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Im Fluss der Zeit

GeschichteAllgemein / P18
Christian "Flake" Lorenz OC (Own Character) Till Lindemann
08.08.2020
22.10.2020
10
25.639
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21.08.2020 1.968
 
Schottland

Nasskaltes Wetter empfing die Vier in Glasgow. Flake zog eine Grimasse ob des Wetters und murmelte Unverständliches vor sich hin, Martina tippte eine Nachricht an Annika in ihr Handy, Till war bei der erstbesten Möglichkeit abgebogen, um eine Zigarette zu rauchen während Joey sich auf den Weg gemacht hatte, den Leihwagen zu organisieren.
Nach gut eineinhalb Stunden waren sie und ihr Gepäck in einem geräumigen Geländewagen untergebracht und sie fuhren mit Joey am Steuer nordwärts ihrem Zielort entgegen. Till hatte es sich, auf Flakes Bitte hin, am Beifahrersitz bequem gemacht, da er und die Fotografin sich einiges zu erzählen hatten. Joey versuchte indes, Till in ein Gespräch zu verwickeln, doch nach einigen Minuten war alles gesagt und er starrte wieder aus dem Fenster und hing seinen Gedanken nach. Nicht, dass er sich nicht auf diese Reise freute, aber irgendetwas bremste seine Euphorie. Ein wenig wollte er dieser Frau hinter ihm die Schuld daran geben, die es irgendwie geschafft hatte, Joey und Flake zu überreden, sie mitzunehmen, doch als er den Gedanken so weiterspann, fand er es ihr gegenüber doch nicht fair. Schließlich hatte er noch nicht einmal drei Sätze mit ihr gewechselt, er kannte sie nicht, wusste absolut nichts von ihr – und Flake hatte offenbar einen Draht zu ihr und er war nun mal nicht der schlechteste Menschenkenner. Sie musste irgendetwas an sich haben und vielleicht kam er die nächsten Tage noch drauf, was das war. Trotz alledem wäre es Till lieber gewesen, wenn sein Freund Matthias sie stattdessen begleitet hätte. Aber es war nun mal so, wie es war, daran gab es nichts mehr zu rütteln und er wollte sich die nächsten Wochen nicht darüber ärgern. Sollten die Bilder, die die Gnädigste schießen würde, allerdings nicht nach seinem Geschmack sein, dann Gnade ihnen Gott! Innerlich schmunzelte Till selbst über seine Wortwahl…Gott, von wegen, als ob er damit was zu schaffen hätte! Aber dann würden sie seinen Unmut zu spüren bekommen, und das nicht zu knapp!
Er klopfte sich auf die Oberschenkel, war er mit seinen Überlegungen doch ganz zufrieden und wandte sich nun Joey zu. Dieser warf ihm einen kurzen Blick zu, grinste und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

„So, alles ausdiskutiert mit dir?“

„Denke schon. Sach mal, wie sehen denn die nächsten Tage aus? Also Verpflegungstechnisch?“

„Schön, dass sich jemand mal endlich Gedanken übers Essen macht. Dachte ja schon, ich bin der einzige hier“, lachend setzte Joey den Blinker um ein Auto zu überholen, „ist aber alles schon organisiert. Angelruten bekommen wir vor Ort, genauso wie die Kanus, wie du dir denken kannst. Das Angeln an sich wird wahrscheinlich eher nur für die Fotos interessant sein, aber mal sehen. Ein Bekannter von mir versorgt uns auf jeden Fall abends mit Essen an den dafür ausgemachten Treffpunkten. Für Zelten und Lagerfeuer habe ich die Genehmigungen bekommen, auch für das Wandern im Anschluss. Ein bisschen Abenteuer bleibt also.“

Der Blonde zwinkerte Till zu und dieser rieb sich freudig die Hände, lauschte mit halben Ohr in Richtung Rückbank, um sicher zu gehen, dass Flake und die Fotografin abgelenkt waren und flüsterte dann: „Gut, ich habe da nämlich so ne Idee. Flake mal bisschen aus der Reserve locken. Biste dabei?“

Joey nickte nur, aber nach einigen Minuten siegte die Neugierde.
„Was hast du denn geplant?“

Till allerdings zuckte nur grinsend mit den Schultern.
„Wirste schon sehen. Ich sage dir aber rechtzeitig Bescheid, eventuell brauche ich deine Hilfe.“
Wieder nur ein Nicken. Für Streiche unter Freunden war er immer zu haben.


Martina und Flake tratschten auf der Rückbank und bekamen von der geplanten Verschwörung nichts mit. Martina berichtete dem Keyboarder in allen Einzelheiten von den vergangenen Wochen, von Max und ihren Streitereien, obwohl sie dies eigentlich gar nicht vorgehabt hatte, aber ein Wort ergab das andere und Flake war so ein guter Zuhörer, dass es nur so aus ihr heraussprudelte. Schlussendlich hatte sie sich ihren Frust von der Seele gesprochen und nun drifteten die Gespräche ab zu ihren Pferden, dem Kanufahren und wie sich Flake beim Training damit geschlagen hatte. In seiner tollpatschigen, lustigen Art erzählte er von den ersten Versuchen, wie Till ihn immer wieder mal untergehen hatte lassen und dass er sich mehr schlecht als Recht beim Paddeln machte. Aber er hatte ja drei erfahrene Kanuten bei sich, somit war er fast zuversichtlich, doch nicht allzu nass zu werden. Martina lachte bei dieser Aussage auf und war wirklich froh, dass sie die nächsten Wochen diesen Mann an ihrer Seite hatte – es war eine Wohltat mit ihm über alles Mögliche zu reden und sie mochte seine nette, unverfängliche und lustige Art, Dinge zu beschreiben, auch wenn er sich selbst nicht für besonders witzig hielt. Teilweise ließ er Sprüche los, die bei Martina beinahe Bauchschmerzen vor Lachen verursachten.


Die letzten zwanzig Minuten hatte Till den Gesprächen auf der Rückbank gelauscht. Es war nicht zu überhören, dass sich die beiden köstlich amüsierten. Ihm brannte schon seit Berlin eine Frage auf der Zunge, doch nachdem sie im Flieger getrennt gesessen waren und auch danach nicht wirklich ungestört reden konnten, holte er dies nun – leise – nach.

„Was läuft da eigentlich zwischen den beiden? So redselig ist Flake doch eher selten.“
Till hatte sich extra zu Joey gebeugt, damit auch ja kein Wort in den hinteren Teil des Wagens drang. Was im Grunde komplett egal gewesen wäre, da Flake gerade von seinem letzten Familienausflug erzählte und mit einer Anekdote Martina so zum Lachen brachte, dass diese sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Die verstehen sich einfach gut. Denke nicht, dass da mehr läuft. Hätte ich zumindest nicht mitbekommen.“

„Na gut, wenn du meinst. Hast du dir schon Gedanken über die Zelt- und Kanueinteilung gemacht? Wobei eher Kanueinteilung, das mit dem Zelt hatten wir ja vorhin schon.“

Joey kratzte sich am Kinn.
„Ja, also fürs Paddeln dachte ich mal, dass du Flake morgen mitnimmst, und ich mit Martina fahre. Ich möchte wissen, ob sie wirklich so gut ist, wie sie behauptet. Wenn ja, können wir sie auch zusammen mit Flake fahren lassen, dann bekommen wir zwei wenigstens unsere Fotos zusammen. Sonst müssten wir dahingehend improvisieren und Fotos stellen.“

„Hör bloß auf…“

Ein Schatten legte sich für einen Moment über Tills Gesicht.

„Und die Zelteinteilung ist doch klar: wir beide zusammen und die zwei Turteltäubchen da hinten gemeinsam.“

Till brach in dröhnendes Gelächter aus und bemerkte den irritierten Blick nicht, den Flake ihm durch den Rückspiegel zuwarf.


Endlich waren sie in Fort William bei ihrem Gästehaus angekommen – trotz zweimaligem Verfahren. Der lange Tag machte sich mittlerweile bei allen bemerkbar und niemand unterzog das kleine, schmucke Häuschen einem gründlichen Blick. Die Vermieterin begrüßte sie herzlich und zeigte ihnen ihre Unterkunft. Joey hatte die Suite für vier Personen gebucht, bestehend aus zwei Schlafzimmern mit jeweils einem Kingsize-Bett und zwei Einzelbetten. Während alle nacheinander ihre Taschen und Utensilien in den großzügig und mit viel Liebe zum Detail gestalteten Wohnraum stellten, verschwand Till auf die Terrasse, um seine Nachrichten der letzten Stunden zu beantworten und in Ruhe eine Zigarette zu rauchen.
Zur selben Zeit nahm Flake einen Teil des Kingsize-Bettes in Beschlag. Dieses würde er sich diese Nacht mit Till teilen, während Joey und Martina im Nebenzimmer die Einzelbetten erhielten. Joey war der Vermieterin gefolgt, um alle nötigen Unterlagen auszufüllen und das Abendessen zu besprechen. Normalerweise wurde hier nur Frühstück serviert, doch auch hier öffneten Namen wie Till Lindemann und Joey Kelly Tür und Tor und Dinner sollte in einer Stunde bereitstehen.
Martina hatte sich im Badezimmer frisch gemacht, eine bequeme Hose und Shirt angezogen, schnappte sich ihr Handy und betrat die Terrasse, um ihre beste Freundin anzurufen. Sobald sie durch die Verandatüre getreten war, bemerkte sie Till, der in einem Sessel lümmelte, das Handy in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand und sie kurz musterte, um sich dann ohne ein Wort wieder der Technik zu widmen.
Martina wurde nicht ganz schlau aus diesem Mann. Bisher hatten sie noch keine fünf Sätze miteinander gewechselt, dennoch kam ihr so vor, als ob er etwas gegen sie hätte. Sie warf ihm noch einen leicht irritierten Blick zu, wandte sich aber schließlich ab und setzte sich auf die andere Seite der Terrasse. Das Gespräch mit Annika dauerte nicht allzu lange, schon aufgrund des immer wieder einsetzenden Hustens auf der österreichischen Seite der Leitung. Irgendwann während des Gesprächs bemerkte sie eine Bewegung neben sich und sah, wie der Sänger den Zigarettenstummel im Aschenbecher ausdämpfte und wieder im Haus verschwand. Sie sah ihm nach und schüttelte den Kopf – was für ein komischer Kauz!
Wenig später saßen alle versammelt im Dining Room und ließen sich die englisch/schottische Küche schmecken. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um die Herausforderungen der nächsten Tage, die Flasche Wein am Tisch leerte sich zusehends und nach und nach saßen alle zufrieden und satt in ihren Stühlen. Martina entschuldigte sich zuerst und verließ die illustre Runde, um schlafen zu gehen, Flake folgte ihr wenig später nach. Übrig blieben Joey und Till, die sich noch einen Whiskey aus der benachbarten Destillerie gönnten. Nachdenklich schwenkte der Sänger den Inhalt seines Glases und sah der goldenen Flüssigkeit zu, wie sie in Schlieren das Glas hinunterlief. Joey musterte seinen Kumpel einige Zeit lang, bis er ihn aus seinen Gedanken riss.

„Ok, Till, raus mit der Sprache. Was ist los?“
Till hob die gepiercte Augenbraue und sah Joey fragend an.

„Was meinst du?“

„Na, du bist heute den ganzen Tag schon so komisch. Nachdenklich. Und seit Martina in Berlin dazugekommen ist, bist du noch ruhiger als sonst. Kommst du mit ihr nicht klar?“

„Das wär‘ ja wohl sehr doof – jetzt, wo wir hier sind und kurz vor der Abreise stehen“, versuchte Till einen Scherz, der aber bei Joey nicht ankam.
„Da hast du allerdings Recht. Also, was ist los?“

Seufzend zuckte Angesprochener mit den Schultern und starrte wieder in sein Glas.
„Ich weiß es selbst nicht so genau. Irgendetwas stört mich an dieser Frau, aber ich komme nicht drauf, was es ist. Und wenn ich so darüber nachdenke, ist das schon unfair ihr gegenüber, schließlich kenne ich sie nicht und habe noch nicht mal mit ihr gesprochen. Bei Flake und dir ist sie locker drauf und mir wirft sie komische Blicke zu. Das soll mal einer verstehen!“

Till hatte sich in Rage geredet und knallte bei dem letzten Satz das Glas auf den Tisch, dass ein Teil des Inhalts überschwappte.

Joey schüttelte nur den Kopf.
„Du wunderst dich? Deine Begrüßung am Flughafen war auch nicht gerade überschwänglich. Es war zwar nicht zum Fürchten, aber nahe dran. Sie kennt dich nicht, sie kennt eure Band nicht und noch dazu hat sie von dir vorher noch nie was gehört. Ich denke mal, das einzige, was sie über dich weiß, ist das, was Flake ihr so erzählt hat – falls er etwas erzählt hat“, Joey war nun auch etwas lauter geworden, riss sich aber umgehend wieder am Riemen und musste nun sogar schmunzeln, „ist ja eigentlich schon fast ein Wunder, dass es eine Frau auf der Welt gibt, die dich nicht kennt und sich lieber mit Flake abgibt, als mit dir!“

„Ha ha, ich lach später drüber“, knurrte Till, grinste im nächsten Moment aber in sein Glas, während er den Rest hinunterstürzte.

„Sie ist wirklich schwer in Ordnung, also versau’s nicht und reiß dich zusammen. Erstens will ich mir nicht drei Wochen dein angepisstes Gesicht ansehen müssen und zweitens, egal, was du denkst, was du für ein Problem mit ihr hast, ich verspreche dir, das bildest du dir nur ein. Versuch wenigstens mal, mit ihr in ein Gespräch zu kommen, und du wirst sehen, was ich meine.“

Till hatte stumm zugehört. Die Ansage hatte gesessen und er musste erst einmal in Ruhe über alles und vor allem die letzten Stunden nachdenken. Mit einem Nicken verabschiedete er sich von Joey und verschwand im Schlafzimmer. Morgen würde er sich mit der Fotografin auseinandersetzen.
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