich durch die begeistert tobenden Zuschauer zu quetschen; doch schließlich, nach mir endlos erscheinenden fünf Minuten, schaffte ich es.
Nun galt es nur noch rauszufinden, wo der Häuptling abgeblieben war.
Ich überlegte; sicher würde er nicht blindlings ins Blaue geritten sein, sondern zu den Gattern, wo die Gastpferde untergebracht waren.

Und, siehe da!, dort fand ich ihn, wie er zusammen mit den Pferdepflegern die Mustangs in das größte der Gatter leitete.
Als ich herankam, schloß er gerade das Tor.
Dann schritt er an den verschiedenen Corrals entlang, die man mit Elektro-Zäunen abgetrennt hatte.

Noch bevor ich ihn warnen konnte, faßte er den blanken Draht an und bekam prompt kräftig eine gewischt!
Mit einem entsetzten „Hijaah!“ sprang er zurück und schüttelte seine schmerzende Hand, verblüfft auf die Absperrung starrend; wobei er etwas auf Apache brabbelte.
Dann fiel er ins Deutsche: „Es sticht!“, sein Gesicht verfinsterte sich drohend.

Eben wollte er wieder zufassen, da gelang es mir noch rechtzeitig, zu intervenieren: „Nein! - Finger weg! - Das ist die Elekrizität, die die Tiere davon abhalten soll, auszubrechen!“

„Ah!“, Winnetou atmete tief ein; „Ich habe mich schon gewundert, warum die Pferde so brav hinter dem Zaun bleiben, er sieht so schwach und zerbrechlich aus!“

„Ja, ich hab den als Kind auch mal angelangt und einen Schlag abbekommen; das pfitzt ganz schön!“, dann mußte ich lachen; „Sei froh, daß Du da nicht dagegen gepinkelt hast, wie mein Cousin…“, die Augenbrauen des Indianers ruckten für einen Moment nach oben, dann schnaubte er indigniert.
Die Elekrizität war eine weitere Gefahr, auf die ich ihn schon längst hinweisen hätte sollen.
Ich erklärte ihm dann, so gut ich konnte, die Wirkungsweise des Stroms, und schloß mit den Worten: „...tja, sozusagen haben wir ein bißchen den Blitz gezähmt!“

Nach der ganzen Aufregung schien er mir ein ganz klein wenig erschöpft, also geleitete ich ihn ins Tipi, wo ich ihm die Tür aufhielt und mitleidig meinte: „War wohl wieder ein bißchen viel für Dich….tut mir leid...aber ich wußte nicht, daß diesmal sooo viele Verrückte kommen würden! - Und alles nur, weil sie ihren >Winnetou< sehen wollen….“

Der Apache blähte nur empört die Nasenflügel, schlüpfte durch den Eingang und warf sich auf sein Lager.

„Ich hol uns was zu essen, bevor die ganze Meute sich in den Saloon stürzt…“, mit diesen Worten verfügte ich mich zum Schützenhaus, wo ich gerade noch rechtzeitig vor dem mittäglichen Ansturm zwei Portionen Spare-Ribs mit Pommes und Western-Soße sowie eine Flasche Bier ergattern konnte.
Eiligen Schrittes zischte ich zu meinem Zelt zurück.
Winnetou hatte sich nicht vom Fleck gerührt; mit einem dankbaren Blick nahm er das Essen entgegen und als ich ihm das Bier in eine Tasse goß und sie ihm reichte, brachte er sogar schon wieder ein freundliches Lächeln zustande: „Danke, Una, sei mir nicht böse, aber dieser ganze Rummel ist mir zutiefst zuwider! - Keine echte Indianerin würde es wagen, so etwas zu einem Krieger, viel weniger noch zu einem Häuptling zu sagen! Mein Volk würde sie verspotten!“
Er war ganz klar geschockt.
Trotzdem ließ er es sich jetzt schmecken, was mich ein wenig beruhigte.

„Ich hätte Dich vorwarnen sollen!“, murmelte ich lahm; er tat mir so leid.
„Aber das mit Pierre Brice; so heißt der falsche Winnetou nämlich in seinem normalen Leben; wußte ich vorher wirklich nicht…ich dachte, mein Kumpel würde sich nur einen kleinen Scherz mit mir erlauben….“
Dann gestand ich schweren Herzens: „Vor zwanzig Jahren hätte ich auch noch alles gegeben, um ihm einmal die Hand schütteln zu können….Er war das Idol meiner Kindheit; ich wollte so sein wie er; edel, tapfer, mutig, ein Krieger...“, mir war das fürchterlich peinlich; „Hast Du denn nie ein Vorbild gehabt, dem Du nacheifern wolltest?“

Der Häuptling nahm erst einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse, ehe er antwortete: „Ich habe meinem Vater auch zugejubelt, wenn er erfolgreich aus der Schlacht nachhause kam, und meine Schwester und Mutter auch! - Aber sie waren nie so…. so…. überdreht! - Das hat mich wirklich erschreckt!“, er überlegte einen Moment; „Ich bin es auch nicht gewöhnt, daß ein anderer meinen Namen trägt….Sharlih hat mir erzählt, daß seinen Namen >Karl< tausende tragen….aber bei uns Mescaleros gibt es immer nur einen, der einen bestimmten Namen hat, damit man ihn nicht verwechselt!“

Dann stand er plötzlich auf, schnappte sich Feder, Muschel und ein bißchen glimmende Kohle, die er entfachte. Wieder streute er ein paar Krümel der braunen Substanz darauf, welche sofort in Rauch aufging.
Betend reinigte er zuerst sich und dann auch mich mit den aromatischen Rauchschwaden.

„Das war nötig!“, sprach er hinterher; „Meine Seele ist in Unruhe, ich werde heute Nacht über vieles nachdenken müssen!“

Ja, so viele neue Erkenntnisse konnten einem schon mal den Tag ordentlich versauen….das sah ich durchaus ein….

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