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Wir beide, irgendwann

von Rohirra
OneshotFantasy, Schmerz/Trost / P12 / Gen
09.08.2020
09.08.2020
1
2.014
 
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Wir beide, irgendwann


~


Ich folgte Hauptmann Buras und seinen Männern durch die dunkle Nacht. Über uns weinte der Himmel bereits bittere Tränen, als wisse er schon im Vorhinein was heute geschehen würde. Aus taktischer Sicht war das für uns von Vorteil, selbst ihre besten Wachen würden uns bei dieser Dunkelheit und diesem Regen nicht sehen können, geschweige denn hören. In weiter Ferne hörte ich nicht zum ersten Mal in dieser Nacht lautes Donnergrollen und sah helle Blitze über den Himmel fegen. Das Gewitter lag noch vor uns und das Blitzlicht war noch nicht hell genug, um unsere Position zu verraten. Es war zu hoffen, dass es bis zu dem entscheiden Moment auch so blieb.
Die Männer vor mir und hinter mir schlichen schweigend und in voller Konzentration über die leeren Felder. Dieses Jahr war die Ernte karg ausgefallen und viele hatten sich die Gürtel enger schnallen müssen. Auch zu dieser Jahreszeit, wo es unverhältnismäßig viel regnete, wuchs kaum etwas. War der Boden vorher zu trocken, wurde er nun wortwörtlich überschwemmt. Ich hatte bereits von Erdrutschen und Fluten im Norden gehört, die durch gebrochene Staudämme ausgelöst worden waren. Die Anzahl der Toten und Verletzten war mit hoher Wahrscheinlichkeit den Obrigkeiten heruntergespielt worden. Was redete ich da eigentlich? Natürlich war sie das. Wie alles andere eigentlich.
Ich zog mir meine Kapuze tiefer ins Gesicht, um den Regentropfen auszuweichen, die von dort aus ihren Weg in meine Augen fanden. Nun konnten sie getrost über meine Nase ihren Weg nach unten finden.

Es musste etwas nach Mitternacht sein, als wir das Ziel unserer Nachtwanderung erreichten. Wie Warnlichter flimmerten die Fackeln und Lagerfeuer des feindlichen Lagers in der sich nun langsam klärenden Nacht. Wir waren gerade in Position gegangen und warteten nur noch auf Buras' Signal, da hörte auch schon der Regen auf. Binnen von Sekunden riss die Wolkendecke über unseren Köpfen auf und entblößte den größten und hellsten Vollmond den ich in meinem Lebtag gesehen hatte. Es war als habe jemand eine große silberne Laterne angezündet und somit die Nacht zum Tag gemacht.
Ein Pfiff ertönte vom Lager her. Ich könnte die Verärgerung um mich herum spüren.
"Verdammtes Wetter", hörte ich neben mir jemanden fluchen, "Warum muss es und gerade jetzt einen Strich durch die Rechnung machen?"
Ich wich einem Pfeil aus, den einer der gegnerischen Wachen auf uns geschossen hatte. Hinter mir hörte ich einen erstickten Aufschrei und dann das Geräusch einen dumpfen Aufschlags. Vorsichtig drehte ich mich dem Toten zu, der nun zwischen mir und dem Sprecher lag. In seinem Hals steckte ein Pfeil. Ein sauberer Schuss unter dem er nicht viel zu leiden hatte.
Ich wollte mir keine Gedanken über das Blut machen, dass sich nun mit dem Wasser am Boden vermischte und die Kleidung des Mannes rot färbte. Mein Glück, denn in diesem Moment erklang unser Signal zum Angriff. Rechts und links neben mir leuchteten Lichter auf, die dann in hohem Bogen in Richtung Lager flogen. Auch wenn es geregnet hatte und unsere Kleidung vollkommen durchnässt war, hatten sie wohl einen Weg gefunden die Brandpfeile zu entzünden. Das überraschte mich nicht, Buras' Leute wussten, was sie taten. Was mich aber umso mehr überraschte war der Fakt, dass die ebenso nassen Zelte auch wirklich Feuer fingen… und dieses Feuer verbreitete sich rasend schnell. Schreiend stürzten halb bekleidete und noch vom Schlaf benommene Soldaten aus den Zelten. Die Männer neben mir hatten leichtes Spiel mit ihnen.
Ich hingegen musste mich nun in Bewegung setzen, um nach meinem Ziel Ausschau zu halten. Ich war nämlich keiner von Buras' Leuten, und um ehrlich zu sein, war ich da auch froh drüber. Wenn alles anders gekommen wäre, wäre ich jetzt überhaupt nicht hier, sondern in der Hauptstadt bei meiner Familie. Aber die Dinge sind nun Mal so gekommen, wie sie jetzt sind. Es lohnt sich nicht über Möglichkeiten zu fantasieren, schließlich zählten in der echten Welt nur Fakten.
Mein Ziel war eine ganz bestimmte Person, die Person wegen der wir diese Nacht und Nebel Aktion eigentlich überhaupt gestartet hatten. Es war eine wichtige Person und der Prinzregent wollte sie noch vor dem Morgen tot sehen.
Ich zog einen Pfeil aus meinem Köcher und drehte ihn in den Fingern der linken Hand. Ich hatte einen Versuch, einen Schuss um meinem Leiden ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Einen Schuss um meine Familie zu retten.
Einen Schuss um meinen besten Freund zu töten.
Ich schüttelte den Kopf. Nein, das war er nicht, war es nie gewesen und würde es nie sein. Warum sollte er auch? Alles was ich sein Leben lang getan hatte, war ihn zu manipulieren und zu beeinflussen, so wie der Prinzregent es von mir wollte. Er wusste das alles und gewiss hasste er mich dafür. Verdammt! Ich hasste mich ja selbst Abgrundtief dafür.
"Junge.", hörte ich die raue Stimme einer von Buras' rechten Händen nach mir rufen. Ich ging neben ihm auf eines meiner Knie und folgte mit den Augen seinem ausgestreckten Arm. Da stand er.
"Jetzt oder nie, Junge."
Ich legte den Pfeil an die Sehne und nahm mein Ziel und Visier. Auch wenn wir gute fünfzig Meter voneinander entfernt waren und er mich eigentlich nicht hätte sehen können, drehte er mir den Kopf zu und sah mich aus jenen dunklen Augen an, die mich immer wieder schwach machten. Sein Blick sprach von der Angst die er empfand. Angst an der selbst sein Onkel, der wie ein lebender Schild zwischen ihm und Buras stand nichts ändern konnte. Dieser verdammte Junge, wusste, dass wir hier waren um ihn zu töten… dass ich hier war um ihn zu töten.
Meine Arme zitterten leicht, als ich die Sehne zurückzog. Die Hand des anderen Schützen legte sich auf meinen Oberarm.
"Warte… ruhig bleiben…"

~


"Ruhig…"
Runirs Arme zitterten vor Nervosität. Er hatte es zwar geschafft das Reh ins Visier zu nehmen, aber nun scheiterte es an seiner Willenskraft sein Vorhaben auch wirklich durchzuziehen. Nicht, dass ich es ihm verübeln würde. Die Jagd war kein leichtes Unterfangen, besonders wenn man zuvor noch nie etwas getötet hatte. Es kostete beim ersten Mal sehr viel Überwindung, auch wenn das Tier bereits durch eine geschickt aufgestellte Falle, wie die unsere verletzt worden war.
"Ich… ich kann das nicht, Halalf…", murmelte der Junge verzweifelt und sah zu mir auf. Ich seufzte nur.
"Wollt Ihr es also weiter leiden lassen, bis es schließlich an seinen Wunden zu Grunde geht? Oder wollt Ihr ihm einen schnellen schmerzfreien Tod bescheren?"
"Ich will nicht dass es unnötig leiden muss… aber es schmerzt daran denken zu müssen, dass ich seinen Lebensfaden durchschneiden muss. Ist das nicht unnatürlich?"
"So funktioniert die Jagd."
"Ich… ich weiß…", sagte er niedergeschlagen und nahm sein Ziel wieder in das Visier. Ich hatte damit gerechnet dass er noch weiter mit sich hadern und mir das Leben schwer machen würde, stattdessen sah er hoch in den klaren Himmel und ließ den Pfeil von der Sehne schnellen.
Der Schuss war sauber und präzise genug, um die Beute augenblicklich aus dem Leben zu holen. Ich hätte ihn dafür gerne gelobt, wenn ich über diesen blinden Schuss nicht zu erstaunt gewesen wäre. Natürlich hatte er das Reh vorher angesehen, aber trotzdem war es schwer zu treffen, wenn man nicht hinsah. Ich wusste das.
Runir sah mich an. Da waren Tränen in seinen Augen. Ich könnte es ihm nicht verübeln. Das erste Mal war immer schwer. Ich setzte mich neben ihn auf den Waldboden und streckte meine Arme aus. Es war niemand hier um mich an meinen richtigen Platz zu verweisen oder mir bewusst zu machen, warum ich überhaupt Zeit mit Runir verbringen durfte. Hier waren nur er und ich und ich hielt ihn fest bis die Tränen versiegt waren.
"Ich kann das nicht..", flüsterte er mir heiser in die Schulter. Seine Finger krallten sich in dem weichen Leder meines Wamses fest, so fest, dass ich es spüren konnte.
"Ihr werdet Euch daran gewöhnen."
"Du sagst das so leicht Halalf, dein Vater war doch schon mit dir jagen bevor du überhaupt laufen konntest… D-das war mein erstes Mal und es tut so weh… Wie soll ich je ein anständiger König werden, wenn ich so etwas simples nicht einmal hinbekomme? WIE?"
"Keine Sorge…", wagte ich den Versuch ihn zu beruhigen, "Bis zu Eurer Krönung sind es noch ein paar Jahre und bis dahin werde ich Euch auf so viele Jagdritte wie möglich mitnehmen. Irgendwann habt Ihr Euch daran gewöhnt…"
Hoffe ich, fügte ich gedanklich hinzu, sprach es aber nicht aus.
"Und danach?", fragte Runir und hob den Kopf um mir in die Augen zu sehen. Da war er wieder, der Blick der mich immer und immer wieder schwach machte. Es war so schwer unter diesem Blick die Fassung zu bewahren und nicht alle Aufgaben und Erwartungen von mir zu werfen, geschweige denn die höfische Etikette der wie beide unterlagen.
"D-danach?"
"Na wirst du nach meiner Krönung auch noch mit mir auf die Jagd gehen?"
"Natürlich, wenn das Euer Wunsch ist. Ihr habt dann das Recht über alles zu verfügen, wie Ihr es wünscht."
Runirs Augen leuchteten auf, während mir diese Lüge schwer im Magen lag. Wenn es denn so einfach wäre. Dieser Junge hier in meinen Armen wäre nach seiner Krönung nichts weiter als eine Marionette für jene, die mächtiger waren als wir beide. Ich wusste das und dennoch musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen.
"Dann will ich, dass du für immer bei mir bleibst, Halalf."
Ich blinzelte.
"Sieh mich nicht so an! Das ist doch klar! Du bist mein engster Freund und Vertrauter, wen sonst sollte ich an meiner Seite wissen wollen? Wir beide, Halalf, wir beide werden dieses Land wieder aus der Asche, zu der es mein Onkel hat verkommen lassen, wieder aufbauen und es zu neuem Reichtum führen. Du wirst sehen, sie werden Lieder über Fürst Halalf den Barmherzigen singen und dich auch lange nach deinem Tod lobpreisen!"
Ich konnte nur müde lächeln, während in meiner Brust mein Herz noch ein kleines Stückchen weiter brach. Wenn er nur wüsste.

~


Der Pfeil verließ meine Sehne, ohne dass ich es überhaupt merkte. Die Erinnerung hatte mich mehr schwer getroffen. Es war wie ein Sprung in eiskaltes Wasser gewesen. Die Kälte fraß sich durch meinen ganzen Körper bis tief in mein Herz.
Ich erinnerte mich an nichts weiter aus dieser verhängnisvollen Nacht und wollte auch später nicht wissen was noch geschah.
Es gab wenige Überlebende. Unter ihnen Runirs Vettern, der soweit ich wusste absichtlich am Leben gelassen worden war, um ihn leiden zu sehen.
Ich stand während der Trauerfeier neben dem leeren Sarg des Prinzen, denn seine Leiche war wohl in den Feuern, die bald die ganze Ebene versenkt hatten, verschollen.
Während der Krönungszeremonie des Prinzregenten, stand ich zum ersten Mal seit neun Jahren wieder neben meiner Mutter, aber die Freude, die ich mir sehnsüchtig ausgemalt hatte, war nicht da. Stattdessen konnte ich nur daran denken, wie falsch die Goldkrone auf dem Haupt dieses neuen Königs aussah und wie viel besser sie zu Runir gepasst hätte.
Aber was brachte es über Möglichkeiten zu fantasieren, wenn die Realität auf Tatsachen basierte? Es gab kein Wir dieser Zukunft. Es gab nur ein Ich.
Und dieses ich würde für immer von den Schuldgefühlen verfolgt werden.
Vielleicht konnte ich ihn in den Hallen unserer Ahnen um Vergebung bitten auch wenn er meine Entscheidung wohl nicht verstehen würde. Ich würde es tun, wenn wir beide wieder zusammen waren, irgendwann.

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Das war mein Beitrag zu dem Projekt "Schreib meine Geschichte". Ich hatte mir die Nummer 94 ausgesucht, die ein von Jay Asher geschriebenes Jugendbuch mit dem Titel "Wir beide, irgendwann" verbarg. Ich hatte augenblicklich eine Idee zu zwei Charakteren meines derzeitigen Großprojekltes und musste sie umbedingt umsetzen.
Ich würde mich sehr über Kritik und Verbesserungsvorschläge freuen, besonders da ich nicht wirklich häufig aus der Ich-Perspektive schreibe.

Rohirra
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