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Im Fluss der Zeit

GeschichteAllgemein / P18
Christian "Flake" Lorenz OC (Own Character) Till Lindemann
08.08.2020
22.10.2020
10
25.639
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07.09.2020 2.247
 
Nebel hüllte das Häuschen und die Umgebung am nächsten Morgen ein. Nur das Plätschern durch die dichten Schwaden ließ erahnen, wo sich der Fluss  seinen Weg bahnte.
Es war erst kurz vor sechs Uhr doch Martina war aufgeregt und etwas nervös, konnte und wollte nicht mehr in ihrem Bett bleiben und hatte sich in den Garten auf eine Liege verzogen. Eingewickelt in ihre Sportjacke und eine warme Decke lauschte sie den gedämpften Geräuschen der Natur. Der Fluss, der unweit des Grundstücks vorbeiströmte, schien zusätzlich Nebelschwaden zu produzieren, in Wirklichkeit wirbelte er diese nur auf und es sah beinahe so aus, als würde das Wasser dampfen. Ein Schauspiel, das die dunkelhaarige Frau verträumt verfolgte. Irgendwann nahm sie ihre Kamera zur Hand und schoss ein paar Bilder von dieser Szenerie. Das Klicken des Auslösers zerriss die Stille um sie herum. Zufrieden betrachtete sie das Ergebnis – es hatte etwas Mystisches an sich. Versunken in dieser Stille und den Fotos hatte sie den Mann nicht bemerkt, der schon vor geraumer Zeit ebenfalls aus dem Haus getreten war und sie beobachtet hatte. Nun war er leise nähergekommen und hatte sich auf der nächsten Liege, die knapp zwei Meter entfernt stand, niedergelassen. Das Knarzen des Materials ließ Martina erschrocken zusammenzucken, sie drehte sich zur Seite und starrte den Mann an. Blau-grüne Augen musterten sie abwartend und ein wenig neugierig. Er steckte sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in den Nebel. Martina gaffte ihn nach wie vor sprachlos an, so überrascht war sie von seinem plötzlichen Erscheinen. Seine Mundwinkel zuckten ein wenig, nachdem er den nächsten Zug inhaliert hatte.

„Guten Morgen!“

Diese leise, sanfte Stimme passte so gar nicht zu seinem kantigen Aussehen – das war ihr gestern am Flughafen schon aufgefallen. Martina musste sich zusammenreißen, um auch endlich einen Ton heraus zu bringen.

„Guten…Morgen.“

Ihr Blick wanderte noch einmal kurz über den Mann dann widmete sie sich wieder ihrer Kamera und probierte einige andere Einstellungen aus.
Sie wusste nicht so recht, was sie nun tun sollte. Ihn ignorieren? Smalltalk? Zurück ins Haus gehen? Seine nicht gerade freundliche Art gestern hatte sie doch verunsichert, sein Auftreten tat das Übrige, um sich etwas unwohl zu fühlen. Andererseits machte er gerade nicht den Eindruck, als ob er sich von ihr gestört fühlte – sonst hätte er sich wahrscheinlich woanders hingesetzt.
Martina wog ab und kam zu dem Schluss, dass Aufstehen und gehen wohl keine akzeptable Lösung wäre. Deshalb rang sie sich zu Smalltalk durch, allerdings, ohne ihn anzusehen.

„Gut geschlafen?“, sprach sie gerade so laut, dass er es hören konnte.

Till, der Rauchringe in die Luft geblasen und immer mal einen schnellen Blick auf die Frau riskiert hatte, war doch erstaunt, dass sie das Wort an ihn richtete. Hatte er doch selbst schon überlegt, wie er das Schweigen brechen konnte. So hatte sie ihm gerade die Entscheidung abgenommen. Irgendwie war er froh darüber, musste er sich ja nun keine alberne Ausrede einfallen lassen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Er dämpfte den Glimmstängel aus und schnippte diesen in den Nebel. Das Naserümpfen der Fotografin ignorierte er gekonnt.

„Danke, kann nicht klagen. Und selbst?“

„War ok. Joey hat ziemlich laut geschnarcht.“

Till schmunzelte, kannte er diese Situation doch ganz gut. Das würde sich allerdings nach einigen Tagen legen – nicht die Schnarcherei per se, aber dass man davon wachgehalten wurde. Den ganzen Tag die Bewegung an der frischen Luft ließ einen abends wie tot in den Schlafsack fallen. Da bekam man das Schnarchen seines Nachbarn nicht mehr mit.
„Das vergeht. In spätestens zwei Tagen bekommst du das gar nicht mehr mit.“

„Wie meinen?“

Nun drehte sie sich doch ein wenig in seine Richtung und sah ihn an.
Till zuckte mit den Schultern.
„Du – wir – werden einfach zu müde sein, um die Schnarcherei unserer Nachbarn mitzubekommen.“

Sie musterte ihn mit etwas zusammengezogenen Augenbrauen. Till beobachtete sie und fragte sich wieder einmal, warum ausgerechnet diese – DIESE – Frau. Und diese ständige Fummelei an den Knöpfen ihrer Kamera machte ihn nervös. In seinem Inneren machte sich ein ungutes Gefühl breit, Wut kroch in ihm hoch. Warum starrte sie ihn so an? Wieso sagte sie nichts? War er ein Tier in einem Zoo? Hör, verdammt nochmal auf, an der Kamera herumzuspielen, dachte er zähneknirschend. Nach außen hin wahrte er jedoch sein Pokerface und ließ sich nichts anmerken.

„Das…wollen wir es hoffen.“

Ihre Antwort war nicht mehr als ein Flüstern. Sie drehte sich wieder um und starrte auf ihre Hände. Till kostete es einiges an Beherrschung nicht aufzuspringen und laut stampfend ins Haus zu stürmen. Stattdessen erhob er sich gemächlich und ging langsam durch den Garten zurück in sein Zimmer. Innerlich kochte er und wusste nicht einmal, warum. Sie war wie ein rotes Tuch für ihn. Keine guten Voraussetzungen, für die nächsten Wochen, aber er würde sich zusammenreißen. Zumindest fürs erste.
Martina sah aus den Augenwinkeln, wie Till verschwand und die Gedanken rasten durch ihren Kopf. Er machte sie nervös. Wenn er in ihrer Nähe war, brachte sie keinen vernünftigen Satz heraus. Kam es ihr nur so vor oder hatte er sich absichtlich neben sie gesetzt? Eine Wiedergutmachung des gestrigen, holprigen Beginns? Na gut, das habe ich dann ja richtig toll verbockt, schloss sie ihre Überlegungen. Immer noch spielte sie abwesend an den Knöpfen ihrer Kamera herum. Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen, damit die Stimmung nicht schon in den ersten Tagen kippte. Vielleicht sollte sie wirklich Flake um Hilfe bitten oder ihn zumindest fragen, wie Till so tickte. Schlau war sie bis jetzt ja nicht aus diesem Mann geworden.
Um auf andere Gedanken zu kommen, drehte sie eine Runde durch den Garten und um das Haus. Der Nebel hatte sich ein wenig gelichtet und man konnte bereits etwas von der näheren Umgebung erahnen. Martina schoss noch einige Bilder, um diese friedvolle Stimmung einzufangen und ging dann ebenfalls zurück in ihr Zimmer. Joey kam ihr bereits entgegen, sie besahen sich gemeinsam kurz die Fotos und er ließ sie wissen, dass in einer guten halben Stunde das Frühstück bereitstehen würde. Sie richtete ihre Sachen zusammen, um sich frisch zu machen. Auf dem Weg ins Badezimmer lief ihr Flake über den Weg, der ihr galant den Vortritt ließ. Sie scherzten kurz miteinander, wurden jedoch von Till unterbrochen, der sich zu dem Keyboarder gesellte und so verschwand Martina kurzerhand im Bad.
Das Frühstück war in Rekordzeit verputzt, die notwendigsten Utensilien wurden zusammengetragen und in wasserdichten Behältnissen verstaut, der Rest würde von Colin, Joeys Bekannten, bei Bedarf nachgebracht. Dieser hatte vorab bereits die Kanus organisiert und brachte die kleine Truppe auch zum Einstiegspunkt des Great Glen Canoe Trail – der Neptune’s Staircase. Etwas irritiert begutachtete Flake zwei Transportkarren, die Colin mit Tills Hilfe aus dem Anhänger hievte und neben den Kanus ablud. Er stupste Martina in die Seite.

„Wat is dat denn?“

Die Fotografin grinste ihn an.
„Portage Trolleys. Transportkarren für die Kanus, wenn du’s so nennen willst. Haben dir Joey und Till nichts gesagt?“

„Wat jesagt?“

Ihr Grinsen wurde noch breiter.
„Auf unserem Weg Richtung Inverness müssen wir einige Schleusen passieren. Dafür sind die Trolleys gedacht – Boot drauf und schieben bis zum nächsten Einstieg.“

Der Keyboarder riss die Augen auf, was Martina nun zum Lachen brachte.
„Dit is nicht dein Ernst? Dat Teil is doch total schwer!“

„Etwas über fünfzig Kilo, also nicht so tragisch. Zu zweit doch kein Problem“, sie klopfte ihm auf die Schulter, „Kopf hoch, mein Lieber, wir lassen dich schon nicht hängen. Außerdem, stell dir mal vor, wir hätten Colin nicht und müssten unseren Proviant und das komplette Gepäck auch noch tragen, das wäre erst eine Schlepperei!“

„Na, ihr beiden, alles klar bei euch? Bereit zur Abfahrt?“

Joey trat gut gelaunt zu Flake und Martina. Beide nickten, wobei Flakes Blick immer wieder über die bepackten Kanus und die beiden Trolleys wanderte. Schließlich gesellten sich auch Till und Colin dazu. Flake begann mit dem Sänger darüber zu diskutieren, warum er nicht über das Schleusenthema informiert wurde. Dieser hob jedoch nur genervt eine Augenbraue und fiel im unwirsch ins Wort.
„Schon mal dran gedacht, dich selbst zu informieren? Ich bin nicht dein Babysitter!“

Joey, der sich gerade mit Colin und Martina über die letzten Einzelheiten der Versorgung und der Bilder unterhalten hatte, hielt inne. Alle Augenpaare richteten sich auf die Musiker. Dieser Mittelpunkt des Interesses gefiel Till überhaupt nicht und er brummte ungehalten: „Na ist doch wahr! Könnt‘ ihr jetzt vielleicht mal in die Puschen kommen, ich würde gerne heute noch ablegen!“, damit drehte er sich um und steuerte sein Kanu an.
Colin verabschiedete sich vorerst von allen und Joey ging rasch die heutige Einteilung durch. Dabei warf er einen schnellen Blick zu Till, vermied es aber, ihn hinzu zu holen. Er wusste sowieso Bescheid.

„Flake, du fährst heute mit Till. Bitte schlagt euch nicht gegenseitig die Schädel ein, ok? Und Martina, du sitzt vor mir, so können wir auch gleich mal probieren, wie sich das Ganze mit dem Fotografieren verhält. Alles andere wäre ja bereits geklärt.“

Er drückte Flake ein Walkie Talkie in die Hand.
„Kanal 1, sollten wir uns, wider Erwarten, aus den Augen verlieren. Aber laut Colin soll das Wetter heute einigermaßen gut werden.“

Die letzten Vorbereitungen waren getroffen und die Reise begann. In den ersten Stunden konnte Joey sich von Martinas Fertigkeiten im Umgang mit dem Kanu überzeugen und war erleichtert, dass sie nicht übertrieben hatte. Sie kam ohne Probleme zurecht, schaffte es sogar, während der Fahrt brauchbare Fotos von der Landschaft und Till und Flake im Kanu zu schießen (wie sich bei der späteren Pause herausstellen sollte).
Der Sportler war froh, sie dabei zu haben. Er schätzte ihre ruhige, besonnene Art – sie würde die nächsten Wochen gut ins Team passen. Das einzige, was ihm etwas Kopfzerbrechen bereitete, war die Tatsache, dass Till offenbar noch immer nicht so ganz im Umgang mit Martina aufgetaut war. Das würde sich hoffentlich bald geben, hatte er doch vorgehabt, die beiden irgendwann die nächsten Tage gemeinsam paddeln zu lassen.
Auch Till und Flake kamen halbwegs gut zurecht, obwohl den Keyboarder immer mal wieder die Kraft verließ und der Sänger dann das Kanu alleine Schlag um Schlag durch den Kanal beförderte. In einer dieser Phasen hatte Flake sich soweit wie möglich zurückgelehnt und es sich bequem gemacht, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und genoss die Aussicht auf die umliegende Landschaft. Martina besaß die Geistesgegenwart, um von dieser Situation ein Foto zu machen. Als der Keyboarder dies bemerkte, grinste er breit und griff wieder nach seinem Paddel. Oh, für dieses Foto würde er büßen, wenn Till es sah, soviel stand fest!
Flakes Sorgen in Bezug auf die Schleusen und das Schieben der Boote waren unbegründet. Mit vereinten Kräften hoben sie die Boote auf die Transportkarren und machten sich auf den Weg zum nächsten Flussabschnitt.
Die Truppe fuhr noch einen knappen Kilometer, um zu ihrem Nachtlager zu gelangen. Colin wartete dort bereits auf sie, hatte die restlichen, notwendigen Sachen und das Essen gebracht und verschwand kurz darauf wieder. Da es erst später Nachmittag war, blieb genug Zeit, alles herzurichten. Flake und Joey kümmerten sich um den Aufbau des Zeltes, Till entfachte ein Lagerfeuer und Martina dokumentierte alles mit ihrer Kamera.


Zur gleichen Zeit in Wien lag Annika auf ihrer Couch und döste vor sich hin. Der Husten hatte sich ein wenig gebessert und ließ sie daher etwas zur Ruhe kommen. Erst das Klingeln ihres Handys riss Annika unsanft aus dem Halbschlaf. Benommen sah sie sich um, bis sie das Geräusch zuordnen konnte, dann griff sie in stiller Erwartung an Martina nach dem Übeltäter – das blinkende Display zeigte allerdings Max‘ Name. Stirnrunzelnd starrte sie auf ihr Telefon, entschied dann allerdings, nicht ranzugehen. Was sollte sie auch schon großartig mit ihm reden? So dick waren sie nicht befreundet – eigentlich waren sie gar nicht befreundet und wäre Martina nicht mit ihm verheiratet, hätte sie mit diesem Egoisten noch nie ein Wort gewechselt; und das, obwohl sich ihre Wege in der Arbeit immer wieder kreuzten. Das Klingeln war erstorben, nur um kurz darauf wieder zu ertönen. Annika lehnte den Anruf ab und stellte das Handy lautlos. So riskierte sie zwar, Martinas Anruf zu verpassen, aber sie wollte ihre Ruhe haben und wieder schlafen. Mit dem irritierenden Gedanken an Max‘ Anrufversuche drehte sie sich um und schlief augenblicklich wieder ein.


Martina hatte ihre Ausrüstung im Zelt untergebracht und war ehrlich erstaunt, wie geräumig dieses Teil doch war. Klappte man den Eingang auf, hatte man erstens eine 1A-Überdachung und im Inneren eine Art Vorraum, von dem aus man links und rechts in die Schlafkojen gelangte. Diese waren wiederum so lang, dass selbst Flake sich bequem ausstrecken konnte und so hoch, dass er fast aufrecht im Zelt stehen konnte. Platz war also genug vorhanden.
Martina kramte in ihrem Rucksack nach dem Handy – Zeit für den versprochenen Anruf bei Annika! Sie erschrak jedoch, als sie auf das Display sah: Siebzehn verpasste Anrufe, drei Benachrichtigungen auf der Mailbox und fünf WhatsApp Nachrichten…alle von Max!
Mit einem Mal wurde ihr schlecht und kalter Schweiß brach auf ihrem Körper aus. Da musste etwas passiert sein! Sie stürmte aus dem Zelt, rannte Till über den Haufen, der vor dem Eingang saß, murmelte nur eine unverständliche Entschuldigung und rannte weiter, während er ihr ein entrüstetes Hey! Kannste nicht aufpassen?! nachschrie.
Sie achtete nicht darauf, sondern suchte sich eine abgelegene, ruhigere Stelle weiter unten am Flussbett. Was sollte sie nur machen, wenn ihm tatsächlich etwas passiert war? Trotz all der Streiterei – sie liebte ihn doch, er war ihr Mann! Ihre Hände zitterten, als sie die Nummer wählte.
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