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Der Besucher

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
OC (Own Character) Winnetou
09.08.2020
04.12.2020
20
35.789
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09.08.2020 2.022
 
DER BESUCHER

Teil 1

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut...





Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.



Franz Kafka, 1912, Wunsch, Indianer zu werden




1. Shit happens...

Begann ich langsam dement zu werden?!
Eigentlich war ich dafür noch zu jung; aber was wußte man schon...jedenfalls geschahen in letzter Zeit merkwürdige Dinge in meiner Wohnung...

Es fing damit an, daß mir, als ich abends nach der Arbeit nach Hause kam und die Wohnungstür aufschloß, meine zwei Meersäue fröhlich quiekend entgegenstürmten.
Hatten Wuschel und Kuschel es etwa geschafft, ihr Käfigtürchen aufzudrücken...oder hatte ich einfach vergessen, es richtig zu schließen?!
Egal, nun saßen die beiden vor mir und forderten energisch protestierend ihr Futter ein!
Obwohl ich ihnen immer genügend Heu in die Raufe gab, hatte ich immer das Gefühl, als stünden sie kurz vor'm Verhungern; also beeilte ich mich und holte aus dem Kühlschrank ein paar Gurkenstücke, mit denen ich die Tiere wieder ins Käfig zurück lockte.

Dabei stellte ich fest, daß die beiden Racker schon eine geraume Zeit auf freiem Fuß sein mußten; in den Ecken des Wohnzimmers waren Pfützen auf dem PVC-Boden und überall auf dem Teppich waren kleine Häufchen von Kötteln verteilt.
Aufseufzend holte ich Küchentücher und Desinfektionsmittel, um zunächst die feuchte Sauerei zu beseitigen. Hinterher fuhr ich mit dem Staubsauger über den beköttelten Boden; es klingelte ganz nett im Schlauch, bis auch die letzte Hinterlassenschaft verschwunden war.

Nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte, setzte ich mich, versehen mit Wurstbrötchen und Sprudel auf's Sofa, um fernzusehen. Ich schnappte mir die Fernbedienung, drückte auf die Tasten und... es geschah nichts!

Ich drückte erneut...keine Reaktion!

Waren vielleicht die Batterien leer?!

Nein, das konnte nicht sein, die hatte ich erst vor ein paar Wochen ausgetauscht...
Erst jetzt fiel mir auf, daß das Kabel des Fernsehers auf dem Boden lag. Als ich es aufhob, um es wieder einzustecken, sah ich, das es an einigen Stellen von kleinen Zähnchen von der Isolierung befreit worden war.
Hatten die kleinen Teufel es doch tatsächlich geschafft!

Ich wunderte mich nicht wenig, sonst gingen meine Meerschweinchen doch nur an Eßbares; noch nie hatten sie auch nur soviel wie an einem Kabel geschnuppert, geschweige denn, es angenagt, oder gar aus der Steckdose gezogen.
Woher hatten sie nur die Kraft dazu genommen?
Glücklicherweise hatten sie es wohl zuerst herausgezerrt und dann beknabbert, sonst hätte es eine Katastrophe gegeben!

Nun ja, irren ist ja bekanntermaßen menschlich; ich beschloß, in Zukunft wesentlich vorsichtiger zu sein; nicht, daß irgendwann doch noch ein Unglück geschah...
Fernsehen war an diesem Abend natürlich gestrichen….

-,-

Die nächsten Tage passierte nichts Außergewöhnliches; ich ging nach Hause, schloß meine Tür auf und wurde von einem Pfeifkonzert Wuschels und Kuschels aus dem Käfig empfangen, alles lief ganz normal.
Das defekte Kabel hatte ich sofort ersetzt, ich hoffte, daß sie es in Zukunft in Ruhe lassen würden.

Dann kam ich eines Abends nach Hause, und hörte, daß im Bad die Dusche lief...schwach nur, aber immerhin!
Kopfschüttelnd drückte ich den Hebel herunter, denn ich war mir ganz sicher, ihn am Vorabend zugedreht zu haben; und außerdem hätte ich es ja morgens bemerken müssen!

Da ich nun annahm, daß meine Mutter, die es sich nicht nehmen lassen wollte, gelegentlich bei mir nach dem Rechten zu sehen, die Ursache dafür war, ließ ich das Ganze auf sich beruhen...

Irgendwann in den folgenden Tagen fiel mir auf, daß Dinge, die ich meinte, an einem bestimmten Platz gelegt zu haben, plötzlich wo ganz anders auftauchten...oder gleich ganz verschwanden.
Als ich zudem nachts das unbestimmte Gefühl bekam, heimlich beobachtet zu werden, begann ich an meinem Verstand zu zweifeln.
Ich hatte Alpträume; ein schwarzer Schatten kam in der Dunkelheit aus meinem geräumigen Kleiderschrank und schlich durch die Wohnung...
Mehrmals wachte ich schweißgebadet auf, in der festen Überzeugung, jemand oder etwas hätte mich berührt.
Ich bemerkte, daß es manchmal merkwürdig „rauchig“ roch, als würde jemand Kräuter verbrennen oder Fleisch räuchern. Der Geruch war nur sehr schwach und ich tröstete mich damit, daß er wohl von meinem Western-Hobby-Zeug, das überall an den Wänden hing, ausdünstete.
Sicherheitshalber kontrollierte ich alle Kabel; nicht, daß da irgendwo etwas vor sich hin schmurgelte.

Dazu noch vermeinte ich, Geräusche zu hören; ein kaum wahrnehmbares Rascheln und sachte Schritte, leises Geknarze der hölzernen Dielen unter dem PVC-Boden, der in der gesamten Wohnung ausgelegt war.

Ich versuchte mir einzureden, daß das Ganze nur in meiner Einbildung stattfand, daß die Geräusche nur von dem über 100 Jahre alten Gebäude ausgingen...doch nichts half, der Horror ging weiter!

Ich fing an, im Internet zu recherchieren; immer schon hatte ich mich für Paranormales interessiert; UFOs, Ooparts und Geistererscheinungen zogen mich magisch in ihren Bann.

Da gab es so einen Youtuber, der regelmäßig Videos über diese Themen ins Netz stellte, und den ich, weil er das meiner Meinung nach gut und unvoreingenommen präsentierte, abonniert hatte; „Mythen-Meister“ nannte er sich.
Mir gefiel schon seine ruhige, unaufgeregte Stimme; seine Beiträge waren nicht so marktschreierisch und sensationslüstern aufgemacht, sie schienen gut recherchiert zu sein.
Im Gegenteil, er wies immer wieder darauf hin, daß alles auch ganz anders sein könne. Wenn er meinte, auf ein Fake reingefallen zu sein, dann berichtigte er das und entschuldigte sich bei den Usern.
Es fiel mir trotz allem nicht leicht, ihn über seine Internet-Adresse zu kontaktieren...

„Hallo, bester Mythen-Meister,
ich glaube, ich habe da etwas für Dich!
Kein Witz, bei mir spukt es seit ein paar Wochen...“
Ich beschrieb ihm lang und breit die unheimlichen Phänomene, die mich plagten.
„...jedenfalls wäre es schön, wenn Du mir ein paar Ratschläge geben könntest; ich will nämlich nicht auf selbsternannte Geisterjäger reinfallen!
MfG Deine Una“

Die Antwort kam prompt:

„Hallo Una,
bist Du sicher, daß Dir keiner einen Streich spielen will?
Hast Du Dir vielleicht früher mal jemand zum Feind gemacht, der dich jetzt nach Strich und Faden verarscht?
Ich empfehle Dir erst mal, alles aufzuschreiben, was Dir komisch vorkommt; auch die kleinste Kleinigkeit, vielleicht bildet sich ein Muster heraus. Dann sehen wir weiter.
Du könntest auch dein Handy als Spion einsetzen, oder wenn Du bereit bist, das Geld auszugeben, eine Wildkamera bei Ebay ersteigern, die gibt’s mittlerweile recht günstig.
Laß Dich vor allem nicht ins Bockshorn jagen; es gibt für das Meiste eine natürliche Erklärung. Nur weniger als 1% sind echte paranormale Vorfälle.
Alles wird gut,
Dein Mythen-Meister“

Ich atmete erst mal tief durch; das Gefühl, nicht total alleingelassen zu werden, beruhigte mich ein wenig.

Da ich das Geld für eine Wildkamera vorerst nicht ausgeben wollte, begann ich, mein Smartphone mit der Videofunktion des Nächtens so in ein Regal zu klemmen, daß es den Großteil meines Schlafzimmers überwachte.

Statt abends fernzusehen, guckte ich mir nun die Aufnahmen an, doch es war nichts Auffälliges zu bemerken.
Um mich runter zu bringen, fing ich an, vor der abendlichen Dusche einfache Yoga-Übungen zu praktizieren. Nebenher lief meine Lieblings-CD mit indianischer Musik. Eventuelle Geruchshalluzinationen erstickte ich im Keim, indem ich in einer Muschelschale Süßgras, Beifuß und Salbei verräucherte.

Nächtelang ging das gut; und außer, daß einmal das Radio spielte, als ich von der Arbeit heimkam, und ein Stück Kuchen vom Küchentisch verschwand, das ich mir fürs Frühstück aufgehoben hatte, passierte nichts weltbewegendes.

Ich vermutete, daß ich das Radio morgens vergessen hatte auszuschalten; und, mein Gott, ja, ich hatte schon öfters nächtliche Heißhungerattacken gehabt, was man meiner Figur leider auch ansah...

So ganz wollte sich das alte Sicherheitsgefühl allerdings nicht wieder einstellen, immer öfter hatte ich den Eindruck, mir würde jemand bei den abendlichen Yoga-Sessions zusehen.
Die Vorstellung, daß mich etwas beobachtete, wenn ich mich zum „herabsehenden Hund“, „Sonnengruß“ und „Frosch“ verbog, beim „Baum“ verzweifelt die Balance zu halten versuchte, war einfach zu grotesk.
Was derjenige wohl von einer nicht mehr ganz taufrischen, vollschlanken Frau denken mochte, die sich vor dem riesigen Kleiderschrankspiegel abzappelte?!
In einem Anfall plötzlicher guter Laune mußte ich herzhaft lachen, ich zwinkerte meinem Spiegelbild zu und winkte dem imaginären „Stalker“ ein „Gut's Nächtle“ entgegen, bevor ich mich schnaufend erhob, um unter der Dusche zu verschwinden.

-,-

Am nächsten Tag, es war ein Freitag, erhielt ich einen Anruf von einem Hobbyisten-Kumpel. Er lud mich zu einem nächtlichen Powwow an einem unserer Treffpunkte ein.
Mir kam das gerade recht, konnte ich mich doch eventuell mit meinen Westernhobby-Kollegen über die seltsamen Vorkommnisse austauschen.
Wer weiß, vielleicht hatten die mehr Ahnung als ich...

„Ja, um 9 Uhr dann am Lagerplatz...und rödel Dich ja nur schön auf... ich will mit meiner Digitalkamera ein paar nette Aufnahmen machen, die wir dann beim Vorderlader-Turnier in Meersheim angucken können...bis heut' Abend dann...Hau kola!“, verabschiedete sich „Nackiger-Hirsch“, den wir so nannten, weil er grundsätzlich bei jeder Wetterlage nur mit Lendenschurz und Mokassins durchs Western-Camp schlappte...

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; ich kruschtelte schnell mein gesamtes Outfit aus meinem großen Kleiderschrank und holte Waffen, Schmuck und Federn von den Wänden, an denen sie wie in einem Museum zur Schau gestellt waren.
Nachdem alles bereit lag, begann ich mich Schritt für Schritt in eine Indianerkriegerin zu verwandeln...zuerst ein Gürtel, der Lendenschurz und die Lederleggins festhielt.
Wobei ich bei letzteren zu meinem Bedauern feststellte, daß ich nur noch mit Mühe hineinkam, weil mir die bösen Kalorien wieder mal die Kleider enger genäht hatten!

Schnell in die Mokassins geschlüpft und das perlenbestickte Kriegshemd mit den langen Fransen übergeworfen. Darüber kam der breite Silberconcha-Gürtel, an dem sich die Messerscheide und verschiedene Beutel befanden.
In den Gürtel stopfte ich hinten meinen Tomahawk und vorne eine uralte Vorderlader-Pistole, deren Sitz ich im Spiegel kontrollierte.

Als nächstes legte ich einen Choker und die Bärenkrallenkette um meinen Hals, genauso wie den Medizinbeutel. An den Ohren befestigte ich noch Dentalium-Muscheln, bevor ich mir als letztes meine mit Adlerfedern geschmückte Büffelhaube aufstülpte.
Der lange Coup-Stab und der schwere Lederschild vervollständigte das Ganze.

In mich selbst verliebt drehte und wendete ich mich vor dem Spiegel; so gekleidet fand ich mich einfach...pompös!
Nichts blieb mehr von der etwas aus dem Leim gegangenen Anfangdreißigerin übrig...aus dem Spiegel starrte mir jemand Respekt gebietendes entgegen, vor dem kleine Kinder zu ihren Müttern flüchteten und ausgewachsene Männer achtungsvoll einen Schritt zur Seite traten...

-,-

Als ich so gegen 9 Uhr am Lagerplatz anlangte, hatte man schon ein mächtiges Feuer entzündet. Einige Hobbyisten standen dabei, in eifrige Gespräche vertieft.

„Nackiger-Hirsch“ empfing mich begeistert: „Tanzendes-Pferd, schön, daß Du da bist...Na, dann kann's ja endlich losgehen!“
Er winkte der Trommelgruppe, die auch sofort zu spielen anfing.

Es wurde ein sehr schöner Abend; Essen wurde als „Pot-Luck-Dinner“ ausgegeben, Geschichten erzählt und da sich drei Gruppen an ihren riesigen Trommeln abwechselten, nahezu unablässig gesungen und getanzt.
Ich konnte mich beim Tanzen so richtig schön austoben.
Patschnaß geschwitzt und völlig außer Atem mußte ich mich immer wieder setzen, war ich doch ziemlich außer Form.

„Nackiger-Hirsch“, trotz der kühlen Nachtluft wie immer nur in Lendenschurz und Mokassins, filmte die ganze Zeit und ließ uns in den Tanzpausen ab und zu sehen, wie wir durchaus malerisch ums Feuer hopsten.

Vor lauter Begeisterung vergaß ich total, was mich zuhause bedrückte; und so verstrich die Gelegenheit, mich mit meinen Freunden über mein Problem zu unterhalten.

Erst weit nach Mitternacht, als das Feuer zu einem Häufchen Glut und Asche heruntergebrannt war, verabschiedete ich mich, setzte mich in mein Auto und fuhr heim...den Rhythmus der Trommelschläge noch in Ohren und Füßen...

-,-

Nichts ahnend schloß ich die Tür zu meiner Wohnung auf, trat ein und erstarrte....
Es roch einfach verboten nach ...Fäkalien!!!

Der alles durchdringende Geruch holte mich unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Alles fallen lassend, stürzte ich in Richtung meiner Toilette, wo sich die Quelle des Übels zu befinden schien.
Kaum wagte ich hinzusehen...
...und, Richtig, da lag in der Toilettenschüssel ein mächtiger, noch dampfender Kackhaufen!!!




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