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Im Fluss der Zeit

GeschichteAllgemein / P18
Christian "Flake" Lorenz OC (Own Character) Till Lindemann
08.08.2020
22.10.2020
10
25.639
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Dieses Kapitel
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22.10.2020 3.359
 
Heute gibt's mal ein Kapitel in Überlänge, ich hoffe ihr habt daran genauso viel Spaß wie ich beim Schreiben ;)

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Die kleine Verschnaufpause wurde genutzt, um neue Energie zu tanken, sich über das Otter-Erlebnis auszutauschen und die bisher geschossenen Fotos zu begutachten. Till, der nun endlich auch ebenjenes Bild vom Vortag gesehen hatte, in dem Flake es sich hinter ihm im Kanu gemütlich gemacht hatte und den Sänger die ganze Arbeit machen ließ, verzog etwas verstimmt den Mund.

„Flake, jetzt sei mal nicht so’n Weichei. Hinter mir faulenzen und heute beschweren, dass dir alles weh tut. Das kannste wem anderen erzählen.“

Dabei klopfte er ihm, fester als beabsichtigt, auf die Schulter, Flake verlor das Gleichgewicht und taumelte gegen Martina, die ihn auffing.

„Till…!“, vorwurfsvoll starrte sie ihn einen Moment lang kopfschüttelnd an und wandte sich dann dem Keyboarder zu.„Alles ok?“

„Ja, allet jut“, Flake rieb sich die Schulter, grinste aber schon wieder.

Sie blickte wieder in Tills Richtung, doch dieser war bereits mit Joey in eine Unterhaltung vertieft.„Läuft das immer so zwischen euch?“

„Martina, du solltest dir wirklich mal unsere Show ankieken. Det war doch jar nichts. Aber…“, Flake zog die Fotografin ein Stück beiseite, „ehrlich jesagt, würde ick mich gerne mal een bisschen an Till rächen. Ein kleener Streich unter Freunden. Hilfst du mir?“

Martina sah in das schelmisch grinsende Gesicht und musste schmunzeln. Wo war sie da nur hineingeraten? Doch der lausbubenhafte Ausdruck in seinem Gesicht ließ sie schließlich nicken.

„Ok, ich bin dabei. An was hast du gedacht?“

Flake kratzte sich am Kopf.„Weiß noch nicht jenau, ick dachte, ick frag erst mal, ob du dabei bist.“Entschuldigend zuckte er mit den Schultern.

„Kein Ding, wir überlegen uns gemeinsam etwas, ok?“

Er legte seinen Arm um ihre Schulter und gemeinsam schlenderten sie zu den anderen hinüber.„Du bist schwer in Ordnung, weeßte schon, oder?“Flake stieß sie ein wenig in die Seite und lachte. Martinas Gesicht wechselte schneller die Farbe, als ihr lieb war und sie starrte peinlich berührt zu Boden.„Keen Grund, rot zu werden!“

Sie nickte nur und in diesem Moment rief auch schon Joey nach Flake. Ihr kam diese Unterbrechung gerade Recht und sie nahm neben Till Platz, zog zwei Müsliriegel aus ihrem Rucksack und bot dem Sänger einen davon an. Dankend nahm er ihn entgegen. Während sie die Snacks aus der Folie befreiten, überlegte Till, ob es sinnvoll wäre, Martina in den kleinen Streich für Flake einzuweihen, den er mit Joey vor einigen Minuten besprochen hatte. Das Foto hatte ihm den perfekten Anlass gegeben und er liebte es, Flake ein wenig auf den Arm zu nehmen. Doch würde sie stillhalten oder ihnen einen Strich durch die Rechnung machen und es ausplaudern? Unbewusst hatte er sie die ganze Zeit über angestarrt.

„Habe ich irgendwas im Gesicht?“, verunsichert rieb Martina sich über die Wangen und starrte ihrerseits Till nun ebenso unverfroren an.

„Was? Ach, quatsch, nein…tut mir leid, ich war in Gedanken.“ Ein Räuspern. Er entschied sich, aufs Ganze zu gehen.„Ich weiß, du bist ganz dicke mit unserem lieben Flake, aber wärst du eventuell bei einem kleinen Streich dabei? Joey macht auch mit.“Abwartend sah er sie an, während Martina schluckte und ihn überrascht ansah. Hatte er sie vorhin belauscht? War das ein Test? Sie versuchte, einen möglichst neutralen Ausdruck aufzusetzen, doch dann kam ihr eine Idee und ein Grinsen umspielte ihre Mundwinkel.Till nahm ihre Reaktion wohlwollend zur Kenntnis und lächelte ebenfalls.

„Also bist du dabei?“

„Ja, was habt ihr geplant?


Die letzten Kilometer Kanufahrt nach der kurzen Rast erschienen doch um einiges anstrengender, als zunächst angenommen. Zumindest für Martina. Diesmal teilte sie sich das Boot mit Flake, damit endlich die ersehnten Bilder von Joey und Till gemacht werden konnten. Allerdings war der Keyboarder wirklich nicht der Stärkste, und die zwei anderen mussten ihnen immer wieder einen Vorsprung geben, sonst hätte Martina nur Fotos von deren Rückseite machen können. Völlig verschwitzt und müde kamen sie endlich an ihrem Ziel an. Gemeinsam bauten sie das Zelt in Rekordzeit auf und warteten darauf, dass Colin ihnen Essen und die restlichen Sachen nachbrachte.

„Heute gibt es noch ein bisschen Luxus für uns alle“, unterbrach Joey zwinkernd die allgemeine Stille, die sich breit gemacht hatte. Neben ihm saßen alle in ihren Campingsesseln und ließen die schmerzenden Glieder rasten.

„Und dat wäre?“

„Eine Möglichkeit zu duschen. Einige hundert Meter hier den Pfad hinauf gibt es ein kleines Bed & Breakfast. Die Inhaber sind so nett und lassen uns ihre Sanitäranlagen benutzen.“

„Und was siehst du mich dabei jetzt so an?“, fragend sah Till zu Joey hoch.

„Du stinkst, mein Lieber.“

Martina prustete los, Flake verschluckte sich an seinem Wasser und versuchte vergeblich, Husten- und Lachanfall zu unterdrücken, sodass Martina ihm ein paar Mal ordentlich auf den Rücken klopfen musste, bevor es besser wurde.Till warf einen Blick in ihre Richtung und zwinkerte ihr zu, während er Joey antwortete: „Und du glaubst wohl auch, dass du nach Rosen duftest, oder was? Aber wenn das so ist“, er stemmte sich übertrieben gequält aus seinem Sessel, „mache ich mal den Anfang, damit ich euch nicht länger mit meinem Gestank belästige. Kommst du mit?“Die letzte Frage galt Martina, die ihn erst anstarrte und dann rot wurde. So ganz wollte er es sich selbst nicht eingestehen, aber dieses peinlich-berührt sein fand er irgendwie niedlich. Es war ihm bereits in der Mittagspause aufgefallen, als Flake etwas zu ihr gesagt hatte. Sein leises Lachen riss sie aus ihrer Starre.

„Ich…äh…“

„Ohne Hintergedanken, ich schwör’s! Aber Flake hat manchmal ein Talent, sich zu verlaufen und alleine hier herumirren…das hatten wir ja gestern schon.“

Flake war aufgestanden, funkelte zuerst Till gespielt böse an und drehte sich anschließend zu Martina, sprach aber gerade so laut, dass die anderen es noch hören konnten.„Keene Sorge, der tut nix, der will nur spielen!“

„Flake!“
Diesmal war der Ton weit weniger freundlich und der Keyboarder machte sich grinsend aus dem Staub.Immer noch schmunzelnd ob Flakes Kommentar schmiss sie ihre Bedenken über Bord und zuckte mit den Schultern.„Von mir aus, dann los. Eine warme Dusche ist jetzt genau das Richtige.“


Mit den notwendigen Habseligkeiten bepackt folgten sie gute fünfzehn Minuten schweigend dem Trampelpfad, bis sie an einer Schotterstraße angelangten, die nach kurzer Gehzeit an einem steinernen Haus endete. Nachdem sie sich den Hauseigentümern vorgestellt hatten, wurden ihnen die Räumlichkeiten gezeigt: ein kleines, modern eingerichtetes Badezimmer mit Dusche, das so gar nicht in das rustikale Bild des Hauses passen wollte. Till ließ Martina den Vortritt, während er es sich in dem bunt gemusterten Ohrensessel im Gang bequem machte.Martina ließ sich Zeit. Sie genoss das warme Wasser, das ihren Körper hinabfloss, und die Anstrengungen und Sorgen der vergangenen Tage wegspülte. Langsam begann sie diese Reise wirklich zu genießen und auch in Tills Nähe fühlte sie sich von Mal zu Mal wohler. Dieser Mann gab ihr nach wie vor Rätsel auf, irgendetwas schien ihn zu bedrücken, aber wer war sie schon, ihn in dieser Hinsicht zu bedrängen? Wenn er reden wollte, würde er das schon tun. Er ließ sich nicht viel anmerken, ihr war nur aufgefallen, dass, wenn er sich unbeobachtet vorkam oder in seinem Buch blätterte, es schien, als würde er in eine andere Welt abtauchen. Unbewusst zuckte sie mit den Schultern und verscheuchte diese Gedanken. Zuviel nachdenken war nicht gut, sonst würde sie sich des Streits mit Max wieder bewusst und das war das letzte, was sie wollte. Unterdessen Martina sich die Haare wusch, musste sie an den geplanten Streich denken und lächelte – hoffentlich nahmen Joey und Till ihr es nicht krumm – sie hatte zwar vor, sich daran zu beteiligen, aber nicht direkt so, wie sie sich das vorstellten. Ein Klopfen an der Türe unterbrach ihren Gedankengang.

„Alles ok da drin?“

Ein hastiger Blick auf die Uhr verriet, dass sie bereits eine halbe Stunde unter der Dusche stand.„Äh ja, bin gleich fertig!“

In Windeseile trocknete Martina sich ab, zog sich das frische Gewand über und öffnete die Türe. Till stand süffisant grinsend mit verschränkten Armen vor ihr und schüttelte den Kopf.„Frauen und Badezimmer…Ich bereue es gerade, dich mitgenommen zu haben.“

„Na warte!“
Martina schlug lachend mit dem nassen Badetuch nach ihm doch er wehrte es mit Leichtigkeit ab.

„Sehr frech, Frau Leitner, erst das ganze warme Wasser verbrauchen und dann auf unschuldige, arme Männer losgehen.“

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen, Herr Lindemann. Ist ja nicht so, dass da drinnen nicht genug Platz für zwei wäre.“

In der Sekunde, in der diese Worte ihren Mund verlassen hatten, realisierte sie erst, was sie da gesagt hatte und schlug entsetzt die Hand vor den Mund. Till sah sie einen Augenblick mit hochgezogenen Augenbrauen an, lachte auf und meinte nur lapidar Ok, das nächste Mal vielleicht, bevor er an ihr vorbei ins Badezimmer verschwand und die Türe schloss.Mit hochrotem Kopf setzte sie sich in die Ohrensessel und kramte nach ihrem Handy. Die Zeit konnte sie ebenso gut für den Anruf bei Annika nutzen. Nach dreimaligem Läuten hob diese ab.

„Tina, endlich! Wie geht’s dir?“

In kurzen Sätzen berichtete Martina von den letzten Stunden.

„Und was macht ihr heute noch?“

„Ich warte mal, biss Till fertig ist mit duschen.“Soviel zum Thema Frauen brauchen lange im Badezimmer, dachte sie bei sich, als sie einen Blick auf die Uhr warf.

„Du bist mit Till duschen? Ich glaub’s nicht…“, unterbrach Annika ihre Gedanken.

„Blödsinn, also nicht so, wie du denkst. Wobei…Oh Mann, Nika, ich habe vorhin vielleicht Quatsch geredet…“Schnell erläuterte sie ihrer Freundin die Situation, doch diese lachte nur.

„Köstlich, da wäre ich gerne dabei gewesen und hätte eure Gesichter gesehen. Wobei deines kann ich mir lebhaft vorstellen – knallrot wie immer?“

„Sehr lustig…“

„Aber mal im Ernst, Tina, warum nicht? Ran an den Mann, was hast du zu verlieren?“

„Nika!“

„Was denn? Ihr seid irgendwo am Arsch der Welt, niemand kennt euch, keine Paparazzi und ein bisschen Ablenkung würde dir auch nicht schaden.“

„Das meinst du wirklich ernst? Warte mal eben einen Moment…“

Annika hörte ein Rascheln in der Leitung, ein dumpfes Klopfen und Martinas Stimme, die kichernd Wie lange dauert das denn noch, Herr Lindemann? rief.

„Haha, sehr gut, deine Revanche für vorhin?“

„Na aber sowas von. Aber nochmal zu deinem tollen Vorschlag: du weißt genau, dass ich nicht der Typ für sowas bin. Und selbst wenn, was, wenn er mich abweist? Dann herrscht erst wieder komische Stimmung. Ich will den Trip doch einfach nur genießen.“

„Verstehe ich alles, aber vielleicht solltest du trotzdem mal über deinen Schatten springen – in jeglicher Hinsicht. Du musst ja nicht gleich Till vernaschen, aber ich deiner Stelle…“

„Schon klar, der arme Till wäre dir an meiner Stelle schon hoffnungslos verfallen.“

Am österreichischen Ende der Leitung war nur ein Lachen zu hören. Die beiden Frauen verabschiedeten sich kurz darauf und Martina klopfte noch ein weiteres Mal übermütig an die Badezimmertüre, doch mehr als ein gebrummtes Sehr witzig war von Till nicht zu vernehmen.


In der Zwischenzeit hatten Joey und Flake Holz gesammelt und ein Feuer entfacht, Colin hatte ihnen das Essen geliefert und nun warteten sie darauf, dass Martina und Till zurückkehrten. Das gab Joey die Gelegenheit, bei Flake ein wenig für den Streich vorzubauen. Deshalb verwickelte er ihn geschickt in ein Gespräch über die angeblich englisch/schottische Tierwelt. Irgendwie tat es ihm leid, Flake so vorzuführen, andererseits waren so kleine Streiche ab und an schon lustig. Er hatte Glück und der Keyboarder stieg sofort darauf ein und hielt auch nicht mit Fragen zurück.


Kurz bevor sie bei den beiden im Lager ankamen, hielt Till die Fotografin zurück.

„Das mit dem Streich heute Nacht geht klar?“

Sie nickte nur.

„Gut, ich denke, so gegen 01:00 Uhr werden wir starten. Joey hat da einige nette Geräusche am Handy, die werden ihn ein wenig erschrecken. Wir legen es draußen an die Zeltwand, damit du Bescheid weißt. Vielleicht können wir das Walkie-Talkie auch noch zweckentfremden, mal sehen. Du darfst ihm zusätzlich ruhig ein wenig Angst machen.“Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu.

„Ihr seid schon fies. Hoffentlich hasst er mich nachher nicht dafür.“
Bei Martina meldete sich sofort das schlechte Gewissen, sie wollte Till nicht hintergehen, aber den Spaß und die Gesichter von Joey und Till, wen ihnen das gelang, was sie vorhatten, wollte sie sich auch nicht entgehen lassen.

„Quatsch, der ist hart im Nehmen, auch wenn er vielleicht nicht so aussieht. Sollte noch was sein, schreib‘ mir einfach eine Nachricht.“

Er hatte sich bereits wieder zum Gehen abgewandt.

„Till?“

Verwundert sah er sich um.

„Ja?“

„Ich habe deine Nummer nicht.“

Martina grinste ihn an und reichte ihm ihr Handy. Er tippte die Nummer ein und ließ es bei ihm durchläuten, dann reichte er es retour.

„Zufrieden? So einfach ist auch schon lange niemand mehr an meine Nummer gekommen.“

Beide lachten und gingen die letzten Meter zum Lager, um die anderen abzulösen.


Eine lockere, gelöste Stimmung herrschte während und nach dem Abendessen, die Kamera wurde herumgereicht und jeder schoss mehr oder weniger peinlich-lustige Fotos seines Sitznachbarn oder seines Gegenübers. Martina hatte irgendwann das Weitwinkelobjektiv montiert und Selfies von sich und Flake geschossen, was von Joey gleich adaptiert wurde und so saßen sie zu viert aneinandergedrückt und hatten Spaß, die verrücktesten Positionen auszuprobieren, um alle auf ein Foto zu passen. Irgendwann entschuldigte Till sich kurz und stand auf.

„Wo willste denn hin?“

„Pissen, Flake. Willste zuschauen?“Damit verschwand er in der Dunkelheit.

Martina und Joey bogen sich vor Lachen, während Flake nur ein Ne, danke, kenn ick schon vor sich hinmurmelte. Martina hatte so ein Gefühl, dass Till nicht nur wegen seiner Blase verschwunden war und sollte Recht behalten, denn schließlich tauchte er direkt hinter dem Zelt wieder auf, grinste ihr zu und nahm wieder neben dem Sportler Platz. Einige Zeit erzählten sie sich gegenseitig noch Witze und lustige Geschichten, bis die Gespräche langsam erstarben und jeder in die immer kleiner werdenden Flammen starrte. Die Fotografin verabschiedete sich zuerst, gefolgt von Flake – Joey und Till blieben noch beim Feuer sitzen.Das gab Martina die Möglichkeit, sich mit Flake abzustimmen, ohne Aufsehen zu erregen. Während dieser es sich bereits in dem Schlafsack bequem gemacht hatte, kramte sie noch in ihrer Tasche und beförderte eine kleine Box zutage. Im Flüsterton und nur mit dem leuchtenden Display als einzige Lichtquelle beugte sie sich zu Flake.

„Schau mal, das nette Pärchen aus dem Haus hat mir noch was mitgegeben, als ich denen von unserem Plan erzählt habe.“

„Wat is det?“

„Rote Aquarellfarbe. Pulver, um genau zu sein.“

„Für…?“

Martina stieß ihn an und kicherte leise.„Mann, steig‘ mal runter von der Leitung. Ersatzblut, sozusagen.“

„Mensch, du bist de Beste! An det habe ick jar nüscht jedacht!“

„Pass auf, wir mischen das Zeug sehr dick an, du schmierst dir einen Teil ins Gesicht, den Rest verteilen wir auf deinem Gewand und wenn du dich rausschleichst, verspritzt du noch was vor dem Zelt. Nimm dir noch eine Decke mit und leg‘ dich irgendwo zu den Bäumen – Leiche spielen ist angesagt, mein Lieber. Ist auf jeden Fall lustiger, als sie nur so zu erschrecken.“

Flake umarmte sie kurz und schmunzelte.„Det wird een Spaß.“

„Ich stelle den Wecker auf Mitternacht, das sollte uns genügend Zeit geben. Till hat was von 01:00 gesagt.“

Flake nickte, wollte sich bereits wieder hinlegen, doch zuckte dann abermals hoch.„Sach mal, Wölfe jibt’s hier aber keene, oder?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Joey hat vorhin wat erwähnt.“

Diesmal war es an Martina zu schmunzeln - sie hatten ja wirklich an alles gedacht.„Nein, die gibt es hier nicht. Rate mal, warum er dir das erzählt hat…“

„Ick…oh!“

Sie klopfte ihm auf die Schulter, stellte den Wecker und kuschelte sich in ihre Decke.Ein Vibrieren unter ihrem Kopf ließ Martina aufwachen. Zuerst konnte sie sich keinen Reim darauf machen, warum ihr Wecker läutete und es draußen noch finster war. Erst nach und nach fiel es ihr ein: Flake, Till, der Streich…Müde drehte sie sich um und rüttelte Flake munter. Wenig begeistert über diese Störung wollte dieser sich schon wegdrehen, doch sie ließ nicht locker.

„Flake, verdammt, hoch mit dir, sonst wird das nichts. Du wolltest Till doch eins auswischen!“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Och ne…“, murrte dieser, setzte sich aber schließlich auf.

Während Martina die Farbe anmischte, zog sich Flake still noch eine warme Hose und eine Jacke über, legte sich die Decke bereit, danach schmierte er sich die rote Paste mit der Hand ins Gesicht und grinste. Martina reichte ihm das Fläschchen mit dem Rest und deutete ihm, dass er nun verschwinden möge.

„Keen Stress, solange Till schnarcht, ist allet jut.“

Und tatsächlich, aus der Nachbarkoje war nach wie vor leises Schnarchen zu hören, dennoch verließ Flake das Zelt so leise wie möglich und machte es sich einige Meter weiter unter zwei Bäumen halbwegs bequem. Unterwegs tröpfelte er noch Farbe über den steinigen Boden, tränkte ein Stofftaschentuch ebenso in dem dunklen Rot und ließ es auf halbem Weg fallen. Er freute sich wie ein kleiner Junge, dass er es diesmal Till heimzahlen konnte und vor allem, dass Martina auf seiner Seite war.
Diese hatte sich wieder zugedeckt und lauschte den Schlafgeräuschen ihrer Nachbarn. Lange sollte es nicht mehr dauern, höchstens einige Minuten, wenn sie Tills Zeitangabe trauen konnte – und tatsächlich: von außerhalb hörte sie Zweige brechen, ein Kratzen und leises Knurren. Obwohl sie wusste, dass es nur eine Aufnahme war, bekam sie Gänsehaut. Alle Achtung, nicht schlecht dachte sie bei sich und belächelte ihre eigene Ängstlichkeit. Zeit, für ein bisschen Theater!Absichtlich laut schälte sie sich aus dem Schlafsack, leuchtete mit der Taschenlampe herum und stieß einen Schrei aus, gefolgt von einem lauten Scheiße! Flake, wo bist du?Innerhalb von Sekunden wurde der Zipp ihrer Koje aufgerissen und jemand leuchtete ins Innere. Erst jetzt bemerkte auch Martina, dass sie nicht sonderlich vorsichtig mit der Farbe umgegangen waren und einiges davon auf Flakes Decke und Schlafsack gelandet war. Immerhin überzeugend, jetzt nur nicht lachen schalt sie sich innerlich und tat schockiert ob des sich ihr bietenden Anblicks. Till war neben Joey aufgetaucht, beide sahen sich um.

„Verdammt, wollt ihr mich verarschen? Was habt ihr mit Flake gemacht?“, keuchte Martina und war aufgesprungen.

„Wie, was haben WIR mit Flake gemacht? Du weißt doch ganz genau, was der Plan war!“, fuhr Till dazwischen.

Mit einer gewissen Genugtuung stellte sie fest, dass er nicht so recht wusste, was er von dem Ganzen halten sollte.„Ist das so ein kranker Scherz, wo ihr uns gegenseitig ausspielt? Till, das ist nicht lustig, was hast du gemacht? Hier ist über Blut!“, schrie Martina.

„Ich habe NICHTS gemacht, jetzt hör‘ mir doch, verdammt noch mal, zu!“

Während Till versuchte, auf die Fotografin einzureden, war Joey bereits aus dem Zelt gestürmt und leuchtete in die Finsternis. Sein Ruf ließ Till schließlich verstummen und ebenfalls hinauslaufen.

„Till! Hier ist auch Blut!“

Martina folgte den beiden Männern in einigem Abstand, selbst mit einer Taschenlampe bewaffnet. Sie wusste ungefähr, wo Flake sich aufhielt, doch die beiden gingen in die falsche Richtung. Es wurde Zeit, noch eines draufzusetzen! Sie leuchtete in die entgegengesetzte Richtung, konnte zuerst am Boden etwas Helles liegen sehen und in einiger Entfernung nahm sie Flakes Umrisse wahr. Sie lief zu ihm, rief unterwegs nach Joey und Till, kniete sich neben den breit strahlenden Keyboarder und musste selbst grinsen.

„Psss, ruinier’s jetzt nicht. Sieht fürchterlich aus mit der Farbe, also schön Augen aufreißen und totstellen, danach kannst du sie erschrecken.“

Flake nickte nur unmerklich und verbarg sein Grinsen hinter einer Grimasse. Martina hörte die Männer hinter ihr heranlaufen, sprang auf und schlug sich die Hände vors Gesicht. Letzteres eher, da sie das Lachen nicht mehr verbergen konnte. Sie versuchte, einige Schluchzer zu imitieren, und dies gelang ihr offenbar auch gut, denn Till stürzte heran, kniete sich neben Flake und begann, ihn zu schütteln.

„Scheiße Flake…FLAKE!“

Joey stand daneben und hatte bereits das Handy gezückt, und genau in dem Moment, in dem er nach Hilfe telefonieren wollte, richtete sich Flake blitzartig auf und brach in schallendes Gelächter aus. Martina stimmte mit ein.

„Ha-haben wir euch erwischt!“

Wie vom Donner gerührt knieten beziehungsweise standen Till und Joey vor dem Keyboarder und brachten kein Wort hervor.
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