Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Im Fluss der Zeit

GeschichteAllgemein / P18
Christian "Flake" Lorenz OC (Own Character) Till Lindemann
08.08.2020
22.10.2020
10
25.639
7
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
30.09.2020 2.345
 
Annika wachte auf und musste sich erstmal orientieren. Draußen dämmerte es bereits. Ach ja, sie war auf der Couch eingeschlafen. Gähnend setzte sie sich auf und griff nach dem Telefon. Wahrscheinlich hatte Martina schon versucht, sie zu erreichen. Sie stutze jedoch, als ihr Handy vier verpasste Anrufe und eine WhatsApp Nachricht anzeigte: Max!
Sie seufzte auf. Dieser Kerl ließ einfach nicht locker! Was sollte das? Annika griff nach dem Tee und nahm einige Schlucke, öffnete die Nachricht - sie hatte so gar keine Lust, mit ihm zu telefonieren – und prustete den Tee erschrocken quer über Decke, Handy und Couchgarnitur. Die Nachricht enthielt nur ein Foto mit der verärgerten Frage von Max Was soll die scheiße??
Es war weniger der Text, als das Bild, das Annika so erschrocken hatte: darauf waren Till Lindemann, Joey Kelly, Flake Lorenz und Martina am Flughafen zu sehen. Martina umarmte Joey. Oh verdammt!
Minuten verstrichen, in denen Annika nachdachte, dann googelte sie die Begriffe Joey Kelly Till Lindemann Flughafen und wurde relativ rasch fündig: deutsche Klatschpresse, was sonst? Sie kopierte sich den Link und wählte Martinas Nummer. Besetzt…Mist! Sie tippte eine Nachricht an ihre Freundin, hängte den Link an und bat um dringenden Rückruf. Hoffentlich war es noch nicht zu spät…


Das Freizeichen ertönte und es läutete einmal, zweimal, dreimal, dann knackte es in der Leitung.

„Max?“, Martinas Stimme war nicht mehr als ein Krächzen.

Erst war es still, sie hörte jemanden schwer atmen, dann brach die Hölle über sie herein.

„Sag mal, hast du sie noch alle?? Wir sehen uns einige Zeit nicht und du hast nichts Besseres zu tun, als dich in die Arme des nächstbesten Typen zu werfen? Noch dazu in die Arme von Joey fucking Kelly? Ich hätte nie gedacht, dass du so ein Miststück bist! Ich wusste es…da läuft doch schon seit letztem Jahr etwas, seit diesem beknackten Interview, dass du und Annika mit ihm gemacht habt. Jetzt ist mir auch klar, warum du nicht wolltest, dass ich mitkomme! Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Und jetzt schön auf Abenteuer Urlaub mit deinem Lover machen oder wie? Am besten vögelst du die anderen beiden auch gleich, dann hast du wenigstens wirklich was zu erzählen! Soll ich dir mal was sagen, Martina? Es ist aus…Schluss, Ende…ich will die Scheidung. Such dir eine neue Bleibe und verpiss dich! Kannst ja gleich nach Deutschland zu deinem Herzblatt auswandern...“

Martina wusste nicht, wie ihr geschah. Fassungslos war sie auf ihre Knie gesunken, die Worte trafen sie unvorbereitet und mitten ins Herz. Vor wenigen Minuten hatte sie noch fest damit gerechnet, eine Hiobsbotschaft zu hören, dass ihrem Mann etwas zugestoßen sei, und nun wurde sie aufs Übelste beschimpft – aber warum? Was hatte sie nicht mitbekommen? Und woher wusste Max, dass sie mit Joey, Till und Flake unterwegs war? Tränen liefen ihr über die Wangen, sie rang nach Worten, brachte aber keinen Ton heraus. Es tat einfach nur weh. Max hatte seine Schimpftirade inzwischen beendet und schnaubte nochmals in das Telefon. Seine Stimme troff vor Sarkasmus und Abscheu.

„Nein, tu dir bloß keinen Zwang an und rede mit mir, wozu auch? Ist halt blöd, wenn man so auffliegt, was? Ich habe dich so satt…“

Das Telefonat wurde unterbrochen und Martina kniete schluchzend auf den Steinen, starrte ihr Handy an und verstand die Welt nicht mehr.


Joey, der mit der Angel alleine am Ufer saß, weil Flake vor einiger Zeit abgebogen war, um sich zu erleichtern, hatte Tills Aufschrei mitbekommen und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Was? Wenn die mich über den Haufen rennt…Muss ich mir hier alles gefallen lassen?“, knurrte Till in Joeys Richtung. Er hob das Notizbuch auf und steckte das kleine Foto, welches vorhin herausgefallen war, wieder zwischen die Seiten, dann erhob er sich, ging hinüber zu Joey und ließ sich neben ihm nieder. Schweigend starrten die Männer eine Zeit lang hinaus auf den Fluss.

„Was war los?“, brach der Sportler die Stille.

„Frag mich was leichteres. Sie ist aus dem Zelt gelaufen, hat mich umgerannt und ist dahinten verschwunden.“ Mit einem Nicken deutete er die Richtung an.

„Hm.“

„Wir brauchen übrigens noch etwas trockenes Holz…“, setzte Till an, doch Joey unterbrach ihn.

„Weiß ich, nimmt Flake mit.“

„Wo steckt der eigentlich?“

„Toilette. Wenn er sich nicht verlaufen hat.“
Beide sahen sich kurz an und grinsten dann.


Flake hatte sich nicht verlaufen, aber er hatte Tills Schrei und Martinas Verschwinden ebenfalls bemerkt und war ihr schließlich gefolgt. Nun stand er etwa dreißig Meter hinter ihr im Gebüsch und sah, wie die Frau auf den Steinen des Flussbetts kauerte und sich nicht rührte. Er überlegte nicht lange, räusperte sich leise und trat an ihre Seite. Erst jetzt bemerkte Flake, dass Martina nicht ruhig dasaß, sondern ihr ganzer Körper immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Das Handy lag neben ihr am Boden und blinkte vor sich hin.
Flake nahm sie in den Arm, bemerkte, wie Martina ihren Kopf an seiner Schulter vergrub, und hielt sie einfach fest. So verstrichen die Minuten, das Schluchzen wurde weniger und verebbte schließlich ganz. Irgendwann, der Keyboarder vermochte es nicht zu sagen, wieviel Zeit tatsächlich verstrichen war, hob sie ihren Kopf, wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und sah ihn aus rot unterlaufenen Augen an.

„Danke…ich…“, begann sie.

„Du musst mir nichts erzählen.“

„Doch, ich möchte aber…“

Und so saßen sie nebeneinander, Martina mit hängendem Kopf und erzählte, was ihr vorhin von Max an den Kopf geworfen worden war. Mittlerweile hatten beide auch Annikas Nachricht und das Foto gesehen, das alles in Rollen gebracht hatte. Es dämmerte bereits als sie schlussendlich verstummte.
Flake hatte dazwischen immer wieder ungläubig den Kopf geschüttelt, weil er es einfach nicht verstehen wollte. Wie konnte jemand nur dieser unglaublich liebenswürdigen Frau solche Vorwürfe machen, die noch dazu an den Haaren herbeigezogen worden waren? Aber anhand eines Fotos in solche Spekulationen zu verfallen, ein Foto, das noch dazu in der Klatschpresse veröffentlicht wurde – das ging Flake nicht ein.
Inzwischen war es bereits ziemlich finster geworden und ohne Taschenlampe das Flussbett entlang zu stolpern, darauf hatte er absolut keine Lust. Er stand auf und zog Martina mit auf die Füße.

„Komm, wir müssen zurück. Die anderen beeden fragen sich sicher schon, wo wir bleiben. Und Essen wartet sicher auch schon auf uns.“

„Hab‘ keinen Hunger.“

„Och wenn ick jetzt klinge, wie dein Vater, aber du musst was essen. Sonst geht dir morgen die Kraft aus.“

Martina zuckte nur mit den Schultern, ließ sich aber von Flake zurück zu ihrem Zelt führen.
Dort warteten bereits die anderen am Lagerfeuer auf die Rückkehrer.

„Mensch, Flake, wir wollten schon eine Vermisstenanzeige aufgeben. Hast dich beim Pissen verlaufen oder was?“, grinste Till den Keyboarder an.

Ein überraschter Ausdruck trat auf sein Gesicht, als sich ausgerechnet Martina neben ihm niederließ und Flake neben Joey Platz nahm.

„Ne, nich verlaufen. Wir haben uns nur verquatscht.“

Joey und Till warfen sich über das Feuer hinweg erstaunte Blicke zu, dann nahm sich jeder etwas zu essen und das Thema war vorerst erledigt.
Till ertappte sich dabei, dass er immer wieder zur Fotografin schielte. Diese stocherte nur lustlos in ihrem Essen herum und hatte kaum mehr als drei, vier Löffeln geschafft. Indes saßen Joey, Flake und er selbst schon bei der zweiten Portion. Colin hatte bei der Zubereitung wirklich ganze Arbeit geleistet!
Der Sänger bemühte sich um einen netten, freundschaftlichen Ton, als er Martina darauf ansprach.

„Schmeckt’s dir nicht? Du solltest was essen, sonst fehlt dir morgen die Energie.“

KRACH

Der Teller war zu Boden gefallen als Martina aufgesprungen war und den Mann neben ihr wütend anfunkelte.

„Bin ich ein Kleinkind, oder was? Lasst mich doch alle in Ruhe!“

Martinas Stimme überschlug sich. Einen Moment lang stand sie da, dann drehte sie sich um und lief in die Dunkelheit davon.
Joey war sprachlos, sein Blick wanderte zwischen der Fotografin, die soeben in der Finsternis verschwunden war, und Flake hin und her. Dieser sah ihr nur betrübt nach und schüttelte unmerklich den Kopf. Erst das Klirren eines zweiten Tellers ließ Joey und Flake abermals zusammenzucken. Till war ebenfalls aufgesprungen und stapfte wütend in dieselbe Richtung davon, in die auch Martina verschwunden war.
Flake war drauf und dran, den beiden zu folgen, doch Joey hielt ihn zurück. In knappen Sätzen erklärte der Keyboarder dem Sportler, was sich vor wenigen Stunden zugetragen hatte. Dieser war erstaunt und gleichzeitig bedrückt, dass quasi seinetwegen eine Ehe zerbrach.

„Soll ick nich doch den beeden folgen?“, schloss Flake seine Geschichte.

„Nein, lass mal. Vielleicht nicht so schlecht, wenn sie mal miteinander reden, auch wenn der Zeitpunkt kein günstiger ist. Sie werden sich schon nicht die Köpfe einschlagen.“

Flake sah in die Finsternis hinaus und hoffte, dass Joey Recht hatte.


Martina rannte am Fluss entlang, stolperte über Steine, die sie im Licht der Handytaschenlampe zu spät sah, strauchelte, rappelte sich wieder auf und lief weiter. Tränen flossen ungehemmt über ihr Gesicht. Max‘ Worte waren ihr beim Essen wieder in den Sinn gekommen, eine unbändige Wut hatte ihr Innerstes ergriffen – und Tills Worte im falschen Augenblick hatten das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie wusste, dass er es gut gemeint hatte – genauso wie Flake zuvor – sie hatte sogar ein schlechtes Gewissen. Nichtsdestotrotz hatte sie sich Luft machen müssen, es war nicht anders gegangen. Sie würde sich bei Gelegenheit bei ihm entschuldigen.
Ein Stechen in der Seite ließ Martina das Tempo drosseln. Sie trat sauer gegen einen Baumstumpf, der ihr den Weg versperrte und ein frustrierter Aufschrei entwich ihrer Kehle. Entkräftet sank sie auf ebenjenes tote Holz und schlug die Hände vors Gesicht. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Das war doch ein schlechter Traum, oder nicht?


Till war ihr nachgelaufen – erst hatte ihn die Wut gepackt doch nun stand er in der Dunkelheit und drehte sich suchend im Kreis. Er hatte weder an sein Handy noch an eine Taschenlampe gedacht.
Du Idiot, schalt er sich selbst. Wohin war sie nur verschwunden? Langsam tastete er sich Schritt für Schritt über die - teilweise - groben Steinen voran, bis er in einiger Entfernung einen winzigen Lichtpunkt ausmachen konnte. Aha, gefunden!
Leise und irgendwie erleichtert seufzte er auf. Soll einer diese Frau verstehen, aber zumindest musste sie ihm jetzt Rede und Antwort stehen. Es ging ja nicht an, dass nur er hier verbale Abreibungen bekam! Das Licht fixierend schritt er voran.


Ein knirschendes Geräusch ließ Martina zusammenzucken. Unweit entfernt vernahm sie langsame Schritte, die sich ihr näherten.

„Flake?“, flüsterte sie hoffnungsvoll in die Finsternis.

„Nein, Till.“

Großartig, den Letzten, den sie gerade gebrauchen konnte. Das schlechte Gewissen mischte sich mit der Aufgebrachtheit über Max und hinterließ ein Gefühlschaos in ihrem Inneren. Da passte dieser Mann so gar nicht hinein, noch dazu, weil sie sich bewusst wurde, warum gerade er jetzt hier vor ihr stand – und für eine Moralpredigt hatte sie so gar keinen Kopf!
Sie leuchtete ihm mit der Handytaschenlampe ins Gesicht und er hob schützend die Hand, um nicht geblendet zu werden.

„Kannst du bitte…“

„Oh, entschuldige“, Martina legte das Handy beiseite und das Licht erlosch.

„Darf ich mich setzen?“

Till machte eine Handbewegung in Richtung des Baumstammes, doch fiel ihm gleich darauf ein, wie unsinnig dies war, stand er doch im Dunkeln.

„Ja.“

Eigentlich hatte er vorgehabt, ihr einmal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Die Wut, die sich seit dem späten Nachmittag in ihm aufgestaut hatte, musste hinaus und wenn nicht jetzt, wann dann? Schließlich hatte sie ihn nicht nur einmal die letzten Stunden vor seinen Freunden lächerlich gemacht. Er ballte die Fäuste immer wieder und versuchte, sich einige Worte zurechtzulegen. Warum es ihm gerade so schwer fiel, wusste er selbst nicht so genau. Schweigend saßen sie einige Zeit nebeneinander und gerade, als Till meinte, den passenden Anfang gefunden zu haben und Luft holte, wurde er von ihr unterbrochen.

„Es tut mir leid“, kam es flüsternd aus ihrer Richtung, „es tut mir leid, dass ich dich vorhin so angeschnauzt habe…und dich umgerannt habe…ist heute irgendwie nicht mein Tag.“

Ein leises Schluchzen begleitete ihre Rede.

„Ich möchte keinen Streit mit dir und da du offenbar auch etwas dagegen hast, dass ich mit von der Partie bin, können wir uns vielleicht einfach darauf einigen, dass wir nicht unnötig viel Zeit miteinander verbringen und jeder sein Ding macht? Sofern das in so einer Situation möglich ist.“

Till war kurz sprachlos. Sie klang so verzweifelt, dass sich der aufgestaute Ärger in Luft auflöste. Sie bot ihm hiermit eigentlich den perfekten Ausstieg an, aber war das, menschlich betrachtet, in Ordnung? War er ihr gegenüber wirklich so abweisend gewesen? Einige Momente wog er das Für und Wider ab, dann stand er auf, murmelte ein In Ordnung in sich hinein, und hatte sich schon einige Schritte entfernt, als ihn das schlechte Gewissen packte.

„Scheiße, nein, es ist nicht in Ordnung!“, sprach er laut und drehte wieder um.

„Was?“

In Martinas Stimme war ein Anflug von Panik zu vernehmen. Was wollte er denn noch von ihr hören?
Till ließ sich abermals neben ihr nieder, seine Finger trommelten eine Weile auf dem toten Holz und Martina wollte bereits wortwörtlich die Flucht nach vorne antreten, da brach er das Schweigen. Seine Stimme war ruhig und sanft – sie hatte mit etwas ganz anderem gerechnet!

„Es ist nett, dass du mir das anbietest, aber ich wäre wirklich ein Arschloch, wenn ich das annehmen würde. Außerdem, denke ich, ist meinerseits auch eine Entschuldigung fällig, also: Es tut mir leid, wie ich mich dir gegenüber verhalten habe. Joey und Flake haben mir die Entscheidung abgenommen, ohne mich da miteinzubeziehen; ich wollte nie jemand Fremdes auf diese Reise mitnehmen. Das darf aber auch nicht der Grund sein, dass ich mich in deiner Gegenwart so benehme. Was hältst du davon, wenn wir das alles vergessen und von vorne anfangen?“

Martina war mit dieser 180-Grad-Wendung etwas überfordert und so brachte sie nur ein gestottertes Ok zustande. Till griff in der Dunkelheit nach ihrer Hand und schüttelte sie.

„Hallo, ich bin Till, freut mich, dich kennenzulernen.“

Obwohl sie ihn nur schemenhaft in dem schwachen Mondlicht erkennen konnte, hörte sie das Grinsen heraus und musste selbst lächeln – das erste Mal seit Stunden.

„Hi Till, ich bin Martina.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast