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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
21.01.2021
27
47.161
10
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06.11.2020 2.071
 
16. Five Minutes of Fame

Zum Vorderlader-Turnier kamen Schützen aus ganz Deutschland und zum Teil auch aus den Nachbarländern angereist.
Es gab verschiedene Disziplinen: Kurz- und Langwaffen, Lunten-, Rad- und Steinschloß, sowie Perkussionswaffen, alle mit Schwarzpulver geladen.
Man schoß mit den Langwaffen auf eine 50 x 50 cm große Scheibe, die in fünfzig Meter Distanz angebracht wurde. Jeder hatte sechs Schüsse; der erste, um zu sehen, ob die Waffe auch ordnungsgemäß funktionierte, die nächsten fünf zählten dann.
Mit zehn Euro Anmeldegebühr war man dabei; hatte man kein eigenes Gewehr, so konnte man sich eines leihen, und auch Pulver und Kugeln bekam man für einen kleinen Obolus gestellt. Unbedarften Laienschützen wurde die Waffe sogar geladen.

Es war eine Riesengaudi, da der Ausgang stets ungewiss war. Im letzten Jahr hatte ein absoluter Novize gegen den Deutschen Meister gewonnen, was diesen fürchterlich aufgeregt hatte, kam er doch jedes Jahr angetan mit sauteurem Equipment, Schießhose, Schießhandschuhen und dergleichen und räumte regelmäßig die ersten Plätze ab.

Ich wußte von vorneherein, daß ich nur unter „ferner liefen“ mitschoß, aber ich war gespannt, wie sich mein Gast schlagen würde.
Der Zufall wollte es, daß „Nackiger-Hirsch“, Winnetou und ich direkt hintereinander unser Können unter Beweis stellen sollten.

Der sonst immer wenig bekleidete Hobbyist hatte zur Feier des Tages sein perlenbesticktes Festgewand angelegt, so daß ich ihn, als er mich im Schießstand ansprach, zuerst fast nicht erkannte: „Holla, ich wußte gar nicht, daß Du auch gelegentlich mal Kleider trägst! Jetzt müssen wir Dich ja glatt in >Angezogener-Hirsch< umbenennen!“

„Nackiger-Hirsch“ wurde rot; „Tja, es sind jede Menge idiotische Touries unterwegs….gestern habe ich eine Mutter mit ihrer Tochter verschreckt, als ich aus meinem Zelt gekommen bin….Sie hat geschrien wie am Spieß und ihrem Töchterlein die Augen zugehalten; dabei gab es da ja wirklich nix zu sehen!!!“

Ich mußte mächtig lachen und auch die Mundwinkel des Apachen zuckten.

Wenig später waren wir dran; „Hirsch“ reichte mir und Winnetou unser Schießpulver schon abgemessen in kleinen Plastikröhrchen und begab sich an seine Bahn.
Wir sahen ihm im Hintergrund stehend zu, wie er im Zwei-Minuten-Abstand seine Schüsse absolvierte; dann holte die Standaufsicht die auf einem Schlitten befestigte Scheibe heran.
Wir konnten einen kurzen Blick darauf werfen; 48 Punkte waren nicht schlecht.

„Nackiger-Hirsch“ meinte dazu: „Ich bin hochzufrieden; hatte im letzten halben Jahr keine Zeit zu üben; meine IT-Firma hat gerade einen Großauftrag in der Industrie geangelt...da das Geschäft brummt, kommt man zu nichts anderem mehr!“

Nun war Winnetou an der Reihe; ich gab ihm meine Hawken-Rifle und dann konnten wir zusehen, wie er in Rekordzeit schoß, lud und wieder schoß….
Auch den Männern von der Standaufsicht blieb der Mund offen stehen und als sie die Scheibe nach rekordmäßigen dreieinhalb Minuten herbeifuhren, war die Überraschung perfekt, es zeigte sich nämlich nur ein EINZIGES etwas größeres Loch in der Mitte der Zehn.
Betroffen sahen wir uns an, während Winnetou scheinbar unbeteiligt den Lauf mit dem Stopfer auswischte und mir dann mit der lapidaren Bemerkung: „Ich wäre noch besser gewesen, wenn ich das Gewehr besser kennen würde!“, wieder meine Büchse in die Hand drückte.

Junge, Junge!, da konnte ich mich ja nur noch mordsmäßig blamieren!
Ich war jetzt dran und mein Herz schlug mir dementsprechend bis zum Hals.
Verzweifelt versuchte ich mich zu konzentrieren; trotzdem hätte ich beinahe vergessen, zuerst das Pulver in den Lauf zu schütten, bevor ich Kugel und Kugelpflaster hinterherschob. Gerade noch rechtzeitig konnte ich den Fehler korrigieren.

Der erste Schuß saß, wie bei mir nicht anders zu erwarten, unten auf der drei; danach zielte ich um ein Muggenseckele weiter nach oben, was mir schließlich eine 39 einbrachte, die ich letztendlich aber nur erreichte, weil der letzte Schuß dann doch ein knapper Zehner war.
Ehrlich gesagt, war ich heilfroh, überhaupt die Scheibe getroffen zu haben, nur zu oft schoß ich nämlich große Löcher in die Luft….
Scheinbar ungerührt zuckte ich mit den Schultern: „Mein Abendessen hätte ich mir im echten Wilden Westen schon geschossen...und ein Büffel ist ja schließlich so groß, da kann man aus dieser Entfernung nicht danebenschießen!“

Winnetou runzelte die Stirn; „Bei einem echten Büffel wärst Du jetzt tot! - Der bleibt nämlich nicht stehen und wartet, bis Du nachgeladen hast!“

„Gott sei Dank sind das nur Pappscheiben…“, grinste „Nackiger-Hirsch“ vergnügt; „...die wehren sich nicht….Du mußt halt öfters üben!“

„Ha ha ha! - Das würde ich ja gerne, aber die Übungsstunden für`s Vorderladerschießen sind immer zu so Zeiten, wo ich arbeiten muß!“, verteidigte ich mich; „Ich finde meine Leistung, für das, daß ich das ganze vergangene Jahr nicht einen einzigen Schuß getan habe, gar nicht so schlecht!“, daß mir das Ganze in Wirklichkeit megapeinlich war, mußte ja niemand sonst wissen!
Etwas verkrampft lächelnd packte ich mein Zeug zusammen; zurück im Zelt mußte ich den Lauf meiner Büchse noch gründlich putzen; eine Arbeit, die ich von ganzem Herzen haßte, die aber sein mußte, weil sonst der Rost den Stahl binnen kurzer Zeit zerfressen würde.

-,-

Als schließlich alle Schützen geschossen hatten, ging es nur noch um die Auswertung der Scheiben, was sich über mehrere Stunden hinziehen konnte, bis irgendwann ein Sieger in jeder Kategorie feststand.
Da mich das Ergebnis nur interessierte, weil Winnetou so gut abgeschnitten hatte, und ich hoffte, mir vom Sheriff inoffiziell den Stand der Dinge erfragen zu können, blieben wir in der Nähe des Schützenhauses, wo sich auch die Stände und Decken der Händler befanden.

Leider war mein derzeitiger Kontostand so derartig unterirdisch, daß ich nur mit sehnsüchtigen Augen auf die vielen schönen Sachen gucken konnte, die es da gab; Felle und Leder aller Art, bunte Stoffe, Wolldecken, Glasperlen in verschiedenen Größen und in allen Regenbogenfarben, Federn, Waffen und Zubehör….kurzerhand alles, was das Hobbyisten-Herz begehrte...selbst Dinge, die den weiten Weg aus Amerika herüber geschafft hatten….
Dieses Jahr blieb mir nichts anderes übrig, als mich bedauernd zu den „Seh-Leuten“ zu zählen und nicht zu den „Kauf-Leuten“…

Um einen Stand machte ich allerdings freiwillig einen großen Bogen; dort saß der „Weitblickende-Adler“ und verkaufte mit viel Brimborium, Getrommel und Gesinge allerhand „echt“ indianische „Medizin“, Räucherwerk und Kräutertees…
Neugieriges Publikum drängte sich um den „Schamanen“; er schien gut zu verdienen; jedenfalls klingelte es ganz nett, wenn er wieder etwas in seinen Geldbeutel verschwinden ließ...

Winnetou sah sich den ganzen Trubel mit wachen Augen an, prüfte hie und da mit Kennerblick die ausgelegte Ware, sagte aber kein Wort.

Plötzlich tönte es laut aus dem Lautsprecher, der bisher den ganzen Platz mit Country- und Western-Musik beschallt hatte: „Achtung! Achtung! Wir haben bei den Siegerschützen der Langwaffen mit Perkussionszündung einen absoluten Gleichstand! Herr Helmuth Hämmerle und Herr Winfried Burningwater werden gebeten, sich innerhalb der nächsten halben Stunde am 50-Meter-Schießstand einzufinden….“ Die Durchsage wurde noch zweimal wiederholt.

Ich zerrte meinen Gast sofort in Richtung der Schießstände: „Die meinen Dich!“
Widerstrebend folgte mir der Apache durch das Getümmel.
Dort angekommen; standen „Nackiger-Hirsch“ und der Sheriff beieinander; letzterer grinste Winnetou breit an: „Mr. Burningwater, es sieht so aus, als würden Sie unseren langjährigen Sieger vom Thron stoßen….er hat schon beim letzten Mal einen Dämpfer einstecken müssen von einem absoluten Neuling…“

„Nackiger-Hirsch“ lachte lauthals: „Hämmerle hat sich damit rausgeredet, das wäre Anfänger-Glück gewesen….aber diesmal muß er sich einem echten Gegner stellen!“

Der Genannte kam nun auch herbei; seine Miene zeigte offene Verbitterung und verdüsterte sich noch mehr, als jetzt ein Tribunal aus Veranstaltern, Schützen und dem Bürgermeister zusammentrat und verkündete: „Wir haben beschlossen, daß jeder von Euch nochmal schießen muß; die Waffe, Munition und Pulver werden vom Verein gestellt, Hilfsmittel, gleich welcher Art, sind nicht erlaubt…. Und um das Ganze noch ein bißchen schwieriger für Euch zwei zu machen, lassen wir Euch auf 5er-Scheiben für Luftgewehre zielen….“ ; Hämmerle begann zu fluchen, doch Winnetou blieb völlig ruhig, als der Sheriff kaltlächelnd hinzufügte: „Möge der Bessere gewinnen!“

Mit Hilfe einer Münze wurde ausgelost, wer zuerst dran kam.
Das Geldstück entschied sich für Winnetou.

Dieser zuckte nur mit den Schultern, ließ sich die Büchse geben, lud, tat den Probeschuß und brachte dann wieder innerhalb kürzester Zeit die fünf Schüsse hinter sich, scheinbar ohne sich wirklich Mühe zu geben ordentlich zu zielen…

Nachdem die Kugeln aus dem Lauf waren, holte man die Scheibe heran…
Das Ergebnis ließ die Juroren sich gegenseitig betroffen ansehen, denn die Löcher saßen wie mit dem Zirkel ausgemessen in den Zentren der Zehner!

Der bisherige Meister übernahm grummelnd die Büchse und machte sich daran, die Leistung des Häuptlings wenn möglich zu übertreffen…

Um es kurz zu machen, er versagte auf ganzer Linie!
Obwohl er sich wesentlich mehr Zeit ließ, schoß er daneben…
Nach dem dritten verpatzten Schuß gab er auf, legte die Büchse nieder und verließ den Stand, ohne sich zu verabschieden.

Vor lauter Begeisterung schlug ich Winnetou, der neben mir gewartet hatte, volle Kanne auf die Schulter. Er zuckte zusammen und sah mich fast ärgerlich an, was mich dazu veranlaßte, mich sofort zu entschuldigen: „Sorry-sorry-sorry! - Aber ich freu mir grad den Arsch ab!“, der Ausdruck im Gesicht des Indianers wurde geradezu komisch.

„Freut mich echt, daß jemand anderes den Pokal geholt hat!“, der Bürgermeister reichte dem Apachen die Hand; „Wurde langsam langweilig; Hämmerle hat seit fast sechzehn Jahren das Monopol auf den ersten Platz gehabt; irgendwann macht das dann keine rechte Freude mehr….“

Der Häuptling nickte nur, ihm schien an dem Sieg überhaupt nichts gelegen zu sein.
Wir bekamen dann noch gesagt, wann genau die Siegerehrung stattfinden würde und daß es eine kleine Überraschung gäbe.

-,-

Zurück am Tipi, wartete der kleine Raffi auf uns.
Verlegen trat er von einem Bein auf das andere, man sah ihm deutlich an, daß er irgendwas auf dem Herzen hatte.

Als ich ihn fragte, rückte er schließlich zögernd damit heraus: „Tanzendes Pferd, ich tät so gern auch mal mit einem richtigen Gewehr schießen….und mein Papa hat doch keins….Da dachte ich….also….vielleicht….“

Oh je! - Mir tat es echt leid, dem kleinen Kerl eine Absage erteilen zu müssen: „Sorry, Raffi, aber da mußt Du mindestens 18 Jahre alt sein, vorher darfst Du nur mit Kleinkaliber-Luftgewehr schießen, und selbst dafür bist Du leider noch zu klein!“

„Bei uns lernen schon zehnjährige Knaben das Zielen….“, warf Winnetou ein.

„Bei Euch ist das auch was anderes!“; ich sah ihn scharf an; „Amerika ist nicht Deutschland; hier ist alles vom Gesetz her streng reglementiert!“

Der arme Raffi war ehrlich enttäuscht; aber sein Gesicht hellte sich gleich auf, als der Apache, der meinen Wink mit dem Zaunpfahl wohl verstanden hatte, ihm vorschlug, er könne ihm ja beim Reinigen der Waffe helfen.

„Au ja, das ist supi!“, der Junge war Feuer und Flamme.

Während ich heißes Wasser machte und die verschiedenen zur Reinigung nötigen Gegenstände bereitlegte; nahm Winnetou meine Hawken-Rifle komplett auseinander und erklärte seinem aufmerksam zuhörenden Schüler die einzelnen Teile und ihre Funktion.

Es war dann für mich ein schönes Bild, wie die zwei gemeinsam meine Büchse blitzblankl säuberten und hinterher sorgfältig ölten, bevor sie sie wieder zusammenbauten.

Raffi war stolz wie ein Spanier, als er sich mit der Waffe in der Hand hinstellen durfte und ich ein Foto mit meinem Smart-Phone schoß.
Danach verkrümelte er sich eilig, um sein Abenteuer seinen Eltern und den Geschwistern zu erzählen.

-,-

Als mein Gast und ich beim Abendessen saßen, kratzte es an der Tür.
Auf mein „Herein!“ steckte Raffi seinen Kopf durch die Leinwandfalten: „N`Abend, mein Papa hat gesagt, ich soll Euch was vorbeibringen, was ich selbst ganz arg mag, weil, eine Hand wäscht die andere, sagt er….“, der kleine Kerl reichte Winnetou einen Plastikbeutel, der mit allerhand Süßigkeiten gefüllt war, dann meinte er noch knapp: „Guten Appetit!“ und verdrückte sich rasch wieder….

Der Häuptling betrachtete und beschnupperte das Geschenk eingehend, dann kroch plötzlich ein Lächeln über sein Gesicht: „Das habe ich mir als kleiner Junge immer gewünscht, eine Schüssel voller Süßigkeiten nur für mich allein….“, er lachte laut los, „Manche Dinge bekommt man dann, wann man sie am wenigsten erwartet!“

Da die Tüte auch so Schätze wie Schleckmuscheln, Britzel-Lollies, eßbare Lippenstifte und Bazooka-Kaugummis enthielt, mußte ich ihm erst erklären, was davon genau eßbar war, und was man besser wieder ausspuckte.

Nachdem er mir auch etwas angeboten hatte, was ich allerdings dankend ablehnte, legte er sich auf seinem Lager zurück und lutschte selbstvergessen an einem der Zungenfärbe-Lutscher.
Ich ließ ihn mit seinen Gedanken allein und wickelte mich in meine Decke; morgen würde mit den ganzen Touries ein Großkampftag sein, da wollte ich einigermaßen ausgeruht erscheinen!


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